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Fashion Is Danger

In meiner Berufung als schreibende Spezialistin für Berliner Bezirkspolitik und Fashion wollte ich an dieser Stelle kurz mitteilen, was die Wintersaison 2016/17 an Damenoberbekleidung zu bieten hat. Das durfte ich nämlich erfahren, als ich gerade in der Mittagspause versuchte, mal eben einen Herbst-Winterpullover zu kaufen.

Also, Folgendes:

  1. Sehr, sehr dicke Wollpullover, geeignet für eine Polarexpedition, bauchfrei.
  2. Pullover, die in ihrem vorigen Leben ein Zelt waren und nicht einsehen, diese liebgewonnene Form nun aufzugeben.
  3. Pullover mit so großen Ausschnitten, dass man nichts drunterziehen kann, in sehr, sehr kratzig.
  4. Pullover mit überdimensionalen U-Boot-Ausschnitten, die bis zum Bauch runterrutschen.
  5. Pullover mit American-Football-Gedächtnis-Schultern.
  6. Pullover mit viel zu kurzen Armen. Bis zum Ellbogen etwa. Natürlich auch in sehr, sehr dick.
  7. Pullover in Senfgelb.
  8. Pullover aus dem gleichen Material wie diese leicht abzuwischenden Gartentischdecken.
  9. Pullover, die hinten bis in die Kniekehlen hängen und vorne gerade so über die Brust gehen.
  10. Pullover mit Tigeraufdruck, auf denen ein Arm den anderen frisst.
  11. Pullover, die hinten eine Reißverschluss haben. Because they can.
  12. Pullover aus Fleece.
  13. Pullover in Tannenbaumform: oben eng, unten weit.
  14. Pullover, die nur Menschen mit winzigen Köpfen über eben jene bekommen.
  15. Blaue Pullover mit V-Ausschnitt und Zopfmuster und angeschlossener Ausbildung zur Bürokauffrau.

Next stop: Ich ziehe in ein Land mit Temperaturen, die den Erwerb von Pullovern unnötig machen. Oder ich gründe ein mit der Realität regelmäßig in Kontakt stehendes Modelabel. Muss ich mich nur noch entscheiden.

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Frank Henkel macht’s richtig

Ich bin untröstlich, aber wir müssen über die Berliner Wahlplakate reden.

Die SPD zum Beispiel:2016-08-03 11.25.23

Im Matheunterricht der Schule, die ich besuchte, wurde das Ergebnis immer größer, wenn sich das Zusammenzurechnende vermehrte. Einzige Ausnahme waren negative Werte – aber wenn Berlin derzeit negative Lehrerzahlen vorwiese, würde ich ich das eher nicht auf einem Wahlplakat inserieren.

Auch nicht besser: die begrenzte Weltoffenheit. „Lass mal ne Mauer um das Wort ziehen, weil… Berlin und so.“

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Noch schöner wird es nur, wenn man weiß, dass diese Plakate im migrationshintergründigen Gesundbrunnen überall hängen, im benachbarten Prenzlauer Berg aber nicht. „Weil… sollen die Türken erstmal weltoffen werden.“ Dafür kann guten Gewissens der Horst-Seehofer-Integrationspreis in Gold verliehen werden.

Und zum Dritten:

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Wer von Euch möchte der SPD mitteilen, was mit den bezahlbaren Mieten in den vergangenen Jahren passiert ist, und sich bei der Gelegenheit erkundigen, welche Partei eigentlich zuletzt regiert hat, während die offenbar benötigten städtischen Wohnungen nicht gebaut wurden?

Auch die Grünen enttäuschen nicht.

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Ich habe noch einmal nachgeschlagen: Einer Henne in Freilandhaltung stehen vier Quadratmeter Freifläche zu. Aber sie ist immer noch eingesperrt und muss regelmäßig eine größere Menge Eier abliefern, möchte sie nicht geschlachtet werden.

Entweder ist das ein sehr verschlüsselter Hinweis, dass das mit Orwell, der NSA und den Illuminaten alles noch viel schlimmer ist, als gedacht. Oder es ist einfach ein sehr schlechter Claim.

Ganz andere Probleme haben derweil die Linken.

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Es ist mir sehr unangenehm, zu fragen. Aber ist der Kandidat verstorben?

2016-08-03 11.20.02 HDR

Und Oma Anni auch?!

Das alles ist aber noch verträglich im Vergleich zu diesen den meisten vermutlich rein gar nichts sagenden Gesichtern.

Plakate

Ich weiß, diese Nachricht wird Sie überraschen: Aber die wollen gar nicht alle Berlins Bürgermeister werden. Denn die Stadt wählt am 18. September nicht nur ihren Next Wowi Müller (fragen Sie nicht), sondern auch Bezirksparlamente, Bezirksbürgermeister und Direktkandidaten fürs Abgeordnetenhaus. Und glauben Sie nicht, diese Erklärung wäre überflüssig.

Seit gestern taucht in meiner Facebook-Timelime immer wieder dieser Artikel vom RBB auf, der erklärt, was diese Berliner Bezirkspolitik eigentlich ist und macht. Die verzweifelten Teiler sind alle in eben dieser aktiv und bestätigen, was ich in meinen Jahren als Redakteurin der Prenzlauer Berg Nachrichten immer wieder erlebte: Die Bezirkseben nimmt niemand wahr, solange nicht gerade vor der Tür ein Baum gefällt wird und die angesprochene Senatsverwaltung die Zuständigkeit von sich weist.

Aber das bedeutet natürlich nicht, dass man auf diesen Plakaten mal vermerken müsste, für welchen der diversen ausgeschriebenen Posten sich die werten Herrschaften denn nun bewerben. Schöner kann man dem Wähler gar nicht sagen, dass diese Angelegenheit eh ein wenig zu hoch für sein kleines Spatzenhirn sei und er sich um so was keine Gedanken machen müsse. „,Alles auf Grün‘. Um den Rest kümmern wir uns dann schon.“

Wer fehlt noch in der Einzelkritik? Die Piraten! Well:

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An dieser Stelle muss ich bekennen, dass ich eigentlich ein bisschen Fan bin der Pankower Piraten, weil sie als einzige Oppositionspartei im Pankower Bezirksparlament tatsächlich Opposition machen und penetrant nachfragen und gegen all das „Das haben wir schon immer/noch nie so gemacht“ anrennen, das diese Institutionen so lähmt. Und sich nicht davon abhalten lassen, wenn sie auch nach fünf Jahren immer noch von den anderen Parteien dafür ausgelacht werden (wortwörtlich gesprochen. Die lachen die Piraten wirklich aus, wenn sie wieder ne Nachfrage haben oder sich einer von ihnen als sinnlos empfundenen Bürokratie verweigern). Die sind ein Pain in the ass, und das tut der Demokratie im Bezirk ganz gut – völlig unabhängig von Inhalten.

Weil ich all das weiß, weiß ich aber auch, dass die abgebildete Telefonnummer nicht etwa zu einem extra zu diesem Zweck angeschafften Prepaid-Handy gehört. Das ist die zumindest bis vor kurzem private Nummer von Herrn Schrecker, auf der ihn auch seine Mutter anruft, und dass er die im Sinne der absoluten Transparenz auf Plakate druckt, ist irgendwie toll, aber auch sehr, sehr verstörend.

Womit wir zum großen Fazit kommen können (AfD-Plakate habe ich bislang keine gesehen; zur FDP fällt auch mir nichts mehr ein. „Zeit für das nächste Berlin“ – was soll das sein? Berlin, Virginia?). Das da lautet: Die einzige Partei, deren Plakatmotiv sich gleich erschließt und alle benötigten Informationen liefert, ist die CDU.

2016-08-03 11.22.30 HDR

Fotos: jw

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Im Land der weißen Zettel

Hand

Saliha ist weg. Am Freitag, in einem Auto mit platten Reifen, sagt Luka, und er sagt auch, dass er den Bus oder das Flugzeug nimmt, wenn er zurück muss.

Wir sitzen an einem Tischchen auf dem Flur der Grundschule, mal wieder. Vor uns ein Kinderbuch, denn Luka kann nicht gut lesen. Doch das Buch ist viel zu kompliziert. „Forsthaus.“ – Lichtung.“ – „Wipfel.“ Das versteht doch kein Mensch. Zumindest keiner, der erst seit ein paar Monaten in Deutschland ist und neun Jahre alt. Luka würde sagen: „Fast 10.“

Ich beschließe, dass Deutsch sprechen für heute auch eine gute Übung ist. Zumal ich gelernt habe, dass die Kinder darüber reden wollen, wenn wieder eines von ihnen abgeschoben wurde. „Das Sozial hat weißen Zettel gegeben“, sagt Luka. „Das Sozial“ nennen sie hier alles, was deutsche Bürokratie bedeutet. Als Amisas Vater vor ein paar Wochen auf dem Amt war, hat er einen blauen Zettel mitgebracht. Das heißt: Ihr dürft noch ein wenig bleiben. Amisa war glücklich: „Juliane! Blauer Zettel!“ Salihas Familie hat nun Weiß erwischt.

Wie Luka war Saliha schon vor Monaten aus Serbien nach Berlin gekommen, so wie auch Taško und Goran, die vor einigen Wochen zurück mussten. Amisa und Said kamen aus Bosnien, Lamija und Adnan aus Mazedonien, Lucy und Deniz aus Syrien.

Ihre neue Heimat ist ein schäbiger Plattenbau in zentraler Berliner Lage. Von dort ist es nicht weit bis zur Schule, in deren oberstem Stock der Raum der Willkommensklasse ist – kleiner als manches Wohnzimmer in den umliegenden Altbauten, dafür mit guter Aussicht.

Seit über einem Jahr ist die Klasse auch meine. Dabei schaue ich nur einmal in der Woche für zwei Stunden vorbei. Eine Gruppe mit bis zu 15 ständig wechselnden Schülern unterschiedlicher Herkunft zu bändigen, ist eine Herkulesaufgabe. Wir Ehrenamtliche sind dafür da, dass in kleinen Gruppen auch mal gezielt gefördert werden kann. So habe ich die Kinder kennengelernt.

Am Anfang war da für mich eine kleine Hand. Sie gehörte Amisa und schob sich in meine, als es nach meinen ersten Stunden zur Pause auf den Hof ging.

Amisa war klein, schüchtern und neu wie ich. In den kommenden Wochen verbrachten wir viel Zeit zusammen, um die deutschen Begriffe für Farben, Gegenstände und die Uhrzeit zu lernen. Meine Muttersprache ist mir selten so kompliziert erschienen wie in dem Moment, als ich erklärte, dass das „sch“ von „Schule“ drei Buchstaben braucht und das nächste Wort auf der Liste „Stuhl“ war.

Auch Taško war damals dabei – raspelkurze Haare, verschmitzes Lächeln, dazu immer der schwarze Trainingsanzug mit den gelbem Streifen. Immer wieder verpasste er deutschen Wörtern Haken und Ösen, wie er es von seinem Namen gewohnt war. Sein Ding war Mathe, sodass er nach dem Absolvieren aller Aufgaben noch Zeit hatte, sich und seinem Sitznachbarn einen schönen Schnurbart unter die Nase zu malen. Mit Filzstift.

Diesen riesigen, schwarzen Schnauzer trug er, als ich ihn das letzte Mal sah. Denn auch Taško ist weg. Weißer Zettel.

Mit Saliha habe ich vor einer Woche noch an ihrem Turnbeutel gebastelt. Die haben die Kinder für das Talentefest der Schule genäht. Einmal im Jahr zeigen die Klassen dort, was sie so drauf haben. Im vergangenen Jahr haben meine Kinder zu Taylor Swifts „Shake it off“ getanzt.

„Cause the players gonna play, play, play

And the haters gonna hate, hate, hate

Baby I’m just gonna shake, shake, shake

Shake it off“.

Man zeige mir jemandem, dem das Herz nicht schmilzt, wenn eine Gruppe Sechs- bis Achtjährige aus Kriegs- und Krisengebieten sich ein wenig ungelenk zu diesen Zeilen bewegt.

Für das Fest in diesem Jahr haben wir Turnbeutel genäht, die auch zu jedem Hipster-Outfit gehören, und Saliha verzweifelte, weil Nadel und Faden und Verzierungen einfach nicht ihrs sind. „Juliane, mach Du. Ich kann nicht.“ Also habe ich wieder aufgefädelt und erklärt und im Gegenzug hat Saliha mir ins Ohr geflüstert, dass Lamija einen Jungen aus der 6a liebt. Später habe ich ihr noch beigebracht, wie man aus Wollfäden Kordeln dreht, so wie ich das selbst vor Jahren in der Grundschule gelernt hatte. Der fertige Beutel liegt heute noch mit ihren anderen Sachen in einer Schublade im Klassenraum, während sie irgendwo in Serbien ist. Wenn die Familien nach Monaten der Unsicherheit den Bescheid bekommen, bleibt keine Zeit, Erinnerungen einzusammeln.

„Luka, weißt Du, ob Saliha noch Verwandte in Serbien hat, wo sie nun leben können?“ – „Ja. Oma. Aber… Serbien ist Katastrophe.“ Dann erzählt er mir, wie das Haus, in dem er wohnte, bei einem Hochwasser volllief. Weil ihm viele Worte fehlen, werden die Sandsäcke pantomimisch gestapelt. Das ist die Sprache, auf die wir uns längst geeinigt haben: Sie sprechen, was sie können, ich rede besonders langsam, und den Rest muss schauspielerisches Talent kompensieren.

(An dieser Stelle vielen Dank an die Lehrbuch-Autoren, die Worte wie „Ofen“ in den ersten Wochen für elementar halten.)

WK

Ob Luka deshalb nach Deutschland kam, oder aus ganz anderen Gründen, weiß ich nicht. Ich kenne weder die Eltern noch ihre Fluchtgründe und Vorgeschichten. Ich weiß nur, was die Kinder mir erzählen. Meist ist das lustig und beinhaltet, was die Jungs in der Pause schon wieder angestellt haben. Doch immer wieder tauchen auch die alte und die neue Heimat auf. Und die Frage, was als nächstes passiert.

Die erste harte Abschiebung betraf ein Mädchen, das im gleichen Flüchtlingsheim, aber in einer anderen Klasse untergebracht war. Auf dem Amt wurde ihre Familie festgehalten; nur die Mutter durfte zurück ins Heim und das einpacken, was in vier Koffer passte. Dann ging es direkt zum Flughafen. Das hat bei den anderen Kindern Spuren hinterlassen.

Ein paar Tage danach saß ich mit Lamija und Amisa auf dem Flur. „Nur vier Koffer! Alles ist noch da“, erzählte Lamija. Die beiden Mädchen konnten sich kaum auf die Buchstaben-Schlange konzentrieren, in der sie deutsche Wörter erkennen sollten. Lamija gähnte und legte den Kopf auf den Tisch. „Hast Du nicht geschlafen?“ – „Nein… Ich habe Angst, dass sie mich holen.“ Ihr standen die Tränen in den Augen. Mir blieb nur übrig, ihr zu erklären, dass in Deutschland niemand einfach aus dem Bett abgeführt werde. Dabei war mir klar, dass das gelogen war. Denn wer trotz Bescheid einfach bleibt, wird geholt. Warum die Eltern es darauf ankommen lassen, welche Hoffnungen sie umtreiben oder was ihnen versprochen wurde – ich weiß es nicht. Aber ich sehe, was das mit den Kindern macht.

In den Debatten über die Flüchtlingskrise spielt das nie eine Rolle. Abschiebungen müssen sein; es können nicht alle bleiben. Auch wenn das heißt, dass eine gut funktionierende Integration mit einem Schlag abrupt beendet wird.

Als wären die Kinder noch nicht zerrissen genug.

Goran zum Beispiel. Eines Tages stand er vor mir und hielt mir sein Frühstück ins Gesicht. „Wie heißt das?“ – „Schnitzel-Brötchen“, war meine Antwort. An dieser Stelle hätte ich die Integration gerne für erfolgreich abgeschlossen erklärt. Einerseits.

Andererseits war er derjenige, der als einziger nicht zu Taylor Swift tanzen durfte. Weil sein Vater der Meinung war, Tanzen sei Frauenkram. Klar, dass auch Goran das so sah. So saß er dann vor der Bühne, schaute den anderen zu und redete verächtlich übers Tanzen, während seine Füße munter im Takt wippten.

So prallen die unterschiedlichsten Weltbilder in Grundschülern aufeinander.

Ist es okay, Schweinefleisch zu essen? Warum trage ich kein Kopftuch? Und warum müssen nicht die Mädchen die Taschen der Jungs tragen? So etwas erkläre ich immer wieder. Doch Integration ist Dazulernen auf beiden Seiten. An Weihnachten etwa. Wie jedes Jahr sollten alle Kinder der Schule das Fest gemeinsam in der Kirche feiern. Die Willkommensklasse hatte ein Lied vorbereitet; es ging um Tiere und Freundschaft. Doch dann schlugen einige muslimische Eltern Alarm. Ihre Kinder hätten in einer Kirche nichts zu suchen. Anderen war das egal, doch die Stimmung in der Klasse war eindeutig: Wir machen das nicht. Die ausgeschnittenen Tierfiguren für den dazugehörigen Tanz, geklebt an Besenstiele, stehen bis heute in der Klassenecke.

Mich machte das ziemlich sauer. „Wollt Ihr Euch das nicht mal anschauen? Weihnachten ist für uns ein wichtiges Fest.“ Ich habe ein bisschen gebraucht, um zu verstehen, dass es von gläubigen Muslimen zu viel verlangt ist, christliche Feste zu feiern.

Zu der Zeit war es auch, als die Lehrerin ein Foto der Klasse mailte. Darauf die Kinder – Saliha hält den Daumen nach oben, Milan streckt die Zunge heraus, Amisa zieht ihre Haare zurecht. Genau so habe ich sie in Erinnerung.

Heute, sechs Monate später, sind von den zehn Kindern auf dem Foto nur noch zwei übrig. Der Rest ist zurück oder verschwunden. Ich habe keine Ahnung, was aus ihnen wird, ob sie die zurückgelassenen Freunde und Haustiere wiedertreffen, ob ihre Fluchtgründe sie wieder einholen, oder sie es in anderen Ländern noch einmal versuchen. Mit Achtjährigen führt man keine Facebook-Freundschaft. Sie sind einfach weg.

Aber ich weiß noch genau, wie wir im Computerraum der Schule waren, um zu lernen, wie man Bilder kopiert und wieder einfügt. Es war der Tag, als das Google-Logo zum „Tag der Erde“ eine sich drehende Weltkugel zeigte, und da saßen nun Kindern aller Nationen und suchten im weltweiten Netz nach „Fuß“. Das schönste Fußbild durfte jeder ausdrucken. „Ein Fuß.“ „Mein Fuß“. „Zwei Füße“. Man kann so einfach so viel lernen.

Ich weiß noch, wie ich mit den drei größten Rabauken beim Sportfest war. Arjian warf zwei Meter weit, Milan joggte ohne Sprung in die Weitsprunggrube, und Luka begann seinen 50-Meter-Lauf auf der Bahn rechts außen und endete innen links. Dafür waren sie Meister im Sich-in-den-Pausen-gegenseitig-aufs-Gesicht-Setzen, und das war auch okay.

Ich weiß noch, wie wir uns beim gemeinsam Ausflug in die übervolle U-Bahn drängten und sich die Berliner einmal nicht beschwerten, sondern sich mit den Kindern unterhielten. In Serbisch, Arabisch und Farsi.

Ich weiß noch, wie während der Sommerferien Anschläge auf Flüchtlingsheime und Proteste gegen Asylbewerber in Heidenau die Nachrichten bestimmten. Während die Kinder beim Ferien-Schwimmkurs ihr Seepferdchen machten.

Wenn nicht alles schief gelaufen ist, erinnern sie sich an genau solche Situationen. An das Land mit der komplizierten Sprache, den fremden Ritualen und den Leuten, die ihnen pantomimisch einen Ofen darzustellen versuchten.

Das Land, in dem sie neue Freunde gefunden haben, die sie nicht behalten durften. In dem man ihnen Zeit ließ, Wurzeln zu schlagen, um ihnen dann Angst davor zu machen, wieder verpflanzt zu werden. Das sie in der Schwebe ließ. Das Land der weißen Zettel.


Die Namen der Kinder wurden geändert.

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Gar nicht so smarte Phone-Geschichten

Läden, die auf den Verkauf und die Netzanbindung von Smartphones spezialisiert sind, haben es gut. Sie müssen sich geistig nicht überanstrengen, schließlich sind ihre Telefone schon smart. So zumindest meine Erfahrung.

Lange war mein Favorit in dieser Kategorie mein Versuch, bei einem großen, deutschen Elektrohändler ein neues Telefon mit Internetanschluss zu erwerben. Doch der sich mir aufdrängende Verkäufer wusste es besser. „Brauchst Du nicht. Frauen schreiben doch eh nur Sms.“ Bevor sich jemand wundert: Das Vorhandensein des Internets zu dieser Zeit weist darauf hin, dass es sich dabei nicht um eine Anekdote aus den frühen 1950ern handelt.

Nun hat diese Erfahrung allerdings Konkurrenz bekommen, als ich in den vergangenen Wochen versuchte, meinen angestaubten o2-Vertrag auf etwas mehr Datenvolumen zu bekommen.

Gut. Eigentlich weiß ich, dass man niemals in einen dieser Drückerkolonnen-Shops gehen sollte. Aber er war halt da, ich musste gerade auf jemanden warten, und im Internet hatte ich schon herausgefunden, dass die offiziell offerierten Verträge nur für Menschen gedacht sind, deren Lohnniveau Kontakt zu Tarifverträgen hält. Aber machen diese Mobilfunkanbieter nicht immer Angebote, die man nicht ablehnen kann, wenn man sie zu verlassen droht?

Kleiner Spoiler: Nein.

Stattdessen las mir die anwesende Dame nach meinem Gesuch nach mehr Datenvolumen „und ihre Angebote aus dem Internet kenne ich schon, aber bei diesen Konditionen müsste ich zu einem anderen Anbieter wechseln“ die Angebote aus dem Internet vor. Dann versuchte sie, mich zu blau.de zu verschieben („Das ist das, was es früher mit E-Plus-Netz gab, oder?“ – „Nein, das ist ganz neu.“ – Äh: Nein.“- „Doch, doch.“). Und als ich ihr dann mitteilte, dass ich mir das angesichts dieser bereits bekannten bzw. offensichtlich falschen Offerten noch einmal überlegen müsse, verabschiedete sie mich mit einem fröhlichen „Wenn Sie später eine Sms bekommen, dann bewerten sie mich mit 10. Ich kann schließlich nichts dafür, dass Ihnen die Angebote nicht passen.“

Es hat einen Moment gedauert, bis ich geschnallt habe, dass sie mir gerade gesagt hatte, wie ich ihre Performance fand. Leider war mein Mobilfunkanbieter nicht in der Lage, mir besagte Sms zuzustellen. Ich wäre geneigt gewesen, ihrem Wunsch nicht zu entsprechen.

giphy

NBC via Giphy

Nach diesem wunderbaren Intermezzo suchte ich mir einen neuen Anbieter und begann, meinen o2-Vertrag zu kündigen. Was nur so lange komisch formuliert klingt, bis man weiß, dass sich o2 das als mehrstufiges Verfahren vorstellt. Zunächst schiebt man über sein Online-Konto die Kündigung an, um sie dann telefonisch zu bestätigen. Was ich als die Chance für das nicht ablehnbare Angebot ansah. Oder wie würden Sie die Gelegenheit nutzen, einen kündigungswilligen Kunden noch mal am Telefon zu haben?

o2 verfolgt eine andere Taktik. Warum sollte man auch nett sein, wenn man die Type in der Leitung auch anmaulen kann? Will ja eh wechseln, das Miststück. Wobei ich einräumen muss, dass ich außer meine Kündigung zu bestätigen auch noch wissen wollte, zu welchem Datum diese denn in Kraft trete. Da kann man als Hotline-Mitarbeiter schon mal ungehalten werden und spontan auflegen.

Mittlerweile habe ich einen neuen Vertrag abgeschlossen, die Portierung meiner Nummer beantragt, und jetzt dürfen Sie raten, wer gestern anrief? Genau: o2 mit einem Angebot, das ich vermutlich wirklich nicht abgelehnt hätte. (Zumindest lief es so im zweiten Anlauf. Im ersten legte der Mann von o2 noch ganz schnell auf, nachdem ich meinen Namen genannt hatte. Der ist aber auch echt beängstigend.)

o2 ist ein sehr großes Kommunikationsunternehmen, ich nur ein ganz kleines. Dennoch würde ich an dieser Stelle gerne den kleinen, bescheidenen Tipp loswerden, diese Kommunikations-Strategie noch einmal zu überdenken. Schließlich war ich dort nicht nur ein langjähriger, sondern auch sehr fauler Kunde und wäre leicht zu halten gewesen. Einfach mal das mit dem smart-Sein nicht den Telefonen überlassen! You can do, o2.

 

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Ich bin die Zukunft

Der Freitag vom 15. Oktober 2015

Berlin-Kreuzberg, 11.30 Uhr. Das Klischee sitzt: Die hellen Büroräume in einer alten Fabriketage erreicht man über einen zugestellten Hinterhof und ein abgelatschtes Treppenhaus. An der Stahltür hängt kein repräsentatives Namensschild, sondern eine handbeschriftete Karteikarte. Wenn man eintritt, fällt der erste Blick auf leere Club-Mate-Flaschen. Im Raum nebenan werkelt die Redaktion an neuen Computern. Alle hier sind jung, alle sind unfassbar gut gelaunt und alle könnten jederzeit aufstehen und die Hauptrolle in einem Werbefilm für glutamatfreie Frühstücksflocken übernehmen.

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Schaflos in Köln

Brand Eins vom Oktober 2015

Für einen Friedensbringer kommt die kleine Kehrmaschine ganz schön aggressiv daher. Rasant fährt sie auf die Jugendlichen zu, die es sich vor dem Kirchenportal gemütlich gemacht haben. Im letzten Augenblick flüchten sie, sodass die Maschine unter der Führung des lässig am Lenkrad kurbelnden Müllmanns verstreute Chipstüten, Glasscherben und Zigarettenstummel aufsaugen kann. Kaum ist der Job erledigt, kehren die geflüchteten Jugendlichen zurück: Die Mission der Maschine, den Platz friedlich zu räumen, ist damit doppelt gescheitert.

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Bei Apollo bedient Kafka noch selbst

Ich habe gerade versucht, in der Mittagspause neue Kontaktlinsen-Lösung zu kaufen. That escalated quickly.

Ich: „Hallo. Ich hätte gerne so Reiningungs-Aufbewahrungs-Zeugs für weiche Kontaktlinsen.“

Er: „Da kann ich Ihnen unsere Hausmarke empfehlen.“

Ich: „Hm. Die hatte ich schon mal, aber da sah die anders aus.“

Er: „Ja, die haben wir verbessert.“

Ich: „Und was ist jetzt besser?“

Er: „Die sieht jetzt anders aus.“

Ich: „Was sie früher nicht auch günstiger?“

Er: „Ja. Aber dafür ist sie jetzt besser.“

Ich: „Okay. Was ist denn mit der daneben?“

Er: „Das ist eine andere Marke“.

Ich: „Das sehe ich. Aber was ist daran anders?“

Er: „Die sieht anders aus.“

Ich: „Okay…“

Er: „Und die ist kleiner.“

Ich: „Und die daneben?“

Er: „Die ist größer.“

Ich: „Aber sieht die nicht so aus, wie die Hausmarke früher aussah?“

Er: „Ja.“

Ich: „Cool. Wenn das die alte Hausmarke ist, die ich ja schon kenne, dann nehme ich die.“

Er: „Das ist was anderes.“

Kollege aus dem Hinterzimmer kommt hinzu.

Kollege: „Wenn Sie noch was von der alten Hausmarke haben wollen, müssen Sie sich beeilen. Davon haben wir nur noch Restbestände.“

Ich: „Okay. Dann nehme ich gleich zwei.“

Er: „Die alte Hausmarke haben wir aber nur noch in klein.“

Ich: „Das ist doch alles kleine Lösung!“

Vorhang.

 

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Inside PBN

528. 529. 530.

Wenn dieser Tage die Zugriffszahlen der kleinen Internetlokalzeitung mit dem ebenso langen Namen Prenzlauer Berg Nachrichten in die Höhe schnellen, dann ist das auch meine Schuld: Bis Freitag sollen 750 Mitglieder gewonnen werden, die mit knapp fünf Euro im Monat den Fortbestand der Zeitung sichern. Andernfalls ist Schluss. Mich persönlich interessiert das, weil ich die Zeitung 1. mitgegründet und mein Herz an sie (oder sie an mein Herz) gehängt habe und 2. bis heute dort einen Teil meines Geldes verdiene.

Aus diesem Grund drücke ich derzeit des Öfteren den Reload-Knopf und kontrolliere den Stand der Kampagne. Diese Tätigkeit ist recht eintönig und lässt Zeit, ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen: Wie ich vor ziemlich genau fünf Jahren eine Mail von einem mir unbekannten voraussichtlich Irren bekam, der sich nach meiner Bereitschaft erkundigte, „über ein Online-Projekt zum Prenzlauer Berg zu sprechen (hyperlokal, lokalpolitik-lastig, journalistisch, aber ohne Bratwurstjournalismus)“. Ich meine: Per Mail anfragen, ob man nicht zusammen eine Zeitung gründen wolle: Wer macht denn sowas?! Wie fünfeinhalb Monate später tatsächlich die PBN online gingen. Wie der erste Hype und der erste Shitstorm kurz darauf gleichzeitig eintrafen. Wie wir einfach weitermachten, Leser fanden und uns doch irgendwann fragen mussten, ob Journalismus nur noch als Selbstausbeutung funktionieren kann.

Wenn man über solche Dinge nachdenkt, kommt man nicht umhin, ein paar Lernerfolge zu verzeichnen. Ganz recht, genau die werde ich nun skizzieren. Da das hier das Internet ist, habe ich mich entschlossen, sie durchzunummerieren. Ordnung muss sein.

1. Es ist großartig einfach, in diesem Land eine Zeitung zu gründen. Man nehme eine Internetadresse, und schon geht es los. Egal ob Bezirksbürgermeister, Bürgerinitiativen, Bundespresseamt oder das New Yorker Guggenheim-Museum – alle nahmen vom ersten Tag an die Zeitung und mich als ihre Vertreterin ernst, beantworteten Fragen und hörten mit der Zeit sogar auf, das kleine „nur“ vor das „online“ zu setzen, wenn es um die Erscheinungsweise der PBN ging. „Prenzlauer Berg Nachrichten“ als sehr klassischen Zeitungsnamen zu wählen, war dafür sicher eine gute Idee. Auf der anderen Seite mache ich gerade mit meinem neuesten Projekt namens Zentrale Orte ähnliche Erfahrungen.

2. Eine Zeitung „Prenzlauer Berg Nachrichten“ zu nennen, ist eine bescheuerte Idee. Außer, man möchte gerne erreichen, dass ihr Name nur von einem elitären Zirkel richtig ausgesprochen wird. Im Idealfall nennen meine Gesprächspartner sie „Prenzlberg Nachrichten“; auch sehr beliebt sind „Prenzlauer Nachrichten“ oder „Prenzlauer Berger… (insert Genuschel here)“. Was nicht heißen muss, dass sie nicht ganz genau wissen, mit wem sie es zu tun haben: Auch wenn 80 Prozent der von mir Interviewten zu glauben scheinen, mit einer Frau Wiedemann von den Prenzlauer Nachrichten gesprochen zu haben – wenn sie mal wieder ein Thema in der Zeitung platzieren wollen, wissen Sie genau, an wen sie sich wenden müssen.

3. Für wahre redaktionelle Freiheit muss man selber gründen. Dieser Satz mag für sehr viele Kollegen sehr falsch erscheinen, aber er entspricht meiner persönlichen Erfahrung. Dabei geht es nicht darum, dass einem bei der eigenen Zeitung keine anderen Redakteure in die Artikel reden – das finde ich bereichernd (und fehlt mir beim kleinen, unterbesetzten Team der PBN eher; dazu später mehr). Vielmehr sind die PBN einer der wenigen Orte, an denen ich mich weder an allgemeinen redaktionellen Linien, speziellen Vorlieben des Chefredakteurs noch Wünschen der Werbenden orientieren muss. Ich war dabei, als ein großer Anzeigenkunde absprang, nachdem ich seine Scheckübergabe als nicht berichtenswert eingestuft hatte. Trotzdem gab es über die redaktionelle Entscheidung keine Diskussion. Anderswo habe ich das anders erlebt.

4. Ein gutes Layout weckt große Erwartungen. Das der PBN hat eben nicht der Kollege mit Paint gebastelt, sondern er hat dafür eine Agentur beauftragt. Das sieht man. Die müssen Kohle haben. Das ist die Kausalkette, die uns nun Probleme bereitet. Dabei war die Zeitung schon immer ein Low-Budget-Unternehmen, das ohne viel Idealismus nicht funktionierte. Seit viereinhalb Jahren betreiben wir die Redaktion mit einer Stelle, die wir uns mal zu zweit, mal zu dritt teilen. Zeitweise habe ich den Betrieb auch ganz alleine gestemmt: Recherche, Schreiben, Fotos, Facebook, Twitter, Kommentare, Mails, Telefon. Mit einer 40-Stunden-Woche kommt man da nicht zurecht, wenn regelmäßig Artikel erscheinen sollen. Natürlich habe ich dafür Geld bekommen (das war der Deal mit dem Eingangs erwähnten Irren, denn ich habe leider weder geerbt noch einen überreichen Adligen geehelicht), aber sagen wir mal so: Als ich unlängst las, was Gebäudereiniger verdienen, habe ich kurz geweint. Das alles sieht man der Zeitung aber nicht an. Es folgt:

5. Wir Journalisten haben es bislang nicht geschafft, unser aller Geldproblem zu kommunizieren. Zumindest wäre das die freundlichste Erklärung der Reaktionen, die seit dem Start der Mitglieder-Kampagne bei den PBN eingehen. Wir wollten uns nur die Taschen voll machen; wir seien raffgierig; wir sollten uns endlich mal einen richtigen Job suchen. Wer mal richtig schlechte Laune bekommen und ähnliche Formulierungen weniger moderat ausgedrückt lesen möchte, dem empfehle ich, die Kommentare der vergangenen Wochen auf der Facebookseite der PBN zu lesen. Besonders heftig wurde es, als die Paywall heruntergelassen wurde, die in Zukunft vor allem, was gerade einmal drei Wochen alt ist, stehen soll. Dass der Beruf des Journalisten keinen besonders guten Ruf genießt, liest man ja immer wieder. Nun habe ich es am eigenen Leib erfahren. So tief durch Scheiße zu waten, nur weil man gerne 3000 Euro brutto im Monat hätte, um eine komplette Zeitung zu betreiben – ob das für mich eine Rechnung mit Zukunft ist, muss ich mir noch einmal überlegen.

6. Andererseits: Leser sind etwas Wunderbares. In viereinhalb Jahren habe ich hauptsächlich sehr guten Kontakt mit ihnen gehabt. Themenideen, Feedback, gute Diskussionen – so intensiv und bereichernd habe ich das bei der gedruckten Zeitung nie erlebt. Heute fragen manche an, ob sie nicht Flyer für die Kampagne verteilen können. Auch das gibt es. Danke. Echt jetzt.

7. Don’t feed the troll ist Quatsch. Hat man sich einmal einen fiesen Troll eingefangen, sollte man das offensiv angehen und ansprechen. Wir haben das bei den PBN sehr lange anders gemacht und dadurch gerade jetzt, wo wir es am wenigsten brauchen können, echte Probleme bekommen. Mein Kollege Thomas Trappe hat das hier sehr schön aufgeschrieben, daher muss ich es nun nicht mehr tun. Es ist echt übel, hat es erst einmal jemand mit viel Hass und Tagesfreizeit auf einen abgesehen. Trolle sind wie Dementoren mit Internetzugang (Aussehen und Geruch: ähnlich). Dabei braucht man seine Energie dringend für anderes.

8. Um noch einmal auf 5. zurückzukommen: Unser Geld- wird zum Demokratieproblem, und im Lokalen merken wir es als Erstes. Wir bei dem PBN müssen ganz schön strampeln, um in einem Stadtteil mit knapp 150.000 Einwohnern 750 zu finden, die knapp fünf Euro im Monat für eine Zeitung am Ort bezahlen wollen. Die Kollegen von Hamburg Mittendrin wollen zum gleichen Preis 1000 Abos verkaufen und stehen bei 150 (wenn ich diese Grafik richtig deute). Dabei mangelt es nicht an Lesern, sondern nur an deren Zahlungsbereitschaft. Weil: Schlimme, schlimme Gratiskultur! Das ist das Argument, dass an dieser Stelle immer kommt. Ich halte es aber nicht für richtig. Weil: 1. haben die Verlage einst selbst beschlossen, ihre Inhalte kostenlos ins Netz zu stellen. Dafür kann man nun nicht die Leser beschimpfen. Und 2. wäre die Rechnung ja super aufgegangen, wären die gleichen Verlage nicht so gierig gewesen und hätten erst den Anzeigenplatz mit Klickstrecken und Konsorten in die Höhe und damit dann die Anzeigenpreise in den Keller getrieben.

Indem man online veröffentlicht, spart man das Geld für Papier, Druck und Vertrieb. Den Rest hätte man über Werbung refinanzieren können, wenn man damit noch etwas verdienen könnte. Das funktioniert aber nur für Websites mit enormer Reichweite. Eine Lokalzeitung zählt nicht dazu. Die vielen hyperlokalen Online-Angebote, die es derzeit gibt, funktionieren nur über Idealismus (andere sagen: Selbstausbeutung); bestehende Print-Zeitungen funktionieren nur über ihre gedruckte Ausgabe, und deren Auflagen sinken. Auf die Dauer bliebe damit im Lokalen nur ein riesiges journalistisches Vakuum. Dabei ist das der Bereich, in dem Politik auf Alltag trifft. Wer über miese Wahlbeteiligung klagt, sollte das im Hinterkopf haben, so quer es da auch liegen mag.

9. Ein Journalist muss auch an die Refinanzierung denken. Vor fünf Jahren hätte ich jeden, der mir diese Plattitüde untergeschoben hätte, vom nicht existierenden Hof gejagt. Wofür gibt es schließlich die Anzeigenabteilung? Mittlerweile glaube ich, dass wir uns mit solchen Fragen, wie oben skizziert, auseinander setzen müssen. Was nicht heißt, dass man nur noch Journalismus machen soll, der sich gut verkauft. Aber schönen Journalismus machen und darüber verhungern, das hilft auch nur so mittel. Mit der Umstellung von Anzeigen- auf Leserfinanzierung probieren wir bei den PBN nun etwas aus. Wenn es klappt, könnte es für den Moment vielleicht auch Vorbild sein. Wenn es nicht klappt, probieren Andere anderes. Früher hätte man hier das schöne Beckett-Zitat vom besseren Scheitern einbauen können. Dank eines einstigen Spiegel-Chef mit Pattex-Qualitäten muss an dieser Stelle leider darauf verzichtet werden.

10. Großes Finale: Man darf über allem nicht die Lust verlieren. Das ist am schwersten. Denn bei aller redaktioneller Freiheit, der Großartigkeit des Internets und allen Möglichkeiten: Journalismus ohne großen Geldgeber im Rücken ist anstrengend und nicht sonderlich gut bezahlt. Gerade in den vergangenen Wochen, in denen einem die Kommentatoren im Strahl vor die Füße kotzten, der Troll zu Höchstform auflief und manch Gesprächspartner zufrieden feixte, dass diese nervige Lokalzeitung, die immer wieder anfragt, nun um die Existenz kämpft, war der Wunsch nach dem Umzug nach Brandenburg und Verlagerung auf Subsistenzwirtschaft durchaus vorhanden. Mir ist zwar klar, dass man nicht in den Journalismus geht, um sich Freunde zu machen, und dass ein dickes Fell in diesem Beruf vonnöten ist. Dass man sich manchmal wie der Leiter eine Anger-Management-Therapiestunde fühlt, hatte mir jedoch vorher niemand gesagt.

531. 532. 533.

Wenn am Freitag die Zeiger auf 750 steht, dann geht es für die PBN weiter. Wenn nicht, dann nicht. Viel gelernt habe ich allemal, und auch wenn am nun noch die Erkenntnis hinzukommt, dass es so nicht geht. Dann geht es halt anders, da bin ich sicher.

Wer die PBN unterstützen und Mitglied werden möchte, kann das hier tun. 

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Juliane, Du hast ungelesene Benachrichtigungen

Mark Zuckerberg hasst mich. Oder genauer, denn der Mann ist für so etwas natürlich viel zu beschäftigt: Marks Zuckerbergs Algorithmus hasst mich und hat beschlossen, mich in den Wahnsinn zu treiben. Was ihm gelingt.

Es begann damit, dass vor einigen Wochen die Facebook-App auf meinem Smartphone unbenutzbar wurde. Aus den üblichen Optionen „Haupt-“ und „neueste Meldungen“ wurden über Nacht „Meldungen, die 34 Tage alt sind, die aber vor zwei Minuten ein Dir völlig Unbekannter geliked hat“ sowie „Meldungen, die der unbekannte Freund eines ebenfalls Unbekannten kommentiert hat“.

Würde ich jemals jemanden trollen wollen, wäre diese Taktik mein Vorbild.

Für kurze Zeit war dieser Einblick in eine fremde Parallelwelt ganz amüsant. Als es sich jedoch als dauerhaft unmöglich herausstellte, auch mal mich interessierende Informationen zu bekommen, begann ich, die App zu meiden. Und erkannte: mir fehlte nichts.

Folgerichtig loggte ich mich auch seltener via Browser ein. Über Ostern erdreistete ich mich sogar, ein paar Tage in den Urlaub zu fahren und Facebook gar nicht zu besuchen. Was man in der Art und Weise quittierte, mit der sonst ein Mafiaboss drei säumige Raten Schutzgeld eintreibt.

Facebook schickt keine schmierigen Schlägertrupps. Facebook schickt Mails. Hans hat seinen Status aktualisiert, Luise ein Foto zu ihrem Album „Sonnenuntergänge“ hinzugefügt und Sören gefällt das. Für den Fall, dass mir diese einzelnen Benachrichtigungen aufgrund zu enthusiastischen Löschens entgangen sein sollten, kommt regelmäßig die Zusammenfassung „Hier sind einige Aktivitäten, die du vielleicht auf Facebook verpasst hast.“

Ey, Facebook, Du brain! Die Tatsache, dass ich mich seit fünf Tagen nicht einloggt habe, deutet darauf hin, dass ich genau diese Informationen gerne verpasst hätte! Was jedoch nicht möglich war, weil Du mich ungefragt, aber permanent per Mail auf dem Laufenden hältst.

Bevor mich jetzt jemand über das korrekte Setzen von Häkchen belehrt: Natürlich habe ich versucht, das zu unterbinden, die Einstellungen geändert und immer wieder am Ende der Mail auf „Abbestellen“ geklickt. Doch Facebook hat halt beschlossen, dass es besser weiß als ich, was mich interessiert.

Mancher beschämte Besitzer eines Arschgeweihs mag sich wünschen, seine Mutter wäre damals so konsequent geblieben, nachdem sie sagte „Keine Tattoos!“. Aber ich bin schon groß – na, sagen wir alt und weiß daher, was ich will. Und dazu gehört ganz sicher nicht, mich mit über 30 von einem Algorithmus erziehen zu lassen.

Doch bei Facebook teilt man sich entweder das Frauenbild mit dem Saturn-Mitarbeiter, der mir einst erklärte, ich als Frau bräuchte kein so elaboriertes Smartphone, weil ich ja eh nur Sms schriebe. (Ich höre den Algorithmus schon murmeln: Ach, die arme Juliane, hat so wenig Ahnung von Internet, dass sie nicht mal mehr den Weg zu Facebook findet. Doch dem Kind kann geholfen werden!). Oder man ist generell noch eher so Prä-Kant drauf und traut niemandem außer sich selbst zu, sich des eigenen Verstandes zu bedienen.

Nachdem ich immer mehr Mails mit „Abbestellen“ beantwortet und das Einloggen auf ein (beruflich bedingtes) Minimum herabgefahren hatte, ist die Situation nun völlig eskaliert: Seit ein paar Tagen werden ich immer dann per Mail informiert, wenn einer der aktivsten meiner Facebookfreunde sich mal wieder im Mark Zuckerbergs kleinem Nachrichtennetzwerk engagiert hat. „Schau mal, wie schön der Harald* das wieder gemacht hat. So einfach ist das, ein produktives Mitglied der Gemeinschaft zu sein!“, will man mir damit wohl sagen.

Ja, verdammt, ich will aber Revolution, und außerdem mag ich Twitter viel lieber!

Was mich zu dem Punkt bringt, der mich am meisten nervt: Wenn man so ein Facebook hat, wie ich, das einem eingeloggt nur die absurdesten Dinge in die Timeline lässt und ausgeloggt per Mail drangsaliert, dann möchte man nur noch austreten. Sollen Mark Zuckerberg und Harald doch glücklich in einen Sonnenuntergang reiten, den Luise zu ihrem Album hinzufügen kann. Mir doch egal. Doch 35.001 Artikel über das perfekte Dasein als freiberuflicher Journalist haben mich gelehrt, dass es in unserem Beruf völlig irrelevant ist, ob man Rechtschreibung, Pressrecht oder Word beherrscht – solange man socialmedia-mäßig vollumpfänglich aufgestellt ist, kann nichts schief gehen. Hinzu kommt, dass ich – Festangestellte mit angeschlossener Social-Media-Redaktion können jetzt mal kurz mit den Ohren schlackern – ganz gerne mal selbst meine Artikel auf die entsprechenden Facebook-Seiten stellen und der Diskussion folgen muss.

Falls Ihnen dieses Dilemma aus dem ARD-Nachmittagsprogramm bekannt vorkommt, dann haben Sie völlig recht: Juliane ist von Facebook derbe genervt, weil es mittlerweile etwas völlig anderes will als sie. Außerdem hört es nie richtig zu und überschreitet ständig Grenzen. Facebook hingegen leidet unter dem nachlassenden Interesse und ist von der Zurückweisung tief gekränkt. Längst raten die sie umgebenden Schwägerinnen und Hausburschen zur Trennung.

Wegen der Kinder kommt die zwar nicht in Frage. Aber weißt Du was, Mark Zuckerbers Algorithmus? Ich hasse Dich auch.

*Name der Redaktion, Mark Zuckerberg und seinen Freunden bekannt

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Der DJV und wie er die Welt sah

Heute war ich bei der kostenlosen Steuerberatung durch den Berliner DJV, und nein, dass ich darüber mal zu Bloggen das Bedürfnis haben würde, hätte ich jetzt auch nicht unbedingt erwartet. Aber die knappe Viertelstunde, die ich in den heiligen Hallen – oder sagen wir doch gleich: dieser ganz eigenen Welt verbringen durfte, waren so reich an Erkenntnissen, dass ich diese unmöglich für mich behalten kann.

Sie sehen die schönsten Zitate der Steuerberaterin im Auftrag des DJV, versehen mit hämischen erklärenden Bemerkungen von mir.


 „Sagen wir mal, Sie erbringen eine journalistische Leistung, zum Beispiel: eine Pressemitteilung.“

Dass man beim DJV einige Schwierigkeiten damit hat, Journalismus von PR zu unterscheiden, habe ich schon öfter beobachtet. Aber so schön auf eine Formel gebracht hatte man es bislang noch nicht.

“ Ach, und da gibt es Leute, die einfach so ins Internet schreiben?“

Es gibt ein Leben jenseits von Spiegel Online. Faszinierend.

„Wer sollte denn dafür bezahlen?“

Von der Erkenntnis, dass Online-Journalismus jenseits großer Verlage existiert, zur Analyse des Refinanzierungsproblems in fünf Sekunden – Respekt. Wobei es schon ganz schön schmerzt, so unverblümt ins Gesicht gesagt zu bekommen, dass Journalimus im Internet ein unverkäufliches Gut ist, und ich mal besser Steuerberaterin geworden wäre.

„Und warum überweist man das Geld erst an diese Firma und nicht direkt an den Autor?“

Was sich Menschen fragen, denen man gerade erklärt hat, was Flattr ist.

„Das klingt ja interessant mit diesem Internet. Da sollte ich mich vielleicht mal kundig machen, falls noch mal jemand kommt, der dazu etwas wissen will.“

Kann man machen. Man kann sich aber auch darauf verlassen, dass es in den nächsten fünfzig Jahren noch Printredaktionen mit Festangestellten geben wird, die sich beraten lassen wollen, ob sie ihre Tweed-Jacketts als Arbeitskleidung absetzen können.


Eine Steuerberaterin ist eine Steuerberaterin ist keine Journalistin, das ist mir schon klar. Aber so wenig Ahnung vom Beratungsgegenstand hatte wohl zuletzt der Mann im Berufsinformationszentrum zu Soest, der mit erklärte, um Journalistin zu werden, sollte ich mich an einer Filmhochschule bewerben.

Erwartet hatte ich, dass man mich einfach auslacht, weil ich mich fürs Geldverdienen mit Journalismus im Internet interessiere. Bekommen habe ich eine kleine Zeitreise und die Erkenntnis, dass ich jetzt wirklich kündigen sollte.