Juliane Schader

Let’s talk about: Christian Wulff

Die Vielfalt im deutschen Gesprächsfernsehen ist doch ein Segen, und nein, das meine ich nicht nur, damit Peter Hintze und Andrea Nahles zumindest ab und zu mal eine warme Mahlzeit bekommen und Hajo Schumacher nicht auf professionelle Haarpflege auf Gebührenzahlerkosten verzichten muss.

Schauen wir allein mal auf die große Auswahl an Sendungen und Themen, die die laufende Woche für uns bereit hält. Ein unvollständiger Auszug:

.

Sonntag

Günther Jauch zum Thema „Die 500.000 Euro-Frage – Ist Christian Wulff noch der richtige Bundespräsident“ mit Hildegard Hamm-Brücher, Peter Altmaier, Renate Künast, Wolfgang Herles und Nikolaus Blome.

Montag

Hart aber fair unter dem Motto „Der Pattex-Präsident – was lehrt der Fall Wulff?“ mit Fritz Pleitgen, Hajo Schumacher, Andrea Nahles, Hans Leyendecker und Hermann Gröhe.

Dienstag

Markus Lanz mit Michael Spreng, Heide Simonis, Heiner Lauterbach und Mathias Richling, die alle schonmal Christian Wulff getroffen oder mit der Presse gesprochen haben.

Mittwoch

Schon wieder Markus Lanz, wo Hans-Martin Tillack, Hans Zippert, Alexandra von Rehlingen und Peter Lewandowsky Unterschiedliches zum Thema Wulff beitragen wollen. Und Wolfgang Stumph, der nicht nur seinen neuen Film vorstellen will, sondern ebenfalls beabsichtigt, offen darüber zu sprechen, „wie er zur Causa Wulff steht und warum er in Geldangelegenheiten nur sich selbst vertraut“.

LogIn zum Thema „Liebling, ich habe das Amt geschrumpft. Brauchen wir noch einen Bundespräsidenten?“ mit Karl-Georg Wellmann, Sebastian Edathy, Daniel Bax und Marina Weisband.

Donnerstag

Maybritt Illner zur „Affäre Wulff: Vorhang zu und viele Fragen offen?“ mit Peter Hintze, Thomas Oppermann, Klaus Kocks, Konstantin von Hammerstein und Heiner Bremer.

.

Doch, der Sinn der großen öffentlich-rechtlichen Qualitäts– Quatsch-Offensive ist offensichtlich.

Wie es sich für einen guten Kritiker gehört, habe ich natürlich keine der genannten Sendungen gesehen, nicht einmal die, deren Ausstrahlung noch bevor steht. Statt dessen bin ich am gestrigen Abend in die Fänge einer der Quatschbuden Gesprächsangebote geraten, die ein völlig ungerechtfertiges Schattendasein fristen: „Klipp & Klar“ heißt der Spaß, läuft immer dienstags um 21 Uhr im Rbb und wird entgegen der Konditionierung nicht von Herrn Klipp und Frau Klar, sondern von Marco Seiffert moderiert, von dem ich nach Ansicht einer Ausgabe zumindest sagen kann, er habe nicht gestört.

Zu Gast waren zum Thema „Offen, ehrlich, glaubwürdig – wie müssen Politiker sein?“: Wolfgang Böhmer, Friedrich Schorlemmer, Marina Weisband und Hajo Schumacher. Von Letzteren kann man nun wohl offiziell behaupten, dass sie kein Zuhause haben.

Ich habe die Sendung tatsächlich aus bislang ungeklärten Gründen komplett verfolgt, und wenn man die Zeiten abzieht, in denen ich von den großen Gruppen von Fleecejackenträgern im Publikum abgelenkt war, waren ihre Kernaussagen folgende:

Friedrich Schorlemmer hält Christian Wulff für eine Art modernen Walter Ulbricht. „Hätten man ihn damals gefragt, ob er die Absicht hätte, einen antifaschistischen Schutzwall zu errichten, hätte er vermutlich ja gesagt. Man hat ihm halt nur die falsche Frage gestellt. Wie Wulff.“ Ein erfrischender Ansatz, nicht zuletzt, weil es Hannover damit zum zeitgenössischen Hotel Lux macht.

Marina Weisband möchte gerne eine beliebte Politikerin sein und glaubt, das erreichen zu können, indem sie twittert, wo und mit wem sie zu Mittag isst und wie ihre Gefühle dazu so sind. Das hält sie für das einzige Mittel, mit dem man die Demokratie noch retten kann. Ihre Kontodaten würde sie aber nicht veröffentlichen. Dass sie damit in etwa die gleiche Öffentlichkeitsstrategie fährt wie Christian Wulff, scheint ihr nicht aufgefallen zu sein.

Hajo Schumacher fährt einen 16 Jahre alten Gebrauchtwagen, kennt aber Kollegen, die bei Air Berlin Journalistenrabatt bekommen.

Wolfgang Böhmer hat noch nie jemand angeboten, sein Geburtstagsfest auszurichten. Sagt er. Ich frage mich: Nicht einmal seine Mutti?

Wer sich für mehr Details interessiert, der kann sich das Gesamtkunstwerk auf der Internetseite des Rbb ansehen. Allen anderen biete ich den Service dieses Symbolbildes:

Foto: Screenshot rbb-online.de

Was ich damit sagen will? Genau, rein gar nichts. Womit ich mich aber in guter alter Fernseh-Quatschbuden-Gesellschaft befinden dürfte.

  1. 12. Januar 2012

    Zumindest eine lobende Erwähnung verdient die gestrige „ZDF login“-Gesprächsrunde bei „zdf info“ – Link zur Mediathek:
    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1537058/#/beitrag/video/1537058/log-in—die-Diskussion-in-voller-Laenge

    Immerhin gab’s dort von Karl-Georg Wellmann die erste dezidierte Rücktrittsforderung aus den Reihen der CDU-MdBs im TV (nachdem Altmaier die erste via Twitter lieferte). Und auch sonst war’s deutlich gehaltvoller als in den von Dir genannten Sendungen.