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ARD-aktuell, Alliterations-affin wie nie

RTL ist doch barmherziger, als ich gedacht hätte: Erst gestern wurden die letzten Schwiegertöchter gefunden, da startet heute schon die nächste Suche, diemal im ländlichen Raum: Bauer sucht Frau geht in eine neue Staffel. Und mit ihr das deutliche Schindludertreiben mit der deutschen Sprache.

Sie erinnern sich –  Bauer sucht Frau, das ist die Sendung, in der rüstige Rinderwirte auf rassige Rabattmarkensammlerinnen treffen, hurtige Hühnerzüchter mit bräsigen Beamtenwitwen kämpfen, und sehnsüchtige Schäfer mit ihren fleißigen Fußpflegerinnen hochjauchzend durchs Heu hopsen. Vom kuschligen Kuhstallausmisten, romantischen Radieschen-Ernten oder melancholischen Meinungsaustauschen über Melkeimern ganz zu schweigen.

Fast ein Jahr lang hat uns RTL auf diesen sprachlichen Spaß verzichten lassen – ein guter Grund, endlich mal dem Sender zu danken, der uns in der Zwischenzeit zwar nicht ganz so konsequent, aber stets bemüht mit albernen Alliterationen, schwankenden Sprachbildern und müden Metaphern versorgt hat: Der ARD. Und dort, ganz besonders: Danke ARD-aktuell!

Um kurz deutlich zu machen, was ich eigentlich meine, habe ich mir noch einmal in der famosen Mediathek Tagesschau und Tagesthemen vom gestrigen Sonntag angesehen. Und war begeistert:

Dort wurden Sparpakete aufgeschnürt, kein Stein auf dem anderen gelassen und schwarz-gelber Katzenjammer zelebriert. Der Koalition war nicht zum Feiern zumute; als zu zögerlich und zu zerstritten gelte sie – ganz klar, dass sich da die Basis beschwert. Und während wir vor dunklem Herbsthimmel welkes Laub über den Vorplatz des Kanzleramtes wehen sehen, erfahren wir, dass Töne rauher geworden sind, und Wolfgang Schäuble rudert textlich zurück und rollt zeitgleich im Bild nach vorn. Da kann man schon mal eine bedeutungsschwangere Pause mehr einschieben. Denn die Zeit der Zärtlichkeit ist vorbei. Und alle sollen es sehen:

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Gerne auch noch mal in der Totale:

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Und damit sind wir noch nicht einmal beim Sport angelangt, wo der 1. FC Köln die Reißleine zieht, Trainern ein glückliches Händchen fehlt, Coups gelandet und Siege um Haaresbreite erzielt werden und man manchen Verein vor der Saison nicht auf dem Zettel hatte. Das Tal der Tränen, aus dem sich der VfB Stuttgart an diesem Wochenende wohl befreite, ist da nur die letzte Konsequenz.

Um es kurz zu machen: Du weißt, dass etwas falsch läuft, wenn die sprachlich unauffälligsten Teile einer Sendung aus Zitaten von Guido Westerwelle bestehen. Der übrigens zu fast jedem Themenkomplex zu Wort kam, wie es sich an einem Tag gehört, an dem die ARD ein Exklusiv-Interview mit dem Außenminister im Bericht aus Berlin geführt hat. Hätte er sich darin zu seiner Lieblingssorte an Weihnachtskeksen geäußert, man hätte sicher auch dafür noch einen nachrichtlichen Aufhänger gefunden („Das immer frühere Auftauchen von Weihnachtsgebäck in Supermärkten trägt zu der zunehmenden Verfettung der Gesellschaft bei. Dazu der deutsche Außenminister Guido Westerwelle, der, wer es bei den ersten fünf Erwähnungen verpasst haben sollte, heute im Bericht aus Berlin zu hören war: ,Ich esse gerne Vanillekipferl.'“). Aber ich schweife ab.

Oder lasse mich hinreißen zu blumigen Bildern und haltlosen Herabwürdigungen, obwohl man doch eigentlich aus aufgeblähten Alliterationsungetümen die Luft heraus lassen sollte, auf den Boden der Tatsachen zurückkehren, mit seinen Visionen zum Arzt gehen und keiner Statistik glauben, die man nicht selbst gefälscht hat. Obwohl man mir ruhig vertrauen darf, dass die oben genannten Beispiele tatsächlich alle in den zwei Sendungen ihren Auftritt hatten.

Zum Ende der Tagesthemen kam, wie immer, das Wetter. Dass sich dort mit auflösendem Hochnebel, auffrischendem Wind und tagsüber schwankenden Temperaturen eine ganz eigene Sprachwelt etabliert hat, ist ja bekannt. Nur der Gedanke, dass Claudia Kleinert vielleicht nicht allein aus Kompetenzgründen für ihren Job ausgewählt wurde, kam mir zum ersten Mal.

24 Kommentare

  1. Chapeau! Ein sehr schöner Text. Dieses Aneinanderreihen von plumpen, mittlerweile arg abgenudelten Redensarten, wie Sie es beschrieben haben, vergällt einem jede Fersehschau – wir erleben sicher auf der einen Seite eine SMSierung der Sprache; auf der andere Seite eine unglaubliche Verplumpung und Abgedroschenheit. Keine gute Zeit für sprachliche Avantgardisten, würde ich mal ganz abgedroschen behaupten…

    Über BILDblog gefunden und geflattrt – wie gesagt: Chapeau!

  2. Die meisten dieser Binsen könnten nicht abgedroschener sein: das „auf den Prüfstand stellen“ (würg), dann das unvermeidliche „Paket“, das „geschnürt“ oder wieder „aufgeschnürt“ wird – wer „schnürt“ heute eigentlich noch Pakete? Mit einem Wortschatz von 500 Wendungen scheint heute jeder Nachrichtenredakteur bequem auszukommen.

  3. Im zweiten Absatz findet sich ein Tippfehler. Statt „Kugstallausmisten“ soll es hier wohl „Kuhstallausmisten“ heißen.

  4. Ich will nur mal auf den Umstand hinweisen, dass die ARD kein Sender ist, wie es oben im Text fälschlicherweise heißt. Die ARD ist die Arbeitsgemeinschaft der ö-r Rundfunkanstalten, die (u.a.) ein Programm namens das „Das Erste“ betreibt. Ob man das als Sender bezeichnen kann, weiß ich nicht. Jedenfalls ist die ARD kein Sender. Ein bisschen mehr Genauigkeit darf man von einer Journalistin, die über diese Themen schreibt, also erwarten.

  5. Noch was anderes: Das Kommentarformular hier macht jeden Kommentator unfreiwillig zu einem progressiven Rechtschreiber: Alle Großbuchstaben werden automatisch in Kleinbuchstaben umgewandelt. 🙂

  6. mehr als zutreffend – nur: was hat all dieser sprachliche unfug mit alliterationen zu tun?

  7. @hanswurst
    Die gehören eben auch zum ARD-Repertoire: „zu zögerlich und zu zerstritten“, zum Beispiel.

  8. Auch „der Katzenkammer“ ist etwas seltsam. Heißt es nicht „die …Kammer“ oder ist gar „…Jammer“ gemeint? Ach, man weiß so wenig…

  9. Das TV-Publikum ist mittlerweile einer etwas differenzierteren Sprache entwöhnt („Ey, Alter, wat kucksdu?“) und versteht im allgemeinen nur noch solche Floskeln. Vielleicht finden schlichte Gemüter solche Alliterationen sogar „luschtig“.
    Seien wir doch froh, wenn die sich überhaupt noch für Nachrichten interessieren und nicht nur Interesse an einem gerade modischen Sport und für die neueste Popmusik haben.

  10. auch immer wieder oft gehört: sintflutartige regenfälle für jeden größeren regenschauer.

  11. Warum sollten ausgerechnet Autoren der ARD Anstalten ausnahmsweise andere Worthülsen ausnutzen.

    Zwei Pfundstücke noch:
    „rüstige Rinderwirte“
    „Katzenjammer“, evtl. in der Kammer

  12. Ach ja: Sich über die Phrasendrescherei in deutschen Medien (berechtigterweise) zu beklagen und dann Kommentare automatisch in Kleinbuchstaben zu transformieren, erinnert an den Geisterfahrer, der alle anderen zu Geisterfahrern erklärt.

  13. …naja, dieser text gehört wohl eher in die kategorie ‚da schrieb jemand um des schreibens willen‘.
    eine genaue analyse, wie oft diese phrasen kommen, wäre nett gewesen, aber alle phrasen aus 60 minuten sendung zusammenzupacken ist nicht wirklich erhellend. und auch nicht so unpassen wie die alliterationen aus BSF

  14. @Gregor Keuschnig, @ Albert P. und alle weiteren Freunde von Majuskeln:
    Ich weiß um des Problems und versuche auch, es zu lösen. Bzw. Menschen zu finden, die es mir lösen können, denn WordPress führt, was technische Dinge angeht, eine Art Kleinkrieg gegen mich. Den man auch als technische Unfähigkeit meinerseits deuten könnte, vermutlich. Aber eines Tages wird man grammatikalisch korrekte Kommentare hinterlassen können, wenn man es denn will, versprochen.

  15. Kannst Du ‚alliterationsaffin‘ in der Ueberschrift noch kleinschreiben?

  16. Ach wie schön, dass ich nicht der einzige bin, der sich über so etwas aufregt. Also, die ARD natürlich.

    Zum Großbuchstabenproblem: Ist die deutsche Sprache wirklich schon so arg erkrankt, dass Kleinschreibung ihr den Rest gibt? Wahrscheinlich hat Juliane irgendwo eine Datei namens „style.css“ herumliegen, idealerweise in themes/zindi, und da kann sie dann alle „text-transform: lowercase;“-Anweisungen löschen, und wahrscheinlich stört das WordPress gar nicht weiter. Oder halt copy-und-pasten oder CSS ausschalten, wenn man es denn gar nicht aushält, dass sich da der Nachbar den amtlichen Balkonbepflanzungsverordnungen des Duden-Verlages widersetzt.

  17. Guter Text, gutes Thema.
    Danke. Ich vermeide es mittlerweile solche Sendungen zu schauen. Bei BsF erwarte ich nichts anderes, aber bei z.B. den verschiedenen ARD-Nachrichtenformaten schon. Aber leider wird dort zunehmend nur noch merkwürdig gesprochen, an Inhalt fehlt es immer öfter. Da geben die Überschriften einer beliebigen Zeitung mittlerweile mehr her.
    Noch ein Kommentar zu den kleinschreibungsanmerkenden und Korriegierenden: es nervt. Auch wenn ihr inhaltlich meist sogar recht habt, wenn das alles ist was ihr anzumerken habt, es stört doch sehr beim Lesen der Kommentare. Und wirft kein gutes Licht auf euch/Euch.

  18. Wer im Glashaus sitzt…

    Auch mich würde die Antwort auf Herrn Keuschnigs Frage interessieren.

    13
    Gregor 13
    Gregor Keuschnig Says:
    Oktober 26th, 2010 saat: 12:39

    Wo sind denn da die Alliterationen?

    http://de.wikipedia.org/wiki/Alliteration

    …Stammsilben zweier oder mehrerer benachbarter Wörter den gleichen Anfangslaut besitzen..

    Mein alter Deutschlehrer hätte gesagt:
    Schöner Aufsatz,falscher Ansatz.

    Worüber Sie sich auch immer aufregen, um Alliterationen handelt es sich nicht.

    Ein Tip: Das viel gescholtene DSF hält für solche Ausdrücke ein „Phasenschwein“ bereit.

  19. Hier ist dann noch das fehlende „r“.

    Bitte an entscheidender Stelle einfügen.
    Danke.

  20. Habe diese Seite beim googeln nach „Alliteration“ gefunden. Wie schon einige Leute bemerkt haben: der Text von Juliane hat überhaupt nichts mit Alliterationen zu tun. Bitte „Alliterations-affin“ durch „Phrasen-affin“ in der Überschrift ersetzen.

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