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Juliane, Du hast ungelesene Benachrichtigungen

Mark Zuckerberg hasst mich. Oder genauer, denn der Mann ist für so etwas natürlich viel zu beschäftigt: Marks Zuckerbergs Algorithmus hasst mich und hat beschlossen, mich in den Wahnsinn zu treiben. Was ihm gelingt.

Es begann damit, dass vor einigen Wochen die Facebook-App auf meinem Smartphone unbenutzbar wurde. Aus den üblichen Optionen “Haupt-” und “neueste Meldungen” wurden über Nacht “Meldungen, die 34 Tage alt sind, die aber vor zwei Minuten ein Dir völlig Unbekannter geliked hat” sowie “Meldungen, die der unbekannte Freund eines ebenfalls Unbekannten kommentiert hat”.

Würde ich jemals jemanden trollen wollen, wäre diese Taktik mein Vorbild.

Für kurze Zeit war dieser Einblick in eine fremde Parallelwelt ganz amüsant. Als es sich jedoch als dauerhaft unmöglich herausstellte, auch mal mich interessierende Informationen zu bekommen, begann ich, die App zu meiden. Und erkannte: mir fehlte nichts.

Folgerichtig loggte ich mich auch seltener via Browser ein. Über Ostern erdreistete ich mich sogar, ein paar Tage in den Urlaub zu fahren und Facebook gar nicht zu besuchen. Was man in der Art und Weise quittierte, mit der sonst ein Mafiaboss drei säumige Raten Schutzgeld eintreibt.

Facebook schickt keine schmierigen Schlägertrupps. Facebook schickt Mails. Hans hat seinen Status aktualisiert, Luise ein Foto zu ihrem Album “Sonnenuntergänge” hinzugefügt und Sören gefällt das. Für den Fall, dass mir diese einzelnen Benachrichtigungen aufgrund zu enthusiastischen Löschens entgangen sein sollten, kommt regelmäßig die Zusammenfassung “Hier sind einige Aktivitäten, die du vielleicht auf Facebook verpasst hast.”

Ey, Facebook, Du brain! Die Tatsache, dass ich mich seit fünf Tagen nicht einloggt habe, deutet darauf hin, dass ich genau diese Informationen gerne verpasst hätte! Was jedoch nicht möglich war, weil Du mich ungefragt, aber permanent per Mail auf dem Laufenden hältst.

Bevor mich jetzt jemand über das korrekte Setzen von Häkchen belehrt: Natürlich habe ich versucht, das zu unterbinden, die Einstellungen geändert und immer wieder am Ende der Mail auf “Abbestellen” geklickt. Doch Facebook hat halt beschlossen, dass es besser weiß als ich, was mich interessiert.

Mancher beschämte Besitzer eines Arschgeweihs mag sich wünschen, seine Mutter wäre damals so konsequent geblieben, nachdem sie sagte “Keine Tattoos!”. Aber ich bin schon groß – na, sagen wir alt und weiß daher, was ich will. Und dazu gehört ganz sicher nicht, mich mit über 30 von einem Algorithmus erziehen zu lassen.

Doch bei Facebook teilt man sich entweder das Frauenbild mit dem Saturn-Mitarbeiter, der mir einst erklärte, ich als Frau bräuchte kein so elaboriertes Smartphone, weil ich ja eh nur Sms schriebe. (Ich höre den Algorithmus schon murmeln: Ach, die arme Juliane, hat so wenig Ahnung von Internet, dass sie nicht mal mehr den Weg zu Facebook findet. Doch dem Kind kann geholfen werden!). Oder man ist generell noch eher so Prä-Kant drauf und traut niemandem außer sich selbst zu, sich des eigenen Verstandes zu bedienen.

Nachdem ich immer mehr Mails mit “Abbestellen” beantwortet und das Einloggen auf ein (beruflich bedingtes) Minimum herabgefahren hatte, ist die Situation nun völlig eskaliert: Seit ein paar Tagen werden ich immer dann per Mail informiert, wenn einer der aktivsten meiner Facebookfreunde sich mal wieder im Mark Zuckerbergs kleinem Nachrichtennetzwerk engagiert hat. “Schau mal, wie schön der Harald* das wieder gemacht hat. So einfach ist das, ein produktives Mitglied der Gemeinschaft zu sein!”, will man mir damit wohl sagen.

Ja, verdammt, ich will aber Revolution, und außerdem mag ich Twitter viel lieber!

Was mich zu dem Punkt bringt, der mich am meisten nervt: Wenn man so ein Facebook hat, wie ich, das einem eingeloggt nur die absurdesten Dinge in die Timeline lässt und ausgeloggt per Mail drangsaliert, dann möchte man nur noch austreten. Sollen Mark Zuckerberg und Harald doch glücklich in einen Sonnenuntergang reiten, den Luise zu ihrem Album hinzufügen kann. Mir doch egal. Doch 35.001 Artikel über das perfekte Dasein als freiberuflicher Journalist haben mich gelehrt, dass es in unserem Beruf völlig irrelevant ist, ob man Rechtschreibung, Pressrecht oder Word beherrscht – solange man socialmedia-mäßig vollumpfänglich aufgestellt ist, kann nichts schief gehen. Hinzu kommt, dass ich – Festangestellte mit angeschlossener Social-Media-Redaktion können jetzt mal kurz mit den Ohren schlackern – ganz gerne mal selbst meine Artikel auf die entsprechenden Facebook-Seiten stellen und der Diskussion folgen muss.

Falls Ihnen dieses Dilemma aus dem ARD-Nachmittagsprogramm bekannt vorkommt, dann haben Sie völlig recht: Juliane ist von Facebook derbe genervt, weil es mittlerweile etwas völlig anderes will als sie. Außerdem hört es nie richtig zu und überschreitet ständig Grenzen. Facebook hingegen leidet unter dem nachlassenden Interesse und ist von der Zurückweisung tief gekränkt. Längst raten die sie umgebenden Schwägerinnen und Hausburschen zur Trennung.

Wegen der Kinder kommt die zwar nicht in Frage. Aber weißt Du was, Mark Zuckerbers Algorithmus? Ich hasse Dich auch.

*Name der Redaktion, Mark Zuckerberg und seinen Freunden bekannt

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Der DJV und wie er die Welt sah

Heute war ich bei der kostenlosen Steuerberatung durch den Berliner DJV, und nein, dass ich darüber mal zu Bloggen das Bedürfnis haben würde, hätte ich jetzt auch nicht unbedingt erwartet. Aber die knappe Viertelstunde, die ich in den heiligen Hallen – oder sagen wir doch gleich: dieser ganz eigenen Welt verbringen durfte, waren so reich an Erkenntnissen, dass ich diese unmöglich für mich behalten kann.

Sie sehen die schönsten Zitate der Steuerberaterin im Auftrag des DJV, versehen mit hämischen erklärenden Bemerkungen von mir.


 “Sagen wir mal, Sie erbringen eine journalistische Leistung, zum Beispiel: eine Pressemitteilung.”

Dass man beim DJV einige Schwierigkeiten damit hat, Journalismus von PR zu unterscheiden, habe ich schon öfter beobachtet. Aber so schön auf eine Formel gebracht hatte man es bislang noch nicht.

” Ach, und da gibt es Leute, die einfach so ins Internet schreiben?”

Es gibt ein Leben jenseits von Spiegel Online. Faszinierend.

“Wer sollte denn dafür bezahlen?”

Von der Erkenntnis, dass Online-Journalismus jenseits großer Verlage existiert, zur Analyse des Refinanzierungsproblems in fünf Sekunden – Respekt. Wobei es schon ganz schön schmerzt, so unverblümt ins Gesicht gesagt zu bekommen, dass Journalimus im Internet ein unverkäufliches Gut ist, und ich mal besser Steuerberaterin geworden wäre.

“Und warum überweist man das Geld erst an diese Firma und nicht direkt an den Autor?”

Was sich Menschen fragen, denen man gerade erklärt hat, was Flattr ist.

“Das klingt ja interessant mit diesem Internet. Da sollte ich mich vielleicht mal kundig machen, falls noch mal jemand kommt, der dazu etwas wissen will.”

Kann man machen. Man kann sich aber auch darauf verlassen, dass es in den nächsten fünfzig Jahren noch Printredaktionen mit Festangestellten geben wird, die sich beraten lassen wollen, ob sie ihre Tweed-Jacketts als Arbeitskleidung absetzen können.


Eine Steuerberaterin ist eine Steuerberaterin ist keine Journalistin, das ist mir schon klar. Aber so wenig Ahnung vom Beratungsgegenstand hatte wohl zuletzt der Mann im Berufsinformationszentrum zu Soest, der mit erklärte, um Journalistin zu werden, sollte ich mich an einer Filmhochschule bewerben.

Erwartet hatte ich, dass man mich einfach auslacht, weil ich mich fürs Geldverdienen mit Journalismus im Internet interessiere. Bekommen habe ich eine kleine Zeitreise und die Erkenntnis, dass ich jetzt wirklich kündigen sollte.

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Im Fieberwahn

Ist doch schön, wenn zumindest einer in Berlin vom Olympia-Fieber gepackt wurde: der Berliner Senat. So lässt er es zumindest seit zwei Wochen über seinen Landespressedienst ausrichten:

22. Januar

“Regierender Bürgermeister eröffnet olympische und paralympische Wochen in Berlin”

“Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller gibt am morgigen Freitag (…) am Brandenburger Tor das Startsignal für die Olympischen und Paralympischen Wochen in der Hauptstadt, die ihr Interesse an der Ausrichtung der Spiele 2024 oder 2028 bekundet hat.”

23. Januar

“Müller eröffnet olympische und paralympische Wochen: ,Wir wollen die Begeisterung für Olympia in die ganze Stadt tragen”

“(…) Michael Müller: ,Wir wollen in den kommenden Tagen zeigen, wie groß der Kreis der Unterstützer bereits jetzt schon ist.’ (…) Auch der Senat von Berlin wird in den kommenden beiden Wochen mit einer Vielzahl von Aktionen für Olympia in Berlin werben. So wird Sportsenator Henkel am 30. Januar 2015 bei einem Rundgang im Olympiastadion mit Menschen mit Handicap die Barrierefreiheit des Areals zum Thema machen und zeigen, dass in Berlin auch hier sehr gute Voraussetzungen bestehen. Gesundheitssenator Czaja wird bei einem Sitzvolleyballspiel mit dem Behindertensportverband mitspielen. Bildungssenatorin Scheeres wird u.a. auf einer Pressekonferenz die Bedeutung Olympias für die sportbetonten Schulen hervorheben. Bausenator Geisel lädt zu einem Besuch des geplanten Olympischen Dorfes in Tegel ein, Senator Heilmann verteilt Pfannkuchen mit dem Olympia-Werbe-Logo, Senatorin Kolat wird sich zusammen mit den Wirtschaftsverbänden in Pressekonferenzen mit den positiven Auswirkungen von Olympia in Berlin für den Arbeitsmarkt befassen.”

28. Januar

“Landesbeirat und Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung sind für die Paralympics in Berlin”

“Neun Mal Ja für Olympia in Berlin, zwei Enthaltungen und zwei Mal Nein: So hat der Landesbeirat für Menschen mit Behinderung zur Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele in Berlin abgestimmt. Im Anschluss an eine Diskussion zur Berliner Bewerbung (…) hat der Vorsitzende des Landesbeirats, Berndt Maier spontan ein im Ergebnis für die Bewerbung Berlins ermutigendes Meinungsbild herstellen lassen.”

30. Januar

“Sonntag wird der Fernsehturm Lichtsymbol der Berliner Olympia-Kampagne – Brandenburger Tor bis dahin in Olympia-Look”

“,Wir wollen die Spiele!’ – noch bis Samstag um Mitternacht leuchtet das Brandenburger Tor in den bunten Farben von 100 Nationalflaggen und verkündet in großen Lettern das Motto von Berlins Bewerbung um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele 2024 oder 2028. Seit dem Start der Olympischen und Paralympischen Wochen durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, am 23. Januar 2015 ist das weltbekannte Wahrzeichen der Hauptstadt spektakulär im Olympia-Look illuminiert.”

30. Januar

“Müller lädt zur Teilnahme am Berliner Olympialauf ein: ,Dabei sein ist alles!'”

“(…) Müller: ,Wir wollen die Spiele! Das ist die Botschaft des Berliner Olympialaufs. Die Veranstaltung bietet allen Berliner Sportfreunden die Chance zu zeigen, dass sie Olympische Spiele in unserer Stadt wollen. (…)”

3. Februar

“Das Olympia-Fieber steigt”

“(…) im Rahmen der Olympischen und Paralympischen Wochen besuchen Jugendstaatssekretärin Sigrid Klebba und der Direktor des Landessportbundes Berlin, Dr. Heiner Brandi, am kommenden Mittwoch für einen gemeinsamen Foto-Termin mit sportbegeisterten Kindern den Kindergarten am Olympiastadion.”

4. Februar

“,Wir wollen die Spiele!’ – Müller dankt Air Berlin für Unterstützung”

“Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, nimmt am Donnerstag, 5. Februar 2015, an der Präsentation des Brandings ,Wir wollen die Spiele!’ auf einem Flugzeug des Typs A320 der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft Air Berlin teil (…) Müller vorab: ,(…) Air Berlin ist ein hervorragendes Beispiel eines Unternehmens in unserer Stadt, das sich wie viele andere auch für unsere gemeinsame Olympia-Kampagne ‚Wir wollen die Spiele!‘ engagiert. Air Berlin ist dafür deshalb besonders prädestiniert, weil die Gesellschaft national und international als sympathischer Botschafter Berlins fungiert.'”

Fortsetzung folgt, nehme ich mal an.

Ich wünschte, die Politiker dieser Stadt legten einen vergleichbaren Eifer an den Tag, wenn es darum ginge, Themen wie schimmlige wie überbelegte Schulen, von Einsparungen bedrohte soziale Einrichtungen oder marode Brücken anzugehen (ganz recht, fünf Jahre Lokaljournalismus in Berlin haben mich bitter gemacht). Aber im Olympia-Fieber zu sein ist natürlich cooler als in dem für, sagen wir, Pankower Sozialpolitik.

Aber wenn der Landespressedienst noch ein wenig weiter agitiert, wird sicherlich bald auch der letzte Berliner begriffen haben, dass mehrtägige Wartezeiten im Bürgeramt und Knochenbrüche dank mieser Gehwege ein völlig angemessener Preis sind für die Freude, die einem so ein ökonomisches Marketing- sportliches Großereignis zu bereiten vermag.

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Franken das Schreckliche

BambergBamberg, völlig blaulichtfrei.

Ich habe keine Ahnung von Franken. Gerade musste ich googlen, um festzustellen, dass ich schon einmal da war, weil Bamberg und Nürnberg offenbar dazu gehören. Dennoch weiß ich seit ein paar Wochen, wie es dort zugeht. Nämlich ziemlich gefährlich.

“Nachdem eine junge Frau eine Taxifahrt nicht bezahlen konnte, hat sie auch noch einer Nürnberger Polizistin in die Hand gebissen und mehrere Beamte bespuckt und beleidigt.”

“Am Bahnhof in Feucht ist am Samstagabend ein Fahrgast von den Türen einer S-Bahn eingeklemmt worden und unter den fahrenden Zug gekommen.”

“Ein Pfarrer aus der Oberpfalz hetzt gegen Frauen, Homosexuelle und die Presse. Außerdem fragte er ein  an Leukämie erkranktes Kind im Rollstuhl, ob es zu faul zum Laufen sei.”

“Ein mit elf Schülern besetzter Bus ist gestern Abend aufgrund von Schneeglätte von der Straße gerutscht, umgekippt und im Graben gelandet.”

“Die Polizei Würzburg warnt vor einer neuen Facebook-Betrugsmasche.”

“Frei.Wild wurden als Headliner für das Out & Loud Festival in Geiselwind bestätigt.”

Solche Meldungen bekomme ich seit einiger Zeit im Stundentakt aufs Handy. Was, nicht dass wir uns falsch verstehen, mein Wunsch war. Ich habe den WhatsApp-Dienst der örtlichen Lokalzeitungen abonniert, die alle zur Mediengruppe Oberfranken gehören und sich den gemeinsamen Online Auftritt infranken.de teilen – einfach, weil es geht und ich wissen wollte, wie diese zaghafte Annäherung von Lokalem, Netz und jungen Menschen funktioniert. Doch das Ergebnis hinterlässt mich in etwa dem gleichen Zustand wie einst Bauer Heinrich, als er erfuhr, dass sein Hofwochenbesuch die Krusten vom Brot schneidet und diese nicht mal der Katze weiterreicht (bei Bauer Heinrich kommen Essensreste nämlich inne Tiere. Boah!). Seltsamer Exkurs Ende.

Das infranken.de-Team hält mich also den Tag über mit Polizeimeldungen auf dem Laufenden. Manchmal sind auch Nachrichten von der Handball-WM oder über schreckliche Liebesschlösser an Brücken dabei, und ja, auch vom Tod von Udo Jürgens habe ich per infrankenApp erfahren. Aber meist geht es um brennende Autos, verschwundene Menschen und betrunkene Jugendliche (in brennenden Autos).

Man wolle, so hieß es zum Start, vor allem junge Menschen über WhatsApp erreichen. Junge Menschen mit einem Faible für Katastrophen und dem politischen und gesellschaftlichen Interesse einer Amöbe, offenbar.

Zwar gibt es wohl einen Grund für die etwas seltsame Auswahl, die einem da aufs Handy gespielt wird: Jede Meldung endet mit einem Link zur Internetseite, und infranken.de hat eine Paywall für relevantere Geschichten. Polizeimeldungen hingegen bekommt man frei Haus geliefert, daher landen sie für alle sichtbar im Netz. Und wer will schon Menschen, die es aus WhatsApp in den Browser geschafft haben, vor einer Bezahlschranke verrecken lassen?

Aber trotzdem: Ich bin enttäuscht und entsetzt. Denn.

Die Idee ist gut. (Also abgesehen davon, dass man sich daran gewöhnen muss, dass der WhatsApp-Signalton nicht immer Neuigkeiten von Menschen, die man mag, ankündigt. Aber Andere, die nicht ich sind, lassen sich ja auch Breaking-News von ntv aufs Handy pushen; damit kommt man mit der Zeit wohl klar.) Aber die Erfahrung, als Neuigkeit immer nur blaubelichtete Schauergeschichten vorzufinden, ist es nicht.

Junge Menschen lesen keine Lokalzeitung mehr. Das sagt so ziemlich jede Studie, die sich innerhalb von drei Sekunden zusammengoogeln lässt. Das hat auch viel mit dem Schweinepreisschießengedächtnisquatsch zu tun, der dort immer noch tagtäglich dokumentiert wird. Aber auch damit, dass Print stirbt, das Mediennutzungsverhalten sich ändert und wir mittlerweile erwarten, dass relevante Nachrichten uns finden und nicht wir sie.

Ich vertrete eine gewagte Theorie: Auch im Lokalen sind Journalismus und das Herstellen einer Öffentlichkeit relevant. Für Letzteres benötigt man aber Leser, und genau da gibt es, siehe oben, derzeit ein Nachwuchsproblem.

Wenn ich sicher wüsste, wie sich das in Zukunft lösen ließe, säße ich den ganzen Tag an meinem vergoldeten Laptop und schriebe dieses Blog voll, weil ich nicht mehr anderweitig Geld verdienen müsste. Aber die Idee, dass dieses sich nur ändern lässt, wenn auch Lokalzeitungen mal den großen Zeh Richtung Internetgedöns strecken, erscheint mir doch in den Tendenz richtig.

Wenn eine Lokalzeitung sich also an dieses ominöse “Dark Social” heranwagt, um junge Menschen da zu bedienen, wo sie eh schon sind, ist das eine super Sache. Ihnen dann aber nur Mord, Totschlag und schwulenfeindliche Pfarrer zu präsentieren, halte ich für eine sowas von vertane Chance, dass man es ruhig mal fahrlässig nennen kann.

Liebe infranken-Macher: Breaking News! Diese Leute mit Smartphone und Internetzugang haben ein Gehirn – sogar, wenn sie jung sind!

Ich weiß: Manchmal sagen die Klickzahlen genau das Gegenteil. Ich habe selbst beim Onlineauftritt einer deutschen Regionalzeitung am Rechner gesessen und entsetzt zur Kenntnis genommen, dass nichts so gerne geklickt wird wie neue Unfälle auf der A2. Den verantwortlichen Redakteur hat das damals dazu bemüßigt, jeden anfallenden Unfall umfassendst online dokumentieren zu lassen (von der Boulevardpresse lernen heißt siegen lernen, oder so). Was mich wiederum schnellstmöglich gehen ließ.

Denn wer das für den Lokaljournalismus der Zukunft hält, sollte seinen Laden lieber dicht machen, als ihn noch weiter zu digitalisieren.

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One More Time

Als Kind hätte ich gerne eins dieser praktischen Plastetiere gehabt, die man in der Hosentasche mit sich herumschleppen und bei Bedarf füttern, streicheln oder ins Bett bringen konnte. Doch meine Eltern hielten nichts von Tamagotschis oder von für den Erwerb nötigen Taschengelderhöhungen. Als Kind hat man es auch nicht leicht.

Irgendwann entdeckte ich die Viecher dann in einer Ramschkiste, abzugeben im Doppelpack für ein Viertel des Preises. Seitdem ich im Jahr 2008 meinen ersten Gameboy bekam, weiß ich: Verpasste Kinderheitswünsche kann man schwerlich nachholen. Und wenn Tamagotschis für einen Spaßpreis zu haben sind, ist deren Besitz dem Coolnessfaktor in etwa so zuträglich wie sich zur Klassenfahrt im Bus ganz nach vorne zu setzen.

And now for something completely different.

Das Time-Magazin hat mir wieder geschrieben. Und wieder. Und wieder. Und wieder.

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Wie schwer es war, das Abo im Sommer zu kündigen, hatte ich an dieser Stelle schon erläutert. Tatsächlich wurde die Zustellung inzwischen eingestellt. Die Brieffreundschaft aber nicht.

Auf den “Special Alert” anlässlich meines auslaufenden Abos folgte die “Final Notice”, der “Welcome Back!”-Brief sowie der “Final Sale” bzw. das “Final Renewal Offer”. Angeboten wurden mir zuletzt 52 Ausgaben für 30 statt 234 Euro. Ich bin jetzt kein Experte für Wertverfall, habe aber die dumpfe Ahnung, dass man in der Aboabteilung von Time das eigene Produkt für in etwa so attraktiv und erstrebenswert hält wie Spliss, ein Atommüllendlager im Vorgarten oder ein Zimmer in einer WG mit Walter Freiwald.

Immerhin ist dieses letzte Angebot verbunden mit der Ansage. “We’ll never offer you this deal again”.

Wenn es denn wenigstens so wäre!

Meine Eltern waren, ich hatte es angedeutet, in ihren Erziehungsidealen recht konsequent. Dank Time weiß ich es jetzt, wie es mir in einer etwas antiautoritärer angehauchten Familie ergangen wäre:

“Das ist mein letztes Wort. Na gut, das war es jetzt noch nicht, aber das nächste wird es sein, mein allerletztes Wort. Ach nee, doch nicht. Jetzt aber: das allerallerletzte. Na gut. Einmal noch: Jetzt ist aber Schluss. Oder zumindest gleich. Bald. Bald ist Schluss! Irgendwann muss doch mal Schluss sein! Schluss jetzt! Wirklich. Na gut, ich zähle bis drei: Eins, zwei, … nochmal, jetzt im Ernst. Ich meine es ernst! Mein letztes Wort!…”

Für soetwas fehlt mir die Geduld. Womit Time mir zu der Erkenntnis verholfen hat, dass ich eher Familie Ülüglü mit meiner Finanzverwaltung beauftrage, als noch einmal ein Print-Abo abzuschließen.

Basta.

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Mehr Licht

In den vergangenen Monaten habe ich mich ausführlich mit dem Pankower Bezirkshaushalt auseinandergesetzt.

Gut. Das klingt jetzt erstmal so, als ob ich mir sonst gerne bei vollem Bewusstsein die Fingernägel herauszöge und nachts auf einem Nagelbrett schliefe, um mich danach über dessen Weichheit zu beschweren. Ganz so schlimm ist es nicht. Aber da ich ja schon Online-Lokaljournalismus mache, den Pullunder tragenden, müffelnden Stiefvetter aus der eh nicht sonderlich beliebten Familie des Journalismus, dachte ich, kommt es darauf jetzt auch nicht mehr an.

Berichte über kommunale Haushalte sind lokaljournalistischer Alltag. Wenn nicht gerade eine Gruppe Rentner ihren einzusparenden Treffpunkt besetzt und damit zwangsläufig Aufmerksamkeit auf sich zieht (Yes, I am looking at you, Stille Straße), sieht die Berichterstattung gerne so aus:

Haushalt

Hier ist das Gesamtwerk, aus dem diese Top-Informationen extrahiert wurden.

20140825

Man kann wirklich niemandem einen Vorwurf machen, der sich das in diesem Fall fast 500-seitige Werk nicht in seiner Gesamtheit zu Gemüte führt – schon gar nicht jemandem, der jeden Tag eine komplette Zeitungsseite zu befüllen hat, wie es in vielen Lokalredaktionen mittlerweile üblich ist. Aber da steht drin, wo die Verwaltung unser ach so geliebtes Steuergeld zu investieren plant. Wenn wir uns schon permanent auf die Schulter klopfen und uns unserer Wichtigkeit als vierte Gewalt vergewissern, sollten wir es lesen.

In den vergangenen Monaten habe ich genau das gemacht, und man kann es ruhig öfter sagen: Ohne die Unterstützung der Rudolf Augstein Stiftung wäre das nicht möglich gewesen. Das kleine Start-up Prenzlauer Berg Nachrichten hätte sich das einfach nicht leisten können.

Was lernt man also, wenn man so viel Zeit mit einem Bezirkshaushalt verbringt?

Erstens: So kompliziert ist das alles gar nicht. Da steht einfach nur fein säuberlich aufgelistet, wie viel Geld in der Vergangenheit für unterschiedliche Dinge ausgegeben wurde und wie viel dafür in Zukunft eingeplant ist.

Standesamt

Zweitens: Die Definition der unterschiedlichen Dinge und die Vorgabe, wie sie zerlegt über den Haushalt zu verteilen sind, stammen von den Machern der Steuererklärung.

Ein Beispiel: In einem Teil des Bezirks kostet Parken Geld. Es wird also durch Parkscheine und Knöllchen Geld eingenommen, für Kontrolleure, Automaten und Verwaltungsgedöns aber auch wieder welches ausgegeben. Ein Teil dessen wird in einem extra Wirtschaftsplan Parkraumbewirtschaftung abgerechnet, ein Teil steht im Haushalt selbst, und damit das Ganze richtig lustig wird, wird noch munter Geld zwischen Haushalt und Wirtschaftsplan hin- und hergebucht (wer sich ernsthaft dafür interessiert, wie es funktioniert: bitteschön).

Diese Regelung wird damit begründet, dass man für Transparenz habe sorgen wollen. Blöd nur, dass nicht einmal die damit betrauten Lokalpolitiker das System vollständig verstanden zu haben scheinen. Falls ich mich irgendwann mal ins Geldwäscher-Business absetzen sollte, weiß ich jetzt zumindest, wo ich Inspiration für das Verschleiern der Herkunft von Geld bekomme. Danke, Bezirkshaushalt Pankow!

Eine ebenso gute Empfehlung gibt es auch für alle, deren Ausgaben auf wundersame Weise jedes Jahr steigen und denen die Argumente fehlen, das ihren Lohnerhöhungen eher abgeneigt gegenüberstehenden Chefs zu verklickern. In Pankow schreibt man einfach “Mehr in Anpassung an den tatsächlichen Bedarf” daneben, und gut ist. 99 Mal tauchen diese oder ähnliche Formulierungen im Haushalt auf. Und wer will schon in 99 Einzelfällen nach den eigentlichen Ursachen fragen?

Nein, auch ich habe das nicht gemacht (hole das aber gerne nach, falls mir jemand ein kleines Rechercheteam mit viel Zeit finanzieren möchte). Aber einen Fall habe ich mir rausgepickt. Nicht alleine, weil ich keine Ahnung hatte, was diese Eingliederungshilfen eigentlich sind, für die Pankow 80 Millionen Euro und damit über 10 Prozent seines Haushaltsbudgets ausgibt.

Was ich herausgefunden habe, steht in voller Länge nebenan (und ja, auch ich erwarte, dass das Internet den Text bald angewiedert abstößt, weil er sehr lang und recherchiert ist und das große Gesetz des Onlinejournalismus doch nur maximal 5000 zusammengecopypastete Zeichen erlaubt. Erst recht, wenn es sich dabei um Lokaljournalismus handelt).

Hier will ich nur kurz sagen, dass in diesem seltsamen Konstrukt namens Bezirkshaushalt krasse Themen stecken, die es zu hinterfragen lohnt. Nein, das ist nicht investigativ und man braucht dafür weder einen geheimen Briefkasten noch ein Faible für Treffen in Parkhäusern. Statt dessen ist es eigentlich Kategorie Alltag, jedes Jahr sollte man das machen. Doch es geht einfach nicht. Weil die Zeit fehlt, ebenso wie die Idee, wie man das auf Dauer und unabhängig von einmaligen Geldsegen finanzieren sollte.

Ich kann nicht abstreiten, dass mich das nervt. Ich gehöre schon zu den privilegierten Lokaljournalisten, die einen statt sechs Artikel pro Tag schreiben sollen und daher Zeit haben, sich Dinge vor Ort anzuschauen und mit mehr als einer Person zu sprechen. Doch an die eigentliche Ursache, das wirkliche Thema, komme ich oft trotzdem nicht ran. Ist das Gift unter dem Thälmann-Park wirklich so ungefährlich, wie der Senat sagt? Ist der Personalmangel die Ursache für die Defizite im Sozialamt, wie die Stadträtin meint? Ganz zu schweigen von den vielen Themen, die unbearbeitet im Haushalt zurückbleiben, wenn ich ihn nun weghefte. Und all denjenigen, die ich in ihm vermisst habe (Welche sozialen Träger bekommen wie viel Geld? Welche Betriebe engagiert der Bezirk für seine vielen Baustellen?).

Es geht ja gar nicht um Skandale. Es geht nur um Transparenz, die zu schaffen nunmal in der Jobbeschreibung steht.

Die Kollegen, die jeden Tag in der gut gefüllten Bundespressekonferenz sitzen, können sich das wohl kaum vorstellen. Aber im Lokaljournalismus ist man oft allein auf weiter Flur. Jeder, der dort irgendwas macht und veröffentlicht, ist schon ein Gewinn. Dennoch fühle ich mich oft wie jemand, der mit einer kleinen Taschenlampe in einem riesigen Keller steht und mal hierhin leuchtet, mal dorthin.

Ich hätte aber gerne Flutlicht.

Seit vier Jahren schreibe ich über Prenzlauer Berg. Von vielem, was mir im Haushalt begegnet ist, hatte ich noch nie etwas gehört. Dank der Augstein-Stiftung konnte ich nun einen kleinen Leuchtturm errichten, um im Bild zu bleiben. Der steht nun in dem unübersichtlichen, 800 Millionen schweren Haushalt des Berliner Bezirks Pankow mit seinen fast 400.000 Einwohnern.

Das ist wirklich schön. Aber es reicht einfach nicht.

Manchmal frage ich mich, was für coole lokale Angebote man online machen könnte, allein mit dem Budget einer Folge “In aller Freundschaft”. Denn das gehört zu einer medialen Grundversorgung; eine Zeitung für einen 400.000-Einwohner-Bezirk tut das nicht (wobei man ja eigentlich zwei bräuchte, Medienvielfalt und so). Keine Ahnung, ob die Finanzierung über eine Medienabgabe letztendlich wirklich eine gute Lösung wäre. Aber ich weiß, dass wir derzeit Geld haben für journalistische Leuchtturmprojekte, für Multimediareportagen über die Arktis und für ziemlich viele Kochshows. Aber im Lokalen sitzen wir im Dunkeln.

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Endstation Winzerfest

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Ich habe eine kleine Theorie. Sie lautet: Das Internet ist gar nicht schuld am Sterben der Zeitungen. Zumindest im Lokalen. Es sind die Zeitungen selbst, die sich ihr Grab schaufeln, und zwar mit sterbenslangweiligen Inhalten (Schlechte Totholz-Wortwitze Ende).

Heute Morgen habe ich zum Beispiel fürs Altpapier mal eben geschaut, was das gerade tragisch dahinsiechende Darmstädter Echo heute berichtet: Winzerfest. Basar. Volksbank-Spende.  “Volksbank-Vorstand Markus Göbel lobte bei der Übergabe des Geldes an die ausrichtende Gemeinde Reichelsheim die hervorragende Organisation der längst weit über die Region hinaus bekannten Märchen- und Sagentage, die ein Höhepunkt unter den zahlreichen Veranstaltungen der Region seien.”

Mittlerweile habe ich oft genug mit Lokalredakteuren diskutiert, um zu wissen, was sie auf diesen Einwand immer antworten, nämlich “Das wollen die Leute halt lesen.”

Wäre das richtig, gingen die Verkaufszahlen nicht so nach unten.

Dabei haben gerade die Lokalzeitungen doch den unfassbaren Vorteil, Inhalte zu generieren, die man eben nicht bei SpOn, der New York Times oder Buzzfeed bekommt. Wer wissen will, was am Ort los ist, kommt auch 2014 an der Lokalzeitung nicht vorbei. Welche jedoch inhaltlich noch im Jahr 1981 hängt – in Zeiten, als Vereine über ihre Jahreshauptversammlungen noch nicht auf ihrer Internetseite berichten konnten und Menschen ihre tägliche Mediennutzungszeit auf eine ausgedruckte Zeitung und drei Fernsehprogramme verteilten.

Der Medienwandel hat in vielen Lokalzeitungshäusern stattgefunden, indem sie ihre Inhalte nun auch auf eine Internetseite zweifelhaften Namens kippen (“Echo Online” im Falle des Darmstädter Echos; mein absoluter Favorit in dieser Reihe ist aber die Braunschweiger Zeitung, die ihren Internetauftritt lange “Newsclick” nannte) und eventuell noch eine Facebook-Seite aufbauen. Das Kernprodukt sieht derweil aus wie vor 25 Jahren. Was in etwa so ist, als würde H&M nur Karottenhosen produzieren und sich wundern, dass die niemand mehr kauft.

Die Kollegen aus Darmstadt werden sich für solche Tipps bedanken, ich weiß. In Zukunft sollen sie mit einem Hauch des bisherigen Personals eine bessere Zeitung machen; diese seltsame Rechenweise bekommt man wohl derzeit in Managementschulen für Verlagsinhaber beigebracht. Tatsächlich sagte mir unlängst ein Kollege, als ich mich mal wieder über die Qualität im Lokalen beschwerte, angesichts der Arbeitsbedingungen sei das Produkt doch noch ganz gut.

Ich stelle mir das gerade als Zeitungskopf vor: “Darmstädter Echo. Die unabhängige politische Tageszeitung Südhessens. Angesichts der Umstände noch ganz okay”. Würden Sie dafür knapp 35 Euro im Monat ausgeben?

Derzeit lautet die Antwort noch: aus Gewohnheit ja, sonst nicht. Laut aktueller Media-Analyse Tageszeitungen haben 65,2 Prozent der über 50-Jährigen eine Regionalzeitung abonniert. Bei den 30 bis 49-Jährigen sind es noch 45,2.

Womit wir zum zweiten Teil meiner lustigen Theorie kommen: Das Internet ist im Lokalen eine riesige Chance.

Vielen Zeitungen beschäftigen derzeit einen Teil ihrer Mitarbeiter damit, dpa-Meldungen auszudrucken und das Mantel zu nennen. Die sparsamen unter den Verlegern haben diesen Teil längst outgesourced, was immer mit einem Aufschrei einhergeht, die Pressevielfalt ginge verloren – dabei hat es wenig mit Vielfalt zu tun, wo nun dpa-Meldungen für den Abdruck freigegeben werden. Warum also nicht einfach diesen Teil der Arbeit ganz aufgeben und sich völlig aufs Lokale konzentrieren? Im Internet ist der Mantel eh nun einen Klick entfernt, bei faz.net, sueddeutsche.de oder zeit.de. (Über die Finanzierung der dpa sprechen wir dann ein anderes Mal.)

Der andere Vorteil: das Internet ist immer voll und leer genug zugleich. In meinem Volo musste ich eine zeitlang die Seite eines kleinen Kreises betreuen, an dem leider nicht jeden Tag ausreichend Spannendes passierte, um diese Seite auch zu füllen. Wer sich schon immer mal gefragt hat, ob man eigentlich aus 35 Zeilen Polizeimeldung über ein entlaufendes Pferd einen 70-Zeilen-Aufmacher machen kann, wenn es sein muss: Ja, das geht. Das ist zwar für Leser wie Redakteure eine schlimme Tortur, aber weiße Seiten müssen dann nicht in den Druck gehen.

Im Internet kann man sich soetwas sparen. Passiert nichts Relevantes, schreibt man nichts. Hat man was zu erzählen, muss man sich nicht auf 80 Zeilen beschränken.

Die Gründe, weshalb das alles nur eine dumme Spinnerei von mir ist, sind natürlich vielfältig: 80-Jährige gehen nicht ins Internet. Wenn niemand mehr über Scheckübergaben schreibt, werden auch keine Schecks mehr übergeben und keine sozialen Projekte mehr gefördert. Wovon sollen die Drucker leben? Niemand verdient Geld im Internet.

Für mehr Argumente fragen Sie ihren Lokalredakteur oder Verleger.

Allerdings ist mir nicht ganz klar, warum man auf Leute hören sollte, die unbeeindruckt von medialen Revolutionen stur ein Produkt Typ 1981 weiterproduzieren, wenn es nicht mehr läuft die Mitarbeiter rausschmeißen und sich dabei noch gegenseitig die Schultern klopfend behaupten, sie seien das letzte Bollwerk der Demokratie in diesem Lande.

Ich habe die leichte Vermutung, dass gerade diese für den Lokaljournalismus die viel größere Gefahr darstellen als dieses Internet.

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Fünf weitere Dinge, die ich an Lokalzeitungen nie verstehen werde

Es gibt gute Nachrichten: ich bin diesen Sommer schon wieder quer durch Deutschland gefahren und nicht etwa mit leeren Händen zurück nach Berlin gekehrt, sondern mit fünf weiteren Dingen im Gepäck, die ich an Lokalzeitungen nie verstehen werde.

5. Die Begeisterung für Stadtfeste

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Ja, dies ist kein gutes Beispiel. Weil es sich hier nicht um einen Artikel, sondern um eine “entgeltliche Einschaltung gem §26 MG” handelt – so scheint man es in Österreich kennzeichnen zu müssen, wenn man sich bezahltes Material ins Blatt holt (Sie sehen ein Beispiel aus den Salzburger Nachrichten). Aber so konnte ich sowohl die lustige Umschreibung für “Anzeige” unterbringen als auch andeuten, dass ich die ausführliche Beschreibung von Schwenkgrills im Arbeitseinsatz nur so mittelspannend finde. Wer ein Bullshit-Bingo anlegen mag: “kulinarisch”, “traditionell”, “Bieranstich”, “abwechslungsreich” und “krönender Abschluss” sollten dabei sein.

4. Die Themen

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Ganz recht, man macht es sich ziemlich einfach, wenn man als Berliner nach Eisenach fährt und sich dort darüber aufregt, dass die wichtigste Nachricht des Tages an einem Kreisverkehr zu verorten sein soll. Zumal, wenn wir gerade Mitte Juli schreiben und das Sommerloch die Größe des Berliner Haushaltsdefizits erreicht hat. Dennoch komme ich nicht umhin, mich zu wundern – natürlich ausschließlich darüber, woher die Eisenacher Kollegen wissen, wie groß genau ein lebender Zwerg ist.

3. Wir machen jetzt auch was mit Internet (1)

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Im schönen Thüringen hat man verstanden: Dieses Internet, das ist wichtig. Sogar so wichtig, dass man ihm einen Platz in der kostbaren Printausgabe einräumt. Schließlich sollen deren Leser zumindest den Eindruck bekommen, sie bekämen mit, was die Menschen mit Zugang zu diesem weltweiten Netz umtreibt. Nämlich: Mord und Totschlag. So suggeriert es zumindest die hier gewählte Form des täglichen Abdrucks der wohl traurigsten Statistik, die jede Nachrichtenseite zu bieten hat: die der meistgelesenen Artikel. Auf der niemals die fundierte Analyse der kommunalen Finanzlage ganz oben rangiert, sondern immer nur verunglückte Porschefahrer. Eine schönere Bestätigung kann man Print-Freunden und Internet-Feinden wohl nicht liefern. (Oh, wait! Sollte das etwa der Plan…?!)

2. Wir machen jetzt auch was mit Internet (2)

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Derjenige, der in seiner Freizeit gerne Facebook-Kommentar-Stränge aufgrund ihrer fundierten Argumente, spannenden Themen und ausgewogenen Debattenkultur liest, hebe nun bitte kurz die Hand. Ähm, ja: für Sie da ganz hinten druckt die Thüringer Allgemeine die spannendsten Kommentare von ihrer Facebookseite täglich ins Blatt. Eine durchweg lohnenswerte Angelegenheit, wie man sieht, bei dem Regen!

1. Die Lokalspitze

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An dieser Lokalspitze fehlt das eigentlich Wichtigste, nämlich der Kopf. Aber ich wollte den Lokal-Kollegen, der diese interessante Abhandlung über das Schmelzverhalten von Süßwaren in geschlossenen Autos im Monat Juli verfasst hat, nicht so explizit in die Pfanne hauen. Schließlich kann er auch nichts dafür, dass die Lokalzeitungen besessen davon sind, ihre Mitarbeiter Präsenz zeigen zu lassen – und zwar jeden Tag, auf jeder Seite des Lokalteils, mit einer lustigen Begebenheit, die einem nur ärgerlicherweise als Mitarbeiter eines Lokalteils nicht jeden Tag über den Weg läuft. So werden täglich deutschlandweit viele tausend Zeilen mit Berichten über die Krankheiten von Haustieren, Probleme mein Bügeln sowie die Parkplatzsuche gefüllt.

Wer noch nicht wusste, dass man bei Regen besser die Fenster schließt, interessiert sich vielleicht auch für geschmolzene Gummibärchen: Das hat der Lokaljournalismus wirklich nicht verdient.

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Denn sie wissen nicht, was sie tun

Als ich noch Volontärin in der westdeutschen Provinz war, lehrte man mich, beim Schreiben immer an die Oma in Schladen zu denken. Schladen war ein Dorf in der Nähe und die Oma nicht näher bekannt; das Ganze diente einfach nur dazu, uns Volos daran zu erinnern, dass der durchschnittliche Leser nur so mittelhelle ist. Was ich wiederum nur so mittel sympathisch fand. Aber was soll man machen als Volontärin, wenn der Chef vorgibt, dass die Oma in Schladen das Wort Airbag nicht begreift und daher vom guten, deutschen Prallkissen zu reden sei?

Ich dachte, dieses den Leser Unterschätzen sei die besondere Eigenheit jener Regionalzeitung gewesen. Bis ich versuchte, mein Time-Abo zu kündigen.

Abgeschlossen hatte ich es vor vielen Monaten, weil ich mir gerne ab und an eines dieser aussterbenden Printprodukte ins Haus kommen lasse und das Abo der Micky Maus gerade ausgelaufen war. Ich bezahlte lächerliche 30 Euro (oder so) und bekam dafür die hässlichste Prämie aller Zeiten sowie regelmäßig ein eingeschweißtes Heft ins Haus. Und irgendwann die Mitteilung, dass ich zu den Glücklichen gehöre, die von der neuen Errungenschaft des sich automatisch verlängernden Abos profitieren dürften: ich bräuchte nichts zu tun, sie würden einfach abbuchen. Was insofern ärgerlich war, als dass ich beim Abschluss bewusst darauf geachtet hatte, dass sich das Abo nicht automatisch verlängert.

Aber woher soll das Time Magazine auch wissen, dass ich mir durchaus Gedanken mache über die Dinge , die ich den ganzen Tag so tue?

Nun denn; irgendwie stornieren sollte doch wohl gehen, dachte ich, und besuchte die Seite des Subscriber Services. Die (Schwierigkeitsstufe 1) in Sachen Schönheit mit der oben angesprochenen Uhr mithalten kann und (Schwierigkeitsstufe 2) in Schriftgröße 5 daherkommt. Zum Glück kenne ich die Tastenkombination, mit der man die Darstellung vergrößert, und bin durch regelmäßige Besuche auf den Internetseiten der Berliner Bezirksverwaltungen – sagen wir mal: an nicht auf optische Reize optimierte Anblicke gewöhnt. Und zum Glück habe ich geistesgegenwärtig mein Tun noch via Screenshot archiviert. Denn eine Bestätigungsmail gab es natürlich nicht.

Dafür fand ich heute, 34 days later, einen Brief im Kasten.

Umschlag

“Urgent response required to avoid interruption in service” ist auch eine interessante Formulierung, wenn man weiß, dass diese interruption in service von mir ausdrücklich gewünscht wurde.

Aber es kommt noch besser.

Brief

Die Chefin des Leserservice möchte mich also auf eine dringliche Angelegenheit aufmerksam machen: nämlich, dass mein Abo Gefahr läuft, auszulaufen (“Act now while you still have time!” – Knallerwortspiel, by the way). Womit ich natürlich nicht rechnen kann angesichts der Tatsache, dass ich es selbst gekündigt habe.

Liebes Time Magazine. Vielen Dank, dass Ihr mir die Folgen meiner Handlungen zur Kenntnis bringt und dabei so höflich seid, die Handlung selbst völlig unerwähnt zu lassen (“Das ist ihr heute bestimmt peinlich, lieber nicht nochmal ansprechen!”) Dafür ermöglicht ihr mir es, nur noch ein vorausgefülltes Zettelchen unterschreiben und in einem nicht mal zu frankierenden Umschlag zurückschicken zu müssen, und schon können wir alle so tun, als sei dieses schreckliche Missgeschick mit der Kündigung nie passiert und ich bekomme Time für ein weiteres Jahr für 14 Prozent des Ladenpreises. Sowie ein aufziehbares Radio mit angeschlossener Taschenlampe, einen Campingbus, zwei Flugreisen innerhalb der USA, fünf Dosen Hundefutter, ein Radiergummi in Alf-Form und einen Gutschein für dreimal Rasenmähen. Kleiner Scherz; in den 39 Euro, die mich das kosten soll, sind natürlich nur das Jahresabo und das Lampen-Radio enthalten.

Blöd nur, dass ich nun erst recht kündigen möchte. Bzw. hoffen muss, dass ihr schlau genug seid, die Kündigung als das anzuerkennen, was sie war, wenn ich Euch jetzt einfach nie mehr antworte.

Stattdessen abonniere ich, glaube ich, mal die Wendy. Dort gibt es wenigstens sinnvolle Prämien.

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Karl Marx, übernehmen Sie!

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Wir müssen noch mal über diesen Lokaljournalismus sprechen.

Das ist, wir erinnern uns, diese lustige Institution, über die immer alle lachen, weil sie es zu ihrer Aufgabe gemacht hat, die Verteilung größerer Fleischmengen an mehr oder weniger erfolgreiche Schützen zu dokumentieren, den Bürgermeister zu loben und die Fläche dazwischen mit freigestellten wie fragwürdigen Motiven zu füllen.

Na gut, habe ich immer gedacht. Mit gefällt das so nicht, versuche ich es halt anders zu machen. Aber, Knallermeldung: Ich bin mit dieser Einschätzung gar nicht alleine. Nicht mal die Leute, die diese Lokalzeitungen machen, finden diese Art Lokaljournalismus gut. Diesen Eindruck vermittelten sie mir zumindest in diversen Gesprächen, die ich in letzter Zeit mit Lokaljournalisten führen durfte.

Was den Machern an ihren eigenen Zeitungen am wenigsten gefällt? Die belanglosen Themen. Die unkritische Haltung. Die schlecht recherchierten Stücke, in denen oft die simpelsten Informationen fehlen. Und der unzeitgemäße Umgang mit manchen Themen.

(Hat hier jemand Entfremdung gesagt?)

Was man sich darunter konkret vorzustellen hat, dokumentiert seit einziger Zeit ja dankenswerter Weise dieser Tumblr. Alternativ möchte ich dieses Symbolbild zur Verfügung stellen, das den Aufmacher der Wochenendbeilage der Thüringer Allgemeinen aus dem vergangenen August zeigt.

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 Ich nehme an, das Problem wird so deutlich.

Doch warum erstellen nun Journalisten Produkte, die sie offenbar selbst schrecklich finden? Zwei einfache Gründe: Sie haben keine Zeit, aber Angst.

Denn in deutschen Lokalredaktionen ist es offenbar mittlerweile üblich, dass ein Redakteur eine ganze Seite verantwortet, und zwar allein. Und ja, diese Zeitungen erscheinen täglich und nein, eine Armada an freien Autoren steht in den seltensten Fällen zur Verfügung, um Texte zuzuliefern. Das übernehmen dafür Pressestellen und die Vereinsmitglieder, die in der Grundschule meist die passabelsten Reizwortgeschichten abgeliefert haben.

Wer wollte es den Kollegen da vorwerfen, dass die sechs Texte, die sie pro Tag auf ihre Seite über eine 3.000-Seelen-Gemeinde kloppen, nicht immer top-recherchiert, unabhängig und super-relevant sind?

Der Grund für dieses schlechte Seiten-Redakteurs-Verhältnis liegt natürlich im nimmermüden Sparwillen der Verlage. Die sich dann wundern, dass ihre Sparflammen-Blätter keine Leser mehr finden und die Schuld beim Internet suchen. Denn wenn der Bauer nicht schwimmen kann, ist die Badehose… aber lassen wir das. Die Sache mit der Angst ist ja noch offen.

Denn ja – und das finde ich fast noch beunruhigender: die Redakteure haben Angst vor ihrem Chef. (Ganz recht, das haben sie mir gegenüber so offen formuliert). Schließlich könnte der sie ja entlassen, wenn sie mal vorsichtig Kritik an seiner neuesten Aufmacheridee äußern, und wer einmal entlassen ist, der bekommt im Journalismus derzeit kein Bein mehr an den Boden. So die wohl nicht ganz unberechtigte Sorge der Kollegen.

Die Frage, was das für Chefs sind, die sich offenbar gerne mit einer Aura des Schreckens umgeben und nichts von einer offenen Diskussionskultur zur Verbesserung der eigenen Arbeit halten, lasse ich mal offen. Was soll ich dazu auch sagen? Ich habe als Freiberuflerin keine Ahnung von Chefs.

Geradezu schlimm finde ich aber, dass sie damit offenbar ihren Mitarbeitern das Rückgrat und den Mut zum Widerspruch brechen (und die das mal so hinnehmen). Dabei kann man beides ziemlich gut gebrauchen, so als Journalist im Interview mit dem lokalen Wirtschaftsboss, nur zum Beispiel.

Womit wir zusammenfassen können: Lokaljournalismus ist nur so schlimm, weil die Kollegen unterbezahlt, überarbeitet und rückenleidend sind. Zumindest erklären sie es sich selbst so. Und Stromberg hat uns tatsächlich ein realistisches Bild von Chefs vermittelt.

Das Lokale selbst kann – ich wiederhole mich –  nichts dafür.

(Noch mehr Lokaljournalismus-Meinungen gibt es dann übrigens Dienstag ab 12.30 Uhr auf der Re:publica. Nur falls sich jemand fragt, wie ich jetzt so plötzlich auf all das komme.)