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Karl Marx, übernehmen Sie!

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Wir müssen noch mal über diesen Lokaljournalismus sprechen.

Das ist, wir erinnern uns, diese lustige Institution, über die immer alle lachen, weil sie es zu ihrer Aufgabe gemacht hat, die Verteilung größerer Fleischmengen an mehr oder weniger erfolgreiche Schützen zu dokumentieren, den Bürgermeister zu loben und die Fläche dazwischen mit freigestellten wie fragwürdigen Motiven zu füllen.

Na gut, habe ich immer gedacht. Mit gefällt das so nicht, versuche ich es halt anders zu machen. Aber, Knallermeldung: Ich bin mit dieser Einschätzung gar nicht alleine. Nicht mal die Leute, die diese Lokalzeitungen machen, finden diese Art Lokaljournalismus gut. Diesen Eindruck vermittelten sie mir zumindest in diversen Gesprächen, die ich in letzter Zeit mit Lokaljournalisten führen durfte.

Was den Machern an ihren eigenen Zeitungen am wenigsten gefällt? Die belanglosen Themen. Die unkritische Haltung. Die schlecht recherchierten Stücke, in denen oft die simpelsten Informationen fehlen. Und der unzeitgemäße Umgang mit manchen Themen.

(Hat hier jemand Entfremdung gesagt?)

Was man sich darunter konkret vorzustellen hat, dokumentiert seit einziger Zeit ja dankenswerter Weise dieser Tumblr. Alternativ möchte ich dieses Symbolbild zur Verfügung stellen, das den Aufmacher der Wochenendbeilage der Thüringer Allgemeinen aus dem vergangenen August zeigt.

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 Ich nehme an, das Problem wird so deutlich.

Doch warum erstellen nun Journalisten Produkte, die sie offenbar selbst schrecklich finden? Zwei einfache Gründe: Sie haben keine Zeit, aber Angst.

Denn in deutschen Lokalredaktionen ist es offenbar mittlerweile üblich, dass ein Redakteur eine ganze Seite verantwortet, und zwar allein. Und ja, diese Zeitungen erscheinen täglich und nein, eine Armada an freien Autoren steht in den seltensten Fällen zur Verfügung, um Texte zuzuliefern. Das übernehmen dafür Pressestellen und die Vereinsmitglieder, die in der Grundschule meist die passabelsten Reizwortgeschichten abgeliefert haben.

Wer wollte es den Kollegen da vorwerfen, dass die sechs Texte, die sie pro Tag auf ihre Seite über eine 3.000-Seelen-Gemeinde kloppen, nicht immer top-recherchiert, unabhängig und super-relevant sind?

Der Grund für dieses schlechte Seiten-Redakteurs-Verhältnis liegt natürlich im nimmermüden Sparwillen der Verlage. Die sich dann wundern, dass ihre Sparflammen-Blätter keine Leser mehr finden und die Schuld beim Internet suchen. Denn wenn der Bauer nicht schwimmen kann, ist die Badehose… aber lassen wir das. Die Sache mit der Angst ist ja noch offen.

Denn ja – und das finde ich fast noch beunruhigender: die Redakteure haben Angst vor ihrem Chef. (Ganz recht, das haben sie mir gegenüber so offen formuliert). Schließlich könnte der sie ja entlassen, wenn sie mal vorsichtig Kritik an seiner neuesten Aufmacheridee äußern, und wer einmal entlassen ist, der bekommt im Journalismus derzeit kein Bein mehr an den Boden. So die wohl nicht ganz unberechtigte Sorge der Kollegen.

Die Frage, was das für Chefs sind, die sich offenbar gerne mit einer Aura des Schreckens umgeben und nichts von einer offenen Diskussionskultur zur Verbesserung der eigenen Arbeit halten, lasse ich mal offen. Was soll ich dazu auch sagen? Ich habe als Freiberuflerin keine Ahnung von Chefs.

Geradezu schlimm finde ich aber, dass sie damit offenbar ihren Mitarbeitern das Rückgrat und den Mut zum Widerspruch brechen (und die das mal so hinnehmen). Dabei kann man beides ziemlich gut gebrauchen, so als Journalist im Interview mit dem lokalen Wirtschaftsboss, nur zum Beispiel.

Womit wir zusammenfassen können: Lokaljournalismus ist nur so schlimm, weil die Kollegen unterbezahlt, überarbeitet und rückenleidend sind. Zumindest erklären sie es sich selbst so. Und Stromberg hat uns tatsächlich ein realistisches Bild von Chefs vermittelt.

Das Lokale selbst kann – ich wiederhole mich –  nichts dafür.

(Noch mehr Lokaljournalismus-Meinungen gibt es dann übrigens Dienstag ab 12.30 Uhr auf der Re:publica. Nur falls sich jemand fragt, wie ich jetzt so plötzlich auf all das komme.)

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Sätze seltsamer Schönheit

“Nach zehn Jahren ist das deutsche Volk reif für ein Outing. Sprich: Ja, wir gucken das Dschungelcamp, und das ist auch gut so. Wir wollen unsere Leidenschaft für die intellektuellen Sparflammen in der Gesellschaft nicht länger verbergen, wir haben ein Herz für textilarme Ösi-Zicken, und wir freuen uns, wenn die C-Promis mal wieder Pech beim Denken haben. Anders ist die Quote auch nicht zu erklären. Gudrun Altrogge über zwei besonders prachtvolle Objekte unserer Begierde vor und nach ihrer Ankunft im Dschungel.”

So begann am gestrigen Sonntagabend Spiegel TV, das es sich natürlich nicht nehmen ließ, von den Millionen Dschungel-Fans profitieren zu wollen und als ersten Beitrag ein paar wahllos zusammengekippte Aufnahmen aus dem Expolosiv-Archiv zu senden, auf denen zwei der Dschungel-Kanditaten zu sehen waren.

Wenn ich das Zitat oben kurz übersetzen darf:

“Was gäben wir dafür, so witzig und sprachgewandt zu sein wie die Autoren von ,Ich bin ein Star, holt mich hier raus’. Doch wir sind halt nur der Gnadenhof für Texter von ,Bauer sucht Frau’.”

Wer sich die Sendung trotzdem nochmal anschauen mag, kann das hier tun. Sachdienliche Hinweise, warum Winfried Glatzeder beim Probeliegen in einem Sarg gefilmt wurde, bitte an mich.

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Wo die wilden Menschen wohnen

In meiner Welt gilt es über Weihnachten zwei Dinge vorrangig zu erledigen, nämlich gute Bücher zu lesen und schlechte Filme zu schauen. Damit Ersteres gut gelingt, hilft es, rechtzeitig eine Wunschliste bei Mama zu hinterlegen (Ich kann jetzt “Secondhandzeit” sehr empfehlen). Um Letzteres kümmert sich in Deutschland das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Das ist, wir erinnern uns, diese lustige Bande Fernsehmacher, der wir jeden Monat ordentlich viel Geld geben, damit sie uns mit unabhängiger Information, Bildung und Unterhaltung versorgt, wobei offenbar niemals alle drei Sachen gleichzeitig gelten dürfen und somit etwa eine Unterhaltungssendung unter keinen Umständen informativ oder bildend sein darf.

Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären, wie die ARD es am Sonntagabend schaffte, eine Sendung namens “Traumhotel: Peking” zu senden, in der zwar oft ein Traumhotel zu sehen war (wenn denn ein Hotel mit Marmorfliesen der Traum ist), jedoch eine Stadt, die aufgrund akuten Smog- und Menschenmangels höchstens Peking in Brandenburg hätte sein können. Wogegen jedoch sprach, dass die ausschließliche Fortbewegungsform so aussah:

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(Besonders schnell fährt der Fahrer übrigens, wenn ihm Peter Weck aufmunternd auf den Rücken klopft und “Allez” dazu ruft. Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien!) Taxis machen in einer Stadt von der Größe Pekings ja auch gar keinen Sinn.

Und ein alter Mann so:

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Internationale Castingagenturen verzweifeln ja mittlerweile daran, dass deutsche Fernsehsendungen bei der Auswahl alternder Chinesen darauf bestehen, dass diese nur einen Zahn zu besitzen haben. Aber was soll man machen? Der deutsche Zuschauer will es halt so: Nur echt mit dem einen Zahn.

Und als zum großen Finale das zwischenzeitlich getrennte junge, deutsch-chinesische Paar heiratete, sah das selbstverständlich so aus:

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Junge Großstädter sind halt bekannt dafür, alte Traditionen bis ins letzte Detail fortzuführen. Und wenn Sie sich jetzt fragen, ob der junge Mann im Rollstuhl links im Bild am Ende wieder laufen kann: Selbstverständlich.

Ja, arbeite ich mich hier gerade wirklich am Bild von anderen Kulturen in deutschen Fernsehfilmen ab? Ganz recht: Einer muss es ja mal machen. Was uns direkt zum zweiten deutschen Fernsehen sowie Beispiel des Tages bringt, dem Traumschiff.

Dort reiste man an Neujahr nach Perth, und wenn man schon in Australien ist, will man selbstverständlich auch Australier treffen, und zwar in der Wüste, wo sie natürlich unerwarteter Weise drei gestrandete Reisende hinter einem Hügel erwarten, und das sieht dann so aus:

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Natürlich freunden sich Eingeborene und Reisende gleich an, und schon nach wenigen Stunden sprechen sie die gleiche Sprache – nun gut, zumindest Zeichensprache.

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Was die Frau links gerade gestikuliert bedeutet übrigens in etwa, dass die Aborigines auf dem Traumschiff angerufen haben und schon morgen früh von dort ein Jeep geschickt wird, um die verschollenen Damen von den Wilden wieder abzuholen.

Die Bilder, wo drei deutsche Frauen unrhythmisch diese sprachlich völlig unterentwickelten Ureinwohner beim Tanz beklatschen, erspare ich uns hier jetzt.

Dafür habe ich zum Schluss noch zwei Dinge, die ich wirklich beim Traumschiff gelernt habe: Australien mag zwar groß sein. Aber auf seiner Landkarte ist dennoch Richy’s Hot-Dog-Stand eingezeichnet, wo der berüchtigte Koala-Händler vermutlich zuletzt Station gemacht hat. Er befindet sich hier, etwa 1000 Kilometer nördlich von Perth.

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Und die Macher des Traumschiffs haben zwar von vielen leicht, sagen wir kolonialistische Vorstellungen. Wer auf ihrem Schiff arbeitet, ist ihnen allerdings ziemlich klar.

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Screenshots: www.mediathek.daserste.de / www.zdf.de/ZDFmediathek

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Achtung, frisch gestrichen

Halt, stopp, hiergeblieben! Laufen Sie nicht weg! Auch wenn es so ganz anders aussieht als bisher, ist es doch weiterhin das kleine, stets gutgelaunte Blog mit dem Affen, das Sie bisher hier vorfanden. Das Jahr 2010 hat nur angerufen und wollte sein Layout zurück. Daher sieht es jetzt so neu hier aus.

Das wollte ich nur schnell durchgeben. Die üblichen Vorsätze, dass es sich im neues Design in Zukunft sicher auch wieder öfter schreibt, müssen Sie sich an dieser Stelle dazudenken.

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Wer hat denn nun immer recht?

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Heute Vormittag habe ich mir mal das neue Museum in der Kulturbrauerei angesehen – selbstverständlich beruflich, wer kann schon vormittags einfach ins Museum gehen? (Gut, ich war da, ich kann die Frage beantworten: Rentner, Schulklassen, pensionierte Oberstudienräte, hatte ich schon Rentner gesagt? und urbane Penner wie ich.)

“Alltag in der DDR” heißt das gute Stück, stammt von der Stiftung Haus der Geschichte aus Bonn, muss Unmengen an Geld verschlungen haben und bezieht seine Existenzberechtigung daraus, dass es im Gegensatz zum privaten DDR-Museum ohne Klischees, dafür wissenschaftlich sein möchte.

Gezeigt werden folglich: Ein Trabi mit Zelt auf dem Dach, Unmengen an Tempo-Bohnen, Schnatterinchen, ein großes Honecker-Foto und im Hintergrund läuft wahlweise “Das Lied der Partei” oder irgendwas von Udo Lindenberg. Wäre Kati Witt im FDJ-Hemd aus der Original-Schrankwand gesprungen, Olli Geißen hätte sofort mit der Moderation einer weiteren DDR-Nostalie-Show vor Ort beginnen können. Oder könnte es noch. Die Ausstellung soll ja von Dauer sein.

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Nun sind wir Berliner ja an die Verschwendung von Steuern (fühlen die sich eigentlich einsam, wenn man sie ohne ihr Anhängsel “-gelder” verwendet?) gewöhnt, und eine Investition mehr in eine Privatfernsehkulisse soll da nicht stören. Aber wir müssen noch über die wissenschaftlich fundierten Texte sprechen, und da wird es dann doch etwas ärgerlich.

Ich zitiere aus der Erinnerung: Die Häuser waren grau. Die Fassaden waren grau. Die Straßen waren grau. Die Autos waren grau. Fürs Essen musste man immer Schlange stehen. Immer. Es gab kaum Essen. Es gab keine Kleidung. Es herrschte Mangel an allem. Die Häuser waren grau. Die Wohnungen hatten kein fließendes Wasser. Die Mode war grau. Es herrschte Mangel. Sagte ich schon, dass die Häuser grau waren?

Und, das beste: Der Sozialismus drang tief ins Privatleben ein und das führte dazu, dass 1959 sogar das Kleingartenidyll organisert werden musste und der Verband der Kleingärtner gegründet wurde. Ich meine: Hallo?! Kleingärtner? Organisiert in einem Verband? Das hätte es im Westen… oh, Moment: Wir sprechen von Kleingärtnern? Den Typen, die sich selbst gegenseitig vorschreiben, wie viel Rasenfläche so ein Garten zu haben hat und nach welcher Himmelsrichtung die Gartenzwerge ausgerichtet werden?

Sie merken, worauf ich hinauswill: Es war ja nicht alles schlecht  Ich werde den Eindruck nicht los, dass diese Ausstellung, die mitten in Prenzlauer Berg liegt, ausschließlich von Bonn aus konzipiert wurde.

Eine Einschätzung, mit der ich übrigens nicht alleine bin. Im Gästebuch haben viele vermerkt, dass sie als Ostdeutsche, ohne die Diktatur verharmlosen zu wollen, sich auch vor der Wende herausgenommen hätten, das ein oder andere Mal glücklich zu sein, und sie sich in dieser Ausstellung folglich so gar nicht wiederfänden. Was jemanden dazu ermutigte, das Buch zu redigieren – ich nehme mir mal die Freiheit, das hier zu dokumentieren:

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Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Und wer schreibt, dass seine Kinder Hobbys hatten und er auch in der DDR mal zufrieden war, muss bei der Stasi gewesen sein.

Sagte ich schon, dass die Ausstellung zeigen möchte, dass auch in der DDR, ich zitiere, “nicht alles schwarz und weiß war”?

Da ist dann wohl noch Optimierungsbedarf. Long way to go, Ostwestdeutschland.

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1 und 1 macht 4

Unlängst hatte ich einen unplanmäßigen längeren Aufenthalt im schönen Büchen. Dort muss man umsteigen, wenn man mit dem Zug von Berlin nach Lübeck reist, und wenn die Deutsche Bahn das macht, was man von ihr erwartet, darf man dort ein bisschen länger auf dem Bahnsteig stehen. Und sich wundern, wie man es schafft, drei Gleise so unglücklich zueinander anzuordnen, dass man, um von A nach C zu kommen, Bahnsteig B komplett abschreiten und zudem einen mikroskopisch kleinen Bahnübergang überqueren muss – nur echt mit dauergeschlossener Schranke.

Aber was ich eigentlich sagen will: Ich glaube, die Bahnsteige in Büchen haben die Illuminaten nummeriert.

Büchen

Oder die Nummerierung musste aus alten Reichsbahnbeständen erfolgen und da waren beliebte Zahlen wie “2″ und “3″ natürlich schon aus.

Oder wenn man drei Einsen und drei Vieren kauft, dann bekommt man zwei Nullen kostenlos.

(Und ja, die anderen Straßen der Weltstadt Büchen heißen selbstverständlich Am Bahndamm, Kirchenstraße, Schulweg sowie nach den Städten, in die sie führen. Ich habe das recherchiert.)

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It’s Arrested Development

Unlängst war ich zu Gast in einer privaten Medienhochschule, um über meine Arbeit bei der Zeitung zu berichten, die wir Prenzlette nennen.

In den Berliner Unis, die ich besucht habe, waren die Räume stets überfüllt, manche hatten statt Fenstern eine nicht funktionierende Lüftung und mancher Hörsaal im Hauptgebäude der HU hatte so bedenkliche Risse in den Wänden, dass mich sehr wundert, das es immer noch steht. Der Fahrstuhl im Haus L der Publizisten in Lankwitz blieb öfter stecken, als dass er fuhr, die Bibliothek hatte noch ein Karteikartensystem. Und ja, überraschender Weise stammen meine Erfahrungen aus diesem Jahrtausend.

Doch ich schweife ab.

Wir saßen also in einem mit technischer Finesse ausgestatteten Raum, der mir als Studio vorgestellt wurde. Alle duzten sich, es gab Kaffee aus riesigen Tassen und irgendwann fragte eine Studentin, ob ich es denn als wichtig erachte, dass Redaktionen auch als Spiegel der Gesellschaft besetzt seien. Ich musste kurz nachfragen, ob ich das richtige verstanden hätte, dass Menschen aus allen Schichten Journalist werden können sollten? Ja genau. Gute Frage.

Denn ja, das finde ich. Aber ich glaube, es funktioniert gerade nicht.

Ich saß, wie gesagt, in den schicken Räumen einer privaten Medienschule. Die Ausbildung dort, ich habe gegoogelt, kostet mehr als 600 Euro. Pro Monat. Dieser Weg ist also schonmal ziemlich vielen jungen Leuten verschlossen. (Gut, dass die Studenten dort immerhin solche Fragen stellen, finde ich. Doch das nur am Rande.)

Der Besuch meiner oben beschriebenen staatlichen Unis war kostenlos. Damit das auch so bleibt, haben wir gefühlt ein Semester lang auf dem Alex gecampt. Doch im Journalismus ist das gebührenfreie Studium nur die halbe Miete. Denn zwischen Uni und Job stehen im Zweifel Praktika und Volontariat. Wer da nicht eine spendable Oma oder freundliche Eltern hat, der kommt hier nicht durch.

Nachdem ich mit der Uni fertig war und bevor ich mich endlich getraut habe, mich selbstständig zu machen, habe ich diverse gar nicht oder schlecht bezahlte Praktika gemacht – natürlich Vollzeit. Wenn meine Eltern mich damals nicht unterstützt hätten, hätte ich das mit dem Journalismus mal gleich lassen können.

Irgendwann habe ich dank der Praktika einen Volontariatsplatz bekommen, der mir zwar 500 Euro weniger als tariflich vorgesehen einbrachte, aber immerhin Miete, Essen und Diverses bezahlte. Sogar ein Eis konnte mir davon ab und leisten. Nur für den Kauf eines Autos hat es nicht gereicht. Dabei war meine weitere berufliche Zukunft gerade davon abhängig, weil ein Volontariat bei einer Lokalzeitung nicht ohne Auto geht, und das ist natürlich selbst mitzubringen. Auch hier konnten mir, mein Glück, nochmal meine Eltern aushelfen.

Es ist nicht so, als sei ich nicht der Meinung, spätestens nach dem Studienabschluss sollte man auch ohne Muttis finanzielle Hilfe über die Runden kommen. Aber ich hatte mir blöder Weise in den Kopf gesetzt, Journalistin zu werden, und dachte damals noch, dazu gehöre wohl ein Volontariat. Ohne (unbezahlte) Praktika im Lebenslauf aber kein Volo, kein Volo ohne Auto – und jetzt kommt endlich der Teil, in dem ich mich darüber aufrege, dass unter diesen Bedingungen nur westdeutsche Akademikerkinder in den Beruf kommen, und dass ihm das schadet.

Ich mag mich irren, aber in meiner privaten Filterblase sieht es genau so aus, dass die Leute mit Akademikereltern samt Vorstadthäuschen im Westen ab und zu mal ein Westpaket (auch in Form von Überweisungen) in Empfang nehmen können. Und diejenigen, deren Eltern statt des Häuschens den Sozialismus aufgebaut haben oder denen man den Unterschied zwischen Vorlesung und Seminar erst erklären muss, eher nicht.

Selbstverständlich ist das ein generelles Problem. Für den Journalismus, um deren Zukunft wir uns eh gerade sorgen, aber ein besonderes. Weil eine gute Zeitung eben davon lebt, dass ihre Autoren verschiedene Perspektiven, Lebenswirklichkeiten und Erfahrungshorizonte mitbringen. Und weil uns das bald fehlt.

Für Abhilfe könnten die Verlage sorgen, indem sie die elendigen Praktika für Menschen mit Uniabschluss, mit dem man aus dem Fördersystem Bafög herausfällt, ganz abschaffen oder wenigstens angemessen bezahlen. Indem sie ihren Volontären ein Tarifgehalt gönnen, das ja okay ist, solange es sich bei dem Volontariat auch um eine Ausbildung handelt und nicht um eine verkappte Redakteursstelle. Und indem sie sich nicht immer neue Möglichkeiten ausdenken, den Nachwuchs möglichst lange in prekären oder gar unbezahlten Strukturen zu halten. Derzeit dienen dazu Volontariate mit mehr als zwei Jahren Laufzeit und obskure Trainee-Stellen, deren schöner Name nur verschleiern soll, dass hier ein Redakteursgehalt gespart wird.

Könnten sich die Verlage dazu durchringen, dann könnte der Journalismus auch wieder den offenen Berufszugang haben, der ihm zusteht, und der ihm gut tut. Derzeit bewegt sich aber nichts.

Bis heute fragen sich Leute, warum eigentlich die SuperIllu in den neuen Bundesländern so gerne gelesen wird. Ich habe mir sagen lassen, dass läge daran, dass viele Ostdeutsche sich in den Themen etablierter Zeitungen mit West-Vergangenheit nicht wiederfänden. Und nein, dies ist nicht der richtige Zeitpunkt für schlechte Witze über unzugängliche ZK-Sprache, sondern einfach ein Hinweis darauf, dass für im Westen Sozialisierte in diesem Jahr der Tod Otfried Preußlers ein Thema war, um im Osten der von Reinhard Lakomy. Zeitungen brauchen Leute, die beides einzuschätzen wissen. So wie Zeitungen Leute brauchen, deren Eltern Schuster oder Frisör oder Fleischfachverkäufer sind und nicht nur Apotheker, Lehrer oder Architekten.

Das alles habe ich den Studenten an der Uni erzählt. Kurz darauf musste ich dann richtigstellen, dass ich jetzt schon lange ohne die Unterstützung meiner Eltern klar komme. Doch dass Journalismus derzeit eine Branche ist, in der sich Vollzeit arbeitende Freiberufler fragen lassen müssen, ob sie denn von Vatis Rente leben, das Fass machen wir dann ein anderes Mal auf.

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Bilder einer Wahl

Am zugegebener Maßen schon vorgestrigen Montag hatte die ARD einen Brennpunkt im Programm. Wieso denn bloß? Ein Erklärungsversuch in fünf Bildern.

CDU

Schwarz-Grün verleiht Flügel. Schwarz-Rot auch. Beides macht Angela Merkel definitiv zur Besitzerin eines wunderschönen weißen Federschmucks. Einziges Problem: Sie sieht damit zum einen ein bisschen aus wie Michael, zum anderen lassen die neuen Flügel keinen Platz für einen Koalitionspartner neben ihr. Falls wir sie demnächst also ganz alleine mit gesenktem Kopf auf der Siegessäule stehen sehen, wissen wir, warum.

***

CPD

Sigmar Gabriel möchte jetzt gerne IOC-Präsident werden. Oder: Sigmar Gabriel wäre jetzt lieber Fisch. Oder: Sigmar Gabriel träumt von einem Schaumbad. Oder: Der Grafiker hat vergessen, die Denkblasen zu beschriften. Dort hätte stehen sollen: “Was zur Hölle?”

 ***

FDP

Die FDP erlag gestern einem plötzlichen Herzversagen.

Ja, ich war erst auch überrascht. Aber natürlich hat die FDP ein Herz! Für Hoteliers.

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Grüne

Nach dem schlechten Wahlergebnis am Sonntag versteckten sich die Spitzenkandidaten der Grünen in einer Kurzschlussreaktion in den Kulissen des “Zauberers von Oz”, der gerade in einer benachbarten Kita aufgeführt wurde.

Einem Urich Deppendorf und seiner Fotografenentourage entgingen sie damit natürlich nicht.

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Hessen

Der hessische Löwe kann schreiben! Und zwar in etwa so gut, wie der Hund bei Loriot sprechen kann.

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Ich hoffe, ich konnte damit einige Fragen klären. Warum Freund Uli D. es für eine gute Idee hielt, sich die Fingerspitzen zusammen zu kleben, erfahren Sie dann nach der nächsten Maus.

Screenshots: www.ardmediathek.de

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Grenzerfahrungen mit dem DJV

Der DJV Berlin hat mir mal wieder geschrieben. Und nein, diesmal geht es nicht darum, dass sich der Ostdeutsche Journalistentag schon wieder jährt und man es beim DJV für eine gute Idee hält, dort eine Diskussion über Sinn und Unsinn des Journalismus in Form einer Sat1-Show aus den 90ern aufzuziehen. (Nein, nicht “Kämpf um Deine Frau”).

Sondern um die fantastischen “32 % Ersparnis für jede gefahrene Minute CITROËN Multicity Carsharing”, die mir als “exklusive Vorzugskonditionen” angeboten werden. Oder, in anderen Worten: “Das ist die neue Freiheit am Puls der City – zu besonders günstigen Preisen, speziell für Sie!” Die Mail, die mir das Ganze offeriert, kam gerade rein. Ich soll nur schnell den exklusiven Gutscheincode einlösen und schon geht es los.

Lieber DJV. Isch abe gar kein Auto. Und auch kein Interesse an einem. Dafür aber eine verquere Vorstellung davon, was unabhängiger Journalismus ist und dass er sich nicht ganz so gut damit verträgt, dass ich für 32 Prozent weniger Car Sharen kann als andere Menschen mit langweiligen Berufen ohne Presseausweis. Wie Ärzte. Anwälte. Lehrer. Baggerfahrer. Burgerbrater. Berater. Oder sonstige Spaßberufe.

Zwar habe ich natürlich vollstes Verständnis dafür, dass meine, sprechen wir es doch aus, Gewerkschaft sich dafür engagiert, dass ich am Ende des Tages nur annähernd so viel Geld im Portemonnaie habe wie die Angehörigen der oben genannten Berufsgruppen. Aber wenn sich das auch machen ließe, ohne dass ich von Buffet zu Buffet reisen und Journalistenrabattmarken sammeln muss, wäre ich dankbar.

Bevor Du mir also in weiteren Mails mit dem Betreff “Vorzugskonditionen für Mitglieder” Presserabatte bei Audi, BMW, dem Anbieter von Schwimmbekleidung, der städtischen Müllabfuhr oder einem Vertrieb für Backbedarf anträgst, wäre ich an einer Interessenvertretung bei den Unternehmen interessiert, die auch was mit Journalismus zu tun haben. Du weißt schon, diese komischen, äh, Verlage.

Das war es dann auch fast schon wieder. Nur eins noch: Wenn Du der PR-Abteilung von Citroen ausrichten könntest, dass “Reporter ohne Grenzen” gar kein Clownsverein ist, dessen Namen man lustig zu “Für Reporter mit Co2-Grenzen” umbauen kann, um den ganzen Quatsch auch noch zu bewerben? Das wäre echt super.

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Hurra! Hurra! So nicht.

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Ich bin ja nur eine kleine Lokaljournalistin. Wobei klein in diesem Fall fast wichtiger ist, weil es gar nicht so einfach ist, sich mit 1.63 auf einem schmalen Pressepodest gegen mit Leitern bewaffnete Agentur-Fotografen zu behaupten, die gerade völlig ausrasten, weil sie Angela Merkel fotografieren dürfen. Womit wir schon mitten drin sind in der Geschichte, die mich als Lokaljournalistin in Prenzlauer Berg gestern erstmals auf eine Veranstaltung bundesdeutschen Belangs spülte: Angela Merkel hat an einer Schule ums Eck eine Geschichtsstunde gegeben. Und ich durfte dabei sein. Bzw. in der Nähe sein. Bzw. ein Foto davon machen, wie Angela Merkel einen sorgsam aufgebauten Jubelparcours durchschritt und danach in der Schule verschwand. Wo außer dem Veranstalter, dem Jugendmagazin Spießer, keine Presse zugelassen war. Mein Ausschluss lag also nicht ausschließlich an der vermeintlichen Bedeutungslosigkeit meines Mediums.

Wie gesagt, ich bin kleine Lokaljournalistin. Wenn ich den Stadtrat treffe, bringt er keine Jubelperser mit und ich darf dafür Fragen stellen. In der Bundespolitik scheint das anders zu laufen. Da werden zu einem Termin zum Jahrestag des Mauerbaus erst gar keine Wort-, sondern nur Bildjournalisten zugelassen, und denen bleibt dann genau eine Minute Zeit, festzuhalten, wie Angela Merkel winkt, Hände schüttelt und Drillinge kennenlernt.

Ganz recht: Angela Merkel looking at triplets.DSC_0955

Nun deutet die Anwesenheit des so vorbildlich eine Raute formenden jungen Manns rechts im Bild darauf hin, dass vielleicht nicht alle Schüler ganz so ekstatisch beim Anblick der Kanzlerin waren, wie der erste Blick vermuten lässt. Doch der erste Blick war dennoch eindrucksvoll.

Und ja, ich werde den Eindruck nicht los, dass hier mal eben ein paar Schüler instrumentalisiert wurden, um Angela Merkel einen schönen Wahlkampfauftakt zu bereiten. Sie alle hatten beim Eintreffen der Kanzlerin frei, wurden mit schönen Jobs und noch schöneren Namensschilder versorgt und durften die Presse betreuen oder die Mitschüler ordnen. Da soll man als junger Mensch nicht mitgerissen werden und einfach mal sagen: Nein, ich mache jetzt kein Handyfoto.

Kurz (ich wiederhole mich): Es herrschte eine Stimmung wie beim Justin-Bieber-Konzert. Ich frage mich nur, ob 15-Jährige wirklich auf Angela Merkel stehen oder eher jemand dafür gesorgt hat, dass sie an diesem Tag gar nicht anders konnten als sich begeistern.

Veranstalter des ganzen war, wie gesagt, der Spießer. Eine sympathische Schüler-Zeitung, die sich offenbar gerne erst die gesamte Presse einlädt, ihr dann die Tür vor der Nase zuschlägt und im Anschluss noch schöne Zitate zur Weiterverwendung anbietet. Ganz recht, als sei die Sache nicht so schon absurd genug gewesen, drückte mir zum Abschluss eine junge Frau eine Pressemappe in die Hand mit dem Hinweis, da finde ich dann auch den Link für die abgestimmten Zitate. Dem zu folgen ich mir natürlich nicht ersparen wollte, sodass ich jetzt weiß, dass die paar Schüler, die der sagenumwobenen Geschichtsstunde tatsächlich beiwohnen durften, Merkel “humorvoll” und “offen” und den Unterricht “überraschend gut” und “mit 1-” zu bewerten fanden.

Halten wir also fest: Es gibt Schulen, die sich als richtigen Ort für einen Wahlkamf-Auftakt empfinden und ihre Schüler gerne als Deko bereitstellen. Und es gibt Schülerzeitungen, die mit Kollegen umgehen, als wären wir alle in Nordkorea. Mich hat das ein wenig verwundert. Alte Politikhasen finden das, wenn ich das recht sehe, mit einer Ausnahme nicht weiter bemerkenswert. War dem Anlass ja auch irgendwie angemessen.

 

Nachtrag vom 22. August:

Ich habe dann doch noch mal bei den Veranstaltern nachgefragt. Die Langfassung gibt es hier nachzulesen. Die Kurzfassung geht so: Der Spießer sagt, das Bundespresseamt sei für den Auflauf auf dem Schulhof verantwortlich gewesen. Das Bundespresseamt meint, den zu organisieren sei auch seine Pflicht gewesen. Und die Schulleiterin lässt ausrichten, dass sie gar nichts sagt.