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Kaninchenzüchtervereine sind kein Ponyhof

Am vergangenen Wochenende war ich einmal da, wo ich mich selbst nicht vermutet hätte: Auf einem Journalistenkongress für Lokaljournalisten. Man hatte mich eingeladen, dort über die Zeitung zu sprechen, die wir liebevoll die Prenzlette nennen, und da ich ein höflicher Mensch bin, bin ich hingefahren. Nicht zuletzt auch, weil ich nicht erwarten kann, dass Menschen über das Prenzlauer-Berg-Klischee hinwegkommen, und selbst dann München meide, weil mein Bild von dieser Stadt auf einem Roman von 1930 beruht.

Die Bewohner der Hochebene waren tatsächlich ziemlich freundlich zu mir, und auch darüber hinaus habe ich einige Eindrücke mit nach Berlin gebracht, die ich hier gerne teile.

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1:1, das ist der Schlüssel vielleicht nicht zum Erfolg, aber doch zur Erstellung einer handelsüblichen Lokalzeitungsseite. Ein Redakteur ist demnach für das Befüllen einer Zeitungsseite zuständig – Zukippen oder Vollknallen wären ebenso richtige Begriffe. Schließlich ist es mit Recherche und damit Journalismus nicht mehr weit her, wenn eine Person jeden Tag sagen wir drei bis vier Artikel plus Meldungsspalte schreiben muss. Genau, selbst schreiben, denn das Budget für Freie ist meist mikroskopisch klein. Hilfe verspricht da nur der ein oder andere Vereinsbericht, der in Sütterlin verfasst mittags noch reingereicht wird. Qualitätsjournalimus sieht anders aus. Kostet aber Geld, das deutsche Verlage zumindest im Lokaljournalismus derzeit nicht ausgeben mögen.

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Junge Journalisten haben keine Lust auf Lokalzeitungen. Was zum einen daran liegt, dass sie überall hin wollen, nur nicht in die Provinz. Und zum anderen daran, dass sie dort gerne neben einem Gehalt weit unter Tarif die Verantwortung für eine nach dem Schlüssel 1:1 zu füllende Seite erwartet statt einer Ausbildung. Lehrjahre seien eben keine Herrenjahre, meinte ein für die Volontäre bei privaten Radiosendern verantwortlicher Herr. Eine junge Volontärin hielt dagegen, dass kein angehender Jurist oder Arzt sich Zustände wie im Journalismus bieten ließe. “Schnell weg von hier” war der Titel dieses Panels. Ich persönlich glaube ja, dass unter den derzeitigen Bedingungen tatsächlich viele Nachwuchskräfte sehr schnell die Flucht ergreifen. Und zwar Richtung PR.

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Trotz der hohen Arbeitsbelastung können auch Lokaljournalisten noch investigative Recherchen stemmen. War die Botschaft, die etwa ein Redakteur des General-Anzeigers aus Bonn vermitteln wollte oder sollte, der von der Aufdeckung des Bauskandals um das World Conference Center Bonn berichtete. In einem Nebensatz ließ er dann irgendwann fallen, wann er und seine Kollegen recherchiert hätten: Nach Feierabend.

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Danke der Nachfrage. Aber warum sollte ich meine Online-Zeitung unbedingt ausdrucken wollen?

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Überhaupt: dieses Internet. In dem Panel, das sich mit regionaler Online-Recherche befasste, kam die Frage auf, wer Twitter nutze. Ich bin schlecht im Schätzen, tue es trotzdem: Vielleicht zehn Prozent der Anwesenden hoben ihre Hände. Also zehn Prozent der Lokaljournalisten, die sich noch aufraffen können, an einem Kongress teilzunehmen, der auch an einem arbeitsfreien Samstag stattfindet, und zudem dort eine Veranstaltung mit Online-Bezug aufsuchen. Man muss ja nicht gleich seine Seele an die sozialen Netzwerke verkaufen. Aber will man als Medienschaffender nicht wenigstens wissen, wie sie funktionieren?

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Im gleichen Vortrag wurde erklärt, dass man Bilder aus der Wikipedia auch kommerziell nutzen darf. Sofort erkundigte sich ein anwesender Chefredakteur, welche Quelle dann angegeben werden müsse. Und ich sah ihn schon am nächsten Tag seine Fotografen entlassen.

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Nachdem ich den eigentlichen Anlass meiner Reise erfüllt und mit den Kollegen ein wenig über alternative Lokaljournalismus-Projekte im Internet gesprochen hatte, kam eine Journalistenschülerin auf mich zu. Und bedankte sich, weil die das erste Mal überhaupt eine Online-JournalistIN gesehen hätte. “Ich dachte schon, man müsse unfassbar Technik-affin sein und Html können für dieses Job”, meinte sie. Erst da fiel mir auf, dass ich als junge Journalistin für eine Online-Zeitung im Osten Deutschlands die vierfache Quote erfüllte.

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Auf dem Weg zum Bahnhof setzte sich in der S-Bahn ein gut Betrunkener mir gegenüber, wobei er mir gegens Bein trat. Sofort entschuldigte er sich überschwänglich. Ich war völlig irritiert: Das heißt doch “Pass doch auf, Du Schlampe.”

11 Kommentare

  1. Also, wenn ich mir die letzten Schlagzeilen der Prenzlauer-Berg-Nachrichten so ansehe, bin ich gar nicht so unglücklich, daß ich derzeit in der “Provinz” wohne. ;-)

    Was ich persönlich überhaupt nicht nachvollziehen kann, ist die scheinbar in vielen Redaktionen bzw. Verlags-Controllingstellen vorherrschende Meinung, daß man für Lokales kein Geld ausgeben solle. Die Lokalnachrichten sind doch _der_ USP für eine Zeitung! Einen Mantelbogen mit dem Neuesten aus der Schuldenkrise hat jeder und dank dpa und Konsorten steht auch überall das Selbe (Dasselbe? das selbe?) drin.
    Der Lokalteil ist es aber, der differenziert; und das sogar bei Zeitungen, die im selben Ort erscheinen, weil diese (aus politischen oder schlicht personalpolitischen Gründen) oft verschiedene Akzente setzen.
    Daß ein Journalist, zumal ein junger, aufstrebender Vertreter seines Faches, lieber ein zweites Watergate recherchieren würde als stets dieselben Schützenfeste, Nachwuchssorgen-geplagten Brieftaubenzüchter und (aktuell) Karnevalsveranstaltungen zu besuchen, ist menschlich nachvollziehbar – aber Scoops gibts halt nicht so häufig wie alltägliches Berichtenswertes.

  2. tja, es ist die kunst des versierten lokaljournalisten, der bock hat auf seinen job, dem leser lust zu machen auf die geschichte vom kaninchenzüchter, der ständig von irgendwelchen stadtjournalisten zitiert wird – obwohl die ihn noch nie getroffen haben. in berlin, aus berlin und über berlin schreiben kann jeder. die kunst ist, auch aus wenig farben ein kunterbuntes bild zu malen. und kunst kommt im journalismus auch vom können – egal ob in berlin oder hintertupfing.

  3. Pingback: Stern vs. FDP, Austerität, Lokaljournalisten - YEPA NEWS

  4. Schöne Zusammenfassung der Tagung, deckt sich mit meinen Eindrücken.

    Der feine Herr vom Radio sagte der Volontärin ja übrigens auch, dass sie die falsche Einstellung habe, wenn sie nicht mit einem Pauschalistengehalt leben wolle…

    Vielen Dank auch für Deine Teilnahme an der Podiumsdiskussion, die gehörte definitiv zu den interessantesten Veranstaltungen.

  5. Also ich weiß nicht so recht. Die auf der Tagung immer wieder vorgebrachte Behauptung, Seiten würden permanent “zugeknallt” und dieses 1:1 Verhältnis deckt sich nicht mit meinen Erfahrungen bei mehreren Regionalzeitungen, die ich im Übrigen nicht für sonderlich ausgerwöhnlich halte.

    Ich hatte in München immer wieder das Gefühl, dass doch sehr viele Kollegen utopisch-naive Vorstellungen vom Produzieren einer kompletten Zeitung haben. Natürlich gibt es da nicht jeden Tag für jeden Redakteur nur super-spannende Geschichten und Scoops, und ja, manchmal muss man auch Seiten einfach nur füllen.

    Aber mal ehrlich: Was ist denn die Alternative? (Hyper-)Lokal-Blogs? Bei deiner Diskussionsrunde wurde doch recht deutlich, dass man dabei entweder a) persönliches Sendungsbewusstsein und “ich bin ja so ein Rebell”-Attitüden verinnerlicht haben muss (Regensburg digital) oder b) ein großes Ego, gepaart mit Geschäftssinn (selbst daran verdienen, die anderen Mitarbeiter werden mit Dumping-Löhnen abgespeist, und -wie ein Kollege ja eingeworfen hat- PR-Texte werden nicht kenntlich gemacht, was aber den Zeitungen prinzipiell vorgeworfen wird) haben muss (Heddesheimblog) oder c) ein idealistisches Blog als Ergänzung zu den bösen etablierten Medien schaffen möchte, wobei, da muss ich Chris zustimmen, die aktuellen Nachrichten vom PrenzlBerg auch nicht anders klingen als die aus Hintertupfingen (Prenzlauer Berg Nachrichten).

    Und was ist allen drei Blogs gemeinsam? Davon kann keine Belegschaft in der Größe einer Lokalzeitung leben, noch können die aktuellen Redakteure davon leben (Ausnahme der oben genannte Kollege mit Geschäftssinn), sie sind also keine Alternative für junge Journalisten, die davon ihre Miete zahlen wollen. Denn was bitteschön ist eure journalistische Arbeit anderes als “nach Feierabend”, wenn ihr damit einfach kein/kaum Geld verdient?

    Klar waren einige der “etablierten” Kollegen weltfremd und arrogant, aber leider habe ich auch bei euch “neuen Wilden” keine wirkliche Alternative aufgezeigt bekommen.

  6. Liebe Frau Wiedemeier,
    Drei Beiträge am Tag mussten wir als arme Studenten schon Mitte der Neunziger schreiben, wenn wir in den Semesterferien einen Job bei einer Tageszeitung antraten, um ein bisschen Geld zu verdienen, mit dem wir über die Runden kommen wollten. Zu diesem Aspekt kann ich nur sagen: Nichts Neues unter der Sonne.
    Auch deshalb behaupte ich nach wie vor: Egal, ob ich bei einer kleinen Lokalzeitung oder beim einem großen Blatt arbeite – ich entscheide doch selbst, ob ich über Kaninchenzüchter schreibe oder über andere Themen, die ich für relevant halte. Da wünsche ich mir gerade bei den jüngeren Leuten weniger Fatalismus.
    Im übrigen habe ich Ihnen auf dem Podium mit Interesse zugehört. Finde ich gut, was Sie da am Prenzlauer Berg gegründet haben.

  7. Als langjährige freie Mitarbeiterin bei einem Lokalteil muss ich sagen: Ich habe noch nie über einen Kaninchenzüchterverein geschrieben. Selbstverständlich sind da häufige Termine die nervig sind. Sei es die Festkettenübergabe oder die dritte Kappensitzung an einem Wochenende. Aber ich muss auch sagen, dass ich viele sehr interessante Konzerte und Ausstellungen besucht habe, dass ich unzählige Leute und Künstler kennen gelernt habe, dass ich über DIE Events des Einzugsgebietes schreiben durfte usw. Gerade bei Letzerem ist mir aufgefallen: DAS lesen die Leute immer wieder gerne. Der Lokalteil ist in meinen Augen für viele doch noch der Teil, den sie gerne lesen. Weil es sie direkt betrifft. Weil sie vielleicht auch bei dem Karnevalszug waren. Weil sie es spannend finden, was auf der letzten Jahreshauptversammlung des SPD Ortsverbandes passiert ist.

    Für mich, die ich nach Abschluss meines Masterstudiums gerne Journalist werden würde, ist der Lokalteil der Teil der Zeitung, der viele retten wird, wenn nicht bald eine neue, ertragreiche Vertriebsmöglichkeit gefunden wird.

    Und daher muss ich sagen: Ich arbeite gerne für den Lokalteil. Auch wenn das finanziell wirklich nicht das Wahre ist und der sprichwörtliche Kaninchenzüchterverein vielleicht eher im Gewand eines Heimatvereins mal einen Artikel über das 25-jährige Jubiläum haben möchte.

  8. Ich verstehe – ich hätte den Kaninchenzüchterverein nicht in den Titel nehmen dürfen. Denn anders, als dieses Wort offenbar vermittelt, habe ich eine sehr hohe Meinung vom Lokalen und seiner Relevanz. Ich sage es hier gerne noch mal: Ich bin selbst Lokaljournalistin.

  9. @Juliane
    Mein Post war eher auf die Allgemeinheit bezogen, die den Lokaljournalismus und seine ganz eigenen Facetten so gerne belächelt ;).
    Schade, denn gerade der Teil ist doch der, der gerne gelesen wird. “Hey, was lesen Sie gerne in der Morgenzeitung” (Annahme: Es handelt sich nicht um die FAZ, TAZ, Süddeutsche usw.) “Politk und Lokalteil.” “Dat Sporteil und det Lokalteil.” “Wirtschaft und Gesellschaft – und die Todesanzeigen.” “Lokalteil” usw.
    Man braucht sich da nur mal in der näheren Verwandschaft umhören.

  10. Ich finde Lokaljournalismus nach wie vor toll. Wieso »nach wie vor«? Weil ich’s nicht mehr betreibe, weil ich seit zwanzig Jahren im selben Verlag arbeite.

    Aber: In den 80er-Jahren fand ich es superspannend, Lokaljournalist zu sein. Das ging sogar politisch: Streiks, sogenannte Friedensdemos, all der Kram – man konnte und durfte sich engagieren, auch als »Freier«, aber nur, wenn man beim Nicht-Monopol-Blatt arbeitete. Und einige Tabuthemen gab’s da ebenfalls.

    Kaninchenzüchtervereine hatte ich gelegentlich; lustiger fand ich jedes Jahr die Hauptversammlung des Camping-Clubs. Und aus einer kreuzlangweiligen Sportvereins-Jahreshauptversammlung in einem 2000-Seelen-Dorf mit »Gerangel um den Schriftführer« eine fast schon spannende Reportage zu machen – das fand ich schon richtig cool.

    Genug geschwärmt: Zurück an die Textarbeit!

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