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Eintritt frei

Es gibt bestimmt viele gute Gründe, Mitglied im DJV zu sein. Meiner gehört leider nicht dazu. Zumindest nicht aus Sicht des DJVs, der mich vermutlich nicht unbedingt aufgenommen hat, nur, damit ich mich an all den aufgeregten Rundmails erfreue, die von gescheiterten Fusionen und erfolgreichen Putschen künden. Das ist bestes und meist schief eingescanntes Unterhaltungsprogramm, für das ich meinen Mitgliedsbeitrag entrichte wie andere die GEZ-Gebühr für „Musik für Sie„.

Darüber hinaus nehme ich natürlich nur zu gern die regelmäßige Versorgung mit dem Medienmagazin, das sich „Journalist“ nennt, mit. In dessen April-Ausgabe ich am Ende einer langen Auflistung, wer im vergangenen Monat im Journalistenverband Berlin-Brandenburg bei- und ausgetreten ist und wer an andere Landesverbände überwiesen wurde, Folgendes erblickte:

Ja, das ist doch der Klaus Kocks nebst Gattin, frisch überwiesen aus Berlin-Brandenburg an die DJV Landesverbände Brandenburg und Rheinland-Pfalz.

Klaus Kocks, wir erinnern uns, ist nicht nur ehemaliger VW-Sprecher und dauerhaft beliebter Talkshowgast, sondern auch der PR-Profi, der für seine Aussage, PR-Berater würden lügen, aus seinem Berufsverband, der Deutschen Public Relations Gesellschaft, ausgeschlossen wurde. Und dafür offenbar, wie wir nun wissen, eine neue Heimat unter Journalisten fand.

In wie weit Herr Kocks genau die Aufnahmekriterien des in diesem Fall zuständigen Journalistenverbands Berlin-Brandenburg erfüllt hat, nach der all jene Mitglied werden dürfen, die hauptberuflich journalistisch tätig sind, bleibt mir aber, nun ja, schleierhaft. Entweder gilt das dauerhafte Sitzen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mittlerweile als Journalismus, oder der Verband ist aufgrund der ewigen Fusions-Querelen, siehe oben, mittlerweile so abgebrannt, dass er jeden nimmt, wenn er nur zahlt. Oder der findige Kocks hat einfach seine ungezählten Auftritte im Auftrag der selbsternannten Trutzburg des einzig wahrhaftigen Qualitätsjournalismus, auch „Netzwerk Recherche“ genannt, angegeben. Oder, und dies wäre mir die angenehmste Lösung, im Falle Kocks wurde derjenige als Journalist definiert, der die Wahrheit spricht.

Wie dem auch sei, aus Gründen, die wir alle kennen und gutheißen, ist der Berufszugang zum Journalismus ja frei, und so ist auch der Kollege Kocks nur willkommen in unserem elitären Club der Presseausweisträger. Die Möglichkeiten, die dieser einem jedem gibt, hat er auf alle Fälle verdient: 15 Prozent Rabatt auf das Grundmodell, und 30 Prozent auf die Sonderausstattung eines jeden Volkswagens.

18 Kommentare

  1. Das Problem an der Sache: Für den DJV sind Pressesprecher einfach „Journalisten in Wirtschaft und Verwaltung“. Mit dieser Ausrede pimpen sie fleißig ihre Mitgliederdatenbank – und Konten. Wäre ja auch zu blöd, wenn Fuktionäre nicht mehr in den Maritims und Hiltons und der 1. Bahn-Klasse absteigen dürften, bloß um unseren Berufsstand nicht zu verwässern.

  2. @ Daniel
    Super, vielleicht kann ich nach dieser Logik ja auch endlich der Lokführergewerkschaft beitreten und somit endlich eine Stimme dagegen haben, dass die ständig streiken.

  3. Da Klaus Kocks seinen Skoda Oktavia weiterhin vom VW Konzern erhält (Dauerabfindung oder VIP Fahrzeug?) muss er wohl nicht um 15 % Rabatt via Presseausweis buhlen.

    Pressesprecher und PR-Leute gehören außerdem zu den Berufsgruppen, die der DJV organisiert. Schriftsetzer und Systemadmins komischerweise nicht, obwohl diese oft näher am Journalismus dran sind als PR-Menschen.

    Der Text hat auch noch einen sachlichen Fehler: Kocks wurde nirgendwo aufgenommen, sondern ist beim JVBB ausgeschieden. Dort soll er vor wenigen Jahren eingetreten sein. Der Beitrag erweckt aber den Eindruck es handle sich um eine Aufnahme in den DJV.

    Ich habe im „Journalist“ nachgesehen und konnte keine Aufnahme beim DJV Brandenburg finden. Also ist Kocks derzeit (nach öffentlich zugänglichen Quellen wie „journalist“) kein DJV-Mitglied.

    Als Autor des Artikels würde ich doch den aufnehmenden Verband fragen, ob Herr Kocks dort jetzt Mitglied geworden ist. Das gehört zu einer ordentlichen Recherche dazu.

    Übrigens nutzen nur einige Funktionäre 1. Klasse Bahn und Maritim. Ich kenne ein paar von denen, die in günstigen Hotels nächtigen und mit 2. Klasse reisen.

    Am DJV gibt es viel zu kritisieren, aber Verallgemeinerungen zu Propagandazwecken und Recherchefehler nutzen niemandem.

  4. @Niedermeyer
    Sie haben Recht in so fern, als dass Herr Kocks bereits Mitglied im JVBB ist – und von diesem zum April an den DJV Landesverband Brandenburg überwiesen wurde. So steht es zumindest in der April-Ausgabe des Journalisten.

  5. Eine Überweisung besteht zwischen unterschiedlichen Vereinen aber immer aus einer Abgabe und einer Aufnahme. Sie sollten unbedingt erfragen, ob der DJV Brandenburg ihn aufgenommen hat, falls sie das nicht schon getan haben. Dann bitte ich um Verzeihung für den Vorwurf.

    Laut Vereinsrecht ist das wie eine Kündigung und eine Aufnahme zu bewerten. Überweisung klingt wie Automatismus, was sie aber nicht sein kann. Das wäre nur bei unselbstständigen Landesverbänden möglich, da man dann nicht den Verein, sondern nur die Geschäftsstelle wechseln würde.

  6. Ich hab mal in den Aufnahmerichtlinien nachgelesen:

    Aufgenommen werden kann wer als Mitarbeiter/innen in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, sofern sie überwiegend die im Berufsbild aufgeführten journalistischen Leistungen erbringen

    http://www.djv.de/fileadmin/DJV/mitglieder/Aufnahmerichtlinien%20%28Beschluss%202009%29.pdf

    PR ja, aber journalistische Leistung notwendig. Nur wie stellt der DJV das fest? Ist wohl so eine Art Gummiparagraf.

    Die Adresse des DJV Brandenburg findet man unter http://www.djv-brandenburg.de/cms/kontakt/kontakt.php

    Geschrieben hat Kocks jedenfalls eine Menge
    http://www.cato-sozietaet.de/seiten/kocks_text.html

    Da ja auch beim DJV Bundesvorsitzenden Michael Konken eine Lehrtätigkeit im Kommunikationsbereich (lange Zeit Gastdozent für Stadtmarketing in Wilhelmshaven) für die Mitgliedschaft und sogar das Funktionärsamt reicht, sollte es bei Kocks allemal reichen.

  7. Die Autorin kommentiert:

    „In wie weit Herr Kocks genau die Aufnahmekriterien des in diesem Fall zuständigen Journalistenverbands Berlin-Brandenburg erfüllt hat, nach der all jene Mitglied werden dürfen, die hauptberuflich journalistisch tätig sind, bleibt mir aber, nun ja, schleierhaft.“

    In der von ihr verlinkten Satzung steht:

    „Mitglied im Verein Berliner Journalisten kann nur werden, wer (…)
    für Printmedien, Rundfunk, On- und Offline-Medien/Digitale Mehrwertdienste, Nachrichtenagenturen, im Bildjournalismus, in der Öffentlichkeitsarbeit (sic!) oder in der innerbetrieblichen Information journalistisch tätig ist.“

    Wie in diesem Zusammenhang „journalistische Tätigkeit“ definiert wird, hätte man sicher beim djv erfragen können, bevor so ein Kommentar on air geht.

  8. @theo
    Ja, Sie haben Recht, es ist natürlich mein Fehler, einfach davon auszugehen, zu wissen, was Journalimus ist, ohne vorher den DJV zu fragen. Der mir sicher gerne erklärt, was man eigentlich genau macht, wenn man in der Öffentlichkeitsarbeit journalistisch arbeitet.

  9. Falls man es ernsthaft prüft, findet man viele PR-Leute, die Texte selbst erstellen, Hintergrundinfos beschaffen und tatsächlich weit mehr Journalisten sind, wie völlig problemlos aufgenommene Nachrichtensprecher und Moderatoren.

    Allerdings kenne ich (ich war lange in verantwortlicher Position in einer internationalen Agentur) noch mehr PR-Jungs (und Mädels sorry), die nur vorgefertigte PR-Texte ihrer Kunden versenden, Veranstaltungen organisieren und Teststellungen veranlassen.

    Für den aussenstehenden DJV dürfte es aber meistens sehr schwierig zu erkennen sein, wer zu welcher Gattung gehört. Daher schrieb ich ja auch „Gummiparagraf“

    Ob uns der DJV erklären muss was Journalismus ist, das bezweifle ich ja auch.

    Gibt es neue Infos zur Mitgliedschaft von Kocks?

  10. Frau Wiedemeier,

    es wäre müßig, hier über eine allgemeine Definition des Journalismus zu debattieren. Sie und ich müssen uns auch das auch nicht vom djv erklären lassen.

    Darum ging es doch auch gar nicht.

    Sie haben die Frage gestellt, „In wie weit Herr Kocks genau die Aufnahmekriterien des in diesem Fall zuständigen Journalistenverbands Berlin-Brandenburg erfüllt hat“.

    Normalerweise würde ein Journalist in einem solchen Fall den djv selbst dazu befragen, bevor er die Sache kommentiert. Das wäre IMHO journalistischer Standard. Vor allem dann, wenn man anderer Leute Definition von Journalismus ins Lächerliche ziehen möchte.

  11. Es fällt Juliane offensichtlich schwer dort anzurufen und bei den beiden betroffenen Verbänden einfach nachzufragen. Ich bin ja schon versucht es selbst zu machen, aber das ist ja nur mein Kommentar und nicht mein Artikel …

    @theo Da kann man nur zustimmen. Wer über Journalismus-Definitionen lästern will, sollte sich selbst zuerst an die journalistischen Grundsätze halten.

  12. @Theo/Niedermeyer: Jaja, stimmt schon, da steht „in der Öffentlichkeitsarbeit … journalistisch tätig“ – aber Juliane hat diesen Irrwitz am Beispiel Kocks trotzdem sehr zutreffend geschildert.

  13. Irrwitz? Ist da eine Mann aus der PR, der vielleicht nicht zu den Vollstreckern der Hersteller gehört, sondern tatsächlich erhebliche journalistische Komponenten aufweist ein unglückliches Beispiel für „Irrwitz“?

    Außerdem scheint Juliane keine Lust an der journalistischen Klärung der aufgeworfenen Fragen haben.

  14. Mark: ob die Statuten des DJV als „Irrwitz“ zu bezeichnen sind, ist Ansichtssache. Zumindest ist das alles nicht gerade neu und sattsam bekannt.
    Mir geht es hier auch weniger um Kocks oder den djv. Ich finde es befremdlich, wenn die einfachsten Regeln unseres Handwerks missachtet werden und das Ergebnis dann ausgerechnet von einem Medien-Watchblog wie bildblog als „lesenswert“ empfohlen wird.

  15. Niedermeyer fragt richtig: Ist Kocks denn im Landesverband in Brandenburg aufgenommen oder ist er nur beim JVBB Berlin ausgetreten? Beim anderen Landesverband Berlin hat die Polizei gerade alles durchsucht. Wer ist der Nächste?
    Dabei wäre ein fähiger PR-Mann wie Kocks ein Segen für den DJV. Dort ist für den „Qualitätsjournalismus“ eine Verstandsperson zuständig, die laut Urteil des Kammergerichts Berlin als „vom Presserat verurteilte Nachrichtenfälscherin“ bezeichnet werden darf. Übernimmt Kocks auch hoffnungslose Fälle?

  16. In der Ausbildung der Journalistin Wiedemeyer (sie war zum Beispiel mal Volontärin bei einem Blatt, bei dem Kocks eine Kolumne hatte; sie dürfte ihn also als Publizisten kennen) scheint das Recherche-Gebot versäumt worden zu sein: Kocks ist nach jahrelanger Mitgliedschaft aus dem DJV ausgetreten (und die DPRG hat ihn nie ausgeschlossen: auch das nur ein nachgeplapptertes Gerücht). Empfehle das Motto des Netzwerkes Recherche: Be first, but first be sure. Schwache Faktenlage, aber große ideologische Pose. Gewogen und für zu leicht befunden. KK

  17. Womit die Klugscheißer endlich wieder zu ihrem Recht gekommen sind. Get a life, folks.

  18. Klaus Kocks hat an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in München eine Klartextrede unter dem Titel „Zwischen Augenzeugenillusion und Hörensagensagen – Die strukturelle Blindheit des Journalismus“ als „Streetdog der PR“ (Kocks über Kocks) gehalten. Darin heißt es: „Journalismus ist quellenkritisch betrachtet nichts anderes als PR-Verwertung. Schon immer und immer mehr. Hörensagen und Hörensagensagen und Hörensagensagensagen. Journalismus ist PR zweiter Ordnung.“ Doch er will keine Journalistenschelte betreiben. Kocks: „Mir mangelt es nicht an Respekt vor Journalisten, im Gegenteil. Ich halte sie für die Helden der Demokratie und zähle viele von ihnen zu meinen persönlichen Vorbildern. Aber die Liebe zu einer aussterbenden Art von Intellektuellen kann uns doch nicht verleiten, die Augen vor dem Aussterben zu verschließen. Wie jedem Zyniker blutet mir eigentlich das Herz.“ PR-Berater lügen hatte Kocks schon in einem Spiegelinterview im Januar 2007 und sich damit den immerwährenden Zorn der Branche zugezogen. Auf dem Basar gewinnt immer der beste Geschichtenerzähler, das eint PR und Journalismus. Und wer wollte bestreiten, dass gut erzählte Geschichten auch häufig das Gewand der Lüge tragen und von Dauer sind. Oder, wie es Stanislaw Jerzy Lec formulierte: „Es gibt keine ewigen Wahrheiten. Ewige Lügen schon.“ Was Kocks sagt, ist provokant, inspirierend und wider die gängigen Denkmuster gerichtet – aber so müssen gute Geschichtenerzähler eben sein.

    Mehr mit Redetext unter: http://www.macromedia-fachhochschule.de/hochschule/standorte/campus-muenchen/standort-news/datum/2011/05/04/journalisten-machen-pr-und-wissen-es-nicht-mal.html

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