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Und vergib uns unsere Schuld

Es gibt Zeitschriften, über die braucht man sich eigentlich gar nicht lustig zu machen, die sind in Sachen Lächerlich-Machen völlige Selbstläufer. Lange Zeit glaubte ich, in dieser speziellen Sparte führend sei die Zeitschrift Fliege, die im Fliege-Verlag erscheint, von Jürgen Fliege herausgegeben wird und eben diesen auch gerne und oft selbst abbildet. Aber dann trat „Meine Schuld“ in mein Leben.

Die „Meine Schuld“, Kenner werden es wissen, ist ein Qualitäts-Produkte aus dem Kelter-Verlag, dem wir ansonsten unzählige Rätselhefte, Dr. Norden und den Bergpfarrer verdanken, und Bestandteil der Meine-Reihe. Denn natürlich ist es nicht nur Meine Schuld, sondern auch Meine Lebenslüge, Meine Liebesbeichte, Mein Gewissen oder Meine Sehnsucht.

Selbstkasteiung, für Dich müssen Bäume sterben.

Wie jede gute Zeitschrift ist die Meine Schuld in Ressorts unterteilt, die mit schönen Namen wie „Hörig“, „Familiendrama“ oder „Ich schäme mich“ daherkommen und jeweils einen Artikel beherbergen, in dem nachnamenlose Frauen scheußlichschöne Geschichten mitten aus dem Leben erzählen, wie Mitten im Leben sie sich nicht besser ausdenken könnte.

Da berichtet Sylvia S. (45), wie sie ihre Tochter an den Satanismus verlor („Als diese nackten Hexen in meinem Wohnzimmer tanzten, rastete ich aus“), Sölve E. (32) erzählt, wie sie etwas zu sehr in ihrer Rolle als Mutter aufging („Immer nur Mutter, Mutter. Wann war ich endlich mal dran?“), oder Gertrud B. (70) kann sich endlich den Frust von der Seele schreiben, dass ihr Mann sie ohne ihr Wissen in ein Altenheim einkaufte („Manchmal wünschte ich mir, Rudi fiele einfach tot um. Dann wäre mein Problem gelöst“). „Erlebnismagazin“ nennt man bei Kelter dieses Erzeugnis und verspricht im Promo-Text: „Meine Schuld bietet alles, was das Herz begehrt, und macht Lust auf mehr!“ Denn was könnte es Schöneres geben als noch mehr Meine Schuld?

Neben den packenden Geschichten aus dem Leben der Schuldigen überzeugt die Zeitschrift durch ihren konsequenten Retro-Look (nein, dies ist nicht die Ausgabe vom Juni 1986 sondern Nr. 9/2011):

Sowie den größtmöglichen Bild-Text-Scheren, die man aus Rechte-freien Stock-Fotos herausholen kann:

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Immerhin weist man am Ende jeder Geschichte nicht nur darauf hin, dass dies das Ende ist („- ENDE -„), sondern erwähnt auch, dass die Fotos nachgestellt wurden. Bzw. vorgestellt, denn diese Bilder stammen offensichtlich aus alten NVA-Beständen, während ich davon ausgehe, dass zumindest die Erzählung, in der es um Realitätsverlust aufgrund zu langer Verweildauer bei Second Life geht, noch aus diesem Jahrtausend stammt.

Wer sich ebenfalls für Seine, ich meine natürlich Meine Schuld interessiert, dem lege ich hiermit den Abschluss eines Jahresabonnements ans Herz – für nur 32,50 Euro bekommt man Meine Schuld regelmäßig nach Hause geliefert. Die Zeitschrift erscheint 13 mal im Jahr, was vermutlich an den 13 Monaten liegt, die so ein Schuldjahr hat. Oder daran, dass Unglückszahlen im Schuld-Business besonders beliebt sind.

Wer nun zum Abschluss noch auf ein paar Gags aus dem Hause „Ist das Deine Meine Schuld?“ hofft, den muss ich leider enttäuschen. Aber ich muss jetzt noch ein bisschen lesen. Genau, Meine Schuld.

Mit bestem Dank an Andreas und Igor, die Meine Schuld nicht nur am Kiosk entdeckten, sondern sie mir auch schenkten.

11 Kommentare

  1. Das war sehr unterhaltsam (und ein bisschen erschreckend, aber das ist ja nicht… Deine Schuld…). Vielen Dank!

  2. Ich habe diese Zeitschrift vor vielen Jahren in dem spießigen Örtchen Oberursel in Hessen an einer Supermarktkasse liegen sehen und musste sehr schmunzeln. Eine ganz feine Lektüre.

  3. Ich will nicht mäkeln, aber beim dritten Foto gibt es doch gar keine Text-Bild-Schere: Von den Vorzügen eines Altersheims, in dem solch hinterhältig grinsende Lüstlinge wie abgebildet auf mich warten, würde ich mich auch nicht überzeugen lassen.

    Schöne Zeitschriftenkritik, Danke.

  4. Ich habe Ihnen nicht geglaubt, dass diese Zeitschrift wirklich existiert – tut mir Leid, meine Schuld. Großartiges Werk, werde drüber nachdenken es zu abonnieren ;o)

  5. Es gibt so Dinge, da weigere ich mich einfach zu akzeptieren, dass sie real sind. Meine Schuld ist eines davon…

  6. Eine Ausgabe kostet 1,80€. Das mal 13 sind 23,40€.
    Da hätte ich doch gerne das Abonnement für 9€ mehr!

  7. @DaveDurden
    Ich denke, die Mehrkosten gehen drauf für den Versand in blickdichten, unauffällien und vor allem äußerlich neutralen Umschlägen.

  8. Pingback: Das Leben als Groschenroman | Berlin Blog

  9. Pingback: Fabian Soethof » Dem Hund geht es nicht gut

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