Juliane Wiedemeier

Bitte nicht nachmachen!

Man lernt ja nicht aus. Pick-up-Artists, habe ich bisher immer gedacht, dass seien frauenverachtende Idioten, die es für ein Hobby halten, möglichst viele Frauen flachzulegen und dann damit anzugeben. Psychotricks und fiese Manipulation inklusive.

Doch dann las ich heute morgen bei Frühstück die Zitty und lernte: Nein, nicht böse und gemein sind diese Typen, sondern wahre Künstler: „Anmachkunst im Supermarkt“ heißt der Artikel, der mir das vermittelte. Ins Internet hat er es bislang leider noch nicht geschafft, weshalb ich hier nicht verlinken kann, sondern die alte Kunst des Nacherzählens bemühen muss.

Wir lernen Christian kennen, einen junger Profiboxer, dessen richtiger Name natürlich anders lautet. Im Supermarkt spricht er ein Mädchen, wie es hier heißt, an, um seine Telefonnummer abzustauben. Das ist Teil seiner Hausaufgabe, wie wir lernen. Denn Christian möchte gerne Pick-up-Artist werden.

Was das genau ist, das wird wie folgt erklärt:

„professione Aufreißer“

„alle haben ein Ziel: möglichst viele Frauen ins Bett zu bekommen“

„In Internet-Foren verbreiten Pick-up-Artists aus aller Welt Fotos ihrer oft blonden, naiv dreinblickenden Trophäen (…) und tauschen sich über Psychotricks aus: ‚Negs“ – kleine Beleidigungen, um Alpha-Verhalten zu demonstrieren“

Alpha-Verhalten, Frauen als Trophäen, Psychotricks – alles völlig normal, scheinen sich die Autoren zu denken, denn einordnende Worte gibt es dazu nicht.

Aber regen wir uns noch nicht auf, bevor wir nicht die traurige Geschichte gehört haben, die so einen armen jungen Mann überhaupt in die Pick-up-Aristerie treiben:

„Auch bei Klient Christian begann die Reise zu einem erfüllten Liebesleben mit Gesprächen über seine Unsicherheit und dem Training seines Selbstbewusstseins.“

So ist das nämlich: Allein Unsicherheit und fehlendes Selbstbewusstsein sind es, die den verzweifelten Mann dazu zwingen, Frauen zu Freiwild zu degradieren und mit Psychotricks zu erniedrigen. Na dann ist das natürlich etwas total anderes. Zumal er, ein letztes Zitat, „von einer monogamen Beziehung mit Haus und Familie“ träumt.

„Aber möglichst perfekt sollte die Frau schon sein.“

Nun gut. Das kann man natürlich alles so erzählen. Wenn man kurz auch ein paar kritische Stimmen zu Wort kommen lässt, zum Beispiel diese, na, wie heißen sie gleich? Genau: Frauen. In der FAZ ist das vor ein paar Monaten etwa geschehen.

Die Zitty hat sich für einen anderen Weg entschieden: Sie empfiehlt drei Anbieter, bei denen man sich zum Pick-Up-Artist ausbilden lassen kann. Darunter diese unfassbar seriöse Seite sowie ein Flirt- und Date-Coach, der erfreulicher Weise gleich auf seiner Website erklärt, wie die Zeitschrift auf ihn gekommen sei: Der Liebeschoach höchstselbst habe die Dame von der Presse „zufällig“ auf der Warschauer Straße angesprochen.

Auf der nächsten Seite werden in der Zitty weitere Möglichkeiten vorgestellt, „sein Hobby (zu) professionalisieren“. Als Jodler, Detektiv oder Schamane.

Liebe unsicheren Männer ohne Selbstbewusstsein: Macht doch besser das.

  1. 11. Juni 2013

    Habe eben diese unfassbar seriösen Websiten besucht:
    Das ist doch Satire aus der Titanic, oder nicht?

  2. 11. Juni 2013

    Die Devilseite sieht auf den ersten Blick schon verdächtig schlecht aus – spätestens bei den YouTube Videos bestätigt sich: das kann nicht ernst gemeint sein – Satire pur 😀

  3. 12. Juni 2013

    Olli Schulz hat den Devil mal getestet:

    http://www.youtube.com/watch?v=1W3idL_4iCs

  4. 12. Juli 2013

    Hi Juliane,

    gut geschrieber Beitrag; gefällt mir 🙂

    Ich hab gerade die Besuche unserer Website abgecheckt und dabei festgestellt, dass wir einige Besucher durch deinen Beitrag hier bekommen haben. Danke erstmal dafür.

    Was du wohl nicht weißt, dir aber aufgrund deiner Berufung erdenken kannst, ist, dass die Journalistin von der Zitty bereits mit einem sehr negativen Bild von Verführungskunst in das gemeinsame Gespräch gegangen ist und sich dann auch hauptsächlich die Aussagen rausgepickt hat, die auch in das Bild passen, was dann in der Zeitschrift rübergebracht werden soll.

    Was ich sagen will ist folgendes: Wir möchten uns klar und deutlich von PickUp distanzieren. Ja, wir kommen ursprünglich aus dem Bereich, haben dann aber schnell gemerkt, dass es frauenverachtene Scheiße ist (Einer unserer Blogeinträge trägt auch diesen Namen) und wir uns auf die Weiterentwicklung der Männer als Menschen konzentrieren.

    Bei unseren Coachings gehts nicht darum „den coolen, einfallsreichen Anmachspruch, der immer funktioniert“ zu lernen, sondern eben z.B. sein Selbstbewusstsein aufzubauen, sich selbst besser kennenzulernen, sozial und emotional kompetenter zu werden und mehr den Lifestyle zu haben, den man(n) sich meist eigentlich wünscht, aber aufgrund von sozialer Konditionierung und gesellschaftlichem Druck nicht traut auszuleben.

    Vielen Dank, dass du deinen Beitrag unvorteilhaft und unparteiisch verfasst hast. Durch Beiträge in Fernsehen und Zeitungen wissen wir nun aus erster Hand, dass das nurnoch sehr selten der Fall ist; und dann solche Kommentare wie dieser hier nötig sind.

    Grüße – Marty

    PS: Ich bin unserer Webdesigner und keiner der Coaches. Auch ich hatte damit angefangen, nahezu kein Selbstbewusstsein zu haben, mich extrem schlecht zu ernähren und den ganzen Tag nur Counter-Strike und WoW zu spielen. In den letzten 13 Monaten, seitdem ich bei Charisma Community arbeite, habe ich 23 kg abgenommen, extrem viele Freunde dazugewonnen, bin ständig mit Leuten in Parks und Bars unterwegs und bin sogar weg von Hartz IV in die Selbstständigkeit gekommen. Und ja, ich habe seitdem auch regelmäßig Dates mit wunderschönen Frauen; und das auf Augenhöhe und mit gegenseitem Respekt.