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Grüße von Ralf an den Portier vom Adlon

(taz vom 6. Januar 2012)

Auf dem Oberdeck ist man auch schon morgens um neun bestens gelaunt. „Hallo, Oberdeck!“, begrüßt Ralf, der Reiseführer, vom Unterdeck des Busses über das Mikrofon die dort versammelten Rentner. Die grüßen mit heftigem Getrampel zurück. Es folgt ein „Hallo, Unterdeck!“ und auch dort Getrampel. „Für wen war das denn? Für die Berliner Mäuse?“, fragt Ralf. „Schreib alle meine Witze mit, die sind gut“, hat er beim Besteigen des Reisebusses gesagt – so soll es sein.

Seit dem vorangegangenen Tag ist die 60-köpfige Gruppe aus dem Ruhrgebiet in Berlin. Frühmorgens sind sie mit dem Doppeldecker in Essen losgefahren, haben mittags im Park Inn am Alexanderplatz eingecheckt und später einen Bummel durch die Hackeschen Höfe absolviert. Heute folgt eine eintägige Stadtrundfahrt mit Stopps zum Fotografieren. Nach fünf Tagen wird es für alle wieder nach Hause gehen, ganz ohne auf einem Bierfahrrad den Verkehr aufgehalten, den Anwohnern der Admiralbrücke den Schlaf geraubt oder in einer Ferienwohnung Kiezbewohner verdrängt zu haben. Sie machen vielmehr, was man von Touristen erwartet: im Hotel wohnen, in vermeintlichen Ur-Berliner Kneipen fettig essen – und Stadtrundfahrten unternehmen.

Ralf Lillig ist ein agiler Endfünfziger mit Jeans, Glatze, randloser Brille und Schnauzer. Er hat schon vor der Wende Reisegruppen nach Berlin begleitet und besteht darauf, dass man ihn Ralf nennt: „Wir Reisende, wir duzen uns.“ Vorn rechts an der Windschutzscheibe des großen gelben Reisebusses sitzt er und erklärt den gut gelaunten Rentnern, was da alles an ihnen vorbeizieht. Vom Alexanderplatz geht es über die Karl-Marx-Allee und die Warschauer Straße zur Oberbaumbrücke und der East-Side-Gallery. In den zwölf Minuten, die diese Fahrt dauert, schafft Ralf es von der Stadtgründung bis zum Mauerfall, er nennt Klaus Wowereit „eine Lichtgestalt“ und die Mehrzweckhalle am Ostbahnhof „den Ort für Musikhighlights in Berlin“. Zeit für den Witz über das DDR-Warenhaus, in dem ein Kunde fragt, ob es denn keine Möbel gebe, ist auch noch: „Keine Möbel haben wir in der vierten Etage, hier in der zweiten haben wir keine Teppiche.“ Das Oberdeck lacht.

An der Mühlenstraße fährt Bernd Raddatz, der Busfahrer, zum ersten Mal rechts ran. Jetzt haben alle 15 Minuten Zeit, Fotos von den verbliebenen Mauerstücken an der East-Side-Gallery zu machen – oder was man im November-Frühnebel davon erkennen kann. Während viele den geheizten Bus lieber nicht verlassen, riskiert Bärbel Reiser einen Blick. Mit ihrem dicken Pelzmantel ist die akkurat zurechtgemachte Düsseldorferin bestens angezogen für den Berliner Herbst. „1965 war ich das erste Mal in Berlin“, erzählt sie. Unzählige Male sei sie seitdem hier gewesen, aber ihr Mann komme ja auch aus Potsdam. „Seitdem wir Rentner sind, reisen wir sehr viel.“ Oft seien sie dann mit dem Reisebus unterwegs, einfach, weil es bequem und meist perfekt organisiert sei. „Natürlich sieht man, wenn man öfter eine Busreise nach Berlin macht, einiges doppelt, aber langweilig wird es trotzdem nie“, findet Reiser.

Eine Viertelstunde später ist der Bus wieder voll besetzt – pünktlich auf die Minute. Wie bei einer Klassenreise guckt jeder, ob sein Nebenmann da ist, dann geht es weiter in Richtung historischer Mitte. Ralf erzählt vom Kreuz, das die Sonne auf die Kuppel des Fernsehturms malt („In der DDR nannte man es die Rache des Papstes“), vom Alexa („Im Volksmund: Pharaos Grab“) und dem beflaggten Roten Rathaus („Wenn der Fetzen raushängt, sind die Nulpen drin, sagt der Berliner“).

Zwischendurch stellt er immer wieder mal das Mikro ab, um sich mit Bernd über die beste Route durch den Baustellendschungel rund um den Schlossplatz zu beraten. „Das ist nichts Schlimmes, nur ein Reisebus“, kommentiert der Busfahrer kurz darauf den verschreckten Blick einiger Passanten, als er an der Museumsinsel mit dem riesigen Gefährt in die schmale Straße Am Kupfergraben einbiegt. Es soll ja hinterher keiner der Urlauber sagen, er habe Berlin besucht, aber das Pergamonmuseum nicht gesehen. Und sei es auch nur durch ein gut geputztes Busfenster.

Unter den Linden ist wieder ein kurzer Stopp angesagt. Bernd besetzt die Hälfte einer BVG-Haltestelle und meint: „In keiner anderen großen Stadt wird so viel geduldet wie in Berlin. Wir arrangieren uns da gut mit den Kollegen der Linienbusse.“

Diesmal steigen alle aus, um das Brandenburger Tor zu fotografieren – oder den Portier des Adlon von Ralf zu grüßen, damit er sie dort aufs Klo lässt. So hat es ihnen der Reiseführer zumindest aufgetragen. Nur Peter Kohl sucht das Restaurant „Goldelse“. „Ich sehe doch abends immer ,Anna und die Liebe‘, und da spielen viele Szenen in der Goldelse“, erzählt der 83-Jährige. „Das muss irgendwo hier sein.“

Fündig wird er nicht. Das Haus, das in der Sat.1-Serie unter dem Namen „Goldelse“ firmiert, liegt irgendwo am Kudamm, und dessen Besuch steht erst nachmittags auf dem Programm. Stattdessen muss Kohl mit seiner historisch anmutenden Kamera, die in einer hellbraunen Ledertasche im 70er-Look vor seinem Bauch baumelt, die Studenten fotografieren, die zu diesem Zweck in Uniformen der Besatzungsmächte vor dem Brandenburger Tor stehen. Die hat er immerhin auch schon mal im Fernsehen gesehen.

Die weiße Strickmütze tief ins Gesicht gezogen, steht Annemarie Bentrop auf dem Pariser Platz. Die 76-Jährige ist gemeinsam mit ihrer Schwester unterwegs. Sie verreisten jetzt öfter zusammen, seitdem ihr Mann gestorben sei, erzählt sie. „Man kann ja nicht immer zu Hause sitzen, nur weil man alleine ist.“ Aus alter Gewohnheit nennt sie die Schwester im Gespräch manchmal Manfred.

Alleine in Urlaub zu fahren, das käme für Bentrop nicht in Frage. Zumal sie gerade erst erlebt, dass auch eine Busreise nicht garantiert, Anschluss zu finden, wie eng die Sitzreihen auch seien mögen. „Die meisten sind zu zweit und bleiben unter sich“, meint sie. Man komme zwar beim Essen mal ins Gespräch, aber ein Gemeinschaftsgefühl entstehe so nicht. Dafür sei sie aber auch nicht hergekommen.

Nach 30-minütiger Pause geht es nun auf die letzte Etappe des Vormittags: Die Zickzackroute führt am Holocaust-Mahnmal vorbei, durch das Regierungsviertel und über den Großen Stern im Tiergarten zum Schloss Charlottenburg. Ralf erzählt vom alten Westen, vom Kaffee Keese und den Liebhabern der Königin Sophie Charlotte. „Ich lese Reiseführer wie andere Leute Romane“, hat er kurz zuvor erklärt. Über die Jahre hat er sich dadurch ein Detailwissen angeeignet, das nun auf die Businsassen niederprasselt. Er kennt die Geburtsdaten der preußischen Könige ebenso wie die Todesursache von Ernst Reuter (der erste Regierende Bürgermeister West-Berlins erlag einer verschleppten Bronchitis). „Das Wissen ist mein Job. Nach Berlin fahren ist für mich wie ins Büro kommen.“

Nach einem letzten kurzen Stopp am Schloss, den ein Großteil der Reisegruppe in die Suche nach öffentlichen Toiletten investiert, geht es an den Kudamm. Als die Charlottenburger Schloßstraße passiert wird, raunt ein „Die erste schöne Straße in dieser Stadt“ durch den Bus. Kein Wunder: Das Berlin der Bustouristen ist von großen, hässlichen Ausfallstraßen geprägt, nicht von hochpolierten Gründerzeitvierteln.

Für alle, die es organisiert mögen, hat Ralf im Europacenter einen Tisch in einem Restaurant mit gutbürgerlicher Küche reserviert. Alle anderen dürfen sich nun zwei Stunden lang auf eigene Faust vergnügen. Am Nachmittag geht es dann noch auf einen Abstecher nach Kreuzberg, an den Potsdamer Platz und zurück ins Hotel. Für den nächsten Tag ist eine ähnliche Tour nach Potsdam geplant.

Um die Geduld seiner BVG-Kollegen nicht über die Maßen zu strapazieren, fährt Bernd den Reisebus diesmal auf einen ausgewiesenen Parkplatz vor dem Bahnhof Zoo. Dort trifft er auf seinen Chef, der zeitgleich mit einer weiteren Reisegruppe unterwegs war. Walter Job trägt Funktionsjacke zum schwarzen Anzug, eine dicke goldene Uhr am Handgelenk und eine verspiegelte Pilotenbrille. 1971 hat der Essener Unternehmer gemeinsam mit seiner Frau den ersten Bus angeschafft, mittlerweile gehören ihm 22 Doppeldecker, mit denen er bis zu 60.000 Menschen im Jahr zu Zielen in ganz Europa kutschiert.

„Berlin ist ein Reiseziel für Senioren“, meint Job. Doch generell seien Busreisen keineswegs der Generation 60 plus vorbehalten: Tagestrips nach London oder Paris würden fast ausschließlich von jungen Leuten gebucht. „Andere haben jahrelang ausschließlich Rentner nach Mayrhofen ins Zillertal gekarrt und sich dann irgendwann gewundert, als die Kunden ausblieben.“ So soll es ihm nicht ergehen. „Der Bus erlebt eine Renaissance“, glaubt er.