Artikel
0 Kommentare

Die Lücke

Journalist vom März 2017

Das einzige Mitglied der Chefredaktion, das 20 Prozent weniger verdient als die männlichen Kollegen. Die Social-Media- Redakteurin, die den Neuen mit vergleichbarer Berufserfahrung und den gleichen Aufgaben einarbeitet und dann erfährt, dass dieser im Jahr 10.000 Euro mehr verdient als sie. Die Fernsehredakteurin, die am Jahresende ein Rundschreiben vom Personalrat bekommt, das den durchschnittlichen Gehaltsanstieg in der Redaktion feiert, und sich fragt: Welcher Gehaltsanstieg? Nur die Männer im Team wissen die Antwort.

Wer einmal beginnt, sich in deutschen Redaktionen nach Unterschieden zwischen Frauen und Männern in der Bezahlung zu erkundigen, der fühlt sich bald wie auf einer Zeitreise in die 50er Jahre. Gleichberechtigung? Fehlanzeige. „Es gibt für mich keinen ersichtlichen Grund, warum ich so viel weniger verdiene als mein Kollege“, sagt eine Redakteurin, die anonym bleiben möchte. Wie ihr geht es auch anderen, die für diesen Text befragt wurden. Eine Branche, die sich dem Aufdecken von Missständen verschrieben hat, wird ganz leise, wenn es um Unwuchten im eigenen System geht. In den meisten Arbeitsverträgen steht der Hinweis, dass man über sein Gehalt nicht sprechen dürfe. In Zeiten wie diesen mag im Journalismus niemand seinen Job riskieren.

[Weiterlesen]