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Inside PBN

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Wenn dieser Tage die Zugriffszahlen der kleinen Internetlokalzeitung mit dem ebenso langen Namen Prenzlauer Berg Nachrichten in die Höhe schnellen, dann ist das auch meine Schuld: Bis Freitag sollen 750 Mitglieder gewonnen werden, die mit knapp fünf Euro im Monat den Fortbestand der Zeitung sichern. Andernfalls ist Schluss. Mich persönlich interessiert das, weil ich die Zeitung 1. mitgegründet und mein Herz an sie (oder sie an mein Herz) gehängt habe und 2. bis heute dort einen Teil meines Geldes verdiene.

Aus diesem Grund drücke ich derzeit des Öfteren den Reload-Knopf und kontrolliere den Stand der Kampagne. Diese Tätigkeit ist recht eintönig und lässt Zeit, ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen: Wie ich vor ziemlich genau fünf Jahren eine Mail von einem mir unbekannten voraussichtlich Irren bekam, der sich nach meiner Bereitschaft erkundigte, „über ein Online-Projekt zum Prenzlauer Berg zu sprechen (hyperlokal, lokalpolitik-lastig, journalistisch, aber ohne Bratwurstjournalismus)“. Ich meine: Per Mail anfragen, ob man nicht zusammen eine Zeitung gründen wolle: Wer macht denn sowas?! Wie fünfeinhalb Monate später tatsächlich die PBN online gingen. Wie der erste Hype und der erste Shitstorm kurz darauf gleichzeitig eintrafen. Wie wir einfach weitermachten, Leser fanden und uns doch irgendwann fragen mussten, ob Journalismus nur noch als Selbstausbeutung funktionieren kann.

Wenn man über solche Dinge nachdenkt, kommt man nicht umhin, ein paar Lernerfolge zu verzeichnen. Ganz recht, genau die werde ich nun skizzieren. Da das hier das Internet ist, habe ich mich entschlossen, sie durchzunummerieren. Ordnung muss sein.

1. Es ist großartig einfach, in diesem Land eine Zeitung zu gründen. Man nehme eine Internetadresse, und schon geht es los. Egal ob Bezirksbürgermeister, Bürgerinitiativen, Bundespresseamt oder das New Yorker Guggenheim-Museum – alle nahmen vom ersten Tag an die Zeitung und mich als ihre Vertreterin ernst, beantworteten Fragen und hörten mit der Zeit sogar auf, das kleine „nur“ vor das „online“ zu setzen, wenn es um die Erscheinungsweise der PBN ging. „Prenzlauer Berg Nachrichten“ als sehr klassischen Zeitungsnamen zu wählen, war dafür sicher eine gute Idee. Auf der anderen Seite mache ich gerade mit meinem neuesten Projekt namens Zentrale Orte ähnliche Erfahrungen.

2. Eine Zeitung „Prenzlauer Berg Nachrichten“ zu nennen, ist eine bescheuerte Idee. Außer, man möchte gerne erreichen, dass ihr Name nur von einem elitären Zirkel richtig ausgesprochen wird. Im Idealfall nennen meine Gesprächspartner sie „Prenzlberg Nachrichten“; auch sehr beliebt sind „Prenzlauer Nachrichten“ oder „Prenzlauer Berger… (insert Genuschel here)“. Was nicht heißen muss, dass sie nicht ganz genau wissen, mit wem sie es zu tun haben: Auch wenn 80 Prozent der von mir Interviewten zu glauben scheinen, mit einer Frau Wiedemann von den Prenzlauer Nachrichten gesprochen zu haben – wenn sie mal wieder ein Thema in der Zeitung platzieren wollen, wissen Sie genau, an wen sie sich wenden müssen.

3. Für wahre redaktionelle Freiheit muss man selber gründen. Dieser Satz mag für sehr viele Kollegen sehr falsch erscheinen, aber er entspricht meiner persönlichen Erfahrung. Dabei geht es nicht darum, dass einem bei der eigenen Zeitung keine anderen Redakteure in die Artikel reden – das finde ich bereichernd (und fehlt mir beim kleinen, unterbesetzten Team der PBN eher; dazu später mehr). Vielmehr sind die PBN einer der wenigen Orte, an denen ich mich weder an allgemeinen redaktionellen Linien, speziellen Vorlieben des Chefredakteurs noch Wünschen der Werbenden orientieren muss. Ich war dabei, als ein großer Anzeigenkunde absprang, nachdem ich seine Scheckübergabe als nicht berichtenswert eingestuft hatte. Trotzdem gab es über die redaktionelle Entscheidung keine Diskussion. Anderswo habe ich das anders erlebt.

4. Ein gutes Layout weckt große Erwartungen. Das der PBN hat eben nicht der Kollege mit Paint gebastelt, sondern er hat dafür eine Agentur beauftragt. Das sieht man. Die müssen Kohle haben. Das ist die Kausalkette, die uns nun Probleme bereitet. Dabei war die Zeitung schon immer ein Low-Budget-Unternehmen, das ohne viel Idealismus nicht funktionierte. Seit viereinhalb Jahren betreiben wir die Redaktion mit einer Stelle, die wir uns mal zu zweit, mal zu dritt teilen. Zeitweise habe ich den Betrieb auch ganz alleine gestemmt: Recherche, Schreiben, Fotos, Facebook, Twitter, Kommentare, Mails, Telefon. Mit einer 40-Stunden-Woche kommt man da nicht zurecht, wenn regelmäßig Artikel erscheinen sollen. Natürlich habe ich dafür Geld bekommen (das war der Deal mit dem Eingangs erwähnten Irren, denn ich habe leider weder geerbt noch einen überreichen Adligen geehelicht), aber sagen wir mal so: Als ich unlängst las, was Gebäudereiniger verdienen, habe ich kurz geweint. Das alles sieht man der Zeitung aber nicht an. Es folgt:

5. Wir Journalisten haben es bislang nicht geschafft, unser aller Geldproblem zu kommunizieren. Zumindest wäre das die freundlichste Erklärung der Reaktionen, die seit dem Start der Mitglieder-Kampagne bei den PBN eingehen. Wir wollten uns nur die Taschen voll machen; wir seien raffgierig; wir sollten uns endlich mal einen richtigen Job suchen. Wer mal richtig schlechte Laune bekommen und ähnliche Formulierungen weniger moderat ausgedrückt lesen möchte, dem empfehle ich, die Kommentare der vergangenen Wochen auf der Facebookseite der PBN zu lesen. Besonders heftig wurde es, als die Paywall heruntergelassen wurde, die in Zukunft vor allem, was gerade einmal drei Wochen alt ist, stehen soll. Dass der Beruf des Journalisten keinen besonders guten Ruf genießt, liest man ja immer wieder. Nun habe ich es am eigenen Leib erfahren. So tief durch Scheiße zu waten, nur weil man gerne 3000 Euro brutto im Monat hätte, um eine komplette Zeitung zu betreiben – ob das für mich eine Rechnung mit Zukunft ist, muss ich mir noch einmal überlegen.

6. Andererseits: Leser sind etwas Wunderbares. In viereinhalb Jahren habe ich hauptsächlich sehr guten Kontakt mit ihnen gehabt. Themenideen, Feedback, gute Diskussionen – so intensiv und bereichernd habe ich das bei der gedruckten Zeitung nie erlebt. Heute fragen manche an, ob sie nicht Flyer für die Kampagne verteilen können. Auch das gibt es. Danke. Echt jetzt.

7. Don’t feed the troll ist Quatsch. Hat man sich einmal einen fiesen Troll eingefangen, sollte man das offensiv angehen und ansprechen. Wir haben das bei den PBN sehr lange anders gemacht und dadurch gerade jetzt, wo wir es am wenigsten brauchen können, echte Probleme bekommen. Mein Kollege Thomas Trappe hat das hier sehr schön aufgeschrieben, daher muss ich es nun nicht mehr tun. Es ist echt übel, hat es erst einmal jemand mit viel Hass und Tagesfreizeit auf einen abgesehen. Trolle sind wie Dementoren mit Internetzugang (Aussehen und Geruch: ähnlich). Dabei braucht man seine Energie dringend für anderes.

8. Um noch einmal auf 5. zurückzukommen: Unser Geld- wird zum Demokratieproblem, und im Lokalen merken wir es als Erstes. Wir bei dem PBN müssen ganz schön strampeln, um in einem Stadtteil mit knapp 150.000 Einwohnern 750 zu finden, die knapp fünf Euro im Monat für eine Zeitung am Ort bezahlen wollen. Die Kollegen von Hamburg Mittendrin wollen zum gleichen Preis 1000 Abos verkaufen und stehen bei 150 (wenn ich diese Grafik richtig deute). Dabei mangelt es nicht an Lesern, sondern nur an deren Zahlungsbereitschaft. Weil: Schlimme, schlimme Gratiskultur! Das ist das Argument, dass an dieser Stelle immer kommt. Ich halte es aber nicht für richtig. Weil: 1. haben die Verlage einst selbst beschlossen, ihre Inhalte kostenlos ins Netz zu stellen. Dafür kann man nun nicht die Leser beschimpfen. Und 2. wäre die Rechnung ja super aufgegangen, wären die gleichen Verlage nicht so gierig gewesen und hätten erst den Anzeigenplatz mit Klickstrecken und Konsorten in die Höhe und damit dann die Anzeigenpreise in den Keller getrieben.

Indem man online veröffentlicht, spart man das Geld für Papier, Druck und Vertrieb. Den Rest hätte man über Werbung refinanzieren können, wenn man damit noch etwas verdienen könnte. Das funktioniert aber nur für Websites mit enormer Reichweite. Eine Lokalzeitung zählt nicht dazu. Die vielen hyperlokalen Online-Angebote, die es derzeit gibt, funktionieren nur über Idealismus (andere sagen: Selbstausbeutung); bestehende Print-Zeitungen funktionieren nur über ihre gedruckte Ausgabe, und deren Auflagen sinken. Auf die Dauer bliebe damit im Lokalen nur ein riesiges journalistisches Vakuum. Dabei ist das der Bereich, in dem Politik auf Alltag trifft. Wer über miese Wahlbeteiligung klagt, sollte das im Hinterkopf haben, so quer es da auch liegen mag.

9. Ein Journalist muss auch an die Refinanzierung denken. Vor fünf Jahren hätte ich jeden, der mir diese Plattitüde untergeschoben hätte, vom nicht existierenden Hof gejagt. Wofür gibt es schließlich die Anzeigenabteilung? Mittlerweile glaube ich, dass wir uns mit solchen Fragen, wie oben skizziert, auseinander setzen müssen. Was nicht heißt, dass man nur noch Journalismus machen soll, der sich gut verkauft. Aber schönen Journalismus machen und darüber verhungern, das hilft auch nur so mittel. Mit der Umstellung von Anzeigen- auf Leserfinanzierung probieren wir bei den PBN nun etwas aus. Wenn es klappt, könnte es für den Moment vielleicht auch Vorbild sein. Wenn es nicht klappt, probieren Andere anderes. Früher hätte man hier das schöne Beckett-Zitat vom besseren Scheitern einbauen können. Dank eines einstigen Spiegel-Chef mit Pattex-Qualitäten muss an dieser Stelle leider darauf verzichtet werden.

10. Großes Finale: Man darf über allem nicht die Lust verlieren. Das ist am schwersten. Denn bei aller redaktioneller Freiheit, der Großartigkeit des Internets und allen Möglichkeiten: Journalismus ohne großen Geldgeber im Rücken ist anstrengend und nicht sonderlich gut bezahlt. Gerade in den vergangenen Wochen, in denen einem die Kommentatoren im Strahl vor die Füße kotzten, der Troll zu Höchstform auflief und manch Gesprächspartner zufrieden feixte, dass diese nervige Lokalzeitung, die immer wieder anfragt, nun um die Existenz kämpft, war der Wunsch nach dem Umzug nach Brandenburg und Verlagerung auf Subsistenzwirtschaft durchaus vorhanden. Mir ist zwar klar, dass man nicht in den Journalismus geht, um sich Freunde zu machen, und dass ein dickes Fell in diesem Beruf vonnöten ist. Dass man sich manchmal wie der Leiter eine Anger-Management-Therapiestunde fühlt, hatte mir jedoch vorher niemand gesagt.

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Wenn am Freitag die Zeiger auf 750 steht, dann geht es für die PBN weiter. Wenn nicht, dann nicht. Viel gelernt habe ich allemal, und auch wenn am nun noch die Erkenntnis hinzukommt, dass es so nicht geht. Dann geht es halt anders, da bin ich sicher.

Wer die PBN unterstützen und Mitglied werden möchte, kann das hier tun. 

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Juliane, Du hast ungelesene Benachrichtigungen

Mark Zuckerberg hasst mich. Oder genauer, denn der Mann ist für so etwas natürlich viel zu beschäftigt: Marks Zuckerbergs Algorithmus hasst mich und hat beschlossen, mich in den Wahnsinn zu treiben. Was ihm gelingt.

Es begann damit, dass vor einigen Wochen die Facebook-App auf meinem Smartphone unbenutzbar wurde. Aus den üblichen Optionen „Haupt-“ und „neueste Meldungen“ wurden über Nacht „Meldungen, die 34 Tage alt sind, die aber vor zwei Minuten ein Dir völlig Unbekannter geliked hat“ sowie „Meldungen, die der unbekannte Freund eines ebenfalls Unbekannten kommentiert hat“.

Würde ich jemals jemanden trollen wollen, wäre diese Taktik mein Vorbild.

Für kurze Zeit war dieser Einblick in eine fremde Parallelwelt ganz amüsant. Als es sich jedoch als dauerhaft unmöglich herausstellte, auch mal mich interessierende Informationen zu bekommen, begann ich, die App zu meiden. Und erkannte: mir fehlte nichts.

Folgerichtig loggte ich mich auch seltener via Browser ein. Über Ostern erdreistete ich mich sogar, ein paar Tage in den Urlaub zu fahren und Facebook gar nicht zu besuchen. Was man in der Art und Weise quittierte, mit der sonst ein Mafiaboss drei säumige Raten Schutzgeld eintreibt.

Facebook schickt keine schmierigen Schlägertrupps. Facebook schickt Mails. Hans hat seinen Status aktualisiert, Luise ein Foto zu ihrem Album „Sonnenuntergänge“ hinzugefügt und Sören gefällt das. Für den Fall, dass mir diese einzelnen Benachrichtigungen aufgrund zu enthusiastischen Löschens entgangen sein sollten, kommt regelmäßig die Zusammenfassung „Hier sind einige Aktivitäten, die du vielleicht auf Facebook verpasst hast.“

Ey, Facebook, Du brain! Die Tatsache, dass ich mich seit fünf Tagen nicht einloggt habe, deutet darauf hin, dass ich genau diese Informationen gerne verpasst hätte! Was jedoch nicht möglich war, weil Du mich ungefragt, aber permanent per Mail auf dem Laufenden hältst.

Bevor mich jetzt jemand über das korrekte Setzen von Häkchen belehrt: Natürlich habe ich versucht, das zu unterbinden, die Einstellungen geändert und immer wieder am Ende der Mail auf „Abbestellen“ geklickt. Doch Facebook hat halt beschlossen, dass es besser weiß als ich, was mich interessiert.

Mancher beschämte Besitzer eines Arschgeweihs mag sich wünschen, seine Mutter wäre damals so konsequent geblieben, nachdem sie sagte „Keine Tattoos!“. Aber ich bin schon groß – na, sagen wir alt und weiß daher, was ich will. Und dazu gehört ganz sicher nicht, mich mit über 30 von einem Algorithmus erziehen zu lassen.

Doch bei Facebook teilt man sich entweder das Frauenbild mit dem Saturn-Mitarbeiter, der mir einst erklärte, ich als Frau bräuchte kein so elaboriertes Smartphone, weil ich ja eh nur Sms schriebe. (Ich höre den Algorithmus schon murmeln: Ach, die arme Juliane, hat so wenig Ahnung von Internet, dass sie nicht mal mehr den Weg zu Facebook findet. Doch dem Kind kann geholfen werden!). Oder man ist generell noch eher so Prä-Kant drauf und traut niemandem außer sich selbst zu, sich des eigenen Verstandes zu bedienen.

Nachdem ich immer mehr Mails mit „Abbestellen“ beantwortet und das Einloggen auf ein (beruflich bedingtes) Minimum herabgefahren hatte, ist die Situation nun völlig eskaliert: Seit ein paar Tagen werden ich immer dann per Mail informiert, wenn einer der aktivsten meiner Facebookfreunde sich mal wieder im Mark Zuckerbergs kleinem Nachrichtennetzwerk engagiert hat. „Schau mal, wie schön der Harald* das wieder gemacht hat. So einfach ist das, ein produktives Mitglied der Gemeinschaft zu sein!“, will man mir damit wohl sagen.

Ja, verdammt, ich will aber Revolution, und außerdem mag ich Twitter viel lieber!

Was mich zu dem Punkt bringt, der mich am meisten nervt: Wenn man so ein Facebook hat, wie ich, das einem eingeloggt nur die absurdesten Dinge in die Timeline lässt und ausgeloggt per Mail drangsaliert, dann möchte man nur noch austreten. Sollen Mark Zuckerberg und Harald doch glücklich in einen Sonnenuntergang reiten, den Luise zu ihrem Album hinzufügen kann. Mir doch egal. Doch 35.001 Artikel über das perfekte Dasein als freiberuflicher Journalist haben mich gelehrt, dass es in unserem Beruf völlig irrelevant ist, ob man Rechtschreibung, Pressrecht oder Word beherrscht – solange man socialmedia-mäßig vollumpfänglich aufgestellt ist, kann nichts schief gehen. Hinzu kommt, dass ich – Festangestellte mit angeschlossener Social-Media-Redaktion können jetzt mal kurz mit den Ohren schlackern – ganz gerne mal selbst meine Artikel auf die entsprechenden Facebook-Seiten stellen und der Diskussion folgen muss.

Falls Ihnen dieses Dilemma aus dem ARD-Nachmittagsprogramm bekannt vorkommt, dann haben Sie völlig recht: Juliane ist von Facebook derbe genervt, weil es mittlerweile etwas völlig anderes will als sie. Außerdem hört es nie richtig zu und überschreitet ständig Grenzen. Facebook hingegen leidet unter dem nachlassenden Interesse und ist von der Zurückweisung tief gekränkt. Längst raten die sie umgebenden Schwägerinnen und Hausburschen zur Trennung.

Wegen der Kinder kommt die zwar nicht in Frage. Aber weißt Du was, Mark Zuckerbers Algorithmus? Ich hasse Dich auch.

*Name der Redaktion, Mark Zuckerberg und seinen Freunden bekannt

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Der DJV und wie er die Welt sah

Heute war ich bei der kostenlosen Steuerberatung durch den Berliner DJV, und nein, dass ich darüber mal zu Bloggen das Bedürfnis haben würde, hätte ich jetzt auch nicht unbedingt erwartet. Aber die knappe Viertelstunde, die ich in den heiligen Hallen – oder sagen wir doch gleich: dieser ganz eigenen Welt verbringen durfte, waren so reich an Erkenntnissen, dass ich diese unmöglich für mich behalten kann.

Sie sehen die schönsten Zitate der Steuerberaterin im Auftrag des DJV, versehen mit hämischen erklärenden Bemerkungen von mir.


 „Sagen wir mal, Sie erbringen eine journalistische Leistung, zum Beispiel: eine Pressemitteilung.“

Dass man beim DJV einige Schwierigkeiten damit hat, Journalismus von PR zu unterscheiden, habe ich schon öfter beobachtet. Aber so schön auf eine Formel gebracht hatte man es bislang noch nicht.

“ Ach, und da gibt es Leute, die einfach so ins Internet schreiben?“

Es gibt ein Leben jenseits von Spiegel Online. Faszinierend.

„Wer sollte denn dafür bezahlen?“

Von der Erkenntnis, dass Online-Journalismus jenseits großer Verlage existiert, zur Analyse des Refinanzierungsproblems in fünf Sekunden – Respekt. Wobei es schon ganz schön schmerzt, so unverblümt ins Gesicht gesagt zu bekommen, dass Journalimus im Internet ein unverkäufliches Gut ist, und ich mal besser Steuerberaterin geworden wäre.

„Und warum überweist man das Geld erst an diese Firma und nicht direkt an den Autor?“

Was sich Menschen fragen, denen man gerade erklärt hat, was Flattr ist.

„Das klingt ja interessant mit diesem Internet. Da sollte ich mich vielleicht mal kundig machen, falls noch mal jemand kommt, der dazu etwas wissen will.“

Kann man machen. Man kann sich aber auch darauf verlassen, dass es in den nächsten fünfzig Jahren noch Printredaktionen mit Festangestellten geben wird, die sich beraten lassen wollen, ob sie ihre Tweed-Jacketts als Arbeitskleidung absetzen können.


Eine Steuerberaterin ist eine Steuerberaterin ist keine Journalistin, das ist mir schon klar. Aber so wenig Ahnung vom Beratungsgegenstand hatte wohl zuletzt der Mann im Berufsinformationszentrum zu Soest, der mit erklärte, um Journalistin zu werden, sollte ich mich an einer Filmhochschule bewerben.

Erwartet hatte ich, dass man mich einfach auslacht, weil ich mich fürs Geldverdienen mit Journalismus im Internet interessiere. Bekommen habe ich eine kleine Zeitreise und die Erkenntnis, dass ich jetzt wirklich kündigen sollte.

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One More Time

Als Kind hätte ich gerne eins dieser praktischen Plastetiere gehabt, die man in der Hosentasche mit sich herumschleppen und bei Bedarf füttern, streicheln oder ins Bett bringen konnte. Doch meine Eltern hielten nichts von Tamagotschis oder von für den Erwerb nötigen Taschengelderhöhungen. Als Kind hat man es auch nicht leicht.

Irgendwann entdeckte ich die Viecher dann in einer Ramschkiste, abzugeben im Doppelpack für ein Viertel des Preises. Seitdem ich im Jahr 2008 meinen ersten Gameboy bekam, weiß ich: Verpasste Kinderheitswünsche kann man schwerlich nachholen. Und wenn Tamagotschis für einen Spaßpreis zu haben sind, ist deren Besitz dem Coolnessfaktor in etwa so zuträglich wie sich zur Klassenfahrt im Bus ganz nach vorne zu setzen.

And now for something completely different.

Das Time-Magazin hat mir wieder geschrieben. Und wieder. Und wieder. Und wieder.

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Wie schwer es war, das Abo im Sommer zu kündigen, hatte ich an dieser Stelle schon erläutert. Tatsächlich wurde die Zustellung inzwischen eingestellt. Die Brieffreundschaft aber nicht.

Auf den „Special Alert“ anlässlich meines auslaufenden Abos folgte die „Final Notice“, der „Welcome Back!“-Brief sowie der „Final Sale“ bzw. das „Final Renewal Offer“. Angeboten wurden mir zuletzt 52 Ausgaben für 30 statt 234 Euro. Ich bin jetzt kein Experte für Wertverfall, habe aber die dumpfe Ahnung, dass man in der Aboabteilung von Time das eigene Produkt für in etwa so attraktiv und erstrebenswert hält wie Spliss, ein Atommüllendlager im Vorgarten oder ein Zimmer in einer WG mit Walter Freiwald.

Immerhin ist dieses letzte Angebot verbunden mit der Ansage. „We’ll never offer you this deal again“.

Wenn es denn wenigstens so wäre!

Meine Eltern waren, ich hatte es angedeutet, in ihren Erziehungsidealen recht konsequent. Dank Time weiß ich es jetzt, wie es mir in einer etwas antiautoritärer angehauchten Familie ergangen wäre:

„Das ist mein letztes Wort. Na gut, das war es jetzt noch nicht, aber das nächste wird es sein, mein allerletztes Wort. Ach nee, doch nicht. Jetzt aber: das allerallerletzte. Na gut. Einmal noch: Jetzt ist aber Schluss. Oder zumindest gleich. Bald. Bald ist Schluss! Irgendwann muss doch mal Schluss sein! Schluss jetzt! Wirklich. Na gut, ich zähle bis drei: Eins, zwei, … nochmal, jetzt im Ernst. Ich meine es ernst! Mein letztes Wort!…“

Für soetwas fehlt mir die Geduld. Womit Time mir zu der Erkenntnis verholfen hat, dass ich eher Familie Ülüglü mit meiner Finanzverwaltung beauftrage, als noch einmal ein Print-Abo abzuschließen.

Basta.

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Mehr Licht

In den vergangenen Monaten habe ich mich ausführlich mit dem Pankower Bezirkshaushalt auseinandergesetzt.

Gut. Das klingt jetzt erstmal so, als ob ich mir sonst gerne bei vollem Bewusstsein die Fingernägel herauszöge und nachts auf einem Nagelbrett schliefe, um mich danach über dessen Weichheit zu beschweren. Ganz so schlimm ist es nicht. Aber da ich ja schon Online-Lokaljournalismus mache, den Pullunder tragenden, müffelnden Stiefvetter aus der eh nicht sonderlich beliebten Familie des Journalismus, dachte ich, kommt es darauf jetzt auch nicht mehr an.

Berichte über kommunale Haushalte sind lokaljournalistischer Alltag. Wenn nicht gerade eine Gruppe Rentner ihren einzusparenden Treffpunkt besetzt und damit zwangsläufig Aufmerksamkeit auf sich zieht (Yes, I am looking at you, Stille Straße), sieht die Berichterstattung gerne so aus:

Haushalt

Hier ist das Gesamtwerk, aus dem diese Top-Informationen extrahiert wurden.

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Man kann wirklich niemandem einen Vorwurf machen, der sich das in diesem Fall fast 500-seitige Werk nicht in seiner Gesamtheit zu Gemüte führt – schon gar nicht jemandem, der jeden Tag eine komplette Zeitungsseite zu befüllen hat, wie es in vielen Lokalredaktionen mittlerweile üblich ist. Aber da steht drin, wo die Verwaltung unser ach so geliebtes Steuergeld zu investieren plant. Wenn wir uns schon permanent auf die Schulter klopfen und uns unserer Wichtigkeit als vierte Gewalt vergewissern, sollten wir es lesen.

In den vergangenen Monaten habe ich genau das gemacht, und man kann es ruhig öfter sagen: Ohne die Unterstützung der Rudolf Augstein Stiftung wäre das nicht möglich gewesen. Das kleine Start-up Prenzlauer Berg Nachrichten hätte sich das einfach nicht leisten können.

Was lernt man also, wenn man so viel Zeit mit einem Bezirkshaushalt verbringt?

Erstens: So kompliziert ist das alles gar nicht. Da steht einfach nur fein säuberlich aufgelistet, wie viel Geld in der Vergangenheit für unterschiedliche Dinge ausgegeben wurde und wie viel dafür in Zukunft eingeplant ist.

Standesamt

Zweitens: Die Definition der unterschiedlichen Dinge und die Vorgabe, wie sie zerlegt über den Haushalt zu verteilen sind, stammen von den Machern der Steuererklärung.

Ein Beispiel: In einem Teil des Bezirks kostet Parken Geld. Es wird also durch Parkscheine und Knöllchen Geld eingenommen, für Kontrolleure, Automaten und Verwaltungsgedöns aber auch wieder welches ausgegeben. Ein Teil dessen wird in einem extra Wirtschaftsplan Parkraumbewirtschaftung abgerechnet, ein Teil steht im Haushalt selbst, und damit das Ganze richtig lustig wird, wird noch munter Geld zwischen Haushalt und Wirtschaftsplan hin- und hergebucht (wer sich ernsthaft dafür interessiert, wie es funktioniert: bitteschön).

Diese Regelung wird damit begründet, dass man für Transparenz habe sorgen wollen. Blöd nur, dass nicht einmal die damit betrauten Lokalpolitiker das System vollständig verstanden zu haben scheinen. Falls ich mich irgendwann mal ins Geldwäscher-Business absetzen sollte, weiß ich jetzt zumindest, wo ich Inspiration für das Verschleiern der Herkunft von Geld bekomme. Danke, Bezirkshaushalt Pankow!

Eine ebenso gute Empfehlung gibt es auch für alle, deren Ausgaben auf wundersame Weise jedes Jahr steigen und denen die Argumente fehlen, das ihren Lohnerhöhungen eher abgeneigt gegenüberstehenden Chefs zu verklickern. In Pankow schreibt man einfach „Mehr in Anpassung an den tatsächlichen Bedarf“ daneben, und gut ist. 99 Mal tauchen diese oder ähnliche Formulierungen im Haushalt auf. Und wer will schon in 99 Einzelfällen nach den eigentlichen Ursachen fragen?

Nein, auch ich habe das nicht gemacht (hole das aber gerne nach, falls mir jemand ein kleines Rechercheteam mit viel Zeit finanzieren möchte). Aber einen Fall habe ich mir rausgepickt. Nicht alleine, weil ich keine Ahnung hatte, was diese Eingliederungshilfen eigentlich sind, für die Pankow 80 Millionen Euro und damit über 10 Prozent seines Haushaltsbudgets ausgibt.

Was ich herausgefunden habe, steht in voller Länge nebenan (und ja, auch ich erwarte, dass das Internet den Text bald angewiedert abstößt, weil er sehr lang und recherchiert ist und das große Gesetz des Onlinejournalismus doch nur maximal 5000 zusammengecopypastete Zeichen erlaubt. Erst recht, wenn es sich dabei um Lokaljournalismus handelt).

Hier will ich nur kurz sagen, dass in diesem seltsamen Konstrukt namens Bezirkshaushalt krasse Themen stecken, die es zu hinterfragen lohnt. Nein, das ist nicht investigativ und man braucht dafür weder einen geheimen Briefkasten noch ein Faible für Treffen in Parkhäusern. Statt dessen ist es eigentlich Kategorie Alltag, jedes Jahr sollte man das machen. Doch es geht einfach nicht. Weil die Zeit fehlt, ebenso wie die Idee, wie man das auf Dauer und unabhängig von einmaligen Geldsegen finanzieren sollte.

Ich kann nicht abstreiten, dass mich das nervt. Ich gehöre schon zu den privilegierten Lokaljournalisten, die einen statt sechs Artikel pro Tag schreiben sollen und daher Zeit haben, sich Dinge vor Ort anzuschauen und mit mehr als einer Person zu sprechen. Doch an die eigentliche Ursache, das wirkliche Thema, komme ich oft trotzdem nicht ran. Ist das Gift unter dem Thälmann-Park wirklich so ungefährlich, wie der Senat sagt? Ist der Personalmangel die Ursache für die Defizite im Sozialamt, wie die Stadträtin meint? Ganz zu schweigen von den vielen Themen, die unbearbeitet im Haushalt zurückbleiben, wenn ich ihn nun weghefte. Und all denjenigen, die ich in ihm vermisst habe (Welche sozialen Träger bekommen wie viel Geld? Welche Betriebe engagiert der Bezirk für seine vielen Baustellen?).

Es geht ja gar nicht um Skandale. Es geht nur um Transparenz, die zu schaffen nunmal in der Jobbeschreibung steht.

Die Kollegen, die jeden Tag in der gut gefüllten Bundespressekonferenz sitzen, können sich das wohl kaum vorstellen. Aber im Lokaljournalismus ist man oft allein auf weiter Flur. Jeder, der dort irgendwas macht und veröffentlicht, ist schon ein Gewinn. Dennoch fühle ich mich oft wie jemand, der mit einer kleinen Taschenlampe in einem riesigen Keller steht und mal hierhin leuchtet, mal dorthin.

Ich hätte aber gerne Flutlicht.

Seit vier Jahren schreibe ich über Prenzlauer Berg. Von vielem, was mir im Haushalt begegnet ist, hatte ich noch nie etwas gehört. Dank der Augstein-Stiftung konnte ich nun einen kleinen Leuchtturm errichten, um im Bild zu bleiben. Der steht nun in dem unübersichtlichen, 800 Millionen schweren Haushalt des Berliner Bezirks Pankow mit seinen fast 400.000 Einwohnern.

Das ist wirklich schön. Aber es reicht einfach nicht.

Manchmal frage ich mich, was für coole lokale Angebote man online machen könnte, allein mit dem Budget einer Folge „In aller Freundschaft“. Denn das gehört zu einer medialen Grundversorgung; eine Zeitung für einen 400.000-Einwohner-Bezirk tut das nicht (wobei man ja eigentlich zwei bräuchte, Medienvielfalt und so). Keine Ahnung, ob die Finanzierung über eine Medienabgabe letztendlich wirklich eine gute Lösung wäre. Aber ich weiß, dass wir derzeit Geld haben für journalistische Leuchtturmprojekte, für Multimediareportagen über die Arktis und für ziemlich viele Kochshows. Aber im Lokalen sitzen wir im Dunkeln.

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Denn sie wissen nicht, was sie tun

Als ich noch Volontärin in der westdeutschen Provinz war, lehrte man mich, beim Schreiben immer an die Oma in Schladen zu denken. Schladen war ein Dorf in der Nähe und die Oma nicht näher bekannt; das Ganze diente einfach nur dazu, uns Volos daran zu erinnern, dass der durchschnittliche Leser nur so mittelhelle ist. Was ich wiederum nur so mittel sympathisch fand. Aber was soll man machen als Volontärin, wenn der Chef vorgibt, dass die Oma in Schladen das Wort Airbag nicht begreift und daher vom guten, deutschen Prallkissen zu reden sei?

Ich dachte, dieses den Leser Unterschätzen sei die besondere Eigenheit jener Regionalzeitung gewesen. Bis ich versuchte, mein Time-Abo zu kündigen.

Abgeschlossen hatte ich es vor vielen Monaten, weil ich mir gerne ab und an eines dieser aussterbenden Printprodukte ins Haus kommen lasse und das Abo der Micky Maus gerade ausgelaufen war. Ich bezahlte lächerliche 30 Euro (oder so) und bekam dafür die hässlichste Prämie aller Zeiten sowie regelmäßig ein eingeschweißtes Heft ins Haus. Und irgendwann die Mitteilung, dass ich zu den Glücklichen gehöre, die von der neuen Errungenschaft des sich automatisch verlängernden Abos profitieren dürften: ich bräuchte nichts zu tun, sie würden einfach abbuchen. Was insofern ärgerlich war, als dass ich beim Abschluss bewusst darauf geachtet hatte, dass sich das Abo nicht automatisch verlängert.

Aber woher soll das Time Magazine auch wissen, dass ich mir durchaus Gedanken mache über die Dinge , die ich den ganzen Tag so tue?

Nun denn; irgendwie stornieren sollte doch wohl gehen, dachte ich, und besuchte die Seite des Subscriber Services. Die (Schwierigkeitsstufe 1) in Sachen Schönheit mit der oben angesprochenen Uhr mithalten kann und (Schwierigkeitsstufe 2) in Schriftgröße 5 daherkommt. Zum Glück kenne ich die Tastenkombination, mit der man die Darstellung vergrößert, und bin durch regelmäßige Besuche auf den Internetseiten der Berliner Bezirksverwaltungen – sagen wir mal: an nicht auf optische Reize optimierte Anblicke gewöhnt. Und zum Glück habe ich geistesgegenwärtig mein Tun noch via Screenshot archiviert. Denn eine Bestätigungsmail gab es natürlich nicht.

Dafür fand ich heute, 34 days later, einen Brief im Kasten.

Umschlag

„Urgent response required to avoid interruption in service“ ist auch eine interessante Formulierung, wenn man weiß, dass diese interruption in service von mir ausdrücklich gewünscht wurde.

Aber es kommt noch besser.

Brief

Die Chefin des Leserservice möchte mich also auf eine dringliche Angelegenheit aufmerksam machen: nämlich, dass mein Abo Gefahr läuft, auszulaufen („Act now while you still have time!“ – Knallerwortspiel, by the way). Womit ich natürlich nicht rechnen kann angesichts der Tatsache, dass ich es selbst gekündigt habe.

Liebes Time Magazine. Vielen Dank, dass Ihr mir die Folgen meiner Handlungen zur Kenntnis bringt und dabei so höflich seid, die Handlung selbst völlig unerwähnt zu lassen („Das ist ihr heute bestimmt peinlich, lieber nicht nochmal ansprechen!“) Dafür ermöglicht ihr mir es, nur noch ein vorausgefülltes Zettelchen unterschreiben und in einem nicht mal zu frankierenden Umschlag zurückschicken zu müssen, und schon können wir alle so tun, als sei dieses schreckliche Missgeschick mit der Kündigung nie passiert und ich bekomme Time für ein weiteres Jahr für 14 Prozent des Ladenpreises. Sowie ein aufziehbares Radio mit angeschlossener Taschenlampe, einen Campingbus, zwei Flugreisen innerhalb der USA, fünf Dosen Hundefutter, ein Radiergummi in Alf-Form und einen Gutschein für dreimal Rasenmähen. Kleiner Scherz; in den 39 Euro, die mich das kosten soll, sind natürlich nur das Jahresabo und das Lampen-Radio enthalten.

Blöd nur, dass ich nun erst recht kündigen möchte. Bzw. hoffen muss, dass ihr schlau genug seid, die Kündigung als das anzuerkennen, was sie war, wenn ich Euch jetzt einfach nie mehr antworte.

Stattdessen abonniere ich, glaube ich, mal die Wendy. Dort gibt es wenigstens sinnvolle Prämien.

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Karl Marx, übernehmen Sie!

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Wir müssen noch mal über diesen Lokaljournalismus sprechen.

Das ist, wir erinnern uns, diese lustige Institution, über die immer alle lachen, weil sie es zu ihrer Aufgabe gemacht hat, die Verteilung größerer Fleischmengen an mehr oder weniger erfolgreiche Schützen zu dokumentieren, den Bürgermeister zu loben und die Fläche dazwischen mit freigestellten wie fragwürdigen Motiven zu füllen.

Na gut, habe ich immer gedacht. Mit gefällt das so nicht, versuche ich es halt anders zu machen. Aber, Knallermeldung: Ich bin mit dieser Einschätzung gar nicht alleine. Nicht mal die Leute, die diese Lokalzeitungen machen, finden diese Art Lokaljournalismus gut. Diesen Eindruck vermittelten sie mir zumindest in diversen Gesprächen, die ich in letzter Zeit mit Lokaljournalisten führen durfte.

Was den Machern an ihren eigenen Zeitungen am wenigsten gefällt? Die belanglosen Themen. Die unkritische Haltung. Die schlecht recherchierten Stücke, in denen oft die simpelsten Informationen fehlen. Und der unzeitgemäße Umgang mit manchen Themen.

(Hat hier jemand Entfremdung gesagt?)

Was man sich darunter konkret vorzustellen hat, dokumentiert seit einziger Zeit ja dankenswerter Weise dieser Tumblr. Alternativ möchte ich dieses Symbolbild zur Verfügung stellen, das den Aufmacher der Wochenendbeilage der Thüringer Allgemeinen aus dem vergangenen August zeigt.

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 Ich nehme an, das Problem wird so deutlich.

Doch warum erstellen nun Journalisten Produkte, die sie offenbar selbst schrecklich finden? Zwei einfache Gründe: Sie haben keine Zeit, aber Angst.

Denn in deutschen Lokalredaktionen ist es offenbar mittlerweile üblich, dass ein Redakteur eine ganze Seite verantwortet, und zwar allein. Und ja, diese Zeitungen erscheinen täglich und nein, eine Armada an freien Autoren steht in den seltensten Fällen zur Verfügung, um Texte zuzuliefern. Das übernehmen dafür Pressestellen und die Vereinsmitglieder, die in der Grundschule meist die passabelsten Reizwortgeschichten abgeliefert haben.

Wer wollte es den Kollegen da vorwerfen, dass die sechs Texte, die sie pro Tag auf ihre Seite über eine 3.000-Seelen-Gemeinde kloppen, nicht immer top-recherchiert, unabhängig und super-relevant sind?

Der Grund für dieses schlechte Seiten-Redakteurs-Verhältnis liegt natürlich im nimmermüden Sparwillen der Verlage. Die sich dann wundern, dass ihre Sparflammen-Blätter keine Leser mehr finden und die Schuld beim Internet suchen. Denn wenn der Bauer nicht schwimmen kann, ist die Badehose… aber lassen wir das. Die Sache mit der Angst ist ja noch offen.

Denn ja – und das finde ich fast noch beunruhigender: die Redakteure haben Angst vor ihrem Chef. (Ganz recht, das haben sie mir gegenüber so offen formuliert). Schließlich könnte der sie ja entlassen, wenn sie mal vorsichtig Kritik an seiner neuesten Aufmacheridee äußern, und wer einmal entlassen ist, der bekommt im Journalismus derzeit kein Bein mehr an den Boden. So die wohl nicht ganz unberechtigte Sorge der Kollegen.

Die Frage, was das für Chefs sind, die sich offenbar gerne mit einer Aura des Schreckens umgeben und nichts von einer offenen Diskussionskultur zur Verbesserung der eigenen Arbeit halten, lasse ich mal offen. Was soll ich dazu auch sagen? Ich habe als Freiberuflerin keine Ahnung von Chefs.

Geradezu schlimm finde ich aber, dass sie damit offenbar ihren Mitarbeitern das Rückgrat und den Mut zum Widerspruch brechen (und die das mal so hinnehmen). Dabei kann man beides ziemlich gut gebrauchen, so als Journalist im Interview mit dem lokalen Wirtschaftsboss, nur zum Beispiel.

Womit wir zusammenfassen können: Lokaljournalismus ist nur so schlimm, weil die Kollegen unterbezahlt, überarbeitet und rückenleidend sind. Zumindest erklären sie es sich selbst so. Und Stromberg hat uns tatsächlich ein realistisches Bild von Chefs vermittelt.

Das Lokale selbst kann – ich wiederhole mich –  nichts dafür.

(Noch mehr Lokaljournalismus-Meinungen gibt es dann übrigens Dienstag ab 12.30 Uhr auf der Re:publica. Nur falls sich jemand fragt, wie ich jetzt so plötzlich auf all das komme.)

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Sätze seltsamer Schönheit

„Nach zehn Jahren ist das deutsche Volk reif für ein Outing. Sprich: Ja, wir gucken das Dschungelcamp, und das ist auch gut so. Wir wollen unsere Leidenschaft für die intellektuellen Sparflammen in der Gesellschaft nicht länger verbergen, wir haben ein Herz für textilarme Ösi-Zicken, und wir freuen uns, wenn die C-Promis mal wieder Pech beim Denken haben. Anders ist die Quote auch nicht zu erklären. Gudrun Altrogge über zwei besonders prachtvolle Objekte unserer Begierde vor und nach ihrer Ankunft im Dschungel.“

So begann am gestrigen Sonntagabend Spiegel TV, das es sich natürlich nicht nehmen ließ, von den Millionen Dschungel-Fans profitieren zu wollen und als ersten Beitrag ein paar wahllos zusammengekippte Aufnahmen aus dem Expolosiv-Archiv zu senden, auf denen zwei der Dschungel-Kanditaten zu sehen waren.

Wenn ich das Zitat oben kurz übersetzen darf:

„Was gäben wir dafür, so witzig und sprachgewandt zu sein wie die Autoren von ,Ich bin ein Star, holt mich hier raus‘. Doch wir sind halt nur der Gnadenhof für Texter von ,Bauer sucht Frau‘.“

Wer sich die Sendung trotzdem nochmal anschauen mag, kann das hier tun. Sachdienliche Hinweise, warum Winfried Glatzeder beim Probeliegen in einem Sarg gefilmt wurde, bitte an mich.

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Wo die wilden Menschen wohnen

In meiner Welt gilt es über Weihnachten zwei Dinge vorrangig zu erledigen, nämlich gute Bücher zu lesen und schlechte Filme zu schauen. Damit Ersteres gut gelingt, hilft es, rechtzeitig eine Wunschliste bei Mama zu hinterlegen (Ich kann jetzt „Secondhandzeit“ sehr empfehlen). Um Letzteres kümmert sich in Deutschland das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Das ist, wir erinnern uns, diese lustige Bande Fernsehmacher, der wir jeden Monat ordentlich viel Geld geben, damit sie uns mit unabhängiger Information, Bildung und Unterhaltung versorgt, wobei offenbar niemals alle drei Sachen gleichzeitig gelten dürfen und somit etwa eine Unterhaltungssendung unter keinen Umständen informativ oder bildend sein darf.

Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären, wie die ARD es am Sonntagabend schaffte, eine Sendung namens „Traumhotel: Peking“ zu senden, in der zwar oft ein Traumhotel zu sehen war (wenn denn ein Hotel mit Marmorfliesen der Traum ist), jedoch eine Stadt, die aufgrund akuten Smog- und Menschenmangels höchstens Peking in Brandenburg hätte sein können. Wogegen jedoch sprach, dass die ausschließliche Fortbewegungsform so aussah:

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(Besonders schnell fährt der Fahrer übrigens, wenn ihm Peter Weck aufmunternd auf den Rücken klopft und „Allez“ dazu ruft. Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien!) Taxis machen in einer Stadt von der Größe Pekings ja auch gar keinen Sinn.

Und ein alter Mann so:

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Internationale Castingagenturen verzweifeln ja mittlerweile daran, dass deutsche Fernsehsendungen bei der Auswahl alternder Chinesen darauf bestehen, dass diese nur einen Zahn zu besitzen haben. Aber was soll man machen? Der deutsche Zuschauer will es halt so: Nur echt mit dem einen Zahn.

Und als zum großen Finale das zwischenzeitlich getrennte junge, deutsch-chinesische Paar heiratete, sah das selbstverständlich so aus:

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Junge Großstädter sind halt bekannt dafür, alte Traditionen bis ins letzte Detail fortzuführen. Und wenn Sie sich jetzt fragen, ob der junge Mann im Rollstuhl links im Bild am Ende wieder laufen kann: Selbstverständlich.

Ja, arbeite ich mich hier gerade wirklich am Bild von anderen Kulturen in deutschen Fernsehfilmen ab? Ganz recht: Einer muss es ja mal machen. Was uns direkt zum zweiten deutschen Fernsehen sowie Beispiel des Tages bringt, dem Traumschiff.

Dort reiste man an Neujahr nach Perth, und wenn man schon in Australien ist, will man selbstverständlich auch Australier treffen, und zwar in der Wüste, wo sie natürlich unerwarteter Weise drei gestrandete Reisende hinter einem Hügel erwarten, und das sieht dann so aus:

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Natürlich freunden sich Eingeborene und Reisende gleich an, und schon nach wenigen Stunden sprechen sie die gleiche Sprache – nun gut, zumindest Zeichensprache.

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Was die Frau links gerade gestikuliert bedeutet übrigens in etwa, dass die Aborigines auf dem Traumschiff angerufen haben und schon morgen früh von dort ein Jeep geschickt wird, um die verschollenen Damen von den Wilden wieder abzuholen.

Die Bilder, wo drei deutsche Frauen unrhythmisch diese sprachlich völlig unterentwickelten Ureinwohner beim Tanz beklatschen, erspare ich uns hier jetzt.

Dafür habe ich zum Schluss noch zwei Dinge, die ich wirklich beim Traumschiff gelernt habe: Australien mag zwar groß sein. Aber auf seiner Landkarte ist dennoch Richy’s Hot-Dog-Stand eingezeichnet, wo der berüchtigte Koala-Händler vermutlich zuletzt Station gemacht hat. Er befindet sich hier, etwa 1000 Kilometer nördlich von Perth.

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Und die Macher des Traumschiffs haben zwar von vielen leicht, sagen wir kolonialistische Vorstellungen. Wer auf ihrem Schiff arbeitet, ist ihnen allerdings ziemlich klar.

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Screenshots: www.mediathek.daserste.de / www.zdf.de/ZDFmediathek

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It’s Arrested Development

Unlängst war ich zu Gast in einer privaten Medienhochschule, um über meine Arbeit bei der Zeitung zu berichten, die wir Prenzlette nennen.

In den Berliner Unis, die ich besucht habe, waren die Räume stets überfüllt, manche hatten statt Fenstern eine nicht funktionierende Lüftung und mancher Hörsaal im Hauptgebäude der HU hatte so bedenkliche Risse in den Wänden, dass mich sehr wundert, das es immer noch steht. Der Fahrstuhl im Haus L der Publizisten in Lankwitz blieb öfter stecken, als dass er fuhr, die Bibliothek hatte noch ein Karteikartensystem. Und ja, überraschender Weise stammen meine Erfahrungen aus diesem Jahrtausend.

Doch ich schweife ab.

Wir saßen also in einem mit technischer Finesse ausgestatteten Raum, der mir als Studio vorgestellt wurde. Alle duzten sich, es gab Kaffee aus riesigen Tassen und irgendwann fragte eine Studentin, ob ich es denn als wichtig erachte, dass Redaktionen auch als Spiegel der Gesellschaft besetzt seien. Ich musste kurz nachfragen, ob ich das richtige verstanden hätte, dass Menschen aus allen Schichten Journalist werden können sollten? Ja genau. Gute Frage.

Denn ja, das finde ich. Aber ich glaube, es funktioniert gerade nicht.

Ich saß, wie gesagt, in den schicken Räumen einer privaten Medienschule. Die Ausbildung dort, ich habe gegoogelt, kostet mehr als 600 Euro. Pro Monat. Dieser Weg ist also schonmal ziemlich vielen jungen Leuten verschlossen. (Gut, dass die Studenten dort immerhin solche Fragen stellen, finde ich. Doch das nur am Rande.)

Der Besuch meiner oben beschriebenen staatlichen Unis war kostenlos. Damit das auch so bleibt, haben wir gefühlt ein Semester lang auf dem Alex gecampt. Doch im Journalismus ist das gebührenfreie Studium nur die halbe Miete. Denn zwischen Uni und Job stehen im Zweifel Praktika und Volontariat. Wer da nicht eine spendable Oma oder freundliche Eltern hat, der kommt hier nicht durch.

Nachdem ich mit der Uni fertig war und bevor ich mich endlich getraut habe, mich selbstständig zu machen, habe ich diverse gar nicht oder schlecht bezahlte Praktika gemacht – natürlich Vollzeit. Wenn meine Eltern mich damals nicht unterstützt hätten, hätte ich das mit dem Journalismus mal gleich lassen können.

Irgendwann habe ich dank der Praktika einen Volontariatsplatz bekommen, der mir zwar 500 Euro weniger als tariflich vorgesehen einbrachte, aber immerhin Miete, Essen und Diverses bezahlte. Sogar ein Eis konnte mir davon ab und leisten. Nur für den Kauf eines Autos hat es nicht gereicht. Dabei war meine weitere berufliche Zukunft gerade davon abhängig, weil ein Volontariat bei einer Lokalzeitung nicht ohne Auto geht, und das ist natürlich selbst mitzubringen. Auch hier konnten mir, mein Glück, nochmal meine Eltern aushelfen.

Es ist nicht so, als sei ich nicht der Meinung, spätestens nach dem Studienabschluss sollte man auch ohne Muttis finanzielle Hilfe über die Runden kommen. Aber ich hatte mir blöder Weise in den Kopf gesetzt, Journalistin zu werden, und dachte damals noch, dazu gehöre wohl ein Volontariat. Ohne (unbezahlte) Praktika im Lebenslauf aber kein Volo, kein Volo ohne Auto – und jetzt kommt endlich der Teil, in dem ich mich darüber aufrege, dass unter diesen Bedingungen nur westdeutsche Akademikerkinder in den Beruf kommen, und dass ihm das schadet.

Ich mag mich irren, aber in meiner privaten Filterblase sieht es genau so aus, dass die Leute mit Akademikereltern samt Vorstadthäuschen im Westen ab und zu mal ein Westpaket (auch in Form von Überweisungen) in Empfang nehmen können. Und diejenigen, deren Eltern statt des Häuschens den Sozialismus aufgebaut haben oder denen man den Unterschied zwischen Vorlesung und Seminar erst erklären muss, eher nicht.

Selbstverständlich ist das ein generelles Problem. Für den Journalismus, um deren Zukunft wir uns eh gerade sorgen, aber ein besonderes. Weil eine gute Zeitung eben davon lebt, dass ihre Autoren verschiedene Perspektiven, Lebenswirklichkeiten und Erfahrungshorizonte mitbringen. Und weil uns das bald fehlt.

Für Abhilfe könnten die Verlage sorgen, indem sie die elendigen Praktika für Menschen mit Uniabschluss, mit dem man aus dem Fördersystem Bafög herausfällt, ganz abschaffen oder wenigstens angemessen bezahlen. Indem sie ihren Volontären ein Tarifgehalt gönnen, das ja okay ist, solange es sich bei dem Volontariat auch um eine Ausbildung handelt und nicht um eine verkappte Redakteursstelle. Und indem sie sich nicht immer neue Möglichkeiten ausdenken, den Nachwuchs möglichst lange in prekären oder gar unbezahlten Strukturen zu halten. Derzeit dienen dazu Volontariate mit mehr als zwei Jahren Laufzeit und obskure Trainee-Stellen, deren schöner Name nur verschleiern soll, dass hier ein Redakteursgehalt gespart wird.

Könnten sich die Verlage dazu durchringen, dann könnte der Journalismus auch wieder den offenen Berufszugang haben, der ihm zusteht, und der ihm gut tut. Derzeit bewegt sich aber nichts.

Bis heute fragen sich Leute, warum eigentlich die SuperIllu in den neuen Bundesländern so gerne gelesen wird. Ich habe mir sagen lassen, dass läge daran, dass viele Ostdeutsche sich in den Themen etablierter Zeitungen mit West-Vergangenheit nicht wiederfänden. Und nein, dies ist nicht der richtige Zeitpunkt für schlechte Witze über unzugängliche ZK-Sprache, sondern einfach ein Hinweis darauf, dass für im Westen Sozialisierte in diesem Jahr der Tod Otfried Preußlers ein Thema war, um im Osten der von Reinhard Lakomy. Zeitungen brauchen Leute, die beides einzuschätzen wissen. So wie Zeitungen Leute brauchen, deren Eltern Schuster oder Frisör oder Fleischfachverkäufer sind und nicht nur Apotheker, Lehrer oder Architekten.

Das alles habe ich den Studenten an der Uni erzählt. Kurz darauf musste ich dann richtigstellen, dass ich jetzt schon lange ohne die Unterstützung meiner Eltern klar komme. Doch dass Journalismus derzeit eine Branche ist, in der sich Vollzeit arbeitende Freiberufler fragen lassen müssen, ob sie denn von Vatis Rente leben, das Fass machen wir dann ein anderes Mal auf.