Artikel

Du sollst dir kein Bild machen

(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 12. Juni 2011)

Die „Tagesthemen“ sind in die Tanzbranche eingestiegen, mit der Mission, den Deutschen endlich den langsamen Walzer beizubringen. Mit schwarzen Fußabdrücken wurde dessen Schrittfolge auf eine Deutschlandkarte gephotoshopt und das Ganze als Grafik zu Beginn der letzten Woche neben Moderatorin Susanne Holst montiert. Die jedoch trotz des leichten Themas durchaus besorgt dreinschaute, was daran liegen konnte, dass quer über dem Walzerschritt eine Gurke gestrandet war. Und eine Tomate. Und Salat. Und warum lagen da überall Sprossen?

Das Dauerthema Ehec brachte in den letzten Wochen nicht nur die Forscher des Robert-Koch-Instituts ganz schön ins Schwitzen, sondern auch die Gestaltungsabteilung von ARD aktuell, der zentralen Redaktion der Fernsehnachrichten der ARD. Während man sich für die „Tagesschau“ auf das Abbilden unspektakulärer Petrischalen beschränkte, zogen die Grafiker für die „Tagesthemen“ alle Register: zu Fragezeichen verzogene Gurken, Labyrinthe, in deren Winkeln sich Tomaten und Sprossen versteckten, Gemüse-Puzzle mit einem fehlenden Erreger-Teil. Sogar ein Wegweiser war zu sehen, der die Zuschauer nach links zu Tomaten und Salat, nach rechts zu den Gurken schickte.

Für die Orientierung in einem Abnehmcamp wäre das durchaus eine schöne Idee gewesen. Weniger gut funktioniert es als Vorschaubild für den Bericht über einen Erreger, der seit Wochen alle Menschen völlig verunsichert, die ihre Nahrung nicht ausschließlich in frittierter und damit garantiert keimfreier Form zu sich nehmen.

„So wie in Magazinbeiträgen inhaltliche Schwerpunkte und Akzente gesetzt werden, so sind hier auch bei der grafischen Gestaltung der Illustrationen andere Anforderungen zu erfüllen“, erklärt Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD aktuell, das Bildkonzept der „Tagesthemen“. Dieses Format stellte höchste Ansprüche an die Kreativität der Mitarbeiter. „Insofern sind bei diesen Grafiken auch Verfremdungen, Collagen oder Überblendungen möglich.“

Für Gestalter macht Gniffke damit die „Tagesthemen“ zu einer feinen Spielwiese. Doch so schön es auch für die Mitarbeiter der sonst so seriösen ARD sein mag, alle Möglichkeiten ihres Fotobearbeitungsprogramms einmal ordentlich ausschöpfen zu dürfen – auch als Magazin bleiben die „Tagesthemen“ doch vor allem eine Nachrichtensendung. Die eigentlich anderen Aspekten als der kreativen Entfaltung ihrer Mitarbeiter verpflichtet sein sollte, wie Gniffke selbst erklärt, wenn er über das grafische Konzept der „Tagesschau“ spricht: „Hier werden Fotos nicht verändert; es kommen ausschließlich Originalfotos, -Logos und -Signets zum Einsatz. Wir setzen damit bei der ,Tagesschau‘ auf größtmögliche Klarheit und Seriosität.“

Warum er beides den „Tagesthemen“ abspricht, erklärt er nicht. Das aber bleibt nicht aus, wenn man das Problem Ehec mit einem traurigen Gesicht aus Gurkenscheiben bebildert; Jörg Kachelmann nach seinem Freispruch aus einer Zellentür in ein Paradies aus blauem Himmel und Schäfchenwolken entlässt; oder den deutschen Finanzminister zum Thema Griechenlandhilfe in die Streifen einer griechischen Flagge einarbeitet und ihn von Euroscheinen beregnen lässt.

Immerhin, das muss man den „Tagesthemen“ zugutehalten, kann man dabei meist noch erahnen, welches Thema gemeint sein könnte. Ein Service am Zuschauer, der etwa von den Kollegen von „RTL aktuell“ nicht immer geboten wird. Denn wer käme von einem Puzzle von einem Menschen im Profil schon ohne Umweg auf das Thema Organspende? Von einer an einer Blume schnuppernden Angela Merkel auf die Idee, dass diese derzeit Station in Singapur macht? Und auch bei der Abbildung des Lübecker Holstentores neben dem Hamburger Hafen sowie einem unbekannten Gefahrenzeichen sollte man sich lieber schon vorher über mögliche Fundorte von Ehec-Erregern informiert haben. Um nicht zu denken, norddeutsche Wahrzeichen seien als Endlager für Atommüll im Gespräch.

Gerhard Kohlenbach, Redaktionsleiter bei „RTL aktuell“, bezeichnet diese Bildkompositionen als gelungene Zuspitzungen. „Natürlich ist es immer eine Gratwanderung, aber wir kennen die Grenze zur Ironie gut, und ich glaube nicht, dass unsere Illustrationen zu verspielt sind“, meint er. Sein Kollege Josef Jumpers, Leiter der Abteilung Info-Grafik, berichtet von Zeiten, in denen bei der Bebilderung mit Personen darauf geachtet wurde, die gleiche Krawattenfarbe zu erwischen, wie später im Beitrag zu sehen war. „Davon hat man sich zum Glück mittlerweile entfernt.“ Stattdessen bemühe man sich, unter Ausnutzung aller technischen Möglichkeiten und in enger Zusammenarbeit mit der Redaktion, die Stoßrichtung des Beitrags schon während der Anmoderation klarzumachen. „Wenn die FDP in der Krise steckt, kann man das ruhig schon auf den ersten Blick sehen“, sagt er. Da darf dann auch mal das Parteilogo zerbröckeln vor dem Hintergrund hoch aufgetürmter Wolkenberge, durch die schon Blitze schlagen.

Einst dachte man, bei einer Nachrichtensendung ohne Ton bliebe völlig unverständlich, was die Themen des Tages waren. Die Bilder aus Parlamenten von einander die Hände schüttelnden, sich setzenden, sich erhebenden und auch mal gähnenden Politikern sind dafür einfach zu austauschbar. Heute verfällt man ohne Ton in den Glauben, die FDP sei Opfer eines Wasserschadens geworden und für das Erlernen eines Walzers seien Gurken vonnöten.

Probleme, über die man sich in der Redaktion des ZDF-„heute- journals“ keine Gedanken zu machen braucht. Dort ist man viel zu beschäftigt, das neumodische Studio ins rechte Licht zu rücken, als dass auch noch Kapazitäten für Hintergrundbilder blieben. Nur bei den Nachrichtenblöcken setzt man auf die auch von den „heute“- Nachrichten vertrauten Porträts, Karten und Symbolbilder. Die zwar auch nicht einer gewissen Komik entbehren, schließlich verbringen alte Leute ihr Leben nicht ausschließlich mit dem Sitzen auf Parkbänken, und die Flure des Arbeitsamtes sind meist doch nicht ganz so lang und vereinsamt wie dargestellt. Aber immerhin kann man noch nachvollziehen, um welches Thema es gerade gehen könnte, und wird nicht mit dem Eindruck alleingelassen, der Gestalter habe sich im Laufe seines Arbeitstages zwischen den verschiedenen Ebenen seines Bildbearbeitungsprogrammes verlaufen.

Seit einigen Jahren wird in der Nachrichtenredaktion der ARD die beste Illustration des Jahres gewählt. 2009 gewann dabei eine Brotscheibe, in die man die Weltkarte gefräst hatte. So sollte das Problem des Hungers in der Welt illustriert werden. Doch statt an notleidende Menschen konnte man bei diesem Anblick nur daran denken, was für ein schönes Kindergeburtstagsspiel es wäre, in aufgeschnittenen Broten Formen zu erkennen. Die „Tagesthemen“ bieten da viel Platz für Kreativität sowohl vor als auch hinter dem Bildschirm. Aber Nachrichten, die sehen anders aus.

2 Kommentare

  1. Ich kann auch ganz viel Kaffee trinken … 😉
    Wollt nur sagen, der Blog ist toll, gute Texte un dgute Themen, gefällt mir.

Kommentare sind geschlossen.