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Bye Bye Bio-Biotop

Prenzlauer Berg Nachrichten vom 7. November 2012

In Prenzlauer Berg zu wohnen ist schon längst mehr als eine einfache Adressangabe. Es ist eine Diagnose, und die Symptome sind weithin bekannt: im Biomarkt einkaufende, spätgebärende Milchkaffee-Trinker, die aus Schwaben hergezogen sind und alteingesessene Clubs wegklagen. Wohin man auch kommt, das Prenzlauer-Berg-Klischee ist immer schon da. Auch weit über die Grenzen von Berlin hinaus.

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Kaufrausch auf Kosten der Stadt

(taz vom 9. Juni 2012)

Den Friedrichshainern wird ihr Spreeufer langsam, aber sicher zum Ärgernis. Schon die riesige O2-Mehrzweckhalle zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße wird von vielen als Fremdkörper empfunden – nun soll direkt daneben ein Shoppingcenter entstehen. „Spree Shopping Berlin“, so der Arbeitstitel, den der Bauherr dem Vorhaben verpasst hat. 120 Läden sollen auf 25.000 Quadratmetern und drei Etagen unterkommen – das entspricht etwa zwei Dritteln des „Alexa“ am Alexanderplatz. Braucht Berlin wirklich noch so einen Kasten mit dem selben Angebot wie alle anderen?

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Der Wienerle Kongress

(taz vom 5. Februar 2012)

Der schäbige Tagungssaal im Bezirksamt Pankow gehört eigentlich nicht zu den klassischen Auftrittsorten eines Techno-DJs. Trotzdem war Dr. Motte im vergangenen Jahr hier regelmäßiger Gast – um sich mit seiner Initiative „Stoppt K21“ über den Umbau der Kastanienallee zu beschweren.

Alle sechs Wochen tagt in der Pankower Fröbelstraße das Parlament, das offiziell auf den umständlichen Namen Bezirksverordnetenversammlung (BVV) hört. Zwölf BVVs gibt es in Berlin, eine pro Bezirk, aber wer keine Baustelle vor seiner Haustür zu beklagen hat, weiß oft herzlich wenig darüber.

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Grüße von Ralf an den Portier vom Adlon

(taz vom 6. Januar 2012)

Auf dem Oberdeck ist man auch schon morgens um neun bestens gelaunt. „Hallo, Oberdeck!“, begrüßt Ralf, der Reiseführer, vom Unterdeck des Busses über das Mikrofon die dort versammelten Rentner. Die grüßen mit heftigem Getrampel zurück. Es folgt ein „Hallo, Unterdeck!“ und auch dort Getrampel. „Für wen war das denn? Für die Berliner Mäuse?“, fragt Ralf. „Schreib alle meine Witze mit, die sind gut“, hat er beim Besteigen des Reisebusses gesagt – so soll es sein.

Seit dem vorangegangenen Tag ist die 60-köpfige Gruppe aus dem Ruhrgebiet in Berlin. Frühmorgens sind sie mit dem Doppeldecker in Essen losgefahren, haben mittags im Park Inn am Alexanderplatz eingecheckt und später einen Bummel durch die Hackeschen Höfe absolviert. Heute folgt eine eintägige Stadtrundfahrt mit Stopps zum Fotografieren. Nach fünf Tagen wird es für alle wieder nach Hause gehen, ganz ohne auf einem Bierfahrrad den Verkehr aufgehalten, den Anwohnern der Admiralbrücke den Schlaf geraubt oder in einer Ferienwohnung Kiezbewohner verdrängt zu haben. Sie machen vielmehr, was man von Touristen erwartet: im Hotel wohnen, in vermeintlichen Ur-Berliner Kneipen fettig essen – und Stadtrundfahrten unternehmen.

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Herr Nilson

(Prenzlauer Berg Nachrichten vom 14. September 2011)

Wenn der Grünen-Politiker Jens-Holger Kirchner zu einem Interview mit dem Rad anreist, ist das kaum bemerkenswert. Anders wird die Lage aber, wenn der Stadtrat für Öffentliche Ordnung das tut und dabei auf dem Bürgersteig unterwegs ist. Erst unlängst sei er in voller Fahrradfahrt beim Durchqueren einer Grünanlage von seinen Ordnungsamtsmitarbeitern erwischt worden, erzählt er gleich. Diese hätten es aber bei einer Verwarnung belassen, sehr zum Ärger seiner Amtsleiterin.

Womit geklärt ist: Pankows grüner Stadtrat für öffentliche Ordnung ist zwar noch nicht ordentlich genug, um sich an Verkehrsregeln zu halten. Sprachlich ist er aber längst eingenordet – Grünanlage, so würde ihn jeder Parteikollege belehren, heißt bei uns immer noch Park.

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Du sollst dir kein Bild machen

(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 12. Juni 2011)

Die „Tagesthemen“ sind in die Tanzbranche eingestiegen, mit der Mission, den Deutschen endlich den langsamen Walzer beizubringen. Mit schwarzen Fußabdrücken wurde dessen Schrittfolge auf eine Deutschlandkarte gephotoshopt und das Ganze als Grafik zu Beginn der letzten Woche neben Moderatorin Susanne Holst montiert. Die jedoch trotz des leichten Themas durchaus besorgt dreinschaute, was daran liegen konnte, dass quer über dem Walzerschritt eine Gurke gestrandet war. Und eine Tomate. Und Salat. Und warum lagen da überall Sprossen?

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Im Spreewald geht die Post noch ab

(taz vom 13. April 2011)

Ein blauer Fleck, umrundet von ein paar Punkten – so sieht sie also aus, die Wade einer Postbotin, in die vor kurzem von einem Hund gebissen wurde. Das Handy mit dem Foto darauf macht die Runde. „Wollen Sie auch mal meine Wade sehen?“, fragt Jutta Pudenz. Die Journalisten wollen. Schließlich sind sie wegen solcher Geschichten nach Lübbenau-Lehde in den tiefsten Spreewald gekommen. Und wegen der Tatsache, dass hier die Post nicht mit dem Rad oder dem Auto in die Haushalte gebracht wird, sondern von Frau Pudenz mit dem Kahn.

Seit 20 Jahren stakst sie in der wärmeren Hälfte des Jahres über die Kanäle, als einzige Postbotin des Landes mit einem solchen Gefährt. An diesem Tag beginnt ihre letzte Saison, dann geht sie in Altersteilzeit und eine Kollegin übernimmt. „Natürlich bin ich ein bisschen wehmütig“, sagt Pudenz und lacht. „Ich arbeite, seitdem ich 17 bin. Jetzt gilt: Jugend voran!“

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Rückkehr des Industriezeitalters

(taz vom 12. Januar 2011)

Eine Hochglanzbroschüre und 90 Hektar Brachland am Stadtrand, mehr braucht es nicht, um aus Marzahn einen modernen Industriestandort zu machen: Wo jetzt noch Unkraut über verlassenen Anlagen eines ehemaligen Klärwerks wuchert, sollen sich ab 2012 Unternehmen der „Clean Tech“-Branche ansiedeln.

Solaranlagen, Dämmstoffe, Elektromotoren, Biokraftstoffe – zur Clean Tech zählt, was Ressourcen schont und Emissionen verringert. „Clean Tech Business Park Berlin-Marzahn“ nennt sich das Projekt, das nicht nur dem Bezirk Arbeitsplätze und ein neues Image bescheren soll, sondern den Anspruch hat, Berlin als Industriestandort auf die Landkarte zurückzuholen.

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Ein neues Elektropolis?

(zitty vom 9. September 2010)

Wenn Schulklassen die Stahlseilfabrik in Alt-Reinickendorf besuchen, machen die Kinder meistens enttäuschte Gesichter. Irgendwie haben sie sich so eine Fabrik, in der futuristische Klettergerüste für ihre Spielplätze hergestellt werden, wohl etwas spannender vorgestellt. Aber die Arbeiter tragen weder bunte Zipfelmützen noch lustige Clownsnasen, und die Maschinen sind auch nicht aus Schokolade und Mäusespeck. Die bunten Geräte, die auf Schulhöfen und Spielplätzen von New York bis Singapur stehen, werden von Männern in blauen Latzhosen in schlichten Fabrikhallen gefertigt. Wie langweilig.

Langweilig, aber erfolgreich. Die Fabrik in Alt-Reinickendorf gibt es schon seit 1865. Einst wurden dort dicke Stahlseile für Aufzüge hergestellt, dann stellte man die Produktion um. „Wir waren die ersten, die sich Anfang der 1970er Jahre an dem Bau dreidimensionaler Klettergerüste versucht haben“, sagt Jens Zumblick, der kaufmännische Leiter. „Mittlerweile sind wir Weltmarktführer.“

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Alte Kleider machen Leute

(taz vom 8. September 2010)

Ein alter Badezimmervorleger hat es nicht mehr bis in den Container geschafft. Von zahlreichen Fußabdrücken bedeckt liegt er vor dem völlig überfüllten Altkleiderbehälter. Verbeulte Trainingshosen, verblichene T-Shirts, aber auch ein historisch anmutendes Kleid quellen aus der Einwurföffnung. Hier hatte es jemand eilig, seine alten Kleider loszuwerden, obwohl der nächste Container gleich um die Ecke steht.

„In den letzten zwei Jahren hat der Wettbewerb im Handel mit Altkleidern stark zugenommen“, sagt Roland Strasser, der die Containersammlung für das Deutsche Rote Kreuz (DRK) koordiniert. Berlin sei mittlerweile völlig zugestellt. „Es vergeht kein Monat, an dem nicht einer unserer Fahrer Container eines neuen Unternehmens entdeckt.“

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