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Denn sie wissen nicht, was sie tun

Als ich noch Volontärin in der westdeutschen Provinz war, lehrte man mich, beim Schreiben immer an die Oma in Schladen zu denken. Schladen war ein Dorf in der Nähe und die Oma nicht näher bekannt; das Ganze diente einfach nur dazu, uns Volos daran zu erinnern, dass der durchschnittliche Leser nur so mittelhelle ist. Was ich wiederum nur so mittel sympathisch fand. Aber was soll man machen als Volontärin, wenn der Chef vorgibt, dass die Oma in Schladen das Wort Airbag nicht begreift und daher vom guten, deutschen Prallkissen zu reden sei?

Ich dachte, dieses den Leser Unterschätzen sei die besondere Eigenheit jener Regionalzeitung gewesen. Bis ich versuchte, mein Time-Abo zu kündigen.

Abgeschlossen hatte ich es vor vielen Monaten, weil ich mir gerne ab und an eines dieser aussterbenden Printprodukte ins Haus kommen lasse und das Abo der Micky Maus gerade ausgelaufen war. Ich bezahlte lächerliche 30 Euro (oder so) und bekam dafür die hässlichste Prämie aller Zeiten sowie regelmäßig ein eingeschweißtes Heft ins Haus. Und irgendwann die Mitteilung, dass ich zu den Glücklichen gehöre, die von der neuen Errungenschaft des sich automatisch verlängernden Abos profitieren dürften: ich bräuchte nichts zu tun, sie würden einfach abbuchen. Was insofern ärgerlich war, als dass ich beim Abschluss bewusst darauf geachtet hatte, dass sich das Abo nicht automatisch verlängert.

Aber woher soll das Time Magazine auch wissen, dass ich mir durchaus Gedanken mache über die Dinge , die ich den ganzen Tag so tue?

Nun denn; irgendwie stornieren sollte doch wohl gehen, dachte ich, und besuchte die Seite des Subscriber Services. Die (Schwierigkeitsstufe 1) in Sachen Schönheit mit der oben angesprochenen Uhr mithalten kann und (Schwierigkeitsstufe 2) in Schriftgröße 5 daherkommt. Zum Glück kenne ich die Tastenkombination, mit der man die Darstellung vergrößert, und bin durch regelmäßige Besuche auf den Internetseiten der Berliner Bezirksverwaltungen – sagen wir mal: an nicht auf optische Reize optimierte Anblicke gewöhnt. Und zum Glück habe ich geistesgegenwärtig mein Tun noch via Screenshot archiviert. Denn eine Bestätigungsmail gab es natürlich nicht.

Dafür fand ich heute, 34 days later, einen Brief im Kasten.

Umschlag

„Urgent response required to avoid interruption in service“ ist auch eine interessante Formulierung, wenn man weiß, dass diese interruption in service von mir ausdrücklich gewünscht wurde.

Aber es kommt noch besser.

Brief

Die Chefin des Leserservice möchte mich also auf eine dringliche Angelegenheit aufmerksam machen: nämlich, dass mein Abo Gefahr läuft, auszulaufen („Act now while you still have time!“ – Knallerwortspiel, by the way). Womit ich natürlich nicht rechnen kann angesichts der Tatsache, dass ich es selbst gekündigt habe.

Liebes Time Magazine. Vielen Dank, dass Ihr mir die Folgen meiner Handlungen zur Kenntnis bringt und dabei so höflich seid, die Handlung selbst völlig unerwähnt zu lassen („Das ist ihr heute bestimmt peinlich, lieber nicht nochmal ansprechen!“) Dafür ermöglicht ihr mir es, nur noch ein vorausgefülltes Zettelchen unterschreiben und in einem nicht mal zu frankierenden Umschlag zurückschicken zu müssen, und schon können wir alle so tun, als sei dieses schreckliche Missgeschick mit der Kündigung nie passiert und ich bekomme Time für ein weiteres Jahr für 14 Prozent des Ladenpreises. Sowie ein aufziehbares Radio mit angeschlossener Taschenlampe, einen Campingbus, zwei Flugreisen innerhalb der USA, fünf Dosen Hundefutter, ein Radiergummi in Alf-Form und einen Gutschein für dreimal Rasenmähen. Kleiner Scherz; in den 39 Euro, die mich das kosten soll, sind natürlich nur das Jahresabo und das Lampen-Radio enthalten.

Blöd nur, dass ich nun erst recht kündigen möchte. Bzw. hoffen muss, dass ihr schlau genug seid, die Kündigung als das anzuerkennen, was sie war, wenn ich Euch jetzt einfach nie mehr antworte.

Stattdessen abonniere ich, glaube ich, mal die Wendy. Dort gibt es wenigstens sinnvolle Prämien.

12 Kommentare

  1. Ich habe dieselben Erfahrungen gemacht, als ich einfach aufgab zu kündigen, aber auch aufhörte zu zahlen. Es ist unglaublich wie viele dieser überdramatischen, unpersönlichen und ignoranten Briefe man bekommt. Ich glaube nicht, dass die Menschen in der Time-Redaktion eine Ahnung haben, was man ihren Abonnenten (vielleicht auch nur den europäischen) dort antut.

  2. Kenne ich. Im Herbst 2012 habe ich meinen Kabel-Deutschland-Anschluss gekündigt. Lief auch alles prima. Aber seitdem bekomme ich im 2-Wochen-Takt Kabel-Deutschland-Werbebroschüren zugeschickt und alle 2-3 Monate im Stil von Mahnschreiben („Letzte Aufforderung“ o.ä.) verfasste Bauernfängerbriefe, die mich aufforden, mich „umgehend [zu] melden, wenn Sie an einer Änderung des Zustandes interessiert sind.“ Ergänzend gibt es eingeworfene Briefe und Handzettel des örtlichen Vertriebliers, die mich darüber informieren, dass Leitungsarbeiten im Haus durchgeführt wurden und ich mich melden sollte, wenn ich meinen Anschluss (wieder) nutzen wollen würde. Müsste ich auch mal verbloggen…

  3. Hm der Brief vom Subscriber Service liest sich (zu einem großen Anteil aufgrund der Großbuchstaben) wie die E-Mails dieses nigerianischen Prinzen, der mir häufig schreibt und dringend seine Milliarden mit meiner Hilfe aus dem Land schaffen muss…

  4. Das ist eine recht gängige Vorgehensweise, auch bei Magazinen in Deutschland. Nur, dass die hier das Ganze meist über’s Telefon abziehen. Die Sätze, die Du in dem Brief vorgefunden hast, stehen auch genauso in den Telfonskripts der Call-Center-Knechte (wie ich mal einer war) – dass das Abo droht auszulaufen, dass einem als treuer Kunde ja eine neue Prämie zusteht, dass man das Abo jetzt sogar vergünstig bekommt etc. Hauptsache, man erwähnt mit keiner Silbe das Wort „Kündigung“!

  5. Als Retro-Computer-Fan finde ich den Brief toll! Der Schreibmaschinen-Font und die durchgängige Großschreibung erinnern mich an die goldenen 80iger <3. Nur das lokalisierte Datum stört den Gesamteindruck doch erheblich.

    Was machen die jetzt mit dem auf, deinem Namen reservierten, Radio?

  6. Der Kommentar MrMillers erinnert mich daran, wie meine Freundin versuchte, ihr Zeitungsabo (bzw. das ihres Mannes) zu kündigen. Sie stand plötzlich nach dem Tod ihres Mannes mit 4 Kindern und keinem eigenen Einkommen da.
    Das CallCenter hat auch bei ihr versucht, sie als „Abonnentin wieder zu gewinnen“. Unter anderem mit der Aussage: „Wieso? Mit Witwenrente können sie es sich doch jetzt so richtig gut gehen lassen“.

  7. Nun ja, der Callcentermensch hatte doch aber recht?

    Ich hab auch noch eine Story. ich hatte die VW LifeTime Garantie gekündigt mit Bestätigungsschreiben sechs Monate bevor ich hätte kündigen müssen. Dennoch erreichte mich eine Zahlungsaufforderung für den neu abgeschlossenen (!) Vertrag mit Abschlussdatum meiner Kündigung. nach einem Telefonat erklärte mir VW, dass da wohl was schief lief, ich aber den neuen Vertrag nochmal kündigen müsste, damit das im System alles wieder richtig ist. WTF.

  8. Ich wüßte ja schon gerne, inwiefern der Callcenter Agent Recht hatte.
    Neugierige Grüße,
    gabriele

  9. Hattest du tatsächlich mal das Micky-Maus-Magazin abonniert? Ich fände es nicht verwerflich oder lächerlich, aber interessant.

  10. Schon wegen jenes, auf Julianes Namen reservierten Aufziehradios wird der Verlag am Ball bleiben, bis sie denn dereinst einer Verlängerung zustimmen wird und das Radio endlich verschickt werden kann. Da steht ja ihr Name drauf.

    Die Schreibmaschinenschrift und die Großschreibung haben die vielleicht tatsächlich seit Jahrzehnten unverändert im Einsatz, den Tonfall sowieso. Ich erinnere mich, daß ich das auch mal gesehen und gelesen hatte, und das müsste Ende der 80er gewesen sein, als ich während der Schulzeit mal kurz deren Kunde gewesen war.

  11. @mathepauker
    Ja, hatte ich. Man muss doch wissen, was diese Jugend von heute so liest.

  12. Danke für diese amüsante Story, der Brief ist es wert schön eingerahmt und ausgestellt zu werden.

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