Juliane Schader

All die ganzen Schlageraffen dürfen da singen

Stellen Sie sich vor, Sie wären ein mittelgroßer öffentlich-rechtlicher Rundfunksender, der es zwar finanziell vielleicht nicht besonders dicke hat, aber doch ausreichend versorgt ist, um ein Vollprogramm im Fernsehen inklusive Mitbespielung einiger ARD-Kanäle zu stemmen sowie diverse Radiostationen zu betreiben. Wie oft würden Sie es in ihrer Hauptnachrichtensendung auf ihrem Hauptsender erwähnen, wenn Sie 40 mal zwei Freikarten für ein kommerziellen Musical anzubieten hätten?

Fragen wir doch einfach mal die Abendschau des Rbb, wie Sie in einem solchen Fall vorgehen würde, und werfen dazu einen Blick in die Mediathek:

Ah ja, wenn ich diese Bildsprache kurz übersetzen darf: So lange es um ein kommerziellen Musical geht, das irgendwas mit Mauer zu tun hat und an dem ein schlapphütiger Herr verdient, der sein Einkommen bevorzugt in Eierlikör umsetzt, berichten wir gerne täglich. Oder zumindest an den Tagen, an denen wir die kostbare Sendezeit nicht für Berichte über Kunstschneerodelbahnen, Wollläden oder die Wochenserie über Mülltrennung brauchen. Ja, so eine Medienpartnerschaft ist doch Gold wert. Zumal einem so auch erspart bleibt, selbst eine Gedenkveranstaltung anlässlich des 22. Jahrestages des Mauerfalls anzuleiern. Hat Udo ja auch schon alles so schön zusammengefasst, die Sache mit dem Mädchen aus Ost-Berlin und dem Sonderzug nach Pankow.

Und, das muss man zugeben: Der Erfolg der Aktion gibt den Machern natürlich Recht. Zumindest, wenn diese Angabe stimmt und tatsächlich 18.000 Berliner für die insgesamt 80 Freikarten angerufen haben. Als schlechter Mensch könnte man natürlich unterstellen, dass dieser Andrang damit zu begründen sein könnte, dass die Abendschau eine Woche lang massiv ein Stück beworben hat, dessen Besuch im realen Leben bis zu 110 Euro kostet. Aber an diesem Ur-Berliner Feiertag will man ja nicht so sein und sich auch nicht darüber grämen, dass man selbst nicht zu den glücklichen Gewinnern gehörte. Das Fernsehen wird sicher bald wieder Erbarmen mit einem haben und noch ein paar exklusive Bilder auf den Bildschirm zu Hause zaubern. Heute Abend etwa, denn auf die Abendschau ist ja Verlass: Wenn sie sich einmal in ein Thema verbissen hat, dann bleibt sie dran bis zum letzten. Wie sich das gehört, im guten öffentlich-rechtlichen Journalismus:

  1. 9. November 2011

    Wo wir gerade vom RBB reden: Ken Jebsen und sein „KenFM“ beim rbb-Radio „Fritz“ war vermutlich kein Thema in der „Abendschau“, oder?

    Lindenberg ist ja auch deutlich unverfänglicher…

    • 9. November 2011

      @Wolfgang

      @Wolfgang
      Zumindest nicht, dass ich mich jetzt spontan erinnern könnte. Aber das Thema haben ja auch alle anderen Medien ausführlich behandelt, da nutzt man die kostbare Abendschauzeit doch besser für ein paar stimmungsvolle Bilder vom Wetter.

  2. 10. November 2011

    Und Ulli Zelle darf als Außenreporter natürlich auch nie fehlen!

  3. 10. November 2011

    Was? Tatsächlich? Sieh an: Es gibt noch Leute, die sich die Berliner Abendschau antun, so, so.

  4. 13. November 2011

    Ich finde es ja weitaus interessanter, an diesem Vorgang ablesen zu können, wofür sich Lindenberg inzwischen hergibt. Die Zeiten eines „Grande Finale“ sind offenkundig lange vorüber – relevante politische Aussagen sind von diesem älteren Herrn mit Hut wohl nicht mehr zu erwarten.

    Was die öffentlich-rechtlichen Sender betrifft: Es wundert mich arg, dass sich tatsächlich noch jemand darüber erregt, dass diese Anstalten heute nur noch ein neoliberaler Schatten ihrer selbst sind … 😉 Schließlich bestimmt größtenteils die Politik, was darin zu senden ist … und das unterscheidet sich in Deutschland schon lange nicht mehr von dem, was in Konzernführungsetagen bezüglich der privaten Sender entschieden wird.

    Ob nun die „Abendschau“ oder die „Aktuelle Kamera“ – Propaganda ist es allenthalben.