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Herr Nilson

(Prenzlauer Berg Nachrichten vom 14. September 2011)

Wenn der Grünen-Politiker Jens-Holger Kirchner zu einem Interview mit dem Rad anreist, ist das kaum bemerkenswert. Anders wird die Lage aber, wenn der Stadtrat für Öffentliche Ordnung das tut und dabei auf dem Bürgersteig unterwegs ist. Erst unlängst sei er in voller Fahrradfahrt beim Durchqueren einer Grünanlage von seinen Ordnungsamtsmitarbeitern erwischt worden, erzählt er gleich. Diese hätten es aber bei einer Verwarnung belassen, sehr zum Ärger seiner Amtsleiterin.

Womit geklärt ist: Pankows grüner Stadtrat für öffentliche Ordnung ist zwar noch nicht ordentlich genug, um sich an Verkehrsregeln zu halten. Sprachlich ist er aber längst eingenordet – Grünanlage, so würde ihn jeder Parteikollege belehren, heißt bei uns immer noch Park.

Als Jens-Holger Kirchner, dessen Namen man niemals nennen darf ohne den Hinweis, dass er in Prenzlauer Berg als Nilson bekannt ist, vor fünf Jahren diesen Posten einnahm, klang das ein wenig nach Strafversetzung: Ein Grüner sollte für Ordnung sorgen, das konnte ja nichts werden. Heute zieht Kirchner eine Bilanz, die von der Einführung der Parkraumbewirtschaftung über die Umsetzung der überfälligen Straßenbaumaßnahmen in Alt-Pankow bis hin zur Erfindung der Ekel-Liste geht, mit der er die hygienisch desolaten Zustände in manchen Pankower Restaurants öffentlich machte. Vor einigen Wochen wurde ein ähnliches System berlinweit eingeführt, die Bundesebene soll folgen. „Das ist der Traum eines jeden Lokalpolitikers: Du machst ein Modellprojekt und zwei Jahre später hast Du eine bundesweite Regelung“, meint Kirchner. Seine Freunde darüber, sich damit gegen alle Kritiker durchgesetzt zu haben, ist offensichtlich.

So ist er, der Nilson, der seinen Spitznamen der Kinderbuchfigur mit den Wildgänsen verdankt: Er hat einen Plan und kämpft dafür, auch gegen Widerstände. Das macht ihm, wie am Beispiel des Umbaus der Kastanienallee mehr als deutlich wurde, nicht immer nur Freunde. Aber für Kuschelpolitik ist der 51-Jährige mit dem flotten Berliner Mundwerk auch einfach nicht der Typ. Er gehört zu den Berlinern, die alle Zugezogenen mit offenen Armen willkommen heißen, wenn sie nur nicht zu oberflächlich-charmant sind: „Mich irritiert, wenn Leute mich ganz freundlich begrüßen – ich weiß dann nicht, ob Sie das ernst meinen.“

Geboren ist Kirchner in Brandenburg an der Havel. Er hat eine Tischlerlehre absolviert und Ende der 70er Jahre an der Abendschule Berlin-Mitte das Abitur nachgeholt; mit der Wende kam noch eine Ausbildung zum Erzieher dazu. Nach Prenzlauer Berg zog er im Juli 1979, als er gemeinsam mit seiner hochschwangeren damaligen Frau eine Einzimmerwohnung in der Knaackstraße 90 besetzte. In den folgenden Jahren engagierte er sich in der Gruppe Spielwagen Berlin, die später das Netzwerk Spiel/Kultur und mit ihm den Abenteuerspielplatz in der Kollwitzstraße und das Kinder- und Jugendmuseum gründete. 1989 landete er deshalb am Runden Tisch Prenzlauer Berg.

„Wir waren eine ehrenamtliche Gruppe am Rande der Gesellschaft, die wusste, wie öffentlicher Raum aussehen könnte“, meint Kirchner heute. Ihm sei damals zugefallen, den kommunalpolitischen Part zu übernehmen. „Da bin ich dann gereift.“ 2001 wurde er Mitglied bei den Grünen und Vorsteher der BVV, 2006 Stadtrat für öffentliche Ordnung. In diesem Jahr soll, wenn es nach ihm geht, noch der Posten des Bezirksbürgermeisters dazukommen. „Ich würde auch Stadtrat bleiben – ich muss nicht, aber ich will“, sagt er. „Ich warte nicht auf einen Senatorenposten. Daher kann ich mir auch so etwas Unpopuläres wie die Einführung der Parkraumbewirtschaftung leisten.“

Und nicht nur das. In einem Stadtteil, in dem sich jeder gegenüber anderen gerne darüber profiliert, wie lange der eigene Herzug schon her ist, hat ein Mensch mit einer Geschichte wie Kirchner einen Bonus. Er kennt den Prenzlauer Berg und seine jüngere Geschichte nicht nur aus dem Geschichtsbuch, er war dabei: als man noch ins Stadtbad Oderberger Straße zum Waschen musste. Als in der Knaackstraße Mitte der 90er die Häuser für die Sanierungen entmietet wurden. Als der Markt am Kollwitzplatz plötzlich zum Lärmproblem wurde. Er muss sich mit all seinen politischen Entscheidungen in den Wind stellen, aber dem Urvorwurf gegen jeden, der in Prenzlauer Berg auftaucht, muss er sich nicht stellen: Dass er damals nicht dabei gewesen sei.

Dabei gehört Kirchner nicht zu denen, die sich in Gentrifizierungskritik verlieren. „Schon vor 1990 sind viele aus Prenzlauer Berg weggezogen, weil sie einen Müllschlucker und eine Zentralheizung schick fanden. Das finde ich überhaupt nicht ehrenrührig“, sagt er. Nach der Wende seien Weitere gefolgt, die erstmal die Welt hätten sehen wollen. Natürlich kämen dazu auch Menschen, die irgendwann die Mieten nicht mehr hätten bezahlen können. „Aber die Reduzierung auf Verdrängung durch Sanierung finde ich nicht in Ordnung, das stimmt nicht.“

Natürlich muss Kirchner so etwas sagen, schließlich sind viele zugezogen, von denen er sich nun wählen lassen möchte. Aber als Alt-Prenzlauer-Berger schlägt er in Zeiten des Schwaben-Hasses mit solchen Aussagen auch die Brücke zu den Neu-Berlinern.

Dazu passt auch Kirchners Plädoyer für ein Gemeinschaftsgefühl und die Stärkung des Bezirks, für die er sich als Bürgermeister einsetzen will. „Wir brauchen ein Leitbild für Pankow, eine Idee, was wir eigentlich mit diesem Bezirk wollen“, sagt er. Bislang gebe es einzelne Baustellen, aber die seien nicht geklammert. Die Stadtentwicklung liege völlig brach, und auch bei der Wirtschaftsförderung mangele es an einheitlichen Ansprechpartnern und der Macht eines Bürgermeisterwortes, damit die Abteilungen tatsächlich miteinander arbeiteten und die Idee vom Standort Pankow lebten. „Es kann nicht einer einzigen Mitarbeiterin überlassen sein, ob sie nun einen Bebauungsplan anfängt oder nicht. Das geht nicht gegen die Mitarbeiterin – das ist ein Fehler im System“, meint Kirchner.

Bei größeren Themen wie etwa der Planung der Fläche des ehemaligen Rangierbahnhofs in Pankow müsse man die Abteilungen des Bezirksamts an einen Tisch bringen, meint er. „Im Moment macht jeder Fachbereich seins. Mein Ehrgeiz als Bezirksbürgermeister wäre es, da einen Spirit reinzukriegen: drei gemeinsame Projekte, drei rote Linien im Jahr.“ Passend dazu sollten über Bürgerwerkstätten die Wünsche der Bürger an der Basis abgeholt werden.

Mit diesem Vorschlag macht Kirchner typische Grünen-Politik und verweist gleichzeitig auf seine größte Schwäche. Auch wenn es ihn zwar interessierte, was die Anwohner zum geplanten Umbau der Kastanienallee zu sagen hatten – denn Beteiligungs- und Schlichtungsverfahren hat es ja gegeben. Zum Schluss allen Betroffenen zumindest das Gefühl zu geben, ihre Bedenken wären ausreichend berücksichtigt worden, das ist ihm nicht gelungen. Andernfalls gäbe es nun kein Bürgerbegehren.

Nein, der große Diplomat ist Kirchner nicht, und auch das Zuhören gehört nicht unbedingt zu seinen größten Stärken (Aktivisten von K21 bitte hier unterschreiben). Er hat seine eigenen Visionen und ist davon dann so überzeugt, dass er sich mit viel Herzblut in die Realisierung wirft. Was gut ist für jene, die seine Meinung teilen. Alle anderen haben es dagegen schwer. In den Worten Jens-Holger Kirchners heißt das: „Ich scheue keinen Streit. Ich gehe auf die Leute zu und sage: Ich sehe das anders.“

So erklärt sich, wie Kirchner von den Umbaugegners seiner Lieblingsstraße den Namen „Beton-Stadtrat“ verpasst bekam. Aber das Umdenken beim Verkehr und die Förderung des Radverkehrs steht nunmal mit auf seiner Agenda und gehört damit zu den Themen, für die er kämpft.

„Es ist ein Irrtum, zu glauben, man könne die Grünen reduzieren auf Öko, Atom und ein bisschen Gedöns wie Familie, Jugend und Interkultur“, sagt Kirchner. Mit der Zähmung des staubtrockenen Drachen namens öffentliche Ordnung hat er schonmal bewiesen, dass er zumindest teilweise mit dieser Aussage Recht hat. Ob er sich bald auch an schreckhaften Monstern wie der Wirtschaftsförderung versuchen kann, entscheidet der Wähler.