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Im Land der weißen Zettel

Hand

Saliha ist weg. Am Freitag, in einem Auto mit platten Reifen, sagt Luka, und er sagt auch, dass er den Bus oder das Flugzeug nimmt, wenn er zurück muss.

Wir sitzen an einem Tischchen auf dem Flur der Grundschule, mal wieder. Vor uns ein Kinderbuch, denn Luka kann nicht gut lesen. Doch das Buch ist viel zu kompliziert. „Forsthaus.“ – Lichtung.“ – „Wipfel.“ Das versteht doch kein Mensch. Zumindest keiner, der erst seit ein paar Monaten in Deutschland ist und neun Jahre alt. Luka würde sagen: „Fast 10.“

Ich beschließe, dass Deutsch sprechen für heute auch eine gute Übung ist. Zumal ich gelernt habe, dass die Kinder darüber reden wollen, wenn wieder eines von ihnen abgeschoben wurde. „Das Sozial hat weißen Zettel gegeben“, sagt Luka. „Das Sozial“ nennen sie hier alles, was deutsche Bürokratie bedeutet. Als Amisas Vater vor ein paar Wochen auf dem Amt war, hat er einen blauen Zettel mitgebracht. Das heißt: Ihr dürft noch ein wenig bleiben. Amisa war glücklich: „Juliane! Blauer Zettel!“ Salihas Familie hat nun Weiß erwischt.

Wie Luka war Saliha schon vor Monaten aus Serbien nach Berlin gekommen, so wie auch Taško und Goran, die vor einigen Wochen zurück mussten. Amisa und Said kamen aus Bosnien, Lamija und Adnan aus Mazedonien, Lucy und Deniz aus Syrien.

Ihre neue Heimat ist ein schäbiger Plattenbau in zentraler Berliner Lage. Von dort ist es nicht weit bis zur Schule, in deren oberstem Stock der Raum der Willkommensklasse ist – kleiner als manches Wohnzimmer in den umliegenden Altbauten, dafür mit guter Aussicht.

Seit über einem Jahr ist die Klasse auch meine. Dabei schaue ich nur einmal in der Woche für zwei Stunden vorbei. Eine Gruppe mit bis zu 15 ständig wechselnden Schülern unterschiedlicher Herkunft zu bändigen, ist eine Herkulesaufgabe. Wir Ehrenamtliche sind dafür da, dass in kleinen Gruppen auch mal gezielt gefördert werden kann. So habe ich die Kinder kennengelernt.

Am Anfang war da für mich eine kleine Hand. Sie gehörte Amisa und schob sich in meine, als es nach meinen ersten Stunden zur Pause auf den Hof ging.

Amisa war klein, schüchtern und neu wie ich. In den kommenden Wochen verbrachten wir viel Zeit zusammen, um die deutschen Begriffe für Farben, Gegenstände und die Uhrzeit zu lernen. Meine Muttersprache ist mir selten so kompliziert erschienen wie in dem Moment, als ich erklärte, dass das „sch“ von „Schule“ drei Buchstaben braucht und das nächste Wort auf der Liste „Stuhl“ war.

Auch Taško war damals dabei – raspelkurze Haare, verschmitzes Lächeln, dazu immer der schwarze Trainingsanzug mit den gelbem Streifen. Immer wieder verpasste er deutschen Wörtern Haken und Ösen, wie er es von seinem Namen gewohnt war. Sein Ding war Mathe, sodass er nach dem Absolvieren aller Aufgaben noch Zeit hatte, sich und seinem Sitznachbarn einen schönen Schnurbart unter die Nase zu malen. Mit Filzstift.

Diesen riesigen, schwarzen Schnauzer trug er, als ich ihn das letzte Mal sah. Denn auch Taško ist weg. Weißer Zettel.

Mit Saliha habe ich vor einer Woche noch an ihrem Turnbeutel gebastelt. Die haben die Kinder für das Talentefest der Schule genäht. Einmal im Jahr zeigen die Klassen dort, was sie so drauf haben. Im vergangenen Jahr haben meine Kinder zu Taylor Swifts „Shake it off“ getanzt.

„Cause the players gonna play, play, play

And the haters gonna hate, hate, hate

Baby I’m just gonna shake, shake, shake

Shake it off“.

Man zeige mir jemandem, dem das Herz nicht schmilzt, wenn eine Gruppe Sechs- bis Achtjährige aus Kriegs- und Krisengebieten sich ein wenig ungelenk zu diesen Zeilen bewegt.

Für das Fest in diesem Jahr haben wir Turnbeutel genäht, die auch zu jedem Hipster-Outfit gehören, und Saliha verzweifelte, weil Nadel und Faden und Verzierungen einfach nicht ihrs sind. „Juliane, mach Du. Ich kann nicht.“ Also habe ich wieder aufgefädelt und erklärt und im Gegenzug hat Saliha mir ins Ohr geflüstert, dass Lamija einen Jungen aus der 6a liebt. Später habe ich ihr noch beigebracht, wie man aus Wollfäden Kordeln dreht, so wie ich das selbst vor Jahren in der Grundschule gelernt hatte. Der fertige Beutel liegt heute noch mit ihren anderen Sachen in einer Schublade im Klassenraum, während sie irgendwo in Serbien ist. Wenn die Familien nach Monaten der Unsicherheit den Bescheid bekommen, bleibt keine Zeit, Erinnerungen einzusammeln.

„Luka, weißt Du, ob Saliha noch Verwandte in Serbien hat, wo sie nun leben können?“ – „Ja. Oma. Aber… Serbien ist Katastrophe.“ Dann erzählt er mir, wie das Haus, in dem er wohnte, bei einem Hochwasser volllief. Weil ihm viele Worte fehlen, werden die Sandsäcke pantomimisch gestapelt. Das ist die Sprache, auf die wir uns längst geeinigt haben: Sie sprechen, was sie können, ich rede besonders langsam, und den Rest muss schauspielerisches Talent kompensieren.

(An dieser Stelle vielen Dank an die Lehrbuch-Autoren, die Worte wie „Ofen“ in den ersten Wochen für elementar halten.)

WK

Ob Luka deshalb nach Deutschland kam, oder aus ganz anderen Gründen, weiß ich nicht. Ich kenne weder die Eltern noch ihre Fluchtgründe und Vorgeschichten. Ich weiß nur, was die Kinder mir erzählen. Meist ist das lustig und beinhaltet, was die Jungs in der Pause schon wieder angestellt haben. Doch immer wieder tauchen auch die alte und die neue Heimat auf. Und die Frage, was als nächstes passiert.

Die erste harte Abschiebung betraf ein Mädchen, das im gleichen Flüchtlingsheim, aber in einer anderen Klasse untergebracht war. Auf dem Amt wurde ihre Familie festgehalten; nur die Mutter durfte zurück ins Heim und das einpacken, was in vier Koffer passte. Dann ging es direkt zum Flughafen. Das hat bei den anderen Kindern Spuren hinterlassen.

Ein paar Tage danach saß ich mit Lamija und Amisa auf dem Flur. „Nur vier Koffer! Alles ist noch da“, erzählte Lamija. Die beiden Mädchen konnten sich kaum auf die Buchstaben-Schlange konzentrieren, in der sie deutsche Wörter erkennen sollten. Lamija gähnte und legte den Kopf auf den Tisch. „Hast Du nicht geschlafen?“ – „Nein… Ich habe Angst, dass sie mich holen.“ Ihr standen die Tränen in den Augen. Mir blieb nur übrig, ihr zu erklären, dass in Deutschland niemand einfach aus dem Bett abgeführt werde. Dabei war mir klar, dass das gelogen war. Denn wer trotz Bescheid einfach bleibt, wird geholt. Warum die Eltern es darauf ankommen lassen, welche Hoffnungen sie umtreiben oder was ihnen versprochen wurde – ich weiß es nicht. Aber ich sehe, was das mit den Kindern macht.

In den Debatten über die Flüchtlingskrise spielt das nie eine Rolle. Abschiebungen müssen sein; es können nicht alle bleiben. Auch wenn das heißt, dass eine gut funktionierende Integration mit einem Schlag abrupt beendet wird.

Als wären die Kinder noch nicht zerrissen genug.

Goran zum Beispiel. Eines Tages stand er vor mir und hielt mir sein Frühstück ins Gesicht. „Wie heißt das?“ – „Schnitzel-Brötchen“, war meine Antwort. An dieser Stelle hätte ich die Integration gerne für erfolgreich abgeschlossen erklärt. Einerseits.

Andererseits war er derjenige, der als einziger nicht zu Taylor Swift tanzen durfte. Weil sein Vater der Meinung war, Tanzen sei Frauenkram. Klar, dass auch Goran das so sah. So saß er dann vor der Bühne, schaute den anderen zu und redete verächtlich übers Tanzen, während seine Füße munter im Takt wippten.

So prallen die unterschiedlichsten Weltbilder in Grundschülern aufeinander.

Ist es okay, Schweinefleisch zu essen? Warum trage ich kein Kopftuch? Und warum müssen nicht die Mädchen die Taschen der Jungs tragen? So etwas erkläre ich immer wieder. Doch Integration ist Dazulernen auf beiden Seiten. An Weihnachten etwa. Wie jedes Jahr sollten alle Kinder der Schule das Fest gemeinsam in der Kirche feiern. Die Willkommensklasse hatte ein Lied vorbereitet; es ging um Tiere und Freundschaft. Doch dann schlugen einige muslimische Eltern Alarm. Ihre Kinder hätten in einer Kirche nichts zu suchen. Anderen war das egal, doch die Stimmung in der Klasse war eindeutig: Wir machen das nicht. Die ausgeschnittenen Tierfiguren für den dazugehörigen Tanz, geklebt an Besenstiele, stehen bis heute in der Klassenecke.

Mich machte das ziemlich sauer. „Wollt Ihr Euch das nicht mal anschauen? Weihnachten ist für uns ein wichtiges Fest.“ Ich habe ein bisschen gebraucht, um zu verstehen, dass es von gläubigen Muslimen zu viel verlangt ist, christliche Feste zu feiern.

Zu der Zeit war es auch, als die Lehrerin ein Foto der Klasse mailte. Darauf die Kinder – Saliha hält den Daumen nach oben, Milan streckt die Zunge heraus, Amisa zieht ihre Haare zurecht. Genau so habe ich sie in Erinnerung.

Heute, sechs Monate später, sind von den zehn Kindern auf dem Foto nur noch zwei übrig. Der Rest ist zurück oder verschwunden. Ich habe keine Ahnung, was aus ihnen wird, ob sie die zurückgelassenen Freunde und Haustiere wiedertreffen, ob ihre Fluchtgründe sie wieder einholen, oder sie es in anderen Ländern noch einmal versuchen. Mit Achtjährigen führt man keine Facebook-Freundschaft. Sie sind einfach weg.

Aber ich weiß noch genau, wie wir im Computerraum der Schule waren, um zu lernen, wie man Bilder kopiert und wieder einfügt. Es war der Tag, als das Google-Logo zum „Tag der Erde“ eine sich drehende Weltkugel zeigte, und da saßen nun Kindern aller Nationen und suchten im weltweiten Netz nach „Fuß“. Das schönste Fußbild durfte jeder ausdrucken. „Ein Fuß.“ „Mein Fuß“. „Zwei Füße“. Man kann so einfach so viel lernen.

Ich weiß noch, wie ich mit den drei größten Rabauken beim Sportfest war. Arjian warf zwei Meter weit, Milan joggte ohne Sprung in die Weitsprunggrube, und Luka begann seinen 50-Meter-Lauf auf der Bahn rechts außen und endete innen links. Dafür waren sie Meister im Sich-in-den-Pausen-gegenseitig-aufs-Gesicht-Setzen, und das war auch okay.

Ich weiß noch, wie wir uns beim gemeinsam Ausflug in die übervolle U-Bahn drängten und sich die Berliner einmal nicht beschwerten, sondern sich mit den Kindern unterhielten. In Serbisch, Arabisch und Farsi.

Ich weiß noch, wie während der Sommerferien Anschläge auf Flüchtlingsheime und Proteste gegen Asylbewerber in Heidenau die Nachrichten bestimmten. Während die Kinder beim Ferien-Schwimmkurs ihr Seepferdchen machten.

Wenn nicht alles schief gelaufen ist, erinnern sie sich an genau solche Situationen. An das Land mit der komplizierten Sprache, den fremden Ritualen und den Leuten, die ihnen pantomimisch einen Ofen darzustellen versuchten.

Das Land, in dem sie neue Freunde gefunden haben, die sie nicht behalten durften. In dem man ihnen Zeit ließ, Wurzeln zu schlagen, um ihnen dann Angst davor zu machen, wieder verpflanzt zu werden. Das sie in der Schwebe ließ. Das Land der weißen Zettel.


Die Namen der Kinder wurden geändert.

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Gar nicht so smarte Phone-Geschichten

Läden, die auf den Verkauf und die Netzanbindung von Smartphones spezialisiert sind, haben es gut. Sie müssen sich geistig nicht überanstrengen, schließlich sind ihre Telefone schon smart. So zumindest meine Erfahrung.

Lange war mein Favorit in dieser Kategorie mein Versuch, bei einem großen, deutschen Elektrohändler ein neues Telefon mit Internetanschluss zu erwerben. Doch der sich mir aufdrängende Verkäufer wusste es besser. „Brauchst Du nicht. Frauen schreiben doch eh nur Sms.“ Bevor sich jemand wundert: Das Vorhandensein des Internets zu dieser Zeit weist darauf hin, dass es sich dabei nicht um eine Anekdote aus den frühen 1950ern handelt.

Nun hat diese Erfahrung allerdings Konkurrenz bekommen, als ich in den vergangenen Wochen versuchte, meinen angestaubten o2-Vertrag auf etwas mehr Datenvolumen zu bekommen.

Gut. Eigentlich weiß ich, dass man niemals in einen dieser Drückerkolonnen-Shops gehen sollte. Aber er war halt da, ich musste gerade auf jemanden warten, und im Internet hatte ich schon herausgefunden, dass die offiziell offerierten Verträge nur für Menschen gedacht sind, deren Lohnniveau Kontakt zu Tarifverträgen hält. Aber machen diese Mobilfunkanbieter nicht immer Angebote, die man nicht ablehnen kann, wenn man sie zu verlassen droht?

Kleiner Spoiler: Nein.

Stattdessen las mir die anwesende Dame nach meinem Gesuch nach mehr Datenvolumen „und ihre Angebote aus dem Internet kenne ich schon, aber bei diesen Konditionen müsste ich zu einem anderen Anbieter wechseln“ die Angebote aus dem Internet vor. Dann versuchte sie, mich zu blau.de zu verschieben („Das ist das, was es früher mit E-Plus-Netz gab, oder?“ – „Nein, das ist ganz neu.“ – Äh: Nein.“- „Doch, doch.“). Und als ich ihr dann mitteilte, dass ich mir das angesichts dieser bereits bekannten bzw. offensichtlich falschen Offerten noch einmal überlegen müsse, verabschiedete sie mich mit einem fröhlichen „Wenn Sie später eine Sms bekommen, dann bewerten sie mich mit 10. Ich kann schließlich nichts dafür, dass Ihnen die Angebote nicht passen.“

Es hat einen Moment gedauert, bis ich geschnallt habe, dass sie mir gerade gesagt hatte, wie ich ihre Performance fand. Leider war mein Mobilfunkanbieter nicht in der Lage, mir besagte Sms zuzustellen. Ich wäre geneigt gewesen, ihrem Wunsch nicht zu entsprechen.

giphy

NBC via Giphy

Nach diesem wunderbaren Intermezzo suchte ich mir einen neuen Anbieter und begann, meinen o2-Vertrag zu kündigen. Was nur so lange komisch formuliert klingt, bis man weiß, dass sich o2 das als mehrstufiges Verfahren vorstellt. Zunächst schiebt man über sein Online-Konto die Kündigung an, um sie dann telefonisch zu bestätigen. Was ich als die Chance für das nicht ablehnbare Angebot ansah. Oder wie würden Sie die Gelegenheit nutzen, einen kündigungswilligen Kunden noch mal am Telefon zu haben?

o2 verfolgt eine andere Taktik. Warum sollte man auch nett sein, wenn man die Type in der Leitung auch anmaulen kann? Will ja eh wechseln, das Miststück. Wobei ich einräumen muss, dass ich außer meine Kündigung zu bestätigen auch noch wissen wollte, zu welchem Datum diese denn in Kraft trete. Da kann man als Hotline-Mitarbeiter schon mal ungehalten werden und spontan auflegen.

Mittlerweile habe ich einen neuen Vertrag abgeschlossen, die Portierung meiner Nummer beantragt, und jetzt dürfen Sie raten, wer gestern anrief? Genau: o2 mit einem Angebot, das ich vermutlich wirklich nicht abgelehnt hätte. (Zumindest lief es so im zweiten Anlauf. Im ersten legte der Mann von o2 noch ganz schnell auf, nachdem ich meinen Namen genannt hatte. Der ist aber auch echt beängstigend.)

o2 ist ein sehr großes Kommunikationsunternehmen, ich nur ein ganz kleines. Dennoch würde ich an dieser Stelle gerne den kleinen, bescheidenen Tipp loswerden, diese Kommunikations-Strategie noch einmal zu überdenken. Schließlich war ich dort nicht nur ein langjähriger, sondern auch sehr fauler Kunde und wäre leicht zu halten gewesen. Einfach mal das mit dem smart-Sein nicht den Telefonen überlassen! You can do, o2.

 

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Bei Apollo bedient Kafka noch selbst

Ich habe gerade versucht, in der Mittagspause neue Kontaktlinsen-Lösung zu kaufen. That escalated quickly.

Ich: „Hallo. Ich hätte gerne so Reiningungs-Aufbewahrungs-Zeugs für weiche Kontaktlinsen.“

Er: „Da kann ich Ihnen unsere Hausmarke empfehlen.“

Ich: „Hm. Die hatte ich schon mal, aber da sah die anders aus.“

Er: „Ja, die haben wir verbessert.“

Ich: „Und was ist jetzt besser?“

Er: „Die sieht jetzt anders aus.“

Ich: „Was sie früher nicht auch günstiger?“

Er: „Ja. Aber dafür ist sie jetzt besser.“

Ich: „Okay. Was ist denn mit der daneben?“

Er: „Das ist eine andere Marke“.

Ich: „Das sehe ich. Aber was ist daran anders?“

Er: „Die sieht anders aus.“

Ich: „Okay…“

Er: „Und die ist kleiner.“

Ich: „Und die daneben?“

Er: „Die ist größer.“

Ich: „Aber sieht die nicht so aus, wie die Hausmarke früher aussah?“

Er: „Ja.“

Ich: „Cool. Wenn das die alte Hausmarke ist, die ich ja schon kenne, dann nehme ich die.“

Er: „Das ist was anderes.“

Kollege aus dem Hinterzimmer kommt hinzu.

Kollege: „Wenn Sie noch was von der alten Hausmarke haben wollen, müssen Sie sich beeilen. Davon haben wir nur noch Restbestände.“

Ich: „Okay. Dann nehme ich gleich zwei.“

Er: „Die alte Hausmarke haben wir aber nur noch in klein.“

Ich: „Das ist doch alles kleine Lösung!“

Vorhang.

 

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Franken das Schreckliche

BambergBamberg, völlig blaulichtfrei.

Ich habe keine Ahnung von Franken. Gerade musste ich googlen, um festzustellen, dass ich schon einmal da war, weil Bamberg und Nürnberg offenbar dazu gehören. Dennoch weiß ich seit ein paar Wochen, wie es dort zugeht. Nämlich ziemlich gefährlich.

„Nachdem eine junge Frau eine Taxifahrt nicht bezahlen konnte, hat sie auch noch einer Nürnberger Polizistin in die Hand gebissen und mehrere Beamte bespuckt und beleidigt.“

„Am Bahnhof in Feucht ist am Samstagabend ein Fahrgast von den Türen einer S-Bahn eingeklemmt worden und unter den fahrenden Zug gekommen.“

„Ein Pfarrer aus der Oberpfalz hetzt gegen Frauen, Homosexuelle und die Presse. Außerdem fragte er ein  an Leukämie erkranktes Kind im Rollstuhl, ob es zu faul zum Laufen sei.“

„Ein mit elf Schülern besetzter Bus ist gestern Abend aufgrund von Schneeglätte von der Straße gerutscht, umgekippt und im Graben gelandet.“

„Die Polizei Würzburg warnt vor einer neuen Facebook-Betrugsmasche.“

„Frei.Wild wurden als Headliner für das Out & Loud Festival in Geiselwind bestätigt.“

Solche Meldungen bekomme ich seit einiger Zeit im Stundentakt aufs Handy. Was, nicht dass wir uns falsch verstehen, mein Wunsch war. Ich habe den WhatsApp-Dienst der örtlichen Lokalzeitungen abonniert, die alle zur Mediengruppe Oberfranken gehören und sich den gemeinsamen Online Auftritt infranken.de teilen – einfach, weil es geht und ich wissen wollte, wie diese zaghafte Annäherung von Lokalem, Netz und jungen Menschen funktioniert. Doch das Ergebnis hinterlässt mich in etwa dem gleichen Zustand wie einst Bauer Heinrich, als er erfuhr, dass sein Hofwochenbesuch die Krusten vom Brot schneidet und diese nicht mal der Katze weiterreicht (bei Bauer Heinrich kommen Essensreste nämlich inne Tiere. Boah!). Seltsamer Exkurs Ende.

Das infranken.de-Team hält mich also den Tag über mit Polizeimeldungen auf dem Laufenden. Manchmal sind auch Nachrichten von der Handball-WM oder über schreckliche Liebesschlösser an Brücken dabei, und ja, auch vom Tod von Udo Jürgens habe ich per infrankenApp erfahren. Aber meist geht es um brennende Autos, verschwundene Menschen und betrunkene Jugendliche (in brennenden Autos).

Man wolle, so hieß es zum Start, vor allem junge Menschen über WhatsApp erreichen. Junge Menschen mit einem Faible für Katastrophen und dem politischen und gesellschaftlichen Interesse einer Amöbe, offenbar.

Zwar gibt es wohl einen Grund für die etwas seltsame Auswahl, die einem da aufs Handy gespielt wird: Jede Meldung endet mit einem Link zur Internetseite, und infranken.de hat eine Paywall für relevantere Geschichten. Polizeimeldungen hingegen bekommt man frei Haus geliefert, daher landen sie für alle sichtbar im Netz. Und wer will schon Menschen, die es aus WhatsApp in den Browser geschafft haben, vor einer Bezahlschranke verrecken lassen?

Aber trotzdem: Ich bin enttäuscht und entsetzt. Denn.

Die Idee ist gut. (Also abgesehen davon, dass man sich daran gewöhnen muss, dass der WhatsApp-Signalton nicht immer Neuigkeiten von Menschen, die man mag, ankündigt. Aber Andere, die nicht ich sind, lassen sich ja auch Breaking-News von ntv aufs Handy pushen; damit kommt man mit der Zeit wohl klar.) Aber die Erfahrung, als Neuigkeit immer nur blaubelichtete Schauergeschichten vorzufinden, ist es nicht.

Junge Menschen lesen keine Lokalzeitung mehr. Das sagt so ziemlich jede Studie, die sich innerhalb von drei Sekunden zusammengoogeln lässt. Das hat auch viel mit dem Schweinepreisschießengedächtnisquatsch zu tun, der dort immer noch tagtäglich dokumentiert wird. Aber auch damit, dass Print stirbt, das Mediennutzungsverhalten sich ändert und wir mittlerweile erwarten, dass relevante Nachrichten uns finden und nicht wir sie.

Ich vertrete eine gewagte Theorie: Auch im Lokalen sind Journalismus und das Herstellen einer Öffentlichkeit relevant. Für Letzteres benötigt man aber Leser, und genau da gibt es, siehe oben, derzeit ein Nachwuchsproblem.

Wenn ich sicher wüsste, wie sich das in Zukunft lösen ließe, säße ich den ganzen Tag an meinem vergoldeten Laptop und schriebe dieses Blog voll, weil ich nicht mehr anderweitig Geld verdienen müsste. Aber die Idee, dass dieses sich nur ändern lässt, wenn auch Lokalzeitungen mal den großen Zeh Richtung Internetgedöns strecken, erscheint mir doch in den Tendenz richtig.

Wenn eine Lokalzeitung sich also an dieses ominöse „Dark Social“ heranwagt, um junge Menschen da zu bedienen, wo sie eh schon sind, ist das eine super Sache. Ihnen dann aber nur Mord, Totschlag und schwulenfeindliche Pfarrer zu präsentieren, halte ich für eine sowas von vertane Chance, dass man es ruhig mal fahrlässig nennen kann.

Liebe infranken-Macher: Breaking News! Diese Leute mit Smartphone und Internetzugang haben ein Gehirn – sogar, wenn sie jung sind!

Ich weiß: Manchmal sagen die Klickzahlen genau das Gegenteil. Ich habe selbst beim Onlineauftritt einer deutschen Regionalzeitung am Rechner gesessen und entsetzt zur Kenntnis genommen, dass nichts so gerne geklickt wird wie neue Unfälle auf der A2. Den verantwortlichen Redakteur hat das damals dazu bemüßigt, jeden anfallenden Unfall umfassendst online dokumentieren zu lassen (von der Boulevardpresse lernen heißt siegen lernen, oder so). Was mich wiederum schnellstmöglich gehen ließ.

Denn wer das für den Lokaljournalismus der Zukunft hält, sollte seinen Laden lieber dicht machen, als ihn noch weiter zu digitalisieren.

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Endstation Winzerfest

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Ich habe eine kleine Theorie. Sie lautet: Das Internet ist gar nicht schuld am Sterben der Zeitungen. Zumindest im Lokalen. Es sind die Zeitungen selbst, die sich ihr Grab schaufeln, und zwar mit sterbenslangweiligen Inhalten (Schlechte Totholz-Wortwitze Ende).

Heute Morgen habe ich zum Beispiel fürs Altpapier mal eben geschaut, was das gerade tragisch dahinsiechende Darmstädter Echo heute berichtet: Winzerfest. Basar. Volksbank-Spende.  „Volksbank-Vorstand Markus Göbel lobte bei der Übergabe des Geldes an die ausrichtende Gemeinde Reichelsheim die hervorragende Organisation der längst weit über die Region hinaus bekannten Märchen- und Sagentage, die ein Höhepunkt unter den zahlreichen Veranstaltungen der Region seien.“

Mittlerweile habe ich oft genug mit Lokalredakteuren diskutiert, um zu wissen, was sie auf diesen Einwand immer antworten, nämlich „Das wollen die Leute halt lesen.“

Wäre das richtig, gingen die Verkaufszahlen nicht so nach unten.

Dabei haben gerade die Lokalzeitungen doch den unfassbaren Vorteil, Inhalte zu generieren, die man eben nicht bei SpOn, der New York Times oder Buzzfeed bekommt. Wer wissen will, was am Ort los ist, kommt auch 2014 an der Lokalzeitung nicht vorbei. Welche jedoch inhaltlich noch im Jahr 1981 hängt – in Zeiten, als Vereine über ihre Jahreshauptversammlungen noch nicht auf ihrer Internetseite berichten konnten und Menschen ihre tägliche Mediennutzungszeit auf eine ausgedruckte Zeitung und drei Fernsehprogramme verteilten.

Der Medienwandel hat in vielen Lokalzeitungshäusern stattgefunden, indem sie ihre Inhalte nun auch auf eine Internetseite zweifelhaften Namens kippen („Echo Online“ im Falle des Darmstädter Echos; mein absoluter Favorit in dieser Reihe ist aber die Braunschweiger Zeitung, die ihren Internetauftritt lange „Newsclick“ nannte) und eventuell noch eine Facebook-Seite aufbauen. Das Kernprodukt sieht derweil aus wie vor 25 Jahren. Was in etwa so ist, als würde H&M nur Karottenhosen produzieren und sich wundern, dass die niemand mehr kauft.

Die Kollegen aus Darmstadt werden sich für solche Tipps bedanken, ich weiß. In Zukunft sollen sie mit einem Hauch des bisherigen Personals eine bessere Zeitung machen; diese seltsame Rechenweise bekommt man wohl derzeit in Managementschulen für Verlagsinhaber beigebracht. Tatsächlich sagte mir unlängst ein Kollege, als ich mich mal wieder über die Qualität im Lokalen beschwerte, angesichts der Arbeitsbedingungen sei das Produkt doch noch ganz gut.

Ich stelle mir das gerade als Zeitungskopf vor: „Darmstädter Echo. Die unabhängige politische Tageszeitung Südhessens. Angesichts der Umstände noch ganz okay“. Würden Sie dafür knapp 35 Euro im Monat ausgeben?

Derzeit lautet die Antwort noch: aus Gewohnheit ja, sonst nicht. Laut aktueller Media-Analyse Tageszeitungen haben 65,2 Prozent der über 50-Jährigen eine Regionalzeitung abonniert. Bei den 30 bis 49-Jährigen sind es noch 45,2.

Womit wir zum zweiten Teil meiner lustigen Theorie kommen: Das Internet ist im Lokalen eine riesige Chance.

Vielen Zeitungen beschäftigen derzeit einen Teil ihrer Mitarbeiter damit, dpa-Meldungen auszudrucken und das Mantel zu nennen. Die sparsamen unter den Verlegern haben diesen Teil längst outgesourced, was immer mit einem Aufschrei einhergeht, die Pressevielfalt ginge verloren – dabei hat es wenig mit Vielfalt zu tun, wo nun dpa-Meldungen für den Abdruck freigegeben werden. Warum also nicht einfach diesen Teil der Arbeit ganz aufgeben und sich völlig aufs Lokale konzentrieren? Im Internet ist der Mantel eh nun einen Klick entfernt, bei faz.net, sueddeutsche.de oder zeit.de. (Über die Finanzierung der dpa sprechen wir dann ein anderes Mal.)

Der andere Vorteil: das Internet ist immer voll und leer genug zugleich. In meinem Volo musste ich eine zeitlang die Seite eines kleinen Kreises betreuen, an dem leider nicht jeden Tag ausreichend Spannendes passierte, um diese Seite auch zu füllen. Wer sich schon immer mal gefragt hat, ob man eigentlich aus 35 Zeilen Polizeimeldung über ein entlaufendes Pferd einen 70-Zeilen-Aufmacher machen kann, wenn es sein muss: Ja, das geht. Das ist zwar für Leser wie Redakteure eine schlimme Tortur, aber weiße Seiten müssen dann nicht in den Druck gehen.

Im Internet kann man sich soetwas sparen. Passiert nichts Relevantes, schreibt man nichts. Hat man was zu erzählen, muss man sich nicht auf 80 Zeilen beschränken.

Die Gründe, weshalb das alles nur eine dumme Spinnerei von mir ist, sind natürlich vielfältig: 80-Jährige gehen nicht ins Internet. Wenn niemand mehr über Scheckübergaben schreibt, werden auch keine Schecks mehr übergeben und keine sozialen Projekte mehr gefördert. Wovon sollen die Drucker leben? Niemand verdient Geld im Internet.

Für mehr Argumente fragen Sie ihren Lokalredakteur oder Verleger.

Allerdings ist mir nicht ganz klar, warum man auf Leute hören sollte, die unbeeindruckt von medialen Revolutionen stur ein Produkt Typ 1981 weiterproduzieren, wenn es nicht mehr läuft die Mitarbeiter rausschmeißen und sich dabei noch gegenseitig die Schultern klopfend behaupten, sie seien das letzte Bollwerk der Demokratie in diesem Lande.

Ich habe die leichte Vermutung, dass gerade diese für den Lokaljournalismus die viel größere Gefahr darstellen als dieses Internet.

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Fünf weitere Dinge, die ich an Lokalzeitungen nie verstehen werde

Es gibt gute Nachrichten: ich bin diesen Sommer schon wieder quer durch Deutschland gefahren und nicht etwa mit leeren Händen zurück nach Berlin gekehrt, sondern mit fünf weiteren Dingen im Gepäck, die ich an Lokalzeitungen nie verstehen werde.

5. Die Begeisterung für Stadtfeste

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Ja, dies ist kein gutes Beispiel. Weil es sich hier nicht um einen Artikel, sondern um eine „entgeltliche Einschaltung gem §26 MG“ handelt – so scheint man es in Österreich kennzeichnen zu müssen, wenn man sich bezahltes Material ins Blatt holt (Sie sehen ein Beispiel aus den Salzburger Nachrichten). Aber so konnte ich sowohl die lustige Umschreibung für „Anzeige“ unterbringen als auch andeuten, dass ich die ausführliche Beschreibung von Schwenkgrills im Arbeitseinsatz nur so mittelspannend finde. Wer ein Bullshit-Bingo anlegen mag: „kulinarisch“, „traditionell“, „Bieranstich“, „abwechslungsreich“ und „krönender Abschluss“ sollten dabei sein.

4. Die Themen

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Ganz recht, man macht es sich ziemlich einfach, wenn man als Berliner nach Eisenach fährt und sich dort darüber aufregt, dass die wichtigste Nachricht des Tages an einem Kreisverkehr zu verorten sein soll. Zumal, wenn wir gerade Mitte Juli schreiben und das Sommerloch die Größe des Berliner Haushaltsdefizits erreicht hat. Dennoch komme ich nicht umhin, mich zu wundern – natürlich ausschließlich darüber, woher die Eisenacher Kollegen wissen, wie groß genau ein lebender Zwerg ist.

3. Wir machen jetzt auch was mit Internet (1)

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Im schönen Thüringen hat man verstanden: Dieses Internet, das ist wichtig. Sogar so wichtig, dass man ihm einen Platz in der kostbaren Printausgabe einräumt. Schließlich sollen deren Leser zumindest den Eindruck bekommen, sie bekämen mit, was die Menschen mit Zugang zu diesem weltweiten Netz umtreibt. Nämlich: Mord und Totschlag. So suggeriert es zumindest die hier gewählte Form des täglichen Abdrucks der wohl traurigsten Statistik, die jede Nachrichtenseite zu bieten hat: die der meistgelesenen Artikel. Auf der niemals die fundierte Analyse der kommunalen Finanzlage ganz oben rangiert, sondern immer nur verunglückte Porschefahrer. Eine schönere Bestätigung kann man Print-Freunden und Internet-Feinden wohl nicht liefern. (Oh, wait! Sollte das etwa der Plan…?!)

2. Wir machen jetzt auch was mit Internet (2)

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Derjenige, der in seiner Freizeit gerne Facebook-Kommentar-Stränge aufgrund ihrer fundierten Argumente, spannenden Themen und ausgewogenen Debattenkultur liest, hebe nun bitte kurz die Hand. Ähm, ja: für Sie da ganz hinten druckt die Thüringer Allgemeine die spannendsten Kommentare von ihrer Facebookseite täglich ins Blatt. Eine durchweg lohnenswerte Angelegenheit, wie man sieht, bei dem Regen!

1. Die Lokalspitze

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An dieser Lokalspitze fehlt das eigentlich Wichtigste, nämlich der Kopf. Aber ich wollte den Lokal-Kollegen, der diese interessante Abhandlung über das Schmelzverhalten von Süßwaren in geschlossenen Autos im Monat Juli verfasst hat, nicht so explizit in die Pfanne hauen. Schließlich kann er auch nichts dafür, dass die Lokalzeitungen besessen davon sind, ihre Mitarbeiter Präsenz zeigen zu lassen – und zwar jeden Tag, auf jeder Seite des Lokalteils, mit einer lustigen Begebenheit, die einem nur ärgerlicherweise als Mitarbeiter eines Lokalteils nicht jeden Tag über den Weg läuft. So werden täglich deutschlandweit viele tausend Zeilen mit Berichten über die Krankheiten von Haustieren, Probleme mein Bügeln sowie die Parkplatzsuche gefüllt.

Wer noch nicht wusste, dass man bei Regen besser die Fenster schließt, interessiert sich vielleicht auch für geschmolzene Gummibärchen: Das hat der Lokaljournalismus wirklich nicht verdient.

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Achtung, frisch gestrichen

Halt, stopp, hiergeblieben! Laufen Sie nicht weg! Auch wenn es so ganz anders aussieht als bisher, ist es doch weiterhin das kleine, stets gutgelaunte Blog mit dem Affen, das Sie bisher hier vorfanden. Das Jahr 2010 hat nur angerufen und wollte sein Layout zurück. Daher sieht es jetzt so neu hier aus.

Das wollte ich nur schnell durchgeben. Die üblichen Vorsätze, dass es sich im neues Design in Zukunft sicher auch wieder öfter schreibt, müssen Sie sich an dieser Stelle dazudenken.

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1 und 1 macht 4

Unlängst hatte ich einen unplanmäßigen längeren Aufenthalt im schönen Büchen. Dort muss man umsteigen, wenn man mit dem Zug von Berlin nach Lübeck reist, und wenn die Deutsche Bahn das macht, was man von ihr erwartet, darf man dort ein bisschen länger auf dem Bahnsteig stehen. Und sich wundern, wie man es schafft, drei Gleise so unglücklich zueinander anzuordnen, dass man, um von A nach C zu kommen, Bahnsteig B komplett abschreiten und zudem einen mikroskopisch kleinen Bahnübergang überqueren muss – nur echt mit dauergeschlossener Schranke.

Aber was ich eigentlich sagen will: Ich glaube, die Bahnsteige in Büchen haben die Illuminaten nummeriert.

Büchen

Oder die Nummerierung musste aus alten Reichsbahnbeständen erfolgen und da waren beliebte Zahlen wie „2“ und „3“ natürlich schon aus.

Oder wenn man drei Einsen und drei Vieren kauft, dann bekommt man zwei Nullen kostenlos.

(Und ja, die anderen Straßen der Weltstadt Büchen heißen selbstverständlich Am Bahndamm, Kirchenstraße, Schulweg sowie nach den Städten, in die sie führen. Ich habe das recherchiert.)

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Mein Haus, mein Gartenhaus, mein Kaufhaus

Ich habe Goethes linken Fausthandschuh gesehen. Und nein, das ist leider keine dieser humoresk daherkommenden Formulierungen, bei denen sich am Schluss herausstellt, dass Goethe in diesem Fall ein dreibeiniges Kaninchen ist und der echte Goethe seidene Fingerhandschuhe bevorzugte. Es ist genau so gemeint, wie es da steht: Goethes linker Fausthandschuh ist zu besichtigen. Neben seinen Hosenträgern, seinem Reisemantel und diversen Federkielen, die vielleicht sogar Zeitgenossen Goethes tatsächlich mal zu nutzen beabsichtigt hatten. Das Weimarer Goethe-Haus hat all dies ausgestellt. Wäre in den 10,50 Euro Eintritt eine Fotoerlaubnis inkludiert gewesen, ich hätte selbstredend ein Beweisfoto beigefügt.

Womit ich sagen will: Ich war in Weimar und habe zu viel Geld in den Besuch eines Museums gesteckt, das seinem Berichtsgegenstand so verfallen ist, dass es sogar seine – leider nur zum Teil erhaltene – Wintermode ausstellt und genau protokolliert hat, wann der alte Geheimrat welche Wand seines Hauses von Blau zu Grün streichen ließ. Was ein wenig schade ist, angesichts der Tatsache, dass ich mich durchaus für Goethes Leben und Werk interessiert hätte, wäre denn auch ein wenig darüber zu erfahren gewesen.

Goethe

Folgerichtig präsentiert sich die Konsumgüter-Industrie in Weimar nicht in einem schlichten Kaufhof, sondern im Goethe-Kaufhaus. Das einem gleich noch vermittelt, dass Goethe seine Zahnseide gern bei dm erstand („Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“).

Auch Schiller wird entsprechend gewürdigt mit Wohnhaus samt Museumsshop samt Apfelkonfitüre (Ganz recht, wegen Wilhelm Tell, und auch ich bin froh, dass dieser und nicht Die Räuber hier inspirierend Pate standen) und Kaufhaus. Nur sein Gartenhaus musste Weimar leider an Jena abtreten.

Womit eine schöne Überleitung geschaffen wäre zu anderen Städten, die ich auch besucht habe, seitdem ich auf meiner Reise eine kleine Schreibpause eingelegt habe.

Amberg zum Beispiel, was hier nicht unerwähnt bleiben darf aufgrund der Tragik seiner größten Sehenswürdigkeit, der Amberger Stadtbrille. Anders, als ich es gern gehabt hätte, ist diese leider kein Produkt des Größenwahns der örtlichen Optiker-Innung, sondern lediglich der Phantasie der Einwohner zu verdanken, die die Brücke und ihre Spiegelung als Brille wahrnehmen.

Leider wurde vor ein paar Jahren entdeckt, dass die Brücke nicht zwei, sondern drei Bögen hat, und jemand ohne Ahnung von Tourismusmarketing hat dafür gesorgt, dass auch dieser Bogen freigelegt wurde. Um den Schein halbwegs zu wahren, wurde wohl die kleine Mauer links im Bild errichtet.

Amberg

Oder in Nürnberg, wo im Zentrum auf der Bühne des Festes der ökologischen Landwirtschaft eine badische Flamencogruppe ihr Bestes gab, während am Stadtrand auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände ein Kdf-Wagen- VW-Oldtimer-Treffen stattfand.

Oder in Schwerin, das man dank des pompösen Schlosses fast mit Euro-Disney verwechseln könnte, wenn Disneyland nicht erst um 23 Uhr schlösse und Schwerin schon um halb sieben.

Mit dem erhebenden Gefühl beim Anblick von Goethes linkem Fausthandschuh kann das alles aber leider nicht mithalten. Mein Leben wird danach nicht mehr sein, wie es war.

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2 Kommentare

Bamberg sehen und fotografieren

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Es traf mich zugegebener Maßen nicht ganz unvorbereitet. Denn natürlich hatte auch ich schon davon gehört, von der Masse, der Unfassbarkeit, sagen wir doch gleich Urgewalt. Doch es mit eigenen Augen zu sehen ist dann doch noch einmal etwas anderes. Und ganz recht, ich spreche von Touristengruppen in den bis zur Absurdität pittoresken Kleinstädten Süddeutschlands; in diesem Fall Bamberg.

Eins sei gleich vorweg gesagt: Das mit dem Einhalten der Verkehrsregeln funktioniert überraschend hervorragend. Wenn also, sagen wir mal, die Gruppe lustiger Amerikaner, die gerade dem Schild mit der Nummer 6 hinterherläuft, an einer Straßenecke auf die japanische Reisegruppe mit Schild 2 trifft, dann wird vorschriftsgemäß rechts vor links beachtet und am Ende sitzen höchstens zwei besonders kurzsichtige Gäste im falschen Bus.

Was außerdem immer funktioniert: Einfach mal unplanmäßig in eine kleine Gasse biegen, in die kein Hinweisschild ragt, und schon nach 100 Metern ist man mutterseelen allein. Es kann natürlich sein, dass man dort Augenzeuge wird, wie Einheimische ihren Müll entsorgen, aber wenn ich das Fotoverhalten manch anderer Touristen recht interpretiert habe, wäre das sogar ein besonders attraktives Motiv. Denn wer festhält, wie Menschen ausparken, Brötchen verkaufen oder Kaffee servieren, der sollte doch auch daran interessiert sein, zu dokumentieren, wo das alles hinführt.

Dazwischen kann man sich sowohl an der Schönheit der Stadt als auch an der sympathischen Eigenart ihrer Besucher erfreuen. Die zum Beispiel Günther heißen und noch den schönen Ausdruck „der letzte Heuler“ verwenden oder laut nach Annemarie rufen, weil: „Du hast doch noch mein Spritz!“

Leider konnte bis Redaktionsschluss nicht mehr geklärt werden, ob hier der Bedarf nach einem alkoholhaltigen Kaltgetränk geäußert wurde, oder ob es nicht doch um die Behandlung von Diabetes ging.

Womit ich sagen will: Bamberg ist eine wunderhübsche Stadt. Sie könnte nur noch schöner sein, würden weniger Besucher Socken in Sandalen tragen.