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Eine Frage der Ehre

Ich schreibe ja viel zu selten in dieses Blog. Einer von vielen Gründen dafür ist, dass ich mit Schreiben auch mein Geld verdiene, und bei der Auswahl zwischen Schreiben für Geld und Schreiben für Spaß gewinnt meistens Ersteres. Irgendwie muss ich ja klarkommen mit den steigenden Kaffeepreisen.

Einen nicht unerheblichen Teil meiner Einkünfte bestreite ich damit, dass ich mich dem sogenannten hyperlokalen Journalismus hingebe, der im Falle von Berlin nicht die Berichterstattung über einen alleinstehenden Baum, sondern über einen Stadtteil mit knapp 150.000 Einwohnern mit sich bringt. Ganz recht, es ist der mit den Kindern. Ich telefoniere also, treffe Leute, stelle Anfragen, was man so alles unter Recherchieren versteht, schreibe das Herausgefundene auf, veröffentliche es auf einer Zeitungsseite im Internet und verdiene damit Geld.

So ähnlich wollen es nun auch die Kollegen von der Berliner Morgenpost handhaben – also das mit der Berichterstattung aus den Berliner Bezirken: Mit Recherchieren, Rausgehen, Schreiben und so, nur eben ohne Geld. Ich nehme an, aus irgend einer Perspektive wird auch das nach Qualitätsoffensive aussehen. Vom Mars aus vielleicht.

Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Viel mehr beschäftigt mich das Symbolfoto, das sie zur Bebilderung ihrer Werbung um die sogenannten Leserreporter ausgewählt haben. Ich muss Sie zur Veranschaulichung der Sache kurz rüber bemühen, immer dem Link nach. Die Verlage sind ja derzeit etwas pingelig, wenn es um das Einbinden ihrer Inhalte auf externen Websites geht.

So stellt man sich im Springer-Verlag also die kleine Armee an Freiwilligen vor, die ehrenamtlich bzw. für die Ehre, auf morgenpost.de veröffentlichen zu dürfen, kostenlos Artikel schreibt: Jung, weiblich, gutaussehend, und mit der Fähigkeit gesegnet, gleichzeitig ein iPad halten und in einer Windmaschine stehen zu können. Multitasking ist für Journalisten Leserreporter schließlich schon mal eine gute Voraussetzung.

Trotzdem stellen sich mir da einige Fragen: Kann die junge Dame die unentgeldliche Arbeit als Praktikum verbuchen? Oder hat sie einfach reiche Eltern und muss gar kein Geld verdienen? Wie hoch ist da die Wahrscheinlichkeit, dass sie in diesem Fall nicht schon längst ein iPad hat, mit dem die Morgenpost außer mit der Ehre ihre Reporter zu ködern versucht? Und ist das Tragen von Strickjacken nicht per Gesetz nur SZ-Redakteuren vorbehalten?

Laut dem Chefredakteur der Morgenpost liegen die Bewerberzahlen für diese Posten schon im dreistelligen Bereich. Das sind immerhin fast 0,003 Prozent aller Berliner! Was auch ungefähr der Anzahl der wirklich Reichen dieser Stadt entsprechend dürfte. Demnach freue ich mich schon sehr, demnächst auf morgenpost.de zeitnah informiert zu werden, wenn in Dahlem gerade der Kaviar knapp wird oder der Kudamm in die Pelzsaison startet. So sind die jungen Dinger immerhin weg von der Straße… und rauf auf den Boulevard. Oder den Digital Highway. Oder so.

3 Kommentare

  1. Na, damit wäre ja dann der Qualitätsjournalismus für die Hauptstadt vorerst gerettet und die sowieso völlig überbezahlten Profis können einpacken. Wann fängt deine Umschulung zur Systemgastronomin an? ^^

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