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It’s Arrested Development

Unlängst war ich zu Gast in einer privaten Medienhochschule, um über meine Arbeit bei der Zeitung zu berichten, die wir Prenzlette nennen.

In den Berliner Unis, die ich besucht habe, waren die Räume stets überfüllt, manche hatten statt Fenstern eine nicht funktionierende Lüftung und mancher Hörsaal im Hauptgebäude der HU hatte so bedenkliche Risse in den Wänden, dass mich sehr wundert, das es immer noch steht. Der Fahrstuhl im Haus L der Publizisten in Lankwitz blieb öfter stecken, als dass er fuhr, die Bibliothek hatte noch ein Karteikartensystem. Und ja, überraschender Weise stammen meine Erfahrungen aus diesem Jahrtausend.

Doch ich schweife ab.

Wir saßen also in einem mit technischer Finesse ausgestatteten Raum, der mir als Studio vorgestellt wurde. Alle duzten sich, es gab Kaffee aus riesigen Tassen und irgendwann fragte eine Studentin, ob ich es denn als wichtig erachte, dass Redaktionen auch als Spiegel der Gesellschaft besetzt seien. Ich musste kurz nachfragen, ob ich das richtige verstanden hätte, dass Menschen aus allen Schichten Journalist werden können sollten? Ja genau. Gute Frage.

Denn ja, das finde ich. Aber ich glaube, es funktioniert gerade nicht.

Ich saß, wie gesagt, in den schicken Räumen einer privaten Medienschule. Die Ausbildung dort, ich habe gegoogelt, kostet mehr als 600 Euro. Pro Monat. Dieser Weg ist also schonmal ziemlich vielen jungen Leuten verschlossen. (Gut, dass die Studenten dort immerhin solche Fragen stellen, finde ich. Doch das nur am Rande.)

Der Besuch meiner oben beschriebenen staatlichen Unis war kostenlos. Damit das auch so bleibt, haben wir gefühlt ein Semester lang auf dem Alex gecampt. Doch im Journalismus ist das gebührenfreie Studium nur die halbe Miete. Denn zwischen Uni und Job stehen im Zweifel Praktika und Volontariat. Wer da nicht eine spendable Oma oder freundliche Eltern hat, der kommt hier nicht durch.

Nachdem ich mit der Uni fertig war und bevor ich mich endlich getraut habe, mich selbstständig zu machen, habe ich diverse gar nicht oder schlecht bezahlte Praktika gemacht – natürlich Vollzeit. Wenn meine Eltern mich damals nicht unterstützt hätten, hätte ich das mit dem Journalismus mal gleich lassen können.

Irgendwann habe ich dank der Praktika einen Volontariatsplatz bekommen, der mir zwar 500 Euro weniger als tariflich vorgesehen einbrachte, aber immerhin Miete, Essen und Diverses bezahlte. Sogar ein Eis konnte mir davon ab und leisten. Nur für den Kauf eines Autos hat es nicht gereicht. Dabei war meine weitere berufliche Zukunft gerade davon abhängig, weil ein Volontariat bei einer Lokalzeitung nicht ohne Auto geht, und das ist natürlich selbst mitzubringen. Auch hier konnten mir, mein Glück, nochmal meine Eltern aushelfen.

Es ist nicht so, als sei ich nicht der Meinung, spätestens nach dem Studienabschluss sollte man auch ohne Muttis finanzielle Hilfe über die Runden kommen. Aber ich hatte mir blöder Weise in den Kopf gesetzt, Journalistin zu werden, und dachte damals noch, dazu gehöre wohl ein Volontariat. Ohne (unbezahlte) Praktika im Lebenslauf aber kein Volo, kein Volo ohne Auto – und jetzt kommt endlich der Teil, in dem ich mich darüber aufrege, dass unter diesen Bedingungen nur westdeutsche Akademikerkinder in den Beruf kommen, und dass ihm das schadet.

Ich mag mich irren, aber in meiner privaten Filterblase sieht es genau so aus, dass die Leute mit Akademikereltern samt Vorstadthäuschen im Westen ab und zu mal ein Westpaket (auch in Form von Überweisungen) in Empfang nehmen können. Und diejenigen, deren Eltern statt des Häuschens den Sozialismus aufgebaut haben oder denen man den Unterschied zwischen Vorlesung und Seminar erst erklären muss, eher nicht.

Selbstverständlich ist das ein generelles Problem. Für den Journalismus, um deren Zukunft wir uns eh gerade sorgen, aber ein besonderes. Weil eine gute Zeitung eben davon lebt, dass ihre Autoren verschiedene Perspektiven, Lebenswirklichkeiten und Erfahrungshorizonte mitbringen. Und weil uns das bald fehlt.

Für Abhilfe könnten die Verlage sorgen, indem sie die elendigen Praktika für Menschen mit Uniabschluss, mit dem man aus dem Fördersystem Bafög herausfällt, ganz abschaffen oder wenigstens angemessen bezahlen. Indem sie ihren Volontären ein Tarifgehalt gönnen, das ja okay ist, solange es sich bei dem Volontariat auch um eine Ausbildung handelt und nicht um eine verkappte Redakteursstelle. Und indem sie sich nicht immer neue Möglichkeiten ausdenken, den Nachwuchs möglichst lange in prekären oder gar unbezahlten Strukturen zu halten. Derzeit dienen dazu Volontariate mit mehr als zwei Jahren Laufzeit und obskure Trainee-Stellen, deren schöner Name nur verschleiern soll, dass hier ein Redakteursgehalt gespart wird.

Könnten sich die Verlage dazu durchringen, dann könnte der Journalismus auch wieder den offenen Berufszugang haben, der ihm zusteht, und der ihm gut tut. Derzeit bewegt sich aber nichts.

Bis heute fragen sich Leute, warum eigentlich die SuperIllu in den neuen Bundesländern so gerne gelesen wird. Ich habe mir sagen lassen, dass läge daran, dass viele Ostdeutsche sich in den Themen etablierter Zeitungen mit West-Vergangenheit nicht wiederfänden. Und nein, dies ist nicht der richtige Zeitpunkt für schlechte Witze über unzugängliche ZK-Sprache, sondern einfach ein Hinweis darauf, dass für im Westen Sozialisierte in diesem Jahr der Tod Otfried Preußlers ein Thema war, um im Osten der von Reinhard Lakomy. Zeitungen brauchen Leute, die beides einzuschätzen wissen. So wie Zeitungen Leute brauchen, deren Eltern Schuster oder Frisör oder Fleischfachverkäufer sind und nicht nur Apotheker, Lehrer oder Architekten.

Das alles habe ich den Studenten an der Uni erzählt. Kurz darauf musste ich dann richtigstellen, dass ich jetzt schon lange ohne die Unterstützung meiner Eltern klar komme. Doch dass Journalismus derzeit eine Branche ist, in der sich Vollzeit arbeitende Freiberufler fragen lassen müssen, ob sie denn von Vatis Rente leben, das Fass machen wir dann ein anderes Mal auf.

37 Kommentare

  1. Wirklich lesenswerter Beitrag. Die Schilderung erinnerte mich an eine Volo-Demo der dju vor dem Kölner DuMont-Haus – muss so 1980 gewesen sein. 10 Jahre später wurde dann der Volo-Tarifvertrag mit Streiks erkämpft.
    Bin übrigens ein Kind von Eltern, die die 8-klassige Volksschule besucht haben und bin in den Lokaljournalismus gerutscht ganz ohne Studium. Unser Volo-Jahrgang bei der Augsburger Allgemeinen bestand aus 1 Kollegin mit Studium, 3 Abiturienten wie mir und einem Kollegen, der den Beruf des Schriftsetzers erlernt hatte. Tempi passati.

  2. Ähm. Irgendwie alles ziemlich einfach gedacht.
    Bei uns sind die Volontäre nicht von Akademikern gezeugt, notwendig war eigentlich nur ein Praktikum in unserer Redaktion und auch ein Auto ist hier nicht zwingend von Nöten. Dafür gibt es einen kleinen Fuhrpark vorm Verlagshaus.

    Ja, die Bezahlung könnte definitiv besser sein. Meine übrigens auch.

    Meine Eltern haben nicht studiert und sind alles andere als reich. Und trotz mieser Bezahlung im Volo (war damals schon so), zwei abgebrochenen Studiengängen und einer Bastelbio habe ich es in den Beruf geschafft. Ok… vielleicht, weil ich ein Wessi bin. #facepalm

  3. @ich
    Dümmlich, dass es nach 25 Jahren noch Ost-West-Unterschiede gibt, oder dümmlich, dass ich behaupte, dass es sie gibt? Falls Sie auf Letzteres hinaus wollten, freue ich mich über Gegenbeispiele.

  4. Zwei, zum Teil unhöfliche Gegenfragen: Wann war das denn mit Ihrem Volo? Und welche Zeitung stellt Ihren Redakteuren heute noch einen Fuhrpark vor die Tür?

  5. Zu Praktika: sind ja mittlerweile ein Muss und man kann froh sein über 400 € im Monat, was natürlich kaum Miete & Leben abdeckt. 1. Bezahlhürde. Nicht mal Nachlass im ÖPNV oder im Kino bekommt man, es sei denn, man weitet extra sein Studium aus und entgleitet der Regelstudienzeit(wie soll man sonst im Bachelor die oft geforderten „mindestens drei Monate“ unterbringen?). Hier fehlt mir die Unterstützung vom Staat.

    Zum Volo: es ist ein Witz, wie Redaktionen, Verlage, Agenturen und Unternehmen motivierte und qualifizierte Praktikanten mit „Optionen auf Volo“ locken, dieses aber gern mal mehreren Praktikanten gleichzeitig oder hintereinander anbieten. Gesundes Arbeitsklima. Abgesehen davon, dass die Stellen ausgeschrieben werden, man munter zum Vorstellungsgespräch geht und dann erfährt, dass man von 500 € im Monat zwei Jahre leben soll. Und das wiederum können sich dann wirklich nur die allerwenigsten leisten, selbst mit 1000 € netto sieht’s in teuren Wohngebieten schlecht aus. Das fast ausschließlich davor abgeschlossene Studium war eigentlich teuer genug …

  6. 1.) 2001-2003
    2.) A. Beig-Verlag in Pinneberg

    Nicht falsch verstehen: Volos und Praktikanten werden und wurden ausgebeutet. Angesichts der erhöhten Lebenshaltungskosten hat sich die Situation verschlimmert. Das bestreite ich nicht.
    Aber die These, dass nur reiche Akademikerkinder aus dem Westen Journalisten werden können, ist komplett hinrrissig.

    Wahrscheinlich ist die Situation in Berlin (höre auch http://www.dradio.de/dlf/sendungen/freistil/2124029/) speziell und man kommt deshalb auf solche Ideen.

  7. Versteht das bitte nicht als Angriff auf dich, aber jedes Mal wenn ich höre/lese das jemand ein unbezahltes Praktikum angenommen hat möchte ich denjenigen in den Hintern treten. Für mich persönlich(als Arbeiterkind) war es immer wichtig das ich von einem Praktikum auch leben kann.

    Generell verursachen unbezahlte Praktika nur noch mehr Probleme. Zum einen für andere Studenten etc. die auch gern von ihrem Praktikum leben können möchten aber dann in Kongruenz mit den unbezahlten stehen und dann später für die Angestellten und Freien die ebenfalls mit kostenlosen Praktikanten kongruieren.

    Mich ärgert das umso mehr da sich gerade die Medienbranche lauthals über die „kostenlos Mentalität“ beschwert.

  8. @Denis
    „Ähm. Irgendwie alles ziemlich einfach gedacht.
    Bei uns sind die Volontäre nicht von Akademikern gezeugt, notwendig war eigentlich nur ein Praktikum in unserer Redaktion und auch ein Auto ist hier nicht zwingend von Nöten. Dafür gibt es einen kleinen Fuhrpark vorm Verlagshaus.

    Ja, die Bezahlung könnte definitiv besser sein. Meine übrigens auch.

    Meine Eltern haben nicht studiert und sind alles andere als reich. Und trotz mieser Bezahlung im Volo (war damals schon so), zwei abgebrochenen Studiengängen und einer Bastelbio habe ich es in den Beruf geschafft. Ok… vielleicht, weil ich ein Wessi bin.“

    Also darf ich das jetzt so verstehen – so wie sie (die Autorin) ja scheinbar schreibt (mit verlaub wenn ich das jetzt richtig verstanden habe), dass ihre „Wahrnehmung“ möglicherweise auf eine tatsächliche Disparität im „größeren Rahmen“ (nenn ich das mal) schließen lässt, du im Umkehrschluss genauso davon ausgehst ,dass deine persönliche Erfahrung (als wahrscheinlich auch der Vergleich mit der deines persönlichen Umfelds) genauso exemplarisch ist um so eine „Vermutung“ prinzipiell zu zerstreuen ?

    🙂 hier noch ein paar Smileys 🙂

    Es gibt also definitiv keine Disparitäten zwischen Kinder von Akademikern und kindern von bloßen Arbeitern beim Studium also weil es jetzt bei dir ich sag mal so günstig gelaufen ist ? Und auch dann definitiv keine von Zöglingen deren Eltern aus dem ehemaligen Arbeiter und Bauernstaat kommen ? Da bin ich aber jetzt beruhigt, ich hatte schon das ungute Gefühl mich mit Statistiken auseinander setzen zu müssen, die sind ja auch sowieso alle immer gefälscht, hab ich mal gehört und sagt man ja auch immer nicht? Es geht ja schließlich Nichts über persönliche Erfahrung!

    Sorry falls ich iwie grammatikalische Fehler oder Rechtschreibfehler in meinem Text habe, es soll wirklich nicht respektlos sein, jedoch ich glaub ich bin so eine art Minderheit, da ich wohl sehr weit vom Stereotyp der akademisch erfolgreichen Tochter ostdeutscher Arbeiter-Eltern abweiche. Wenn du welche findest Zähl sie doch bitte am besten auf, vielleicht hab ich dann eine Chance mich zu verbessern. 🙂 😉

  9. An dieser Stelle mal zwei ketzerische Fragen.
    Zum Ersten: dass die Zusammensetzung einer Redaktion aus Menschen bestehen sollte, die verschiedene Perspektiven, Lebenswirklichkeiten und Erfahrungshorizonte mitbringen, ist sicher wichtig. Aber warum das vor allem für Journalisten gelten soll, verstehe ich nicht. Diversität ist in jedem Berufszweig wichtig, warum nehmen Journalisten da Ihrer Ansicht nach eine Sonderrolle ein?
    Zum Zweiten: Könnte es sein, dass die noch-ein-Praktikum-noch-eine-Qualifikations-Maschine deshalb so gut funktioniert, weil am „oberen“ Ende, bei den gutverdienenden Festangestellten ein ziemlich grosser Standesdünkel herrscht? Der der Sache nicht dienlich ist?

  10. @ Sabine:

    Sicher ist Diversität in jedem Berufszweig wichtig, aber ist das ein Grund, nicht darauf hinzuweisen, dass sie auch im Journalismus wichtig ist, aber es derzeit fast unmöglich ist, in den Beruf zu kommen, wenn man die von der Autorin genannten Voraussetzungen nicht erfüllt?
    Außerdem: Können Sie noch andere Berufe nennen, in denen man vorher so viele gar nicht oder schlecht bezahlte Praktika neben dem Studium machen muss, plus ein bei den meisten Arbeitgebern ebenfalls schlecht bezahltes zweijähriges Volontariat, um überhaupt eine Chance zu haben, eine der wenigen festen Stellen zu kriegen?
    Und genau das ist ja für Leute aus weniger begüterten Elternhäusern das Hindernis, dass deren Eltern ihnen eben vielleicht kein Studium finanzieren können, das sich durch etliche unbezahlte oder symbolisch bezahlte Praktika zwangsläufig noch verlängert. Deshalb könnte ich mir schon vorstellen, dass das Problem im Journalismus noch ein bisschen größer ist als in anderen Berufen.

  11. @Dirk
    Aus heutiger Sicht bin ich ganz bei Dir – unbezahlte Praktika sind ein Unding und am besten zu bekämpfen, indem niemand solche Jobs annimmt. Vor fünf Jahren, als ich mir das mit der Selbstständigkeit für mich noch gar nicht vorstellen konnte, sah ich aber keine andere Möglichkeit. Aber, kleiner Trost: Heute sage ich alle Anfragen ab, die gerne Texte für den Gegenwert Ruhm und Ehre hätten.

  12. Hallo,
    da ich nicht im Journalismus tätig bin, stelle ich jetzt mal eine wahrscheinlich ganz dumme Frage:
    Wenn es eine tarifliche Regelung für das Voluntariat gibt, wie kann es sein, dass die nicht eingehalten wird?
    Irgendwie dachte ich (selbständig) immer, Tarifverträge würden gemacht, damit Lohnuntergrenzen gesetzt werden. Kann die dann jeder Arbeitgeber nach Gutsherrenart außer Kraft setzen?

  13. @Eintrag
    Volontariate vergeben, ohne sich an den Tarif zu halten, geht ganz leicht: Einfach die Volos nicht beim tarifgebundenen Verlag anstellen, sondern ein extra Unternehmen dafür gründen, es „Journalistenschule“ nennen und die Schüler dann bezahlen, wie man lustig ist. In anderen Jobs funktioniert das dann z.B. über den Umweg über Zeitarbeitsfirmen.

  14. Hey Dirk,

    hast du Praktika in der Medienbranche absolviert, oder in der freien Wirtschaft? Bei meinen sechs Praktika hab ich nur die bei der BILD und bei der SZ im Brüssel Korrespondentenbüro bezahlt bekommen. Das Geld hätte jetzt aber nicht gereicht, um im Alltag klarzukommen (vor allem nicht in Brüssel), es entsprach einem 400 Euro Job… Die anderen Praktika, darunter mehrere beim MDR, sind unbezahlt gewesen. Nur hat man keine Wahl, denn ohne die Praktika gibt’s heute kein Volo…

  15. „In meiner privaten Filterblase sieht es genau so aus, dass die Leute mit Akademikereltern […] ab und zu mal ein Westpaket (auch in Form von Überweisungen) in Empfang nehmen können. Und diejenigen, deren Eltern statt des Häuschens den Sozialismus aufgebaut haben […] eher nicht.“
    Ich bin weitestgehend fassungslos über diese Formulierung – und das dahintersteckende Denken. Da regt sich ein in im tiefsten NRW geborenes Nachwuchs-Schreiberlinchen darüber auf, dass nur gebildete Westler in den Journalismus kommen können und erklärt im selben Atemzug sämtliche Bewohner der so genannten „neuen“ Bundesländer zu am Hungertuch nagenden und vermutlich auch ungebildeten Hinterwäldlern. Einfach so. Vielleicht stört mich das als im tiefsten Osten geborenen Nachwuchs-Schreiberling aber auch nur, weil ich sonst jedes Wort des Textes am eigenen Leib erfahrenen habe und mich für ein Praktika sogar verschulden musste. Aber dieses klischeehafte Ost-West-Denken einer Generation, die die Mauer bestenfalls am Rande mitbekommen hat, ist besonders für den Journalismus gefährlich. Immerhin leben wir ja davon, über den Tellerrand hinauszublicken. Für billige Schnellschussurteile wie „Alle Ossis sind arm!“ ist da kein Platz.

  16. @ Steffi

    Ich habe mein Praktikum bei einer Marketingagentur gemacht, das Angebot war aus meiner Sicht super. Grundvergütung plus Option auf Zuverdienst bei Veranstaltungen am Wochenende. Davon konnte ich gut leben und war meinen Chef dafür auch sehr dankbar.

    Mit Medien habe ich mich nicht weiter auseinandergesetzt da journalistisches Arbeiten für mich leider nicht infrage kommt, da meine Rechtschreibschwäche zu viele Problem in dem Bereich aufwirft. Aber richtig der MDR zahlt für Praktikanten nicht, ich glaube die anderen Anstalten auch nicht. Wenn ich mich an das Hörfunkhaus in Halle erinnere waren da aber auch ausreichend Frei und Feste da als das die wirklich Praktikanten bräuchten.

  17. @Steffen
    Ich glaube, dass manche West-Eltern mehr Geld auf der hohen Kante haben als manche Ost-Eltern. In meinem Umfeld ist es so. Was das mit intellektuellen Fähigkeiten, von Ihnen als ungebildetes Hinterwäldlertum bezeichnet, zu tun haben sollte, weiß ich nicht. Und ja, ich wünschte auch, es gäbe da heute keinerlei Unterschiede mehr. In vielen Aspekten gibt es sie in meiner Generation auch nicht mehr. In manchen schon, fürchte ich.

  18. @ Dirk:

    Ich hab mal ein zweimonatiges Praktikum beim BR gemacht, der zahlt ganz gut, knapp 600 Euro im Monat waren es damals (Ende 2011). Davon ein Zimmer in München zu bezahlen und nebenher noch was zu essen, ist aber natürlich auch schwierig.

  19. Völlig richtig!

    Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass es sehr hart ist, sich als angehender Journalist ohne elterliche Subventionen durchzuschlagen. Ich würde dabei nicht nur das Ost-West-Fass aufmachen, sondern vor allem – wie du ja auch schreibst – den Gegensatz Akademikerkind – Nichtakademikerkind.

    Es ist eine Frage der Mentalität: Selbst wenn Eltern und Omas/ Opas finanziell halbwegs dazu in der Lage wären, mich als Mitt-/ Ende-Zwanziger eine Zeit lang durchzufüttern, so muss ich dafür massive Überzeugungsarbeit leisten:

    Im letzten Semester ging mir die Kohle aus: Bafög gestrichen, weil die Masterarbeit zu lange dauerte. Ich musste ich meinen Opa anbetteln, der eigentlich eine ganz vernünftige Rente bekommt.

    Das Ergebnis: Zwei Wochen später hatte ich 50 Euro mehr auf dem Konto. Und ich sollte natürlich anrufen, um mich zu bedanken. Im nächsten Monat musste ich vom neuen um die 50 Euro betteln. Das wurde mir dann doch zu blöde.

    Was ich damit sagen will: Es ist für meine Nichtakademiker-Familie nur schwer zu verstehen, dass ich in meinem Alter finanziell nicht auf eigenen Beinen stehe.

    Die meisten Leute, die hier in den Medien in Berlin rumwuseln, können sorgenlos ein Praktikum nach dem anderen absolvieren, weil sie den Rückhalt in der Familie haben. Weil die 500 Euro von Papa pünktlich auf de Konto eingehen. Ohne Praktika keine Chance, jemals eine halbe Stelle zu ergattern.

    Ich hatte Glück: Ich konnte gute Praktika und ein Volo schon im Studium absolvieren. Aber jetzt kann ich mir das nicht mehr leisten. Das Volo wurde sehr schlecht bezahlt. Die Kohle ist alle. Ich habe 10.000 Euro Bafög-Schulden. Und schaue mich längst mich mehr nur nach journalistischen Stellen um.

  20. @Phillip

    Interessant ich bin davon Ausgegangen das alle Anstalten das gleich handhaben. Hab grad einen Kommilitonen angeschrieben der bei RBB war mal sehen was der sagt.

    600 EUR in München klingt nach einem Zuschussgeschäft. aber besser als Garnichts.

  21. Das vorweg: Ich habe keine Akademiker-Eltern und keine reiche Omi. Ich bin trotzdem Journalist geworden, musste bisher keinen untertariflichen Vertrag unterschreiben und habe auch nicht vor, das zu tun.

    Es gibt meiner Erfahrung in jeder größeren Stadt Medien die fairere Bedingungen haben als andere. Ganz konkret: In Trier gibt es die Lokalzeitung, die unfassbar niedrige Zeilengelder zahlt und seinen jungen Angestellten so gut wie keine konstruktive Kritik gibt. Außerdem gibt es kleine Online-Redaktionen, die zwar nicht viel mehr zahlen, bei denen man aber jede Menge lernt. Ähnliches kann ich von anderen Städten sagen, etwa über Frankfurt und Bremen.

    Was ich sagen will: Junge Journalisten haben die Wahl. Nein, man muss sich nicht auf jedes unbezahlte Praktikum einlassen. Man muss nicht für sittenwidrige Löhne arbeiten, ohne wenigstens etwas dazuzulernen oder die Chance zu haben, schnell in höhere Gehaltsklassen aufzusteigen. Wer das trotzdem tut, trägt aus meiner Sicht dazu bei, den Beruf noch weiter abzuwerten. So lange gute Leute für schlechte Löhne arbeiten, werden die Verlage nicht auf die Idee kommen, etwas an ihrer Strategie zu ändern.

  22. Bei den Antworten hier geht m.E. ein wichtiger Aspekt des Textes unter: dass Zeitungen (generell Medien) nach wie vor eine Filterblase sind, in der sich die Kinder von Akademikern bzw. der oberen Mittelschicht tummeln. Das hat nicht unbedingt etwas mit den finanziellen Voraussetzungen zu tun (wobei Geld natürlich wichtig ist), sondern viel mit der kulturellen Herkunft und der Verankerung in bildungsnahen Milieus. Ostdeusche haben es aufgrund ihrer Herkunft schwer, wer aus einem Elternhaus stammt, in dem das Telefonbuch das einzige Buch im Haus war, gilt das gleiche.

    Ich behaupte, dass sich viele Verlage und Redaktionen darüber gar keine Gedanken machen, wenn sie unbezahlte Praktika, schlecht entlohnte Volontariate etc. anbieten. Der Nachwuchs kommt doch auch so und man erkennt am Stallgeruch sofort, dass er zur Sippe gehört.

  23. @ Dirk: Der BR hat ja auch ein Fernsehstudio in Nürnberg und mehrere Hörfunkstudios, u.a. in Würzburg, Regensburg und Augsburg. Da sind die Lebenshaltungskosten natürlich etwas niedriger als in München.

  24. Ost-West Unterschiede

    in einigen Beiträgen wundert man sich über die Ost-West-Unterschiede. Natürlich sind die Unterschiede aufgrund anderer Erfahrungen in der Kindheit da. Klar verwischt das alles ein bischen. Googelt doch mal nach „vor 1980 geboren“ ich bin sicher zwischen Ost und West gibt es da auch ein paar Unterschiede.

    PS: Raider heisst jetzt Twix
    Und fragt doch mal die Teenes was ein Walkmann ist

  25. Ein Wagen für den Volo von der Zeitung. Tolle Bezahlung und überhaupt keine Unterschiede zwischen den Himmelsrichtungen.

    Und im Himmel war schon wieder der Jahrmarkt.

    Sorry Leute, habe bei einer Lokalzeitung gearbeitet, die nur wenige Kilometer von der Landesgrenze zu einem westlichen Bundesland liegt. Die Bezahlung bei mir (Ost) war deutlich weniger als im nichtmal 60 Kilometer entfernten Stammhaus, welches halt auf West-Seite liegt. Ja, die Lokalzeitung gehört zum (West)-Verlag.

    Und nein, Firmenwagen gab / gibt es nicht. Zumindest nicht für die Redakteure Ost. West gibt es Fotoreporter, einige Firmenwagen und so Nettigkeiten. Ich hasse diese Ost / West Kiste, aber das finde ich einfach nur mies. Aber hey, ich habe das auch mitgemacht, mehrere Jahre lang. Voller Freude, im Journalismus arbeiten zu können und eigentlich kannte man das ja gar nicht anders. Aber es ist auch so, dass im Verlagsgebiet in den Alt-Bundesländern studierte Journalisten die Oberhand haben, im Verbreitungsgebiet in den Neu-Bundesländern aber vor allem Quereinsteiger dabei sind.

    Und wsa soll ich sagen? Die lebendigeren Geschichten, die ehrlichere Schreibe und auch der bessere Umgang war bei den Quereinsteigern zu finden, die früher halt andere Jobs gelernt hatten.

    Und Twix heißt jetzt wieder Raider – google mal nach 🙂

  26. Bin zwar keine Journalistin, aber nach dem Abi habe ich aiuch überlegt, was ich machen soll. Und da war bei 500€ Schulgeld für Mediengestalter Sense. Ich habe keine reichen Eltern, habe aber gelernt, dass als Stärke auszuweisen, weil ich mir immerhin alles alleine beibringen musste – wie das so funktioniert in Akademikerkreisen usw. Heute sieht man mir meinen Arbeiterkindhintergrund gar nicht mehr an in der Öffentlichkeit, aber ich finde es immer wieder spannend, wie anders man behandelt wird. Traurig mehr als spannend.

    Klar, deine Journalistenkollegen werden das größtenteils nicht verstehen, für die ist es ja normal, dass Mami und Papi studiert haben und sie natürlich selbstverständlich finanziell unterstützen. Traurig wird es erst dann, wenn diese Kollegen sich dann noch darauf etwas einbilden, denn im Grunde haben sie nichts aus eigenem Antrieb geschafft.

  27. PS: Und wer heute noch sagt, dass das Ost- West- Problem keines mehr ist, der ist, besonders als Journalist, einfach nur naiv und weltfremd.

  28. @Christian:
    Könntest du veraten von welchen Bremer Redaktionen du sprichst? Mein Studium führt mich demnächst dorthin und mit einer Anfangsidee könnte ich mir einige negative Erfahrung ersparen.

    Liebe Grüße

  29. Also wenn Journalisten nur noch von Akademikern stammen würden, dann wären erstens diese Akademiker ziemlich dämlich (so ein unterbezahlter Beruf) und zweitens gelten Akademiker eher als ausreichend intelligent – warum sollte das negativ für den Journalismus sein? Weil das Ergebnis so manipulativ ist wie eine Ausgabe der BILD?
    Was bleibt, ist eine sinnlose Ost-West-Story, 25 Jahre zu spät. Schade. Denn an den Volontariaten wäre abseits dieses Aufhängers viel auszuwerten.

  30. @Dennis Krick: Das ist doch schön für Sie, wann war das, in den 70ern, 80ern? Ich kann die Schilderungen aus eigener Erfahrung nur bestätigen.

    Rechnet man neben Dutzenden Praktika und einem wie selbstverständlich erwarteten Auto + Fotoausrüstung in einer schlecht entlohnten postuniversitären Ausbildung noch die generell eher miesen Zukunftsperspektiven mit ein, kann man sich den winzigen Anteil redaktionellen Nachwuchses, der nicht aus akademisch gebildeten, wohlhabenden Schichten kommt, auch ohne viel Fantasie leicht ausmalen.

    Bei uns, journalistischer Studiengang an einer öffentlichen Hochschule, brach so manch fähiges „Arbeiterkind“ im zweiten, dritten Semester aufgrund dieser Umstände ab. Dafür sitzen einige eher unkritisch denkende Zeitgenossen, die außer Schulbank und Uni noch nicht viel gesehen haben, aber über das Glück gut situierter Eltern verfügen, im Master, machen ein Praktikum nach dem anderen und haben (mit Glück und Beziehungen) bestimmt bald ein Volontariat in der Tasche.

    Das wirkt sich natürlich auf die Berichterstattung aus. Es mangelt an kritischer Denke und woher sollen Leute, die immer nur auf der angenehmen, reibungsarmen Seite des Lebens standen, ein Gespür für die Widrigkeiten und Probleme etwa des neoliberalen Gesellschaftsmodells mitbringen?

  31. Man kann als angehender Journalist gut auskommen, wenn man sich sofort nach dem Studium bei den systemtreuen Blättern (BILD, BZ, FAZ, Spiegel, Focus, Stern, Welt, Berliner Morgenpost, … oh, ein Schelm, der jetzt (Böses) denkt) mit systemtreuen Artikeln anal einwurmt.
    Auf jeden Fall ein nachdenkenswerter Blog-Artikel, Frau Wiedemeier. Es ist scheinbar doch noch Hoffnung im PrenzlBerg…

  32. Die Frage ist durchaus interessant, aber eine so lange Ausführung ohne belastbare Fakten?
    Angefangen vom Vergleich öffentliche Uni vs. private Hochschule, dafür muss man nicht mal in Ost und West vergleichen, das ist eher eine Zuspitzung auf BILD-Niveau. Dann stellt sich mir die Frage, ob es bei den Anteilen Studienanfängern und -Absolventen Unterschiede zwischen Ost und West gibt. Und natürlich, wie das am Ende bei den Journalisten aussieht. Wenn sich hier eine nennenswerte Problematik zeigen würde, OK – aber einfach aus dem Bauchgefühl heraus ist es etwas dünn.
    Mit Ausdrücken wie „Sozialismus aufgebaut“ und „Westpaket“ klingt der ganze Artikel leider etwas nach dem Gejammer eines Ostdeutschen – lustigerweise von einer Westdeutschen geschrieben. Schade fürs Thema.

  33. @Tobias
    Meine Einschätzung beruht auf meiner persönlichen Erfahrung. Wenn Sie etwas anderes erlebt haben und gute Gegenbeispiele kennen und nennen, nehme ich die sehr gerne und revidiere meine Meinung.

  34. @Lara: Wenn man in Bremen im richtigen Ressort des Platzhirsches WK unterkommt, kann man trotz zweifelhafter Entlohnungsmodelle schnell auf einen grünen Zweig kommen. Und man lernt etwas dazu, worum es auf den ersten Stationen ja gehen soll. Beides gilt leider nicht für die WK-Außenredaktionen. Ein Witz ist dagegen die Bezahlung der Radio-Bremen-Volontäre (sofern meine Kenntnisse von vor zwei Jahren noch aktuell sind). Keinen Finger rühren würde ich für die lokalen Anzeigenblätter.

  35. Bin dritte Generation Ost. Kenne die Aufzüge in Lankwitz. Habe während des Publizistik-Studiums unbezahlte Praktika wie auch bezahlte Jobs nebenbei erledigt. Aber nicht für ein eventuelles Volontariat, sondern um das elterliche Bafög aufzustocken. Habe mich während des Studiums um ein Volontariat beworben und bekommen. Arbeite bei einer ostdeutschen Regionalzeitung. Und hier fehlen eher die westdeutschen Bürgerkinder, um die Gesellschaft, wie sie mittlerweile ist (nicht wenige Westdeutsche haben sich in der Gegend einen gemütlichen Alterswohnsitz gesucht) adäquat abzubilden.

  36. Hat doch aber auch etwas Gutes. Die Akademikerkinder rutschen dank ihrer Berufswahl später ins Prekariat ab und diejenigen, die sich den Weg in den Journalismus nicht leisten können, lernen irgendetwas Zukunftsträchtigeres. Wenn das mal keine gelungene Umverteilung ist.

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