Berlins repräsentierender Bürgermeister

Klaus Wowereit ist ein vielbeschäftigter Mann, völlig klar, dass er sich da nicht um so banale Kleinigkeiten wie die Fertigstellung eines Großflughafens kümmern kann. Dafür hat er Angestellte, die… man sicherlich bald ausfindig gemacht haben wird.

Aber womit ist unser Klaus eigentlich beschäftigt, wenn er nicht gerade Sekt aus Pumps trinkt? Der Pressedienst des Landes Berlin sorgt dafür, dass die Öffentlichkeit darüber immer auf dem Laufenden bleibt. Hier eine kleine Auswahl seiner Aktivitäten aus den vergangenen drei Wochen:

  • Wowereit begrüßt luxemburgisches Großherzogs-Paar
  • Wowereit zum Titelgewinn der Berlin Volleys: „Großartiger Erfolg für die Sportmetropole Berlin”
  • Wowereit zur Taufe der easyJet-Maschine auf den Namen „Willy Brandt“
  • Wowereit: „Noch ein Sieg bis zur Meisterschaft: Berlin drückt den Eisbären die Daumen
  • Wowereit empfängt Berlin Volleys zur Meisterfeier im Rathaus
  • Wowereit gratuliert den Eisbären zur Rekordmeisterschaft. „Krönender Abschluss einer souveränen Saison“
  • Wowereit zur Eröffnung des Towers des neuen Flughafens BER
  • Wowereit empfängt die Eisbären im Berliner Rathaus
  • Wowereit: Girls’ Day ist wichtige Institution – Regierender ist diesmal Mentor für zwei Mädchen aus Neukölln
  • Wowereit würdigt Axel Springer zum 100. Geburtstag
  • Wowereit gibt Essen zum 75. Geburtstag von Berlins Ehrenbürger Sigmund Jähn
  • 1. Mai: Wowereit dankt Polizei sowie Bürgerinnen und Bürgern
  • Wowereit eröffnet 6. Berliner Europa-Forum im Berliner Rathaus
  • Wowereit beglückwünscht Berliner Bühnenverlegerin Maria Müller-Sommer zum 90. Geburtstag
  • Wowereit übergibt Theaterpreis Berlin an Sophie Rois
  • Wowereit überreicht Bundesverdienstkreuz an die Berliner Sportwissenschaftlerin Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper
  • Wowereit empfängt Fußballjugendmannschaft von Hertha 03 Zehlendorf: „DFB-Pokal nur noch fünf Tage im Rathaus zu sehen“
  • 25 Jahre Städtepartnerschaft Berlin-Paris: Wowereit besucht Partnerstadt
  • Wowereit begrüßt steigende Einbürgerungszahlen in Berlin
  • Wowereit: Lange Nacht zeigt Berlin als wichtigen internationalen Industriestandort – „Tolle Idee“
  • Wowereit: „Die Luftbrücke wird immer unvergessen bleiben“

Klingt nach einem zeitraubenden wie einnehmenden Beruf. Alleine der Aufwand, den so ein Empfang für steigende Einbürgerungszahlen macht! Schließlich kann man so gern gesehene Gäste nicht mit Aldi-Sekt und Salzstangen begrüßen.

Aber was lernt unser geliebter ProblemBER aus der Sache? Für ihn bieten sich nach Analyse der dargelegten Fakten nur zwei Möglichkeiten: Entweder sollte er sich möglichst bald um ein Bundesverdienstkreuz bemühen. Oder am Girlsday teilnehmen. Andernfalls dürfte es mit einer Audienz beim Repräsentierenden äußert schwierig werden.


Verlängerte Eröffnungszeiten

Ich kann nicht glauben, dass sich ernsthaft jemand darüber wundert, dass sich diese Sache mit dem Flughafen nun um ein paar unmaßgebliche Wochen verzögert. Jedem, der schon mal eine Berliner Baustelle gesehen hat, wo traditionell drei Bauarbeiter einem vierten beim Baggerfahren zusehen, hätte das klar sein müssen. Auch andere Gewerke haben alles, außer Ahnung. Und ja, ich weiß, wovon ich sprechen: Bei mir war gestern Nachmittag ein Mensch in Blaumann, um die neue Therme zu reparieren.

Womit wir schon eins der größten Probleme umrissen hätten: Die frisch eingebaute Gastherme ist kaputt. Sie macht Geräusche, laute Geräusche, und ohne hier zu sehr auf die detaillierte Funktionsweise einer solchen Anlage eingehen zu wollen, in die ich mir dank des Internets mittlerweile einen gewissen Einblick verschaffen konnte: Nein, das Geräusch sollte nicht sein, und ja, das schöne Wort Heizkreispumpe spielt dabei eine zentrale Rolle.

Nur drei Wochen, nachdem die Hausverwaltung von dem Problem erfuhr, hatte sie schon die für den Einbau verantwortliche Firma informiert, die wiederum sieben Tage brauchte, um sich dazu durchzuringen, sich den Schaden mal anzusehen. Gestern war es dann so weit, und ich hatte mir zur Feier des Tages den Nachmittag freigeschaufelt, um den netten Blaumannträger auch reinlassen zu können. Eine völlige Fehlinvestition, wie mir schon kurz nach dessen Eintreffen klar wurde, als er die Begrüßungsformel mit dem Satz beendete: “Und das ist die Therme? So ein Modell habe ich noch nie gesehen.”

Hervorragend. Im Laufe der nächsten zehn Minuten stellte sich dann noch heraus, dass der Herr mehr oder weniger flüssig aus Bedienungsanleitungen vorlesen kann, während er mir das Lesen und Verstehen derartiger Texte nicht zutraut. Zudem ist er in der Lage, per Handy Kollegen zu konsultieren, die entweder um kurz nach drei schon Feierabend oder auch keine Ahnung haben. “Man kann ja nicht alles wissen”, waren die Worte, mit denen er sich verabschiedete. Ganz recht, warum sollte man als Berliner Firma bei der Ansage “Therme XY der Firma Z hat ein Problem mit der Heizkreispumpe” auch einen Mitarbeiter schicken, der sich mit sowas auskennt.

Was uns zurück zu Flughafen bringt und der Tatsache, dass Berliner Handwerker eben nicht alles wissen können. Erst recht nicht, dass diese Riesenbaustelle schon Anfang Juni fertiggestellt sein sollte. Das hatte ihnen vermutlich keiner gesagt, außerdem stand es nicht in der Bedienungsanleitung, und überhaupt, es ist schon halb zehn, Zeit für das dritte Frühstück. Denn das ist das einzige, was garantiert pünktlich erfolgt.

Womit wir zum Schluss und zum versöhnlichen Fazit des Ganzen kommen: Für die Flughafenbetreiber und alle anhängenden Unternehmen ist diese Verschiebung natürlich ein herber Schlag. Aber man denke nur an die Mettbrötchenfertigenden Betriebe. Die machen nun endgültig das Geschäft ihres Lebens.


Deutschland Deine Mettigel

Ohne das Privatfernsehen wäre die schöne deutsche Tradition des Mettigel-Zubereitens wohl längst ausgestorben. Das wissen wir nicht zuletzt dank der Bekenntnisse des einst als Mettigel-Mario bekannt gewordenen Schwiegertochter-gesucht-Kandidaten, der einige Monate nach seinem großen Auftritt der Boulevardpresse gestand, dass er von selbst natürlich nie auf die Idee gekommen wäre, so ein Monstrum anzufertigen. Wer wolle schon mitten im Sommer einen riesigen Klumpen Fleisch verzehren, meinte er. Ich nehme an, die Barbecue-Lobby könnte Ihm darauf eine schöne Antwort geben.

Aber das nur am Rande. Denn als eigentlichen Grund für dieses Dementi meine ich jetzt die mangelnde Formvollendung des angesprochenen Igels ausgemacht zu haben – zumindest im direkten Vergleich mit anderen Exemplaren aus dem Hause RTL.

Nehmen wir zunächst die Version von Mario, wie sie bei Schwiegertochter gesucht über den Sender ging:

Zwar ist ein gewisses Bemühen zur Niedlichkeit hier nicht abzusprechen, aber seien wir doch mal ehrlich: Das ist doch ein Meerschweinchen, kein Igel!

Wie viel liebevoller, da individueller ist dagegen die Version, mit der Sebastian bei Mitten im Leben seine Michaela bezirzen wollte:

Nein, dies ist auch kein Igel, aber angesichts der Tatsache, dass es die Ursprungsidee des jungen Mann war, sein Ebenbild in Mett zu erschaffen, sollte man ihm die gebührende Anerkennung nicht verwehren. Zumal er so überaus pfiffig war, sein Gesicht vorher ins Mett zu pressen, um so eine besonders große Ähnlichkeit zu gewährleisten.

Womit wir zu meinem persönlichen Favoriten und damit dem Grund kommen, warum dieses Thema überhaupt heute hier präsentiert wird: Nämlich dem Mettigel, die gestern Abend auf RTL2 die Krönung eines Hochzeitsfestes darstellte:

Fotos: Screenshots rtl.de/rtl2now.de

In dieser Version umweht den Mettigel nicht nur der Hauch eines scheuen, aber freilaufenden Tieres, das sich nur nachts aus seiner Höhle traut, um dann wieselflink an Bäumen hochzuklettern und dort Früchte zu stibitzen. Er sieht auch aus, als würde er nur schlafen. Völlig erschöpft von seinem Dauereinsatz vor der Kamera.


Mir doch wurst

Meine Damen und Herren,

aus aktuellen Anlass unterbrechen wir unser Programm an dieser Stelle für ein Bilderrätsel:

Doch was soll es bedeuten?

  1. Einen Kampf bis aufs Messer lieferten sich bayrische Weißwurstfabrikanten am heutigen Aschermittwoch, als es darum ging, in welcher Art und Weise die traditionsreiche Speise angemessen zu verzehren sei. Während die eine Gruppe meinte, man müsse ordentlich Schneiden und Pulen, um auf gar keinen Fall ein Stück Darm zu essen (SPD), zeigten sich die anderen als Anhänger der Chaostheorie: Senf drauf Und weg damit (CSU). Nach sieben Stunden mussten die Verhandlungen ergebnislos abgebrochen werden. Nun soll sich ein Untersuchungsausschuss des Themas annehmen.
  2. Zwei offenbar unschuldige Weißwürste wurden in der Nacht zum heutigen Aschermittwoch Opfer einer Messerstecherei. Laut Polizeiangaben lagen die zwei Würste nichtsahnend auf einer hellbraunen Ablage herum, als zwei scharfe Messer mit schwarzem Griff sie von hinten überrumpelten und niederstachen. Dabei verfingen sie sich jedoch so tief in den Innereien der Würste, dass sie steckenblieben und somit von der von aufmerksamen Passanten herbeigerufenen Polizei kurz darauf am Tatort festgenommen werden konnten. Diese vermutet, dass die beiden Messer im Streit lagen und die beiden Würste nur aus Versehen zwischen die Fronten gerieten. Der genaue Tathergang ist jedoch noch unklar, die Ermittlungen laufen. Die beiden Weißwürste wurden zur stationären Behandlung in eine nahegelegene Metzgerei geschafft.
  3. Nun ist es raus: SPD und CSU sind sich gegenseitig völlig Wurst.

Sie halten alles drei für falsche Antworten? Völlig zu recht. Denn das ist die Lösung, die die Kollegen von Tagesschau.de als die richtige anbieten:

Man möchte nicht wissen, wie das Bild ausgesehen hätte, wären die Reden spitz oder die Redner schneidig gewesen wären.

(Offenlegung: Die Autorin ist Vegetarierin. Alles, was sie über Weißwürste weiß, verdankt sie einem fünfminütigen Verweilen bei Wikipedia. Die Zeitspanne ihres Lebens, die sie bislang südlich des Weißwurstäquators verbrachte, dürfte in etwa genauso lang gewesen sein.)


Go Green

Viele Menschen gehen auf die Grüne Woche, weil Sie sich für Landwirtschaft, Ernährung oder einfach nur kostenloses Essen interessieren. Ich nicht. Ich war nur da, weil ich Bedarf an einem Ausflug in eine Parallelwelt hatte und eine Reise nach Aserbaidschan mir dafür zu aufwendig erschien.

Die Grüne Woche eine Parallelwelt, und das mitten in Berlin? Fünf Beweisstücke:

  1. Hausfrauen aus der Uckermark tanzen in Kik-Leggins und Badeanzügen ein selbst erarbeitete Choreografie zu Musical-Nummern auf der Bühne von Antenne Brandenburg. Aus Ermangelung an Bar-Hockern nutzen sie Plaste-Klappstühle als Requisiten.
  2. Stau vor dem Damenklo. Einmal nicht wegen des großen Andrangs, sondern einfach deshalb, weil die Reifröcke der Erntekönigin und der Weinkönigin sich nicht so gut mit denen der Apfel- und der Korn-Königin vertragen.
  3. Dogdancing. Menschen in Fantasieuniformen schleppen ihre Hunde über ein mit billigem Kunstrasen ausgelegtes Forum, dazu läuft 90er-Kirmesmusik. Die Hundebesitzer wiegen sich in etwas, was sie für Takt halten, die Hunde zucken epileptisch und laufen verschreckt im Zickzack, was versehentlich als Tanzen interpretiert werden könnte.
  4. Am Stand der Berliner Bäckerinnung gibt es wohlschmeckende Brötchen.
  5. Der Netto mit Hund, dessen Produkte man eigentlich alle als aus dem Chemiebaukasten kommend vermuten würde, betreibt nicht nur einen eigenen Stand. Er dekoriert ihn auch mit seinem Logo, dem Hund Scotty. In Autoform:

Das Gemüse im Hintergrund ist selbstredend nur aufgemalt.


Risiko Fahrstuhl, in Echt!

Ich gucke nicht sonderlich häufig die dritten Programme. Was auch damit zu tun haben könnte, dass ich weder jenseits der 70 noch an den feinen Dekorationsaccessoires interessiert bin, die sich aus dem gewagten Einsatz von Butterbrottüten und Schlehen kreieren lassen. Doch am Dienstag bin ich aufgrund der großen zu füllenden Zeitlücke zwischen Tagesschau und Dschungelcamp doch mal auch bis zu diesen auf den hinteren Programmplätzen ihr Dasein fristenden Kanälen vorgedrungen. Man sieht dort großes Elend, um es mal zusammenzufassen.

Besonders hervorhebungswürdig an diesem Abend war eine Sendung namens “Echt” im MDR, laut eigener Aussage “Das Magazin zum Staunen”. Thema diesmal: “Risiko Fahrstuhl”.

Man sollte vielleicht wissen, dass ich ein ziemlich hartgesottener Privatsenderseher bin. Doch selbst “Explosiv” und “Familien im Brennpunkt” konnten mich nicht auf die Panikmache und reißerisch nachgestellten Szenen vorbereiten, die “Echt” an diesem Abend im Programm hatte. Leider steht die ganze Folge nicht in der Mediathek, sondern nur dieser kurze Clip. Wer es aushält, möge sich nur dieses fünf Minuten lange, mit dramatischer Musik untermalte Reenactment mit Spannungsbogen eines Fahrstuhlunfalls in Halle ansehen. Und erkennen, dass dies vielleicht nicht der richtige Umgang mit einem solchen Thema ist für einen Sender, der wissen sollte, dass ein Großteil seiner Zuschauer dank ihres fortgeschrittenen Alters auf die Nutzung von Fahrstühlen angewiesen ist. Und sich nun vermutlich vor lauter Panik den Rest des Lebens nicht mehr aus dem Haus traut.

Für alle anderen reiche dieses Symbolbild:

Screenshot: mdr.de/mediathek

In der Fernsehversion haben sie dafür gesorgt, dass es noch ordentlich flackert und handgekamerat wackelt. Und dass der Hinweis, dass es sich um eine nachgestellte Szene handelt, bloß nicht zu lange im Bild bleibt. Die Liste mit den schönsten Fahrstuhlunfällen, die die Redaktion ergänzend noch auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat, ist da wohl nur konsequent zu Ende gedacht.

Wie gesagt, ich sehe selten dritte Programme, schon gar nicht den MDR, und bis vor zwei Tagen hielt ich “Echt” noch ausschließlich für eine seltsame deutsche Boyband aus den 90ern. Andernfalls hätte ich wohl auch nicht so befremdet reagiert, denn die Themen des vergangenen Jahres wie “Vergessene Großbrände in Mitteldeutschland”, “Das schlimmste Hochwasser in Thüringen”, “Risiko Hochhaus” oder “Wie sicher sind Kreuzfahrtschiffe” hätten mich längst vorbereitet auf diese Abgründe des Panikfernsehens. Ganz abgesehen von den Sendungen “Wie sicher ist die Rappbode-Talsperre”, “Die schlimmsten Verkehrsunfälle Mitteldeutschlands”, “Massenmord in Magdeburg”, “Busbrände: Wie schnell Busse in Flammen aufgehen” oder “Erdbeben in Mitteldeutschland”.

Ich weiß, Menschen, die in der Echt-Redaktion beschäftigt sind, sitzen nicht auf der Straße. Damit dürfte allerdings der einzige positive Effekt dieser Sendung benannt sein. Eine solche Panikmache sah ich wohl nicht mehr – seitdem ich zur Sendezeit von Brisant noch im Büro sitze.

“Risiko MDR”, das wäre doch mal ein gutes Echt-Thema.


Ad Sense II

Man kann über dieses Internet ja viel Schlechtes sagen, aber eins, das muss man ihm lassen: Es hat Humor. Zumindest, wenn es um die Einordnung von Werbung in das passende Umfeld geht. Diesmal getroffen hat es eine Online-Zeitung, die politisch wohl genau da zu verorten ist, wo es ihr Name “scharf-links” vermuten lässt. Und die sich zum Beispiel in einem Artikel über den Prozess der Gentrifizierung ausließ.

Und was dachte sich da Google? “Gentrifizierung”, “Grundeigentümer”, “kapitalistische Gesellschaft” und ein Zitat von Marx? Da annoncieren wir doch gleich mal hochsanierte Suiten in Berlin-Dahlen:

Wer sich ein bisschen weiter durchklickt, dem werden auch günstige Tagesgeldkonten, Kreditkarten, Goldbarren sowie der Einstieg in den Rohstoffhandel angepriesen.

Das hat man davon, wenn man sich auf ein bourgeoises System einlässt. Hätte man die Produktionsmittel schon in die Hände der arbeitenden Klasse gebracht, wäre das sicher nicht passiert. Solange man sich aber da noch in einer Übergangsphase befindet, rate ich in Sachen Google-Anzeigen zur Entfremdung.

Mit bestem Dank an Philipp, dem aufmerksamen Kapitalisten mit dem Surfbedürfnis auf linken Seiten.


Let’s talk about: Christian Wulff

Die Vielfalt im deutschen Gesprächsfernsehen ist doch ein Segen, und nein, das meine ich nicht nur, damit Peter Hintze und Andrea Nahles zumindest ab und zu mal eine warme Mahlzeit bekommen und Hajo Schumacher nicht auf professionelle Haarpflege auf Gebührenzahlerkosten verzichten muss.

Schauen wir allein mal auf die große Auswahl an Sendungen und Themen, die die laufende Woche für uns bereit hält. Ein unvollständiger Auszug:

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Sonntag

Günther Jauch zum Thema “Die 500.000 Euro-Frage – Ist Christian Wulff noch der richtige Bundespräsident” mit Hildegard Hamm-Brücher, Peter Altmaier, Renate Künast, Wolfgang Herles und Nikolaus Blome.

Montag

Hart aber fair unter dem Motto “Der Pattex-Präsident – was lehrt der Fall Wulff?” mit Fritz Pleitgen, Hajo Schumacher, Andrea Nahles, Hans Leyendecker und Hermann Gröhe.

Dienstag

Markus Lanz mit Michael Spreng, Heide Simonis, Heiner Lauterbach und Mathias Richling, die alle schonmal Christian Wulff getroffen oder mit der Presse gesprochen haben.

Mittwoch

Schon wieder Markus Lanz, wo Hans-Martin Tillack, Hans Zippert, Alexandra von Rehlingen und Peter Lewandowsky Unterschiedliches zum Thema Wulff beitragen wollen. Und Wolfgang Stumph, der nicht nur seinen neuen Film vorstellen will, sondern ebenfalls beabsichtigt, offen darüber zu sprechen, “wie er zur Causa Wulff steht und warum er in Geldangelegenheiten nur sich selbst vertraut”.

LogIn zum Thema “Liebling, ich habe das Amt geschrumpft. Brauchen wir noch einen Bundespräsidenten?” mit Karl-Georg Wellmann, Sebastian Edathy, Daniel Bax und Marina Weisband.

Donnerstag

Maybritt Illner zur “Affäre Wulff: Vorhang zu und viele Fragen offen?” mit Peter Hintze, Thomas Oppermann, Klaus Kocks, Konstantin von Hammerstein und Heiner Bremer.

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Doch, der Sinn der großen öffentlich-rechtlichen Qualitäts- Quatsch-Offensive ist offensichtlich.

Wie es sich für einen guten Kritiker gehört, habe ich natürlich keine der genannten Sendungen gesehen, nicht einmal die, deren Ausstrahlung noch bevor steht. Statt dessen bin ich am gestrigen Abend in die Fänge einer der Quatschbuden Gesprächsangebote geraten, die ein völlig ungerechtfertiges Schattendasein fristen: “Klipp & Klar” heißt der Spaß, läuft immer dienstags um 21 Uhr im Rbb und wird entgegen der Konditionierung nicht von Herrn Klipp und Frau Klar, sondern von Marco Seiffert moderiert, von dem ich nach Ansicht einer Ausgabe zumindest sagen kann, er habe nicht gestört.

Zu Gast waren zum Thema “Offen, ehrlich, glaubwürdig – wie müssen Politiker sein?”: Wolfgang Böhmer, Friedrich Schorlemmer, Marina Weisband und Hajo Schumacher. Von Letzteren kann man nun wohl offiziell behaupten, dass sie kein Zuhause haben.

Ich habe die Sendung tatsächlich aus bislang ungeklärten Gründen komplett verfolgt, und wenn man die Zeiten abzieht, in denen ich von den großen Gruppen von Fleecejackenträgern im Publikum abgelenkt war, waren ihre Kernaussagen folgende:

Friedrich Schorlemmer hält Christian Wulff für eine Art modernen Walter Ulbricht. “Hätten man ihn damals gefragt, ob er die Absicht hätte, einen antifaschistischen Schutzwall zu errichten, hätte er vermutlich ja gesagt. Man hat ihm halt nur die falsche Frage gestellt. Wie Wulff.” Ein erfrischender Ansatz, nicht zuletzt, weil es Hannover damit zum zeitgenössischen Hotel Lux macht.

Marina Weisband möchte gerne eine beliebte Politikerin sein und glaubt, das erreichen zu können, indem sie twittert, wo und mit wem sie zu Mittag isst und wie ihre Gefühle dazu so sind. Das hält sie für das einzige Mittel, mit dem man die Demokratie noch retten kann. Ihre Kontodaten würde sie aber nicht veröffentlichen. Dass sie damit in etwa die gleiche Öffentlichkeitsstrategie fährt wie Christian Wulff, scheint ihr nicht aufgefallen zu sein.

Hajo Schumacher fährt einen 16 Jahre alten Gebrauchtwagen, kennt aber Kollegen, die bei Air Berlin Journalistenrabatt bekommen.

Wolfgang Böhmer hat noch nie jemand angeboten, sein Geburtstagsfest auszurichten. Sagt er. Ich frage mich: Nicht einmal seine Mutti?

Wer sich für mehr Details interessiert, der kann sich das Gesamtkunstwerk auf der Internetseite des Rbb ansehen. Allen anderen biete ich den Service dieses Symbolbildes:

Foto: Screenshot rbb-online.de

Was ich damit sagen will? Genau, rein gar nichts. Womit ich mich aber in guter alter Fernseh-Quatschbuden-Gesellschaft befinden dürfte.


All die ganzen Schlageraffen dürfen da singen

Stellen Sie sich vor, Sie wären ein mittelgroßer öffentlich-rechtlicher Rundfunksender, der es zwar finanziell vielleicht nicht besonders dicke hat, aber doch ausreichend versorgt ist, um ein Vollprogramm im Fernsehen inklusive Mitbespielung einiger ARD-Kanäle zu stemmen sowie diverse Radiostationen zu betreiben. Wie oft würden Sie es in ihrer Hauptnachrichtensendung auf ihrem Hauptsender erwähnen, wenn Sie 40 mal zwei Freikarten für ein kommerziellen Musical anzubieten hätten?

Fragen wir doch einfach mal die Abendschau des Rbb, wie Sie in einem solchen Fall vorgehen würde, und werfen dazu einen Blick in die Mediathek:

Ah ja, wenn ich diese Bildsprache kurz übersetzen darf: So lange es um ein kommerziellen Musical geht, das irgendwas mit Mauer zu tun hat und an dem ein schlapphütiger Herr verdient, der sein Einkommen bevorzugt in Eierlikör umsetzt, berichten wir gerne täglich. Oder zumindest an den Tagen, an denen wir die kostbare Sendezeit nicht für Berichte über Kunstschneerodelbahnen, Wollläden oder die Wochenserie über Mülltrennung brauchen. Ja, so eine Medienpartnerschaft ist doch Gold wert. Zumal einem so auch erspart bleibt, selbst eine Gedenkveranstaltung anlässlich des 22. Jahrestages des Mauerfalls anzuleiern. Hat Udo ja auch schon alles so schön zusammengefasst, die Sache mit dem Mädchen aus Ost-Berlin und dem Sonderzug nach Pankow.

Und, das muss man zugeben: Der Erfolg der Aktion gibt den Machern natürlich Recht. Zumindest, wenn diese Angabe stimmt und tatsächlich 18.000 Berliner für die insgesamt 80 Freikarten angerufen haben. Als schlechter Mensch könnte man natürlich unterstellen, dass dieser Andrang damit zu begründen sein könnte, dass die Abendschau eine Woche lang massiv ein Stück beworben hat, dessen Besuch im realen Leben bis zu 110 Euro kostet. Aber an diesem Ur-Berliner Feiertag will man ja nicht so sein und sich auch nicht darüber grämen, dass man selbst nicht zu den glücklichen Gewinnern gehörte. Das Fernsehen wird sicher bald wieder Erbarmen mit einem haben und noch ein paar exklusive Bilder auf den Bildschirm zu Hause zaubern. Heute Abend etwa, denn auf die Abendschau ist ja Verlass: Wenn sie sich einmal in ein Thema verbissen hat, dann bleibt sie dran bis zum letzten. Wie sich das gehört, im guten öffentlich-rechtlichen Journalismus:


Die Herrschaft des Schirms

Einst arbeitete ich bei einer Zeitung unter einem Chefredakteur, der es sehr genau nahm mit der deutschen Sprache. Wenn etwa jemand einen englischen Ausdruck wie Laptop oder Airbag zu gebrauchen gedachte, so wurde er gleich ermahnt, Klapprechner und Prallkissen seien doch wohl die deutlich verständlicheren Alternativen, und auch mit Sprachbildern, die er als nicht ganz passend ansah, hatte er so seine Probleme. Unvergessen die Zeit, in der alle Welt von einem Konjunkturpaket sprach, nur mein damaliger Arbeitgeber von Konjunkturhilfe – schließlich gehe es dabei nicht um ein Paket, das man verschnüren und mit einer Adresse versehen könne, und so sei der Begriff schlichtweg falsch, lautete die Argumentation. Bis heute treibt mich die Vermutung um, dass die Leser damit in den Glauben getrieben wurden, neben dem -paket, von dem in der Tagesschau immer die Rede war, gebe es noch eine regionalspezifische Konjunkturhilfe.

Jetzt frage ich mich, wie sehr mein damaliger Chef eigentlich leidet, seitdem dieser Eurorettungsschirm auf der Bildfläche aufgetaucht ist. Schließlich kann man diesen zwar sprachlich aufspannen, geht dabei jedoch dennoch das Risiko ein, letztendlich im Regen zu stehen.

So ähnlich könnte man zumindest die bildliche Darstellung deuten, die in der vergangenen Woche durch RTL aktuell verbreitet wurde:

Die Tatsache, dass der Euro trotz Schutz so starke Spuren von Verwitterung aufzeigt, lässt doch tiefe Enblicke zu in die Qualität dieses Schirms. Ganz abgesehen davon, dass schon meine Oma wusste, dass ein Pflaster nur seine heilende Wirkung entfalten kann, wenn Tiere darauf abgebildet sind und das Aufkleben an das Verteilen von Schokolade gekoppelt wurde. Wie auch das nächste Bild beweist:

“Durch schwere Unwetter wurde in der vergangenen Nacht der Eurorettungsschirm stark beschädigt. Teilweise orkanartige Sturmböen rissen handtellergroße Stücke aus der Einheit Europas und brachten diese sogar in gefährliche Schieflage. Experten sprechen bereits von einem Rechtsruck, den die Gemeinschaft erlitten habe. Der Euro überstand die Ereignisse zum Glück unbeschadet.”

Nun ist es allerdings so, das soll der Fairness halber nicht unerwähnt bleiben, dass es nicht einmal unbedingt eines Gleichnisses mit Schirm bedarf, um den Euro dank Photoshop absonderliche Dinge erleben zu lassen. Ganz recht, liebe Kollegen von den Tagesthemen, ich spreche von Ihnen:

“Der Mond ist aufgegangen, der Euro unter, die Capri-Fischer bangen um die Kürzung von Subventionen und der steigende Meeresspiegel sorgt dafür, dass die Akropolis nun endlich direkt am Meer liegt. Das macht für Sie alles keinen Sinn? Tja, für mich auch nicht, daher haben wir auch zentral das Fragezeichen platziert. Wobei, für die neue Lage des griechischen Wahrzeichens haben wir sogar noch eine bessere Begründung als den deprimierenden Klimawandel gefunden – Philipp, der Baumeister war es:

Mit einem überdimensionalen Enterhaken hat er die Akropolis erst aus den Angeln heben und dann direkt in ein Steuer Inselparadies hieven lassen. Durch die neue Meerlage und den entstandenen Schaden könne man leichter rechtfertigen, wenn man das Ding in Kürze spontan untergehen ließe, meinte Rösler. Kritiker kritisierten, der Minister habe wohl den Kopf in den Wolken und müsste dringend mal sein Wolkenkuckucksheim verlassen. Rösler wies das entschieden als windig wie fundamentlos zurück.”

Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist man doch dankbar, dass sich jemand die Sache mit dem Rettungsschirm ausgedacht und der Vorstellungskraft damit Grenzen gesetzt hat.

Womit es nur noch zu klären gilt, was eigentlich dieses Land mit der lustigen Flagge mit dem Euro zu tun hat? Und warum es erst die Hand aufhalten darf…

…und dann anschreiben lassen?

So ein schön geschnürtes Informationspaket könnte da sicher weiterhelfen. Oder natürlich der Blick in den Klapprechner.