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Endstation Winzerfest

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Ich habe eine kleine Theorie. Sie lautet: Das Internet ist gar nicht schuld am Sterben der Zeitungen. Zumindest im Lokalen. Es sind die Zeitungen selbst, die sich ihr Grab schaufeln, und zwar mit sterbenslangweiligen Inhalten (Schlechte Totholz-Wortwitze Ende).

Heute Morgen habe ich zum Beispiel fürs Altpapier mal eben geschaut, was das gerade tragisch dahinsiechende Darmstädter Echo heute berichtet: Winzerfest. Basar. Volksbank-Spende.  „Volksbank-Vorstand Markus Göbel lobte bei der Übergabe des Geldes an die ausrichtende Gemeinde Reichelsheim die hervorragende Organisation der längst weit über die Region hinaus bekannten Märchen- und Sagentage, die ein Höhepunkt unter den zahlreichen Veranstaltungen der Region seien.“

Mittlerweile habe ich oft genug mit Lokalredakteuren diskutiert, um zu wissen, was sie auf diesen Einwand immer antworten, nämlich „Das wollen die Leute halt lesen.“

Wäre das richtig, gingen die Verkaufszahlen nicht so nach unten.

Dabei haben gerade die Lokalzeitungen doch den unfassbaren Vorteil, Inhalte zu generieren, die man eben nicht bei SpOn, der New York Times oder Buzzfeed bekommt. Wer wissen will, was am Ort los ist, kommt auch 2014 an der Lokalzeitung nicht vorbei. Welche jedoch inhaltlich noch im Jahr 1981 hängt – in Zeiten, als Vereine über ihre Jahreshauptversammlungen noch nicht auf ihrer Internetseite berichten konnten und Menschen ihre tägliche Mediennutzungszeit auf eine ausgedruckte Zeitung und drei Fernsehprogramme verteilten.

Der Medienwandel hat in vielen Lokalzeitungshäusern stattgefunden, indem sie ihre Inhalte nun auch auf eine Internetseite zweifelhaften Namens kippen („Echo Online“ im Falle des Darmstädter Echos; mein absoluter Favorit in dieser Reihe ist aber die Braunschweiger Zeitung, die ihren Internetauftritt lange „Newsclick“ nannte) und eventuell noch eine Facebook-Seite aufbauen. Das Kernprodukt sieht derweil aus wie vor 25 Jahren. Was in etwa so ist, als würde H&M nur Karottenhosen produzieren und sich wundern, dass die niemand mehr kauft.

Die Kollegen aus Darmstadt werden sich für solche Tipps bedanken, ich weiß. In Zukunft sollen sie mit einem Hauch des bisherigen Personals eine bessere Zeitung machen; diese seltsame Rechenweise bekommt man wohl derzeit in Managementschulen für Verlagsinhaber beigebracht. Tatsächlich sagte mir unlängst ein Kollege, als ich mich mal wieder über die Qualität im Lokalen beschwerte, angesichts der Arbeitsbedingungen sei das Produkt doch noch ganz gut.

Ich stelle mir das gerade als Zeitungskopf vor: „Darmstädter Echo. Die unabhängige politische Tageszeitung Südhessens. Angesichts der Umstände noch ganz okay“. Würden Sie dafür knapp 35 Euro im Monat ausgeben?

Derzeit lautet die Antwort noch: aus Gewohnheit ja, sonst nicht. Laut aktueller Media-Analyse Tageszeitungen haben 65,2 Prozent der über 50-Jährigen eine Regionalzeitung abonniert. Bei den 30 bis 49-Jährigen sind es noch 45,2.

Womit wir zum zweiten Teil meiner lustigen Theorie kommen: Das Internet ist im Lokalen eine riesige Chance.

Vielen Zeitungen beschäftigen derzeit einen Teil ihrer Mitarbeiter damit, dpa-Meldungen auszudrucken und das Mantel zu nennen. Die sparsamen unter den Verlegern haben diesen Teil längst outgesourced, was immer mit einem Aufschrei einhergeht, die Pressevielfalt ginge verloren – dabei hat es wenig mit Vielfalt zu tun, wo nun dpa-Meldungen für den Abdruck freigegeben werden. Warum also nicht einfach diesen Teil der Arbeit ganz aufgeben und sich völlig aufs Lokale konzentrieren? Im Internet ist der Mantel eh nun einen Klick entfernt, bei faz.net, sueddeutsche.de oder zeit.de. (Über die Finanzierung der dpa sprechen wir dann ein anderes Mal.)

Der andere Vorteil: das Internet ist immer voll und leer genug zugleich. In meinem Volo musste ich eine zeitlang die Seite eines kleinen Kreises betreuen, an dem leider nicht jeden Tag ausreichend Spannendes passierte, um diese Seite auch zu füllen. Wer sich schon immer mal gefragt hat, ob man eigentlich aus 35 Zeilen Polizeimeldung über ein entlaufendes Pferd einen 70-Zeilen-Aufmacher machen kann, wenn es sein muss: Ja, das geht. Das ist zwar für Leser wie Redakteure eine schlimme Tortur, aber weiße Seiten müssen dann nicht in den Druck gehen.

Im Internet kann man sich soetwas sparen. Passiert nichts Relevantes, schreibt man nichts. Hat man was zu erzählen, muss man sich nicht auf 80 Zeilen beschränken.

Die Gründe, weshalb das alles nur eine dumme Spinnerei von mir ist, sind natürlich vielfältig: 80-Jährige gehen nicht ins Internet. Wenn niemand mehr über Scheckübergaben schreibt, werden auch keine Schecks mehr übergeben und keine sozialen Projekte mehr gefördert. Wovon sollen die Drucker leben? Niemand verdient Geld im Internet.

Für mehr Argumente fragen Sie ihren Lokalredakteur oder Verleger.

Allerdings ist mir nicht ganz klar, warum man auf Leute hören sollte, die unbeeindruckt von medialen Revolutionen stur ein Produkt Typ 1981 weiterproduzieren, wenn es nicht mehr läuft die Mitarbeiter rausschmeißen und sich dabei noch gegenseitig die Schultern klopfend behaupten, sie seien das letzte Bollwerk der Demokratie in diesem Lande.

Ich habe die leichte Vermutung, dass gerade diese für den Lokaljournalismus die viel größere Gefahr darstellen als dieses Internet.

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  1. Endlich bringt es jemand pointiert auf den Punkt. Hinzu kommt, dass die Altersstruktur der Verlage/Redaktionen vermutlich keine neuen Wege zulässt. Und den Verlegern geht es doch im Prinzip noch sehr gut …

  2. Vieles was die Lokalzeitung früher abdeckte (Wetter, Kinoprogramm, Kleinanzeigen, Stellenmarkt, Wohnungsmarkt) schaffen inzwischen dafür gemachte Internetseiten besser. Speziellere Fragen (Ab wann hat der Supermarkt im Bahnhof am Sonntag auf?) kann man über Soziale Netzwerke lösen.

    Dabei gibt es in der Lokalzeitung durchaus Dinge, die die Menschen interessieren; das zeigen ja schon lange Diskussionen auf facebook zu einem verlinkten Artikel über z.B. eine städtische Baumaßnahme.

    Und irgendwie ist es auch gut, wenn irgendein +/- Neutraler sich um die Kommunalpolitik kümmert. Nur gibt es im Lokalen meiner Meinung ja gar nicht so viele Skandale, die man aufdecken kann. Und nun auf Verdacht etwas ein Jahr abonnieren, damit im Jahr eine bis zwei der sprichwörtlichen Leichen im Keller der Gemeindeverwaltung entdeckt werden? Da ist die Ausbeute doch tatsächlich etwas dünn.

    Problem ist auch meiner Meinung nach tatsächlich das Papier. Geduldig, aber es muss gefüllt werden – aber bloß nicht mit zu langen Artikeln. Und so kommt dann ein unspezifischer Murks raus. Die Lokalzeitungen von heute sind auch nicht schlechter als früher – sie sind aber auch nicht besser!

    Dazu kommt eine widersprüchliche Haltung die sich änderte, wenn man vom Leser zum Objekt der Berichterstattung wird. Für Veranstalter ist ein gedruckter Artikel der „Lohn“ für ihr ehrenamtliches Engagement. Interessiert aber unter Umständen keinen. Die Montagsausgaben der Lokalzeitungen fand ich daher immer etwas blöde. Was bringt das dem Leser, zu wissen, dass der tolle Flohmarkt oder das Schulkonzert gestern waren? Jedesmal wenn ich da zum Schreiben hingeschickt werde, frage ich mich was ich da abliefern soll? Zuschauerstimmen zum Schulkonzert kann ich mir sparen, denn es sind ja „nur“ Eltern, Schüler, Großeltern und Lehrer da – die werden sich doch nicht mit einer ehrlichen Meinung Ärger einhandeln wollen.Und beim Flohmarkt wissen die wenigsten was sie wollen, da heißt es dann „weiß nicht, nal gucken“ oder (geschickt gelogen) „bin gerade erst angekommen“. 😉

    Der Zwang das Papier zu füllen, führt auch meiner Meinung nach zu den ganzen Problemen. Auch mit der Reputation der Zeitung. Da fragt sich der eine Hundeverein, warum er (gefühlt) nie in die Zeitung kommt, dafür der andere zweimal im Jahr. Tja, einmal war kein Platz, das andere Mal ist ansonsten nichts los, so dass man verzweifelt alles druckt. Nur ist der eine Verein nach zwei solchen Zufällen sauer, vermutet Ignoranz und Arroganz für immer, kündigt das Abo – und merkt, dass es auch ohne Zeitung geht.

  3. Genau! Genau! Genau! Wie lange schon versuche ich exakt dies meiner Lokalzeitung (Der Landbote, Winterthur, CH) beizubringen. Ohne Erfolg. Und zu spät: die lokale Besitzerfamilie hat an den Zürcher (ja, das ist ein Schimpfwort) Tages-Anzeiger-Konzern (auch das ein Schimpfwort) verkauft. Jetzt sind aus vier zwei Bünde geworden, die lokalen News (Winterthur hat 100’000 Einwohner) werden mitten im ersten Bund versteckt, der lokale Sport (Der FCW ist Kult wie St.Pauli, die Handballer nationale Spitze) im zweiten Teil, der Rest ist vom Konzern angelieferter Mantelteil. Es ist zum Heulen.

  4. Dem kann ich nur zustimmen! Es ist sicher keine erbauliche Erkenntnis, dass ein lange Zeit funktionierendes Geschäftsmodell immer weniger funktioniert. Aber anstatt sich auf seine Stärken (wie zum Beispiel das Lokale) zu besinnen, wird im Grunde nur nach Schuldigen gesucht: das Internet, angebliche Monopolisten wie Google, usw. Es ist aber niemand Schuld, die Zeiten haben sich geändert und für die meisten Menschen ist eine Tageszeitung einfach kein attraktives Produkt mehr. Der Markt wird für so viele Zeitungen nach und nach eben zu klein, weil man nicht hunderte Zeitungen braucht, die zu 90 Prozent aus Agenturmaterial bestehen, sich selbst aber nach wie vor als Aushängeschild des Qualitätsjournalismus sehen. Aber eigentlich ist doch Google Schuld und muss zerschlagen werden, wie erst heute wieder (online) zu lesen war.

  5. Als ich in der ersten Hälfte der 80er-Jahre anfing, für eine Lokalzeitung zu arbeiten, wurden die Lokalzeitungen totgesagt: Die jungen Leute damals – also diejenigen, die heute 45 oder 50 Jahre alt sind – würden keine Zeitungen mehr kaufen, weil sie das nicht so sehr interessierte. Damals gab es kein Internet als Argument; man verwies eher auf mangelnde Bildung und dergleichen.

    Nur gilt und galt dasselbe, was im oben Artikel sehr schön und sehr zugespitzt beschrieben wird: Irgendwann sind auch lammfromme Leser es leid, sich von sogenannten Journalisten ein grausiges Deutsch in schlechtem Layout um die Ohren hauen zu lassen. Und das ist 2014 nicht anders als 1984.

    (Das ist jetzt eine allgemeine Bemerkung und hat nichts mit dem aktuellen Zeitungssterben-Fall zu tun.)

  6. Wundervoll geschrieben xD Dumm nur, dass die Redakteure das nie lesen werden.. weil ist ja nur ein Blog.. was kann da schon wichtiges stehen 🙂

  7. Ich bin da nicht mit allem einverstanden. Die Chancen – klar, die sehe ich. Das Problem ist: Wie verdiene ich Geld als Journalist? Oder ist der Journalist im Lokalen ein Beruf, der bald dem Zombiestatus anheim fällt. Es gibt ihn zwar noch, aber eigentlich ist er schon tot? Die Geschichte ist da ein bisschen komplizierter (und ich rede gar nicht von den rechtlichen Aspekten für uns Freie, die, wenn wir im Internet jemanden auf die Füße treten, eben keinen Justitiar hinter uns stehen haben, der uns den Rücken freihält – selbst als Freier einer Tageszeitung durfte ich an diesem Luxus partiziperen und in einem Fall hat mir das viel Ärger und vor allem Anwaltskosten erspart).
    Da ich selbst in Kürze den Tritt in den Allerwertesten bekomme und nach 20 Jahren freier Mitarbeit für eine Zeitung im Ruhrgebiet mein Bündchen dort schnüren darf – das Internet hat mal wieder eine Lokalausgabe einer Tageszeitung ermordet (ich würde drüber lachen, wenn mir nach Lachen zumute wäre) – habe ich meine Gedanken über besagte Schließung mal selbst zu Bildschirm gebracht. Guckt ihr: http://www.christianlukas.de/rn

    Übrigens – eine Zeitungsseite sieht immer aus wie eine Zeitungsseite. Aus einem mir nicht erschließbaren Grund, geben einige Versionen von Firefox den verlinkten Text ohne die hübschen Kästchen im Text wieder. Html ist aber auch sowas von 2005…

  8. MEIN REDEN!! Danke dafür, dass ich nicht der Einzige bin der so denkt. Ich verstehe eben auch nicht, warum eine Lokalzeitung aus 70-80% globalen Nachrichten bestehen muss, die eh nie jemand liest da sie von gestern sind. Aufs Lokale beschränken, weniger Papier, praktischeres Format…

  9. Danke für diesen Artikel! Ich stimme in allem zu.

    Wie allerdings die Lösung aussieht, ist noch unklar. Lokale Blogs funktionieren bisher noch nicht so wirklich.
    Beispiel 1: Regensburg Digital. Ein netter Ausschnitt aus der Lokalpolitik von einem Redakteur, den man ganz gewiss nicht als neutral bezeichnen kann. Ein sehr gutes Blog, allerdings keines, dass einen vollständig über alles, was in Regensburg läuft, informiert.
    Beispiel 2: Der Heddesheimblog. Da reibt sich ein Journalist seit Jahren auf und krebst am Existenzminimum: http://www.heddesheimblog.de/; zugehöriger Bericht aus 2009 hier: http://meedia.de/2009/11/23/ich-bin-die-zukunft-des-lokaljournalismus/

    Und die heutigen Verlage werden so lange nicht aufs Netz setzen, wie sie keine Monetarisierungsstrategie finden.

    Ist schade aber ist so.

  10. Inhaltliche Relevanz war schon 1981 als ich mein Volontariat beendete ein Thema, das Journalisten umtrieb. Damals führte die Debatte dazu, dass die Verleger einen Teil ihrer abartig hohen Gewinne (Kapitalrenditen wie im Drogenhandel) in zusätzliches Lokalredaktions-Personal steckten (statt 1 Redakteur, der beim Bürgermeister anrief plötzlich 4, die sich erdreisteten persönlich die Gemeinderäte bei der Sitzung zu beobachten). Das hat den Lokaljournalismus vorangebracht. Jetzt, wo das Geschäftsmodell „mit Inhalt Reichweite schaffen damit man Abonnenten findet und Anzeigen verkaufen kann“ sich überholt, wird am content liefernden Personal gespart und die Lokalzeitungen werden wieder so schlecht wie sie ca. 1975 tatsächlich waren. Nebenbei: die Sparkassen-Scheckübergabe zu feiern haben wir uns 1981 geweigert und stattdessen lieber über fehlende Sozialarbeiter in der Neubausiedlung geschrieben.

  11. Ich finde vor allem das total spannende,dass die Verlage und Redaktionen zwar die veränderte Welt in der Produktion durchaus nutzen und schätzen (dazu hab ich auch mal was geschrieben, unter http://blog.fimsch.net/2012/11/und-nochmal-zeitung/) aber das Produkt selbst sich dafür kaum verändern sollte. Sie lesen Twitter und Facebook und Online-Presseaussendungs-Portale; keine Redaktion käme ohne Wikipedia noch so schnell zurecht. Aber die Kunden sollen schön weiter das kaufen, was man schon seit vierzig Jahren produziert.

    Irgendwas passt da nicht zusammen, für mich.

  12. Ich vermisse die Themen, über die die Lokalredakteure schreiben sollen. Hast Du da auch Beispiele? Felix

  13. Sie haben Recht. Sehr gut!

    Sie wollen eine Zeitung gründen. So richtig gedruckt auf Papier? SEHR GUT.
    Ich bin dabei.

    Eine kleine Lokalzeitung in den Staaten macht gute Gewinne mit ihrer gedruckten Auflage: Der Jasper Herald.

    Die Zeitung ist für bildaffine Leser gemacht. Die Leser werden mit Bildern durch das Blatt geführt und neugierig gemacht. Die Stoffe sind auf die Bilder geschrieben. Ganz in der Schule von Magnum, dem LIFE-Magazin oder dem STERN vor 40 Jahren.

    Nicht umsonst ist „VIEW“ eines der letzten Blätter in Deutschland mit STEIGENDEN Auflagezahlen.

    Die Zeitungsmacher haben das Zeitalter des visuellen Journalismus verschlafen. Das ist ihr Kernproblem – nicht das Internet.

  14. Danke! Ich trage vertretungsweise Zeitungen aus, als Student kann man das ja nochmal machen. Immer, wenn wieder Abos gekündigt worden sind, sind die Austräger Schuld, nicht die Qualität der Zeitung, ich habe mich schon mehr als einmal gefragt, ob die überhaupt noch einen Blick in das Produkt werfen, das sie veraufen. Die Redaktion gibt es zwar soweit noch, die musste aber gerade umziehen – für die Öffentlichkeit wurde das als Modernisierung verkauft, wer schon mal in dem Gebäudekomplex gearbeitet hat weiß, dass es um Platzeinsparungen bzw. günstigere Mieete ging, die haben nicht einmal mehr ihr eigenes Archiv, keine Zeit für eine ordentliche Rechtschreibkontrolle und tatsächlich vorhandene Skandälchen werden von einem Redakteur allein betreut, der natürlich nicht hinterherkommt, dafür viele hübsche Berichte über die unterschiedlichen Märkte aus der Region (und davon haben wir das gaze Jahr über eine erstaunliche Menge).

  15. PS: Wichtig für alle die „Jasper Herald“ schnell mal gegooglet haben – die Webseite des Familienunternehmens ist nicht sehr aussagekräftig. Wer gute Bilder und Stoffe will, muß für das gedruckte Blatt zahlen. Ist doch eigentlich logisch? Wer sich für Beispielseiten interessiert, möge mich anmailen: kaufhold@taunus.de

  16. Ich sehe es etwas anders. Besserer Lokaljournalismus wird die (meisten) Regionalzeitungen nicht retten.

    Die Verlage haben einfach nicht erkannt, was die Leser früher eigentlich gekauft haben. Das war nämlich: Unterhaltung. Bzw. ein Werkzeug, mit dem man Zeit überbrücken konnte – z.B. am familiären Frühstückstisch oder in der Bahn zur Arbeit. Journalistische Qualität war nie das wirliche Kaufkriterium der Kunden.

    Die Unterhaltungsfunktion haben in vielen Zielgruppen inzwischen lustige Apps übernommen. Dagegen werden die Verlage nicht ankommen.

    Die einzige Chance besteht meiner Meinung nach darin, in den nächsten 1-2 Jahren auf regionale Wochenzeitungen umzustellen und darin dann bildfokussiert und unterhaltend zu informieren. Nur so etwas werden mobilverwöhnte Leute überhaupt noch akzeptieren.

  17. Marcus Kaufhold hat recht, mehr Bilder. Es gibt Themen, die kann man mit Fotos besser wiedergeben, als mit Text.

    @Tim: Meine Theorie ist ja, dass es am Ende eine Wochenzeitung wird, so ähnlich wie die Neue Rottweiler Zeitung. http://www.nrwz.de/inhalt/@/@/intern/ueberuns/

    Aber: Menschen zahlen auch für Online-Information, nur muss die dann so gut sein, dass man es gerne macht, ich denke da an Stratfor (~20$ im Monat/120$ im Jahr) http://www.stratfor.com/subscribe.

  18. @Felix
    Laufe mir offenen Augen durch Deine Stadt, setzt Dich in die Sitzungen des Stadtparlaments, triff Dich mit den Vereinen am Ort statt ihre lausigen Sitzungsprotokolle wiederzugeben, und Du wirst nie wieder Themenmangel haben! 😉 Das eigentlich Absurde ist aber: Viele spannende Themen stehen schon heute in den Zeitungen. Sie sind nur oft nicht richtig durchrecherchiert, langweilig aufbereitet und im Zweifel werden nicht mal die W-Fragen im Text beantwortet.

  19. Kurzer Abriss der jüngeren Geschichte der Darmstädter Lokalpresse: Ende der 80er Jahre (als man noch Karottenjeans trug), wurde das Darmstädter Tagblatt vom Darmstädter Echo aufgekauft und binnen drei Monaten liquidiert. Darmstadt kannte fortan nur noch eine Zeitung, die aus Darmstadt berichtete. In den vergangenen Jahren passierte nicht all zu viel bemerkenswertes: Darmstadt bekam ein offenes Regionalstudio des hessischen Rundfunk (das aber inzwischen wieder geschlossen wurde) und verfügt mit Radio Darmstadt sogar über ein respektables nicht-kommerzielles Lokalradio. Zugleich hatte er einen Vertrag mit der Frankfurter Rundschau geschlossen, den man fortan mit regionalen Inhalte befüllen sollte und der in Zukunft wahrscheinlich auch den Mantel besorgen wird. Etwa zur selben Zeit entstand mit Heinertown eine rein online erhältliche Zeitung, die bis auf Vorschaubild, Titel und Teaser komplett hinter einer Paywall verborgen liegt. Und nicht zuletzt hat mit Helmut Markwort ein nicht ganz unbekannter Darmstädter das eingangs erwähnte Tagblatt wiederaufleben lassen, das allerdings in erster Linie als gedruckte kostenlose Wochenzeitung keine wirkliche direkte Konkurrenz zum Echo darstellt. Im Verlegerviertel legte mit der auf Prospektdruck spezialisierten Dépandance des Axel Springer Verlags der letzte Drucker sein Werkzeug nieder, denn das Darmstädter Echo druckte, nachdem es seine Drucker still und heimlich (=ohne Niederschlag im eigenen Erzeugnis, nur mit erheblichem Widerspruch der Gewerkschaften und natürlich des Öffentlich-Rechtlichen) in das nahe Rüsselsheim oder nach Hause geschickt hatte. Dort hatte der Verlag für viel, viiiel, viiiiiel Geld ein neues Druckzentrum errichtet, mit dem er nun auf Digitaldruck spezialisiert war und also auch Hochglanzprospekte drucken konnte.

    Dennoch muss ich dem ein oder anderen Kommentator Recht geben: Es gibt auch in einer hundertausend+ Einwohner-Gemeinde mit Dagmar Metzger und dem dritten grünen Oberbürgermeister bundesweit nicht genug zu berichten, um mehr als eine Hand voll Seiten voll zu kriegen. Und dafür gibt niemand Geld aus. Und deshalb verlegt sich der Verlag wie auch die anderen Verlage eben auf: kostenlose trojanische Pferde in Papierform. Eben habe ich die „SüWo“ aus dem Briefkasten geholt. Ganz knapp 300g geballtes journalistisches Können? Nun, nachdem ich die sage und schreibe 4 Prospekte unterschiedlicher Möbelhäuser und jeweils eines von ALDI und NKD aus dem Innern gefischt hatte, wo der Rest noch gerade einmal 40g, und 50% davon sind wiederum Anzeigen. Der Aufmacher würdigt immerhin das neu eröffnete Gebäude des Frauenhofer-Insitut für Sicherheit in der Informationstechnologien. In Zeiten, in denen sogar die Kanzlerin von der NSA abgehört wird keine unwesentliche aber eher außergewöhnliche Nachricht. Drin dann: Zunächst persönliche Geschichten, Erzählungen aus der ersten Person, echte Menschen, die sich selbst vorstellen, oder ihren Verein. Auch das las ich hier in den Kommentaren schon und ist wichtig. Und zwischen Impressum und halbseitiger Anzeige schafft es dann sogar ein Bild vom ebenfalls neu eröffneten hessischen Landesmuseum. Und dann doch wieder: Tristesse, ausgerechnet auch wieder vom „Bergsträßer Wein: klein aber fein“, gefolgt von eine Reihe Veranstaltungs, einem Musik- uns drei Büchertipps, dem obligatorischen Kreuzworträtsel nebst Sudoko und Horrorskop (kein Flüchtigkeits- oder Tippfehler), Vereinsberichterstattung gefolgt von zwei Seiten Kleinanzeigen, die eine oben ebenso geäußerte Theorie bestätigen: Diese Zeitung wird vor allem von „Kerstin, 42J, 1,64“ und „Sven, 44, 1,80“ befüllt und geleert. Alle anderen verhüten mit „Bitte keine kostenlosen Zeitungen!“ und gehen in »Sharks FKK Club« um die Ecke, deren Gästebuch man höchstens mit Einweghandschuhen ansehen sollte, wenn überhaupt. Das Ding wird laut Impressum in einer Auflage in Höhe von über 50.000 Exemplaren verteilt, das sind 20 Tonnen pro Wochen oder eine Megatonne im Jahr. Die Mülltonne unterhalb unseres Briefkasten spricht dafür das die meisten Exemplare direkt ins Altpapier wandern. Und wer verlegt die „SüWo“, die jedem Briefkastenbesitzer in Darmstadt allwöchentlich vor Augen führt wie viel Lokaljournalismus wert ist? Das selbe Verlagshaus, dass das Darmstädter Echo verlegt.

    Und das ist nicht das einzige sekundäre Geschäftsfeld von Herrn Bach, der zugleich IHK-Präsident ist. Denn neben denjenigen, die wöchentlich die „SüWo“ (kurz für Südhessenwoche) einwerfen, nennt er auch noch Maximail sein eigen. Mit dem Briefzusteller hat sich der Verleger den Traum erfüllt, den der Axel Springer Verlag bis vor einiger Zeit auch als Geschäftsfeld beackerte: Die gering entlohnten Zusteller, die die Zeitungen austragen, könnten doch auch gleich Briefe zustellen. Während der Sitz der Gesellschaft das Südhessische ist, wirkt der Komplementär, die „SHP Süd-Hessen-Post Verwaltungs GmbH“ aus dem fernen Magdeburg. Ne‘, ist klar, vermutlich weil es da so schön ist.

    Ich behaupte jetzt einfach mal: Das wird in allen Lokalzeitungen von der Nordseeküste bis an den Alpenrand so laufen. Unternehmer genießen das Schöne Leben™, derweil befindet sich der Großteil der Redaktion in unabhängiger Beschäftigung am so genannten freien Markt. Und aus all dem soll etwas entstehen, das als „Qualitätsjournalismus“ verkauft wird, um Google für deren Listung ein paar Euro-Cent aus den Rippen zu leiern, oder genauer: 12 Prozent vom Umsatz. Und auch das kann wieder nu eines sein: Die größenwahnsinnige Kalkulation einiger Kleingeister.

    Hoffe das dieser Journalismus alsbald vor die Hunde geht, ich würde nämlich gern erleben wie da die Graswurzel drüber wächst.

    Beste Grüße, aus Darmstadt

    Udo

  20. Schlimmer noch als die Kolleginnen und Kollegen, die nicht vom vermeintlich hehren und selbstverständlich crossmedialen Journalismus beseelt sind und – aus welchen Gründen auch immer – morbide Vereinsberichtersattung betreiben, finde ich jene Vertreter unserer Spezies, die sich im hippen Abgesang auf ein ganzes Genre suhlen. Es ist trendy, den eigenen Tod herbei zu sehnen. In dieses Requiem stimmen in bemerkenswerter Weise auch Verlagsobere und Verbandsfunktionäre kakophonetisch mit ein. Kaum eine (re)tweetete Silbe, kein Like dagegen für großartige journalistische Leistungen, die in Medienhäusern von Flens- bis Augsburg, von Dresden bis Koblenz, von Hagen bis Chemnitz täglich vollbracht werden. Self fulfilling prophecy nennt man das wohl – da mache ich nicht mit!

  21. Lokalzeitung. Erst kamen die unabhängigen Anzeigenblätter und machten den Lokalzeitungen Konkurrenz. Danach versuchten die trad. Verlage ebenfalls durch kostenlose Blätter etwas vom Kuchen zurück zu gewinnen. Im Grunde sind die Zeitungen heute ja nichts anderes als Anzeigenblätter mit wohlwollendem Text für potentielle Kunden. Selbst waren sie nicht in der Lage innovatives heraus zu bringen. Redaktionen zu verkleinern wird nicht zu einem Überleben der Lokalzeitung führen.
    Es gibt durchaus einiges an Potential um mittels Recherchen und Hintergrundinformationen die Leser für aktuelle Themen zu interessieren. Online wird niemals für längere Texte attraktiv sein, hier sind lediglich kurze Anreißer gefragt.

  22. …ich habe nur noch eine einfache, offene Lernfrage: „Welches Internetangebot einer deutschen Tageszeitung oder eines Magazins macht eine schwarze Null?“

    …oder ist das so, dass die Internet-Genies wie im Mittelalter die Goldmacher übers Land ziehen. Immer schreien: Gebt uns mehr Geld, wir machen Geld!

    Die Goldmacher waren übrigens über viele hundert Jahre erfolglos – das haben sie sich aber gut bezahlen lassen.

  23. Ach, wenns doch nur so einfach wäre. Aber selbst richtig gut gemachte Lokalzeitungen gehen gerade den Bach hinunter. Es ist das Produkt, das keiner mehr haben will. Dieser anachronistische papierne Blumenstrauß, von dem den Einzelnen höchsten 20 Prozent überhaupt interessieren. Der Rest muss mitgekauft und aktiv ignoriert werden. Das ist an Uneffektivität kaum zu überbieten, war aber früher ganz nett, weil man so ganz nebenbei eine Gesamtübersicht erhalten hatte. Die bekommt man jetzt in ein paar Sekunden bei Spon, schneller als man vom Briefkasten zurück wäre. Ich sage, selbst der bestgemachte Lokalteil aller Zeiten hat keine Chance mehr, solange er in alter Form, also auf Papier dagereicht wird.

  24. Es existiert durchaus ein Markt für spannenden Lokaljournalismus. Ob eine gut gemachte Lokalzeitung ausschliesslich online oder auch auf Papier präsentiert werden muss, ist die falsche Frage. Entscheidend ist, dass eine Lokalzeitung die beiden Medien adäquat nutzt, ihre jeweiligen Stärken entsprechend präsentiert und bewirbt. Gerade für Lokaljournalismus bietet Onlinejournalismus unglaubliche Möglichkeiten. Aber auch der Lokaljournalismus hält Geschichten bereit, die zu längeren Lesestücken verarbeitet immer noch am erholsamsten auf Papier gelesen werden. Weg mit dem Kleinzeug in der Printausgabe. Und wieso startet niemand den Versuch eine Abendprintsausgabe zu lancieren?

    Natürlich haben Anzeigenportale und Rubrikemärkte den Lokalzeitungen die Haupteinnahmequelle genommen. Aber unzählige Onlinemagazine in den USA beweisen, dass mit Non-Profit-Status durchaus erfolgreich eine Lesergemeinschaft aufgebaut werden kann, die „ihre“ Lokalzeitung finanziert. Die lokalen Märkte sind da auch nicht grösser, sondern die Geschäftsmodelle innovativer. In D und CH haben wir erkannt, dass sich das Verhältnis Anzeigenneinnahmen/Aboeinnahmen umkehren muss. Aber damit ist es nicht getan. Die Abonennten müssen als echte Stakeholder gesehen werden, die die Zeitung als ihr Gemeingut betrachten und sie auch dementsprechend unterstützen wollen. Dafür braucht es auch anderen Journalismus, klar, vielleicht nicht den Journalismus, den die heutigen Redaktionsleiter einst erlernt haben. Wer weiss…

  25. An der Zustandbeschreibung ist viel Wahres dran, in einem Punkt möchte ich aber widersprechen: Die Inhalte sind nicht auf 1981 hängen geblieben. Zumindest ist meine Beobachtung eine andere. Die Lokalteile haben sich im Gegenteil weit über den Stand von 1981 hinweg aufgebläht. 2009 habe ich, damals noch als Redakteur, im Archiv die Bände „meiner“ Lokalzeitung von 1989 herausgekramt, um das Thema „20 Jahre Mauerfall“ zu bearbeiten. Dabei ist mir aufgefallen, wie gering das lokale Seitenformat damals war (schätzungsweise ein Drittel bis die Hälfte des heutigen, und das bei einem teilweise noch etwas größeren Berichterstattungs-Areal) und wie pointiert zugleich die Berichterstattung daherkam. Damals gab es nur sehr wenige Vereinsmeldungen und von einem Kulturtermin keine ellenlange Nacherzählung von Auftritten und Musiktiteln, sondern höchstens ein Solobild. Die politische Berichterstattung war vom Format her ebenfalls etwas kleiner, aber anteilsmäßig größer als heutzutage, vor allem aber bissiger.

    Meiner Meinung nach ist die verbreitete Irrelevanz eine Folge der Formatausdehnung. Erst dadurch sind viele zu den Käsblättern geworden, die hier zu Recht beklagt werden. Da auch noch die Setzer wegefallen sind, müssen die Redakteure oder Freien im Redaktionsdienst auch noch ihnen eigentlich fremde Layout-Arbeit machen, und das bei größeren Seitenumfängen. Das kostet wiederum zusätzliche Arbeitskraft, die dann am Inhalt fehlt. Und die Praktiker unter uns wissen ja, dass es viel leichter ist, Pressemitteilungen oder Texte von Kollege unredigiert ins Blatt zu heben, statt sie zu kürzen und damit zuzuspitzen. Natürlich spielt hier auch das Honorierungssystem eine Rolle, das mit Zeilenhonorar Anreitze zum Geschwafel setzt.

    Dennoch denke ich, dass der Weg nach 1989 zurück keine Lösung sein kann. Ich finde es gut, dass wir heute auch von kleineren Ereignissen in kleineren Orten berichten. Allerdings wäre es dringend nötig, die Umfänge der einzelnen Artikel deutlich zu kürzen, um den Lesern gebündelte Informationen zu vermitteln und ihnen nicht durch endlose Texte Lebenszeit zu rauben.

  26. Ich weiß, es ist ein bisschen viel Arbeit, sich durch diesen Text über die Anstrengungen von Journalisten ums Lokale in Philadelphia zu ackern. Zumindest dann, wenn man nicht die örtlichen Verhältnisse kennt und hier und da vielleicht auch nicht das Vokabular drauf hat. Aber ich verspreche euch: Es lohnt sich trotzdem.
    http://www.phillymag.com/articles/jim-brady-profile-billy-pulpit/ Es lohnt sich vor allem deshalb, weil man die Ansätze erkennen kann, im Angesicht von wirtschaftlichen (und politischen) Risiken und der Möglichkeit des Scheiterns trotzdem etwas anzuzetteln. Die Ingredienzien: eher mehr Geld als zu wenig. Eher junge Journalisten als ältere Semester. Eher kackfreche Leute für die Redaktion als Menschen mit dem Hang zum Biederen. Die sind meistens fast automatisch jene, die in der täglichen Praxis in der Lage sind, Geschichten hinter all den Fassaden zu finden: Aufreger und Hingucker, ohne die’s nun mal im Journalismus nicht geht. Ich wüsste nicht, warum das nicht auch in Deutschland funktionieren sollte. Zumindest in Städten von einer gewissen Größe an aufwärts. Man braucht allerdings eine Einstellung, wie sie Jim Brady hat: “I refuse to believe, after 200-some-odd years, that there’s no longer a model for local journalism.”

  27. Endlich geht es mal um Lokal-, nicht um Regionalzeitungen. Danke für den guten Artikel! Das meiste kann ich als Lokalredakteur voll unterstreichen. Ich sehe allerdings den Mantelteil einer Lokalzeitung (macht bei uns etwa ein Drittel der Zeitung aus) weniger kritisch. Verlage sollten schon den Anspruch haben, ihre Leser umfassend zu informieren. Und ich sehe gerade im Internet-Zeitalter die Abgeschlossenheit jeder Zeitungsausgabe als große Chance.
    Der Seiten- und Formatzwang ist bedauerlich. Texte werden deshalb geschoben, wenn zu viel Material da ist, und bei zu wenig Material wird nicht ausreichend gekürzt, im schlimmsten Fall geschwafelt. Nebenbei: Die Bedeutung eines täglichen „Aufmachers“ für den Leser wird m. E. von uns Zeitungsmachern gnadenlos überschätzt. Und leider überschätzen auch viele Redakteure (weil sie selber als Zeitungsfan gerne und viel lesen) die Geduld der Leser.
    Interessante Geschichten liegen auch in den kleinsten Orten auf der Straße. Und wenn nicht, kann man immer noch Diskussionen anstoßen – besser gesagt: man könnte. Ich habe täglich eine Seite zu füllen, dazu kommen regelmäßig PR-Artikel/Seiten. Ein Sekretariat gibt es für uns nicht, Layouter, Korrektoren und Fotografen auch nicht. Mir hilft ein Volontär. Den muss ich aber auch ausbilden, und ich teile ihn mir mit einem Kollegen, der nochmal das gleiche Arbeitspensum hat. Ist einer krank, im Urlaub oder auf Schulung, sind wir zu zweit. So bringen wir dann immer mal wieder Seiten raus, die ich selber nicht lesen wollte.
    Es müssen gar keine Skandale aufgedeckt werden. Ab und an eine kritische Berichterstattung, ein Anregen zu Diskussionen und das Überraschen der Leser mit interessanten Geschichten reichten aus, um die Zeitung im Gespräch zu halten. Und das Tagesgeschäft sollte man bitte so bedienen, dass für den Leser keine Fragen offenbleiben (Welche Funktion hat dieser im Text zitierte Herr Meyer eigentlich? An welchem Wochentag ist die für den 3. Oktober angekündigte Ausstellung? Wie erreiche ich die neu geschaffene Schuldnerberatung?). Jeder Chefredakteur würde jetzt sicher sagen: „Das ist doch selbstverständlich!“ Ist es in der Praxis leider nicht.

  28. Jeder einigermaßen qualifizierte Lokalredakteur schafft es durchaus, aus 35 Zeilen Polizeimeldung über ein entlaufendes Pferd einen 70-Zeilen-Aufmacher zu machen. Er ist nämlich live dabei, hat es aus seinem bequemen Redaktionsstuhl – Dank bester Kontakte zur Polizei – zeitnah vor Ort geschafft, er/sie hat mit Betroffenen gesprochen, auch den Pferdehalter interviewt, ein Hintergrundstück über Pferdehaltung in dem Dorf recherchiert, Bilder gemacht, die spannende Verfolgungsjagd live online gebloggt. Das nennt sich dann moderner Lokaljournalismus. Macht imho sogar mehr Spaß, als in Blogs die Endstation Winzerfest zu bejammern. Wobei Letzteres natürlich bequemer ist als einfach nur guten Lokaljournalismus abzuliefern…

  29. @ Sascha
    Das alles hätte ich damals nur zu gerne gemacht, wenn denn die Zeit dazu gewesen wäre.

  30. Mein Plädoyer für einen lebendigen Lokaljournalismus hatte ich im Januar mal niedergeschrieben (bin selbst Lokalredakteur in Thüringen):
    Die Auflagen fallen, die Anzeigenumsätze sinken, schon läuten laut die Sterbeglocken der Tageszeitung. Doch wer ist schuld an der Misere? Das Internet? Das Bildungswesen? Eine abstrakte Verdummungsmaschinerie aus Politik und Medien? Verleger, die Nachrichten kostenlos online stellen, den Abo-Preis in 20 Jahren vervierfacht und die Redaktionen ausgedünnt haben? Hartz IV? Die demografische Entwicklung? All das trägt ganz sicher seinen Teil zum Abwärtstrend bei.
    Und wir Journalisten, können wir eigentlich gar nichts dafür?
    Ich behaupte in einem Akt der Selbstkasteiung, dass wir einen Großteil der Schuld an der jetzigen Situation selbst tragen. Wir haben es nicht geschafft, die Tageszeitung zum unverzichtbaren Bestandteil des Lebens einer genügend großen Masse von Menschen zu machen. Immer mehr Leute wenden sich ab, wenn nicht mit Grauen, dann doch gelangweilt vom ewigen Einheitsbrei des Erwartbaren. Die meisten Lokalteile sind ein blutarmer Mix aus Ereignisberichterstattung, Pressemitteilungen, Wirtschafts- und Kulturlobbyismus. Für Überraschungen sorgen bestenfalls Naturereignisse, Brände oder Unfälle.
    Aber selbst dort verstellt uns die Routine den Blick auf den interessanten (Neben-)Aspekt. Wir drucken die Mitteilung der Polizei über den Flugzeugabsturz, zwei Wochen später die mutmaßliche Absturzursache und – wenn sich ein engagierter Kollege darum bemüht – ein Jahr später das Protokoll der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung. Den Versuch, mit der einzigen Überlebenden zu reden, die dabei Mann und Sohn verloren hat, haben wir bis heute nicht unternommen.
    Sie lebt aber in unserer Nachbarschaft so wie der Ex-Politiker, der im Sterben liegt und dessen Mitteilungen wir früher so gerne gedruckt haben. Wer die Menschen aufrütteln, anregen, bewegen will, muss über sie schreiben. Es gibt nichts Interessanteres als Schicksale anderer Menschen. Wir sitzen aber lieber am Tisch des Bürgermeisters, der die Haushaltszahlen doziert, als bei dem alten Ehepaar, das nicht weiß, wie es das Haus erhalten soll, weil die Kinder als Wirtschaftsflüchtlinge in Australien und der Schweiz sind. Wir füllen die Meldungsspalten lieber mit Fahrraddiebstählen und Kindergartenhoppsassa, die uns kostenlos in die Redaktion flattern, als über die junge Familie zu schreiben, die allen Widrigkeiten zum Trotz ihr viertes Kind erwartet.
    Es gibt in jedem Ort Geschichten, die auf der Straße liegen, die wir aber zu bequem geworden sind, aufzuheben. Gastwirte, die ums Überleben kämpfen. Alleinerziehende, straffällig Gewordene, Geläuterte. Selbstständige, die sich für eine Idee verschulden, Rentner, die junge Sportler trainieren, Ärzte, die sich für Flüchtlinge einsetzen, mitunter sogar erfolgreiche Unternehmer. Wir müssen nur die Augen und Ohren aufmachen, neu begreifen, was es heißt Journalist zu sein.
    Wer noch fünf, zehn oder 15 Jahre von der Zeitung leben will, muss jetzt anfangen, eine bessere, eine interessantere Zeitung zu machen. Wir müssen (wieder) zum Gesprächsstoff werden, am Kneipentisch, beim Frisör, bei der Versammlung der Feuerwehr. Dazu bedarf es Geschichten aus der Nachbarschaft. Spannende, anrührende, überraschende Geschichten. Nicht für die Arbeitslosenstatistik sollten wir Zeit verwenden, sondern für den Langzeitarbeitslosen, der sich irgendwie eingerichtet hat. Nicht für die Hundesteuersatzung, sondern für den Halter, der keinen anderen Weggefährten mehr hat. Wir greifen nach jeder Mail aus der Stadtverwaltung und übersehen das Schicksal, das gerade am Amtsgericht verhandelt wird. Wir treiben uns lieber auf Neujahrsempfängen herum, statt die Berichte der Rechnungsprüfer unter die Lupe zu nehmen. Gehen lieber nach Hause, als zum Gastwirt oder zum Pfarrer, um zu fragen: Worüber spricht man bei euch im Ort?
    Ja, unsere Zeit ist begrenzt. Und ja, wir sind zu wenige für all das. Aber irgendwo müssen wir anfangen. Wann, wenn nicht jetzt?! Wo, wenn nicht hier?!

  31. Pingback: Too much information - Moin - Guten Morgen

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