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Willkommen in der Blase

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 26. August 2018

Treffpunkt St. Oberholz, klar. Welchen Ort in Berlin sollte Frederik Fischer auch sonst für dieses Gespräch vorschlagen? Als das Café am Rosenthaler Platz 2005 eröffnete, war es der Vorbote einer Veränderung. Mit dem St. Oberholz kam Co-Working nach Deutschland: Laptop mitbringen, Kaffee bestellen und losarbeiten. „Digitale Bohème“ nannten sich die Freiberufler, die ihr Arbeitsleben auf diese Art gestalteten.

Mittlerweile finden sich Co-Working-Spaces im ostwestfälischen Verl und in Freiberg in Sachsen. Doch die Entwicklung geht weiter. Nach dem Arbeitsplatz haben die kreativen Vordenker aus Berlin-Mitte das Wohnen als ihre neue Spielwiese entdeckt. Durch die steigende Mieten in den großen Städten werden eigene Wohnungen immer teurer, während die Bereitschaft zu teilen stetig wächst. Die logische Konsequenz erinnert an die gute, alte Wohngemeinschaft, trägt aber einen hippen, internationalen Namen: Beim Co-Living mieten Berufstätige möblierte Zimmer und teilen sich durchgestylte Gemeinschaftsflächen wie Wohnzimmer, Küche, angeschlossenen Co-Working-Space sowie Pförtner und fest gebuchte Reinigungskraft. Kreative leben von Netzwerken. Leben sie unter Ihresgleichen, können sie diese nicht nur während der Arbeit, sondern auch über der Müsli-Schüssel am Morgen und abends beim Bier knüpfen.

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Sozialwohnungsquote – eine Regel voller Ausnahmen

Tagesspiegel vom 27. Januar 2018

Es beginnt, wie so oft in Berlin, mit einer guten Idee. Die Stadt braucht mehr Wohnungen, günstige vor allem. Und der damals noch rot-schwarze Senat meint im Jahr 2014 einen Teil der Lösung gefunden zu haben: das sogenannte „Berliner Modell“. Bedeutet: Große Bauprojekte bekommen nur noch dann eine Genehmigung, wenn in einem Teil der Bauten Sozialwohnungen entstehen, ausreichend Kita- und Schulplätze. Und der Investor Straßen, Wege und Versorgungsleitungen bezahlt – kurz: die Infrastruktur.

Der Investor kann dann selbst entscheiden, ob er die Sozialwohnungen behalten und günstig vermieten oder sie zum Beispiel an eine städtische Wohnungsbaugesellschaft verkaufen will. Das Land Berlin gibt im Gegenzug günstige Kredite für den Neubau und subventioniert die Mieten. Als das Modell 2014 im Abgeordnetenhaus verabschiedet wird, ist die Quote für Sozialwohnungen noch vage mit 10 bis 33 Prozent formuliert. Seit April 2015 liegt der vorgeschriebene Anteil bei 25 Prozent, seit Beginn des vergangenen Jahres sogar bei 30 Prozent. Als Stichtag gilt die öffentliche Auslegung des Bebauungsplans des jeweiligen Projektes. Eigentlich. Denn schon da wird aus einer guten Idee eine rechtlich hochkomplexe Angelegenheit. Und aus dem vollmundigen Versprechen vom schnellen, günstigen Sozialwohnungsbau eine Regelung voller Ausnahmen. Denn „in begründeten Einzelfällen“ können die Quoten reduziert werden – oder ganz wegfallen. Und von diesen Einzelfällen gibt es offenbar einige.

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Die Lücke

Journalist vom März 2017

Das einzige Mitglied der Chefredaktion, das 20 Prozent weniger verdient als die männlichen Kollegen. Die Social-Media- Redakteurin, die den Neuen mit vergleichbarer Berufserfahrung und den gleichen Aufgaben einarbeitet und dann erfährt, dass dieser im Jahr 10.000 Euro mehr verdient als sie. Die Fernsehredakteurin, die am Jahresende ein Rundschreiben vom Personalrat bekommt, das den durchschnittlichen Gehaltsanstieg in der Redaktion feiert, und sich fragt: Welcher Gehaltsanstieg? Nur die Männer im Team wissen die Antwort.

Wer einmal beginnt, sich in deutschen Redaktionen nach Unterschieden zwischen Frauen und Männern in der Bezahlung zu erkundigen, der fühlt sich bald wie auf einer Zeitreise in die 50er Jahre. Gleichberechtigung? Fehlanzeige. „Es gibt für mich keinen ersichtlichen Grund, warum ich so viel weniger verdiene als mein Kollege“, sagt eine Redakteurin, die anonym bleiben möchte. Wie ihr geht es auch anderen, die für diesen Text befragt wurden. Eine Branche, die sich dem Aufdecken von Missständen verschrieben hat, wird ganz leise, wenn es um Unwuchten im eigenen System geht. In den meisten Arbeitsverträgen steht der Hinweis, dass man über sein Gehalt nicht sprechen dürfe. In Zeiten wie diesen mag im Journalismus niemand seinen Job riskieren.

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Nicht vor meiner Haustür

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 22. Januar 2017

Als die Nachbarn aus der Gudvanger Straße sich zuletzt trafen, hatten sie nur noch Verachtung füreinander übrig. „Sie stören den sozialen Frieden im Kiez!“ – „Ihr Vorschlag ist Schwachsinn!“ – „Sie wohnen hier doch gar nicht!“ So beschimpften sie sich gegenseitig – und das nur, weil ein Teil der Anwohner es für eine gute Idee hält, die kurze Seitenstraße im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg an ein paar Tagen im Jahr zu sperren und für Kinder zum Spielen freizugeben. Doch die anderen sind strikt dagegen, weil sie den Wegfall von Parkplätzen und den Lärm von Bobbycars fürchten. Der zuständige Bezirk hat versucht, mit einer Bürgerbeteiligung zu vermitteln. Doch die Stimmung im Viertel ist längst vergiftet. Nun muss ein Gericht entscheiden, welche Seite recht behält.

Mitreden, wenn sich die Nachbarschaft ändert, ist beliebt. Doch was als Möglichkeit der demokratischen Beteiligung auch jenseits von Wahlterminen gedacht ist, eskaliert immer öfter zu Schreiduellen unter Nachbarn – Kompromisse ausgeschlossen.

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Ich bin die Zukunft

Der Freitag vom 15. Oktober 2015

Berlin-Kreuzberg, 11.30 Uhr. Das Klischee sitzt: Die hellen Büroräume in einer alten Fabriketage erreicht man über einen zugestellten Hinterhof und ein abgelatschtes Treppenhaus. An der Stahltür hängt kein repräsentatives Namensschild, sondern eine handbeschriftete Karteikarte. Wenn man eintritt, fällt der erste Blick auf leere Club-Mate-Flaschen. Im Raum nebenan werkelt die Redaktion an neuen Computern. Alle hier sind jung, alle sind unfassbar gut gelaunt und alle könnten jederzeit aufstehen und die Hauptrolle in einem Werbefilm für glutamatfreie Frühstücksflocken übernehmen.

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Schaflos in Köln

Brand Eins vom Oktober 2015

Für einen Friedensbringer kommt die kleine Kehrmaschine ganz schön aggressiv daher. Rasant fährt sie auf die Jugendlichen zu, die es sich vor dem Kirchenportal gemütlich gemacht haben. Im letzten Augenblick flüchten sie, sodass die Maschine unter der Führung des lässig am Lenkrad kurbelnden Müllmanns verstreute Chipstüten, Glasscherben und Zigarettenstummel aufsaugen kann. Kaum ist der Job erledigt, kehren die geflüchteten Jugendlichen zurück: Die Mission der Maschine, den Platz friedlich zu räumen, ist damit doppelt gescheitert.

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Das System hält die Hand auf

Krautreporter vom 4. März 2015

Zwischen Schlaganfall und Papierkrieg lagen für Walter Behrend* nur ein paar Wochen. Eben noch hatte der 52-Jährige mit beiden Beinen im Beruf gestanden. Nun musste er plötzlich nicht nur mit starken körperlichen Einschränkungen kämpfen, sondern auch mit einem überaus komplizierten Sozialsystem, von dem er nur wusste: Irgendwo hier sollte ihm jemand helfen können. Aber wer genau, blieb ihm lange unklar.

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Der einreisende Reporter

Prenzlauer Berg Nachrichten vom 29. Oktober 2014

Holger Kulick hat ein besonderes Talent. Er kann unfassbar unaufgeregt Geschichten erzählen, die direkt aus einem höchst spannenden Spionageroman zu stammen scheinen: Wie er nachts nach einem illegalen Konzert mit seinem Käfer voller Oppositioneller in eine Polizeikontrolle geriet. Wie Diplomaten für ihn Filmmaterial über die Grenze schafften. Wie er als Reporter ins Chemiekombinat Bitterfeld geschmuggelt wurde und aufgrund seines zur Tarnung geliehenen, viel zu kurzen Arbeitsoveralls fast aufgeflogen wäre.

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Stadtlust

Journalist vom Juni 2013

Eine Menge Deutsche müssen ziemlich unglücklich sein mit ihrem Wohnort. Anders lässt sich kaum erklären, dass fast drei Viertel von ihnen in Städten leben, aber am Zeitungskiosk vor allem Magazine zu finden sind, die das Landleben preisen. Sie heißen Landidee, Liebes Land, Mein schönes Land oder Landspiegel. Die Landlust als Mutter dieser Zeitschriften kam zuletzt auf unglaubliche 1,1 Millionen Exemplare. So hoch lag die verkaufte Auflage im ersten Quartal 2013 – mehr als Spiegel oder Stern.

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