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Endstation Winzerfest

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Ich habe eine kleine Theorie. Sie lautet: Das Internet ist gar nicht schuld am Sterben der Zeitungen. Zumindest im Lokalen. Es sind die Zeitungen selbst, die sich ihr Grab schaufeln, und zwar mit sterbenslangweiligen Inhalten (Schlechte Totholz-Wortwitze Ende).

Heute Morgen habe ich zum Beispiel fürs Altpapier mal eben geschaut, was das gerade tragisch dahinsiechende Darmstädter Echo heute berichtet: Winzerfest. Basar. Volksbank-Spende.  “Volksbank-Vorstand Markus Göbel lobte bei der Übergabe des Geldes an die ausrichtende Gemeinde Reichelsheim die hervorragende Organisation der längst weit über die Region hinaus bekannten Märchen- und Sagentage, die ein Höhepunkt unter den zahlreichen Veranstaltungen der Region seien.”

Mittlerweile habe ich oft genug mit Lokalredakteuren diskutiert, um zu wissen, was sie auf diesen Einwand immer antworten, nämlich “Das wollen die Leute halt lesen.”

Wäre das richtig, gingen die Verkaufszahlen nicht so nach unten.

Dabei haben gerade die Lokalzeitungen doch den unfassbaren Vorteil, Inhalte zu generieren, die man eben nicht bei SpOn, der New York Times oder Buzzfeed bekommt. Wer wissen will, was am Ort los ist, kommt auch 2014 an der Lokalzeitung nicht vorbei. Welche jedoch inhaltlich noch im Jahr 1981 hängt – in Zeiten, als Vereine über ihre Jahreshauptversammlungen noch nicht auf ihrer Internetseite berichten konnten und Menschen ihre tägliche Mediennutzungszeit auf eine ausgedruckte Zeitung und drei Fernsehprogramme verteilten.

Der Medienwandel hat in vielen Lokalzeitungshäusern stattgefunden, indem sie ihre Inhalte nun auch auf eine Internetseite zweifelhaften Namens kippen (“Echo Online” im Falle des Darmstädter Echos; mein absoluter Favorit in dieser Reihe ist aber die Braunschweiger Zeitung, die ihren Internetauftritt lange “Newsclick” nannte) und eventuell noch eine Facebook-Seite aufbauen. Das Kernprodukt sieht derweil aus wie vor 25 Jahren. Was in etwa so ist, als würde H&M nur Karottenhosen produzieren und sich wundern, dass die niemand mehr kauft.

Die Kollegen aus Darmstadt werden sich für solche Tipps bedanken, ich weiß. In Zukunft sollen sie mit einem Hauch des bisherigen Personals eine bessere Zeitung machen; diese seltsame Rechenweise bekommt man wohl derzeit in Managementschulen für Verlagsinhaber beigebracht. Tatsächlich sagte mir unlängst ein Kollege, als ich mich mal wieder über die Qualität im Lokalen beschwerte, angesichts der Arbeitsbedingungen sei das Produkt doch noch ganz gut.

Ich stelle mir das gerade als Zeitungskopf vor: “Darmstädter Echo. Die unabhängige politische Tageszeitung Südhessens. Angesichts der Umstände noch ganz okay”. Würden Sie dafür knapp 35 Euro im Monat ausgeben?

Derzeit lautet die Antwort noch: aus Gewohnheit ja, sonst nicht. Laut aktueller Media-Analyse Tageszeitungen haben 65,2 Prozent der über 50-Jährigen eine Regionalzeitung abonniert. Bei den 30 bis 49-Jährigen sind es noch 45,2.

Womit wir zum zweiten Teil meiner lustigen Theorie kommen: Das Internet ist im Lokalen eine riesige Chance.

Vielen Zeitungen beschäftigen derzeit einen Teil ihrer Mitarbeiter damit, dpa-Meldungen auszudrucken und das Mantel zu nennen. Die sparsamen unter den Verlegern haben diesen Teil längst outgesourced, was immer mit einem Aufschrei einhergeht, die Pressevielfalt ginge verloren – dabei hat es wenig mit Vielfalt zu tun, wo nun dpa-Meldungen für den Abdruck freigegeben werden. Warum also nicht einfach diesen Teil der Arbeit ganz aufgeben und sich völlig aufs Lokale konzentrieren? Im Internet ist der Mantel eh nun einen Klick entfernt, bei faz.net, sueddeutsche.de oder zeit.de. (Über die Finanzierung der dpa sprechen wir dann ein anderes Mal.)

Der andere Vorteil: das Internet ist immer voll und leer genug zugleich. In meinem Volo musste ich eine zeitlang die Seite eines kleinen Kreises betreuen, an dem leider nicht jeden Tag ausreichend Spannendes passierte, um diese Seite auch zu füllen. Wer sich schon immer mal gefragt hat, ob man eigentlich aus 35 Zeilen Polizeimeldung über ein entlaufendes Pferd einen 70-Zeilen-Aufmacher machen kann, wenn es sein muss: Ja, das geht. Das ist zwar für Leser wie Redakteure eine schlimme Tortur, aber weiße Seiten müssen dann nicht in den Druck gehen.

Im Internet kann man sich soetwas sparen. Passiert nichts Relevantes, schreibt man nichts. Hat man was zu erzählen, muss man sich nicht auf 80 Zeilen beschränken.

Die Gründe, weshalb das alles nur eine dumme Spinnerei von mir ist, sind natürlich vielfältig: 80-Jährige gehen nicht ins Internet. Wenn niemand mehr über Scheckübergaben schreibt, werden auch keine Schecks mehr übergeben und keine sozialen Projekte mehr gefördert. Wovon sollen die Drucker leben? Niemand verdient Geld im Internet.

Für mehr Argumente fragen Sie ihren Lokalredakteur oder Verleger.

Allerdings ist mir nicht ganz klar, warum man auf Leute hören sollte, die unbeeindruckt von medialen Revolutionen stur ein Produkt Typ 1981 weiterproduzieren, wenn es nicht mehr läuft die Mitarbeiter rausschmeißen und sich dabei noch gegenseitig die Schultern klopfend behaupten, sie seien das letzte Bollwerk der Demokratie in diesem Lande.

Ich habe die leichte Vermutung, dass gerade diese für den Lokaljournalismus die viel größere Gefahr darstellen als dieses Internet.

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Fünf weitere Dinge, die ich an Lokalzeitungen nie verstehen werde

Es gibt gute Nachrichten: ich bin diesen Sommer schon wieder quer durch Deutschland gefahren und nicht etwa mit leeren Händen zurück nach Berlin gekehrt, sondern mit fünf weiteren Dingen im Gepäck, die ich an Lokalzeitungen nie verstehen werde.

5. Die Begeisterung für Stadtfeste

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Ja, dies ist kein gutes Beispiel. Weil es sich hier nicht um einen Artikel, sondern um eine “entgeltliche Einschaltung gem §26 MG” handelt – so scheint man es in Österreich kennzeichnen zu müssen, wenn man sich bezahltes Material ins Blatt holt (Sie sehen ein Beispiel aus den Salzburger Nachrichten). Aber so konnte ich sowohl die lustige Umschreibung für “Anzeige” unterbringen als auch andeuten, dass ich die ausführliche Beschreibung von Schwenkgrills im Arbeitseinsatz nur so mittelspannend finde. Wer ein Bullshit-Bingo anlegen mag: “kulinarisch”, “traditionell”, “Bieranstich”, “abwechslungsreich” und “krönender Abschluss” sollten dabei sein.

4. Die Themen

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Ganz recht, man macht es sich ziemlich einfach, wenn man als Berliner nach Eisenach fährt und sich dort darüber aufregt, dass die wichtigste Nachricht des Tages an einem Kreisverkehr zu verorten sein soll. Zumal, wenn wir gerade Mitte Juli schreiben und das Sommerloch die Größe des Berliner Haushaltsdefizits erreicht hat. Dennoch komme ich nicht umhin, mich zu wundern – natürlich ausschließlich darüber, woher die Eisenacher Kollegen wissen, wie groß genau ein lebender Zwerg ist.

3. Wir machen jetzt auch was mit Internet (1)

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Im schönen Thüringen hat man verstanden: Dieses Internet, das ist wichtig. Sogar so wichtig, dass man ihm einen Platz in der kostbaren Printausgabe einräumt. Schließlich sollen deren Leser zumindest den Eindruck bekommen, sie bekämen mit, was die Menschen mit Zugang zu diesem weltweiten Netz umtreibt. Nämlich: Mord und Totschlag. So suggeriert es zumindest die hier gewählte Form des täglichen Abdrucks der wohl traurigsten Statistik, die jede Nachrichtenseite zu bieten hat: die der meistgelesenen Artikel. Auf der niemals die fundierte Analyse der kommunalen Finanzlage ganz oben rangiert, sondern immer nur verunglückte Porschefahrer. Eine schönere Bestätigung kann man Print-Freunden und Internet-Feinden wohl nicht liefern. (Oh, wait! Sollte das etwa der Plan…?!)

2. Wir machen jetzt auch was mit Internet (2)

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Derjenige, der in seiner Freizeit gerne Facebook-Kommentar-Stränge aufgrund ihrer fundierten Argumente, spannenden Themen und ausgewogenen Debattenkultur liest, hebe nun bitte kurz die Hand. Ähm, ja: für Sie da ganz hinten druckt die Thüringer Allgemeine die spannendsten Kommentare von ihrer Facebookseite täglich ins Blatt. Eine durchweg lohnenswerte Angelegenheit, wie man sieht, bei dem Regen!

1. Die Lokalspitze

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An dieser Lokalspitze fehlt das eigentlich Wichtigste, nämlich der Kopf. Aber ich wollte den Lokal-Kollegen, der diese interessante Abhandlung über das Schmelzverhalten von Süßwaren in geschlossenen Autos im Monat Juli verfasst hat, nicht so explizit in die Pfanne hauen. Schließlich kann er auch nichts dafür, dass die Lokalzeitungen besessen davon sind, ihre Mitarbeiter Präsenz zeigen zu lassen – und zwar jeden Tag, auf jeder Seite des Lokalteils, mit einer lustigen Begebenheit, die einem nur ärgerlicherweise als Mitarbeiter eines Lokalteils nicht jeden Tag über den Weg läuft. So werden täglich deutschlandweit viele tausend Zeilen mit Berichten über die Krankheiten von Haustieren, Probleme mein Bügeln sowie die Parkplatzsuche gefüllt.

Wer noch nicht wusste, dass man bei Regen besser die Fenster schließt, interessiert sich vielleicht auch für geschmolzene Gummibärchen: Das hat der Lokaljournalismus wirklich nicht verdient.

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Denn sie wissen nicht, was sie tun

Als ich noch Volontärin in der westdeutschen Provinz war, lehrte man mich, beim Schreiben immer an die Oma in Schladen zu denken. Schladen war ein Dorf in der Nähe und die Oma nicht näher bekannt; das Ganze diente einfach nur dazu, uns Volos daran zu erinnern, dass der durchschnittliche Leser nur so mittelhelle ist. Was ich wiederum nur so mittel sympathisch fand. Aber was soll man machen als Volontärin, wenn der Chef vorgibt, dass die Oma in Schladen das Wort Airbag nicht begreift und daher vom guten, deutschen Prallkissen zu reden sei?

Ich dachte, dieses den Leser Unterschätzen sei die besondere Eigenheit jener Regionalzeitung gewesen. Bis ich versuchte, mein Time-Abo zu kündigen.

Abgeschlossen hatte ich es vor vielen Monaten, weil ich mir gerne ab und an eines dieser aussterbenden Printprodukte ins Haus kommen lasse und das Abo der Micky Maus gerade ausgelaufen war. Ich bezahlte lächerliche 30 Euro (oder so) und bekam dafür die hässlichste Prämie aller Zeiten sowie regelmäßig ein eingeschweißtes Heft ins Haus. Und irgendwann die Mitteilung, dass ich zu den Glücklichen gehöre, die von der neuen Errungenschaft des sich automatisch verlängernden Abos profitieren dürften: ich bräuchte nichts zu tun, sie würden einfach abbuchen. Was insofern ärgerlich war, als dass ich beim Abschluss bewusst darauf geachtet hatte, dass sich das Abo nicht automatisch verlängert.

Aber woher soll das Time Magazine auch wissen, dass ich mir durchaus Gedanken mache über die Dinge , die ich den ganzen Tag so tue?

Nun denn; irgendwie stornieren sollte doch wohl gehen, dachte ich, und besuchte die Seite des Subscriber Services. Die (Schwierigkeitsstufe 1) in Sachen Schönheit mit der oben angesprochenen Uhr mithalten kann und (Schwierigkeitsstufe 2) in Schriftgröße 5 daherkommt. Zum Glück kenne ich die Tastenkombination, mit der man die Darstellung vergrößert, und bin durch regelmäßige Besuche auf den Internetseiten der Berliner Bezirksverwaltungen – sagen wir mal: an nicht auf optische Reize optimierte Anblicke gewöhnt. Und zum Glück habe ich geistesgegenwärtig mein Tun noch via Screenshot archiviert. Denn eine Bestätigungsmail gab es natürlich nicht.

Dafür fand ich heute, 34 days later, einen Brief im Kasten.

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“Urgent response required to avoid interruption in service” ist auch eine interessante Formulierung, wenn man weiß, dass diese interruption in service von mir ausdrücklich gewünscht wurde.

Aber es kommt noch besser.

Brief

Die Chefin des Leserservice möchte mich also auf eine dringliche Angelegenheit aufmerksam machen: nämlich, dass mein Abo Gefahr läuft, auszulaufen (“Act now while you still have time!” – Knallerwortspiel, by the way). Womit ich natürlich nicht rechnen kann angesichts der Tatsache, dass ich es selbst gekündigt habe.

Liebes Time Magazine. Vielen Dank, dass Ihr mir die Folgen meiner Handlungen zur Kenntnis bringt und dabei so höflich seid, die Handlung selbst völlig unerwähnt zu lassen (“Das ist ihr heute bestimmt peinlich, lieber nicht nochmal ansprechen!”) Dafür ermöglicht ihr mir es, nur noch ein vorausgefülltes Zettelchen unterschreiben und in einem nicht mal zu frankierenden Umschlag zurückschicken zu müssen, und schon können wir alle so tun, als sei dieses schreckliche Missgeschick mit der Kündigung nie passiert und ich bekomme Time für ein weiteres Jahr für 14 Prozent des Ladenpreises. Sowie ein aufziehbares Radio mit angeschlossener Taschenlampe, einen Campingbus, zwei Flugreisen innerhalb der USA, fünf Dosen Hundefutter, ein Radiergummi in Alf-Form und einen Gutschein für dreimal Rasenmähen. Kleiner Scherz; in den 39 Euro, die mich das kosten soll, sind natürlich nur das Jahresabo und das Lampen-Radio enthalten.

Blöd nur, dass ich nun erst recht kündigen möchte. Bzw. hoffen muss, dass ihr schlau genug seid, die Kündigung als das anzuerkennen, was sie war, wenn ich Euch jetzt einfach nie mehr antworte.

Stattdessen abonniere ich, glaube ich, mal die Wendy. Dort gibt es wenigstens sinnvolle Prämien.

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Karl Marx, übernehmen Sie!

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Wir müssen noch mal über diesen Lokaljournalismus sprechen.

Das ist, wir erinnern uns, diese lustige Institution, über die immer alle lachen, weil sie es zu ihrer Aufgabe gemacht hat, die Verteilung größerer Fleischmengen an mehr oder weniger erfolgreiche Schützen zu dokumentieren, den Bürgermeister zu loben und die Fläche dazwischen mit freigestellten wie fragwürdigen Motiven zu füllen.

Na gut, habe ich immer gedacht. Mit gefällt das so nicht, versuche ich es halt anders zu machen. Aber, Knallermeldung: Ich bin mit dieser Einschätzung gar nicht alleine. Nicht mal die Leute, die diese Lokalzeitungen machen, finden diese Art Lokaljournalismus gut. Diesen Eindruck vermittelten sie mir zumindest in diversen Gesprächen, die ich in letzter Zeit mit Lokaljournalisten führen durfte.

Was den Machern an ihren eigenen Zeitungen am wenigsten gefällt? Die belanglosen Themen. Die unkritische Haltung. Die schlecht recherchierten Stücke, in denen oft die simpelsten Informationen fehlen. Und der unzeitgemäße Umgang mit manchen Themen.

(Hat hier jemand Entfremdung gesagt?)

Was man sich darunter konkret vorzustellen hat, dokumentiert seit einziger Zeit ja dankenswerter Weise dieser Tumblr. Alternativ möchte ich dieses Symbolbild zur Verfügung stellen, das den Aufmacher der Wochenendbeilage der Thüringer Allgemeinen aus dem vergangenen August zeigt.

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 Ich nehme an, das Problem wird so deutlich.

Doch warum erstellen nun Journalisten Produkte, die sie offenbar selbst schrecklich finden? Zwei einfache Gründe: Sie haben keine Zeit, aber Angst.

Denn in deutschen Lokalredaktionen ist es offenbar mittlerweile üblich, dass ein Redakteur eine ganze Seite verantwortet, und zwar allein. Und ja, diese Zeitungen erscheinen täglich und nein, eine Armada an freien Autoren steht in den seltensten Fällen zur Verfügung, um Texte zuzuliefern. Das übernehmen dafür Pressestellen und die Vereinsmitglieder, die in der Grundschule meist die passabelsten Reizwortgeschichten abgeliefert haben.

Wer wollte es den Kollegen da vorwerfen, dass die sechs Texte, die sie pro Tag auf ihre Seite über eine 3.000-Seelen-Gemeinde kloppen, nicht immer top-recherchiert, unabhängig und super-relevant sind?

Der Grund für dieses schlechte Seiten-Redakteurs-Verhältnis liegt natürlich im nimmermüden Sparwillen der Verlage. Die sich dann wundern, dass ihre Sparflammen-Blätter keine Leser mehr finden und die Schuld beim Internet suchen. Denn wenn der Bauer nicht schwimmen kann, ist die Badehose… aber lassen wir das. Die Sache mit der Angst ist ja noch offen.

Denn ja – und das finde ich fast noch beunruhigender: die Redakteure haben Angst vor ihrem Chef. (Ganz recht, das haben sie mir gegenüber so offen formuliert). Schließlich könnte der sie ja entlassen, wenn sie mal vorsichtig Kritik an seiner neuesten Aufmacheridee äußern, und wer einmal entlassen ist, der bekommt im Journalismus derzeit kein Bein mehr an den Boden. So die wohl nicht ganz unberechtigte Sorge der Kollegen.

Die Frage, was das für Chefs sind, die sich offenbar gerne mit einer Aura des Schreckens umgeben und nichts von einer offenen Diskussionskultur zur Verbesserung der eigenen Arbeit halten, lasse ich mal offen. Was soll ich dazu auch sagen? Ich habe als Freiberuflerin keine Ahnung von Chefs.

Geradezu schlimm finde ich aber, dass sie damit offenbar ihren Mitarbeitern das Rückgrat und den Mut zum Widerspruch brechen (und die das mal so hinnehmen). Dabei kann man beides ziemlich gut gebrauchen, so als Journalist im Interview mit dem lokalen Wirtschaftsboss, nur zum Beispiel.

Womit wir zusammenfassen können: Lokaljournalismus ist nur so schlimm, weil die Kollegen unterbezahlt, überarbeitet und rückenleidend sind. Zumindest erklären sie es sich selbst so. Und Stromberg hat uns tatsächlich ein realistisches Bild von Chefs vermittelt.

Das Lokale selbst kann – ich wiederhole mich –  nichts dafür.

(Noch mehr Lokaljournalismus-Meinungen gibt es dann übrigens Dienstag ab 12.30 Uhr auf der Re:publica. Nur falls sich jemand fragt, wie ich jetzt so plötzlich auf all das komme.)

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Sätze seltsamer Schönheit

“Nach zehn Jahren ist das deutsche Volk reif für ein Outing. Sprich: Ja, wir gucken das Dschungelcamp, und das ist auch gut so. Wir wollen unsere Leidenschaft für die intellektuellen Sparflammen in der Gesellschaft nicht länger verbergen, wir haben ein Herz für textilarme Ösi-Zicken, und wir freuen uns, wenn die C-Promis mal wieder Pech beim Denken haben. Anders ist die Quote auch nicht zu erklären. Gudrun Altrogge über zwei besonders prachtvolle Objekte unserer Begierde vor und nach ihrer Ankunft im Dschungel.”

So begann am gestrigen Sonntagabend Spiegel TV, das es sich natürlich nicht nehmen ließ, von den Millionen Dschungel-Fans profitieren zu wollen und als ersten Beitrag ein paar wahllos zusammengekippte Aufnahmen aus dem Expolosiv-Archiv zu senden, auf denen zwei der Dschungel-Kanditaten zu sehen waren.

Wenn ich das Zitat oben kurz übersetzen darf:

“Was gäben wir dafür, so witzig und sprachgewandt zu sein wie die Autoren von ,Ich bin ein Star, holt mich hier raus’. Doch wir sind halt nur der Gnadenhof für Texter von ,Bauer sucht Frau’.”

Wer sich die Sendung trotzdem nochmal anschauen mag, kann das hier tun. Sachdienliche Hinweise, warum Winfried Glatzeder beim Probeliegen in einem Sarg gefilmt wurde, bitte an mich.

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Wo die wilden Menschen wohnen

In meiner Welt gilt es über Weihnachten zwei Dinge vorrangig zu erledigen, nämlich gute Bücher zu lesen und schlechte Filme zu schauen. Damit Ersteres gut gelingt, hilft es, rechtzeitig eine Wunschliste bei Mama zu hinterlegen (Ich kann jetzt “Secondhandzeit” sehr empfehlen). Um Letzteres kümmert sich in Deutschland das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Das ist, wir erinnern uns, diese lustige Bande Fernsehmacher, der wir jeden Monat ordentlich viel Geld geben, damit sie uns mit unabhängiger Information, Bildung und Unterhaltung versorgt, wobei offenbar niemals alle drei Sachen gleichzeitig gelten dürfen und somit etwa eine Unterhaltungssendung unter keinen Umständen informativ oder bildend sein darf.

Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären, wie die ARD es am Sonntagabend schaffte, eine Sendung namens “Traumhotel: Peking” zu senden, in der zwar oft ein Traumhotel zu sehen war (wenn denn ein Hotel mit Marmorfliesen der Traum ist), jedoch eine Stadt, die aufgrund akuten Smog- und Menschenmangels höchstens Peking in Brandenburg hätte sein können. Wogegen jedoch sprach, dass die ausschließliche Fortbewegungsform so aussah:

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(Besonders schnell fährt der Fahrer übrigens, wenn ihm Peter Weck aufmunternd auf den Rücken klopft und “Allez” dazu ruft. Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien!) Taxis machen in einer Stadt von der Größe Pekings ja auch gar keinen Sinn.

Und ein alter Mann so:

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Internationale Castingagenturen verzweifeln ja mittlerweile daran, dass deutsche Fernsehsendungen bei der Auswahl alternder Chinesen darauf bestehen, dass diese nur einen Zahn zu besitzen haben. Aber was soll man machen? Der deutsche Zuschauer will es halt so: Nur echt mit dem einen Zahn.

Und als zum großen Finale das zwischenzeitlich getrennte junge, deutsch-chinesische Paar heiratete, sah das selbstverständlich so aus:

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Junge Großstädter sind halt bekannt dafür, alte Traditionen bis ins letzte Detail fortzuführen. Und wenn Sie sich jetzt fragen, ob der junge Mann im Rollstuhl links im Bild am Ende wieder laufen kann: Selbstverständlich.

Ja, arbeite ich mich hier gerade wirklich am Bild von anderen Kulturen in deutschen Fernsehfilmen ab? Ganz recht: Einer muss es ja mal machen. Was uns direkt zum zweiten deutschen Fernsehen sowie Beispiel des Tages bringt, dem Traumschiff.

Dort reiste man an Neujahr nach Perth, und wenn man schon in Australien ist, will man selbstverständlich auch Australier treffen, und zwar in der Wüste, wo sie natürlich unerwarteter Weise drei gestrandete Reisende hinter einem Hügel erwarten, und das sieht dann so aus:

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Natürlich freunden sich Eingeborene und Reisende gleich an, und schon nach wenigen Stunden sprechen sie die gleiche Sprache – nun gut, zumindest Zeichensprache.

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Was die Frau links gerade gestikuliert bedeutet übrigens in etwa, dass die Aborigines auf dem Traumschiff angerufen haben und schon morgen früh von dort ein Jeep geschickt wird, um die verschollenen Damen von den Wilden wieder abzuholen.

Die Bilder, wo drei deutsche Frauen unrhythmisch diese sprachlich völlig unterentwickelten Ureinwohner beim Tanz beklatschen, erspare ich uns hier jetzt.

Dafür habe ich zum Schluss noch zwei Dinge, die ich wirklich beim Traumschiff gelernt habe: Australien mag zwar groß sein. Aber auf seiner Landkarte ist dennoch Richy’s Hot-Dog-Stand eingezeichnet, wo der berüchtigte Koala-Händler vermutlich zuletzt Station gemacht hat. Er befindet sich hier, etwa 1000 Kilometer nördlich von Perth.

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Und die Macher des Traumschiffs haben zwar von vielen leicht, sagen wir kolonialistische Vorstellungen. Wer auf ihrem Schiff arbeitet, ist ihnen allerdings ziemlich klar.

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Screenshots: www.mediathek.daserste.de / www.zdf.de/ZDFmediathek

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Achtung, frisch gestrichen

Halt, stopp, hiergeblieben! Laufen Sie nicht weg! Auch wenn es so ganz anders aussieht als bisher, ist es doch weiterhin das kleine, stets gutgelaunte Blog mit dem Affen, das Sie bisher hier vorfanden. Das Jahr 2010 hat nur angerufen und wollte sein Layout zurück. Daher sieht es jetzt so neu hier aus.

Das wollte ich nur schnell durchgeben. Die üblichen Vorsätze, dass es sich im neues Design in Zukunft sicher auch wieder öfter schreibt, müssen Sie sich an dieser Stelle dazudenken.

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Wer hat denn nun immer recht?

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Heute Vormittag habe ich mir mal das neue Museum in der Kulturbrauerei angesehen – selbstverständlich beruflich, wer kann schon vormittags einfach ins Museum gehen? (Gut, ich war da, ich kann die Frage beantworten: Rentner, Schulklassen, pensionierte Oberstudienräte, hatte ich schon Rentner gesagt? und urbane Penner wie ich.)

“Alltag in der DDR” heißt das gute Stück, stammt von der Stiftung Haus der Geschichte aus Bonn, muss Unmengen an Geld verschlungen haben und bezieht seine Existenzberechtigung daraus, dass es im Gegensatz zum privaten DDR-Museum ohne Klischees, dafür wissenschaftlich sein möchte.

Gezeigt werden folglich: Ein Trabi mit Zelt auf dem Dach, Unmengen an Tempo-Bohnen, Schnatterinchen, ein großes Honecker-Foto und im Hintergrund läuft wahlweise “Das Lied der Partei” oder irgendwas von Udo Lindenberg. Wäre Kati Witt im FDJ-Hemd aus der Original-Schrankwand gesprungen, Olli Geißen hätte sofort mit der Moderation einer weiteren DDR-Nostalie-Show vor Ort beginnen können. Oder könnte es noch. Die Ausstellung soll ja von Dauer sein.

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Nun sind wir Berliner ja an die Verschwendung von Steuern (fühlen die sich eigentlich einsam, wenn man sie ohne ihr Anhängsel “-gelder” verwendet?) gewöhnt, und eine Investition mehr in eine Privatfernsehkulisse soll da nicht stören. Aber wir müssen noch über die wissenschaftlich fundierten Texte sprechen, und da wird es dann doch etwas ärgerlich.

Ich zitiere aus der Erinnerung: Die Häuser waren grau. Die Fassaden waren grau. Die Straßen waren grau. Die Autos waren grau. Fürs Essen musste man immer Schlange stehen. Immer. Es gab kaum Essen. Es gab keine Kleidung. Es herrschte Mangel an allem. Die Häuser waren grau. Die Wohnungen hatten kein fließendes Wasser. Die Mode war grau. Es herrschte Mangel. Sagte ich schon, dass die Häuser grau waren?

Und, das beste: Der Sozialismus drang tief ins Privatleben ein und das führte dazu, dass 1959 sogar das Kleingartenidyll organisert werden musste und der Verband der Kleingärtner gegründet wurde. Ich meine: Hallo?! Kleingärtner? Organisiert in einem Verband? Das hätte es im Westen… oh, Moment: Wir sprechen von Kleingärtnern? Den Typen, die sich selbst gegenseitig vorschreiben, wie viel Rasenfläche so ein Garten zu haben hat und nach welcher Himmelsrichtung die Gartenzwerge ausgerichtet werden?

Sie merken, worauf ich hinauswill: Es war ja nicht alles schlecht  Ich werde den Eindruck nicht los, dass diese Ausstellung, die mitten in Prenzlauer Berg liegt, ausschließlich von Bonn aus konzipiert wurde.

Eine Einschätzung, mit der ich übrigens nicht alleine bin. Im Gästebuch haben viele vermerkt, dass sie als Ostdeutsche, ohne die Diktatur verharmlosen zu wollen, sich auch vor der Wende herausgenommen hätten, das ein oder andere Mal glücklich zu sein, und sie sich in dieser Ausstellung folglich so gar nicht wiederfänden. Was jemanden dazu ermutigte, das Buch zu redigieren – ich nehme mir mal die Freiheit, das hier zu dokumentieren:

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Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Und wer schreibt, dass seine Kinder Hobbys hatten und er auch in der DDR mal zufrieden war, muss bei der Stasi gewesen sein.

Sagte ich schon, dass die Ausstellung zeigen möchte, dass auch in der DDR, ich zitiere, “nicht alles schwarz und weiß war”?

Da ist dann wohl noch Optimierungsbedarf. Long way to go, Ostwestdeutschland.

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1 und 1 macht 4

Unlängst hatte ich einen unplanmäßigen längeren Aufenthalt im schönen Büchen. Dort muss man umsteigen, wenn man mit dem Zug von Berlin nach Lübeck reist, und wenn die Deutsche Bahn das macht, was man von ihr erwartet, darf man dort ein bisschen länger auf dem Bahnsteig stehen. Und sich wundern, wie man es schafft, drei Gleise so unglücklich zueinander anzuordnen, dass man, um von A nach C zu kommen, Bahnsteig B komplett abschreiten und zudem einen mikroskopisch kleinen Bahnübergang überqueren muss – nur echt mit dauergeschlossener Schranke.

Aber was ich eigentlich sagen will: Ich glaube, die Bahnsteige in Büchen haben die Illuminaten nummeriert.

Büchen

Oder die Nummerierung musste aus alten Reichsbahnbeständen erfolgen und da waren beliebte Zahlen wie “2” und “3” natürlich schon aus.

Oder wenn man drei Einsen und drei Vieren kauft, dann bekommt man zwei Nullen kostenlos.

(Und ja, die anderen Straßen der Weltstadt Büchen heißen selbstverständlich Am Bahndamm, Kirchenstraße, Schulweg sowie nach den Städten, in die sie führen. Ich habe das recherchiert.)

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It’s Arrested Development

Unlängst war ich zu Gast in einer privaten Medienhochschule, um über meine Arbeit bei der Zeitung zu berichten, die wir Prenzlette nennen.

In den Berliner Unis, die ich besucht habe, waren die Räume stets überfüllt, manche hatten statt Fenstern eine nicht funktionierende Lüftung und mancher Hörsaal im Hauptgebäude der HU hatte so bedenkliche Risse in den Wänden, dass mich sehr wundert, das es immer noch steht. Der Fahrstuhl im Haus L der Publizisten in Lankwitz blieb öfter stecken, als dass er fuhr, die Bibliothek hatte noch ein Karteikartensystem. Und ja, überraschender Weise stammen meine Erfahrungen aus diesem Jahrtausend.

Doch ich schweife ab.

Wir saßen also in einem mit technischer Finesse ausgestatteten Raum, der mir als Studio vorgestellt wurde. Alle duzten sich, es gab Kaffee aus riesigen Tassen und irgendwann fragte eine Studentin, ob ich es denn als wichtig erachte, dass Redaktionen auch als Spiegel der Gesellschaft besetzt seien. Ich musste kurz nachfragen, ob ich das richtige verstanden hätte, dass Menschen aus allen Schichten Journalist werden können sollten? Ja genau. Gute Frage.

Denn ja, das finde ich. Aber ich glaube, es funktioniert gerade nicht.

Ich saß, wie gesagt, in den schicken Räumen einer privaten Medienschule. Die Ausbildung dort, ich habe gegoogelt, kostet mehr als 600 Euro. Pro Monat. Dieser Weg ist also schonmal ziemlich vielen jungen Leuten verschlossen. (Gut, dass die Studenten dort immerhin solche Fragen stellen, finde ich. Doch das nur am Rande.)

Der Besuch meiner oben beschriebenen staatlichen Unis war kostenlos. Damit das auch so bleibt, haben wir gefühlt ein Semester lang auf dem Alex gecampt. Doch im Journalismus ist das gebührenfreie Studium nur die halbe Miete. Denn zwischen Uni und Job stehen im Zweifel Praktika und Volontariat. Wer da nicht eine spendable Oma oder freundliche Eltern hat, der kommt hier nicht durch.

Nachdem ich mit der Uni fertig war und bevor ich mich endlich getraut habe, mich selbstständig zu machen, habe ich diverse gar nicht oder schlecht bezahlte Praktika gemacht – natürlich Vollzeit. Wenn meine Eltern mich damals nicht unterstützt hätten, hätte ich das mit dem Journalismus mal gleich lassen können.

Irgendwann habe ich dank der Praktika einen Volontariatsplatz bekommen, der mir zwar 500 Euro weniger als tariflich vorgesehen einbrachte, aber immerhin Miete, Essen und Diverses bezahlte. Sogar ein Eis konnte mir davon ab und leisten. Nur für den Kauf eines Autos hat es nicht gereicht. Dabei war meine weitere berufliche Zukunft gerade davon abhängig, weil ein Volontariat bei einer Lokalzeitung nicht ohne Auto geht, und das ist natürlich selbst mitzubringen. Auch hier konnten mir, mein Glück, nochmal meine Eltern aushelfen.

Es ist nicht so, als sei ich nicht der Meinung, spätestens nach dem Studienabschluss sollte man auch ohne Muttis finanzielle Hilfe über die Runden kommen. Aber ich hatte mir blöder Weise in den Kopf gesetzt, Journalistin zu werden, und dachte damals noch, dazu gehöre wohl ein Volontariat. Ohne (unbezahlte) Praktika im Lebenslauf aber kein Volo, kein Volo ohne Auto – und jetzt kommt endlich der Teil, in dem ich mich darüber aufrege, dass unter diesen Bedingungen nur westdeutsche Akademikerkinder in den Beruf kommen, und dass ihm das schadet.

Ich mag mich irren, aber in meiner privaten Filterblase sieht es genau so aus, dass die Leute mit Akademikereltern samt Vorstadthäuschen im Westen ab und zu mal ein Westpaket (auch in Form von Überweisungen) in Empfang nehmen können. Und diejenigen, deren Eltern statt des Häuschens den Sozialismus aufgebaut haben oder denen man den Unterschied zwischen Vorlesung und Seminar erst erklären muss, eher nicht.

Selbstverständlich ist das ein generelles Problem. Für den Journalismus, um deren Zukunft wir uns eh gerade sorgen, aber ein besonderes. Weil eine gute Zeitung eben davon lebt, dass ihre Autoren verschiedene Perspektiven, Lebenswirklichkeiten und Erfahrungshorizonte mitbringen. Und weil uns das bald fehlt.

Für Abhilfe könnten die Verlage sorgen, indem sie die elendigen Praktika für Menschen mit Uniabschluss, mit dem man aus dem Fördersystem Bafög herausfällt, ganz abschaffen oder wenigstens angemessen bezahlen. Indem sie ihren Volontären ein Tarifgehalt gönnen, das ja okay ist, solange es sich bei dem Volontariat auch um eine Ausbildung handelt und nicht um eine verkappte Redakteursstelle. Und indem sie sich nicht immer neue Möglichkeiten ausdenken, den Nachwuchs möglichst lange in prekären oder gar unbezahlten Strukturen zu halten. Derzeit dienen dazu Volontariate mit mehr als zwei Jahren Laufzeit und obskure Trainee-Stellen, deren schöner Name nur verschleiern soll, dass hier ein Redakteursgehalt gespart wird.

Könnten sich die Verlage dazu durchringen, dann könnte der Journalismus auch wieder den offenen Berufszugang haben, der ihm zusteht, und der ihm gut tut. Derzeit bewegt sich aber nichts.

Bis heute fragen sich Leute, warum eigentlich die SuperIllu in den neuen Bundesländern so gerne gelesen wird. Ich habe mir sagen lassen, dass läge daran, dass viele Ostdeutsche sich in den Themen etablierter Zeitungen mit West-Vergangenheit nicht wiederfänden. Und nein, dies ist nicht der richtige Zeitpunkt für schlechte Witze über unzugängliche ZK-Sprache, sondern einfach ein Hinweis darauf, dass für im Westen Sozialisierte in diesem Jahr der Tod Otfried Preußlers ein Thema war, um im Osten der von Reinhard Lakomy. Zeitungen brauchen Leute, die beides einzuschätzen wissen. So wie Zeitungen Leute brauchen, deren Eltern Schuster oder Frisör oder Fleischfachverkäufer sind und nicht nur Apotheker, Lehrer oder Architekten.

Das alles habe ich den Studenten an der Uni erzählt. Kurz darauf musste ich dann richtigstellen, dass ich jetzt schon lange ohne die Unterstützung meiner Eltern klar komme. Doch dass Journalismus derzeit eine Branche ist, in der sich Vollzeit arbeitende Freiberufler fragen lassen müssen, ob sie denn von Vatis Rente leben, das Fass machen wir dann ein anderes Mal auf.