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Im Land der weißen Zettel

Hand

Saliha ist weg. Am Freitag, in einem Auto mit platten Reifen, sagt Luka, und er sagt auch, dass er den Bus oder das Flugzeug nimmt, wenn er zurück muss.

Wir sitzen an einem Tischchen auf dem Flur der Grundschule, mal wieder. Vor uns ein Kinderbuch, denn Luka kann nicht gut lesen. Doch das Buch ist viel zu kompliziert. „Forsthaus.“ – Lichtung.“ – „Wipfel.“ Das versteht doch kein Mensch. Zumindest keiner, der erst seit ein paar Monaten in Deutschland ist und neun Jahre alt. Luka würde sagen: „Fast 10.“

Ich beschließe, dass Deutsch sprechen für heute auch eine gute Übung ist. Zumal ich gelernt habe, dass die Kinder darüber reden wollen, wenn wieder eines von ihnen abgeschoben wurde. „Das Sozial hat weißen Zettel gegeben“, sagt Luka. „Das Sozial“ nennen sie hier alles, was deutsche Bürokratie bedeutet. Als Amisas Vater vor ein paar Wochen auf dem Amt war, hat er einen blauen Zettel mitgebracht. Das heißt: Ihr dürft noch ein wenig bleiben. Amisa war glücklich: „Juliane! Blauer Zettel!“ Salihas Familie hat nun Weiß erwischt.

Wie Luka war Saliha schon vor Monaten aus Serbien nach Berlin gekommen, so wie auch Taško und Goran, die vor einigen Wochen zurück mussten. Amisa und Said kamen aus Bosnien, Lamija und Adnan aus Mazedonien, Lucy und Deniz aus Syrien.

Ihre neue Heimat ist ein schäbiger Plattenbau in zentraler Berliner Lage. Von dort ist es nicht weit bis zur Schule, in deren oberstem Stock der Raum der Willkommensklasse ist – kleiner als manches Wohnzimmer in den umliegenden Altbauten, dafür mit guter Aussicht.

Seit über einem Jahr ist die Klasse auch meine. Dabei schaue ich nur einmal in der Woche für zwei Stunden vorbei. Eine Gruppe mit bis zu 15 ständig wechselnden Schülern unterschiedlicher Herkunft zu bändigen, ist eine Herkulesaufgabe. Wir Ehrenamtliche sind dafür da, dass in kleinen Gruppen auch mal gezielt gefördert werden kann. So habe ich die Kinder kennengelernt.

Am Anfang war da für mich eine kleine Hand. Sie gehörte Amisa und schob sich in meine, als es nach meinen ersten Stunden zur Pause auf den Hof ging.

Amisa war klein, schüchtern und neu wie ich. In den kommenden Wochen verbrachten wir viel Zeit zusammen, um die deutschen Begriffe für Farben, Gegenstände und die Uhrzeit zu lernen. Meine Muttersprache ist mir selten so kompliziert erschienen wie in dem Moment, als ich erklärte, dass das „sch“ von „Schule“ drei Buchstaben braucht und das nächste Wort auf der Liste „Stuhl“ war.

Auch Taško war damals dabei – raspelkurze Haare, verschmitzes Lächeln, dazu immer der schwarze Trainingsanzug mit den gelbem Streifen. Immer wieder verpasste er deutschen Wörtern Haken und Ösen, wie er es von seinem Namen gewohnt war. Sein Ding war Mathe, sodass er nach dem Absolvieren aller Aufgaben noch Zeit hatte, sich und seinem Sitznachbarn einen schönen Schnurbart unter die Nase zu malen. Mit Filzstift.

Diesen riesigen, schwarzen Schnauzer trug er, als ich ihn das letzte Mal sah. Denn auch Taško ist weg. Weißer Zettel.

Mit Saliha habe ich vor einer Woche noch an ihrem Turnbeutel gebastelt. Die haben die Kinder für das Talentefest der Schule genäht. Einmal im Jahr zeigen die Klassen dort, was sie so drauf haben. Im vergangenen Jahr haben meine Kinder zu Taylor Swifts „Shake it off“ getanzt.

„Cause the players gonna play, play, play

And the haters gonna hate, hate, hate

Baby I’m just gonna shake, shake, shake

Shake it off“.

Man zeige mir jemandem, dem das Herz nicht schmilzt, wenn eine Gruppe Sechs- bis Achtjährige aus Kriegs- und Krisengebieten sich ein wenig ungelenk zu diesen Zeilen bewegt.

Für das Fest in diesem Jahr haben wir Turnbeutel genäht, die auch zu jedem Hipster-Outfit gehören, und Saliha verzweifelte, weil Nadel und Faden und Verzierungen einfach nicht ihrs sind. „Juliane, mach Du. Ich kann nicht.“ Also habe ich wieder aufgefädelt und erklärt und im Gegenzug hat Saliha mir ins Ohr geflüstert, dass Lamija einen Jungen aus der 6a liebt. Später habe ich ihr noch beigebracht, wie man aus Wollfäden Kordeln dreht, so wie ich das selbst vor Jahren in der Grundschule gelernt hatte. Der fertige Beutel liegt heute noch mit ihren anderen Sachen in einer Schublade im Klassenraum, während sie irgendwo in Serbien ist. Wenn die Familien nach Monaten der Unsicherheit den Bescheid bekommen, bleibt keine Zeit, Erinnerungen einzusammeln.

„Luka, weißt Du, ob Saliha noch Verwandte in Serbien hat, wo sie nun leben können?“ – „Ja. Oma. Aber… Serbien ist Katastrophe.“ Dann erzählt er mir, wie das Haus, in dem er wohnte, bei einem Hochwasser volllief. Weil ihm viele Worte fehlen, werden die Sandsäcke pantomimisch gestapelt. Das ist die Sprache, auf die wir uns längst geeinigt haben: Sie sprechen, was sie können, ich rede besonders langsam, und den Rest muss schauspielerisches Talent kompensieren.

(An dieser Stelle vielen Dank an die Lehrbuch-Autoren, die Worte wie „Ofen“ in den ersten Wochen für elementar halten.)

WK

Ob Luka deshalb nach Deutschland kam, oder aus ganz anderen Gründen, weiß ich nicht. Ich kenne weder die Eltern noch ihre Fluchtgründe und Vorgeschichten. Ich weiß nur, was die Kinder mir erzählen. Meist ist das lustig und beinhaltet, was die Jungs in der Pause schon wieder angestellt haben. Doch immer wieder tauchen auch die alte und die neue Heimat auf. Und die Frage, was als nächstes passiert.

Die erste harte Abschiebung betraf ein Mädchen, das im gleichen Flüchtlingsheim, aber in einer anderen Klasse untergebracht war. Auf dem Amt wurde ihre Familie festgehalten; nur die Mutter durfte zurück ins Heim und das einpacken, was in vier Koffer passte. Dann ging es direkt zum Flughafen. Das hat bei den anderen Kindern Spuren hinterlassen.

Ein paar Tage danach saß ich mit Lamija und Amisa auf dem Flur. „Nur vier Koffer! Alles ist noch da“, erzählte Lamija. Die beiden Mädchen konnten sich kaum auf die Buchstaben-Schlange konzentrieren, in der sie deutsche Wörter erkennen sollten. Lamija gähnte und legte den Kopf auf den Tisch. „Hast Du nicht geschlafen?“ – „Nein… Ich habe Angst, dass sie mich holen.“ Ihr standen die Tränen in den Augen. Mir blieb nur übrig, ihr zu erklären, dass in Deutschland niemand einfach aus dem Bett abgeführt werde. Dabei war mir klar, dass das gelogen war. Denn wer trotz Bescheid einfach bleibt, wird geholt. Warum die Eltern es darauf ankommen lassen, welche Hoffnungen sie umtreiben oder was ihnen versprochen wurde – ich weiß es nicht. Aber ich sehe, was das mit den Kindern macht.

In den Debatten über die Flüchtlingskrise spielt das nie eine Rolle. Abschiebungen müssen sein; es können nicht alle bleiben. Auch wenn das heißt, dass eine gut funktionierende Integration mit einem Schlag abrupt beendet wird.

Als wären die Kinder noch nicht zerrissen genug.

Goran zum Beispiel. Eines Tages stand er vor mir und hielt mir sein Frühstück ins Gesicht. „Wie heißt das?“ – „Schnitzel-Brötchen“, war meine Antwort. An dieser Stelle hätte ich die Integration gerne für erfolgreich abgeschlossen erklärt. Einerseits.

Andererseits war er derjenige, der als einziger nicht zu Taylor Swift tanzen durfte. Weil sein Vater der Meinung war, Tanzen sei Frauenkram. Klar, dass auch Goran das so sah. So saß er dann vor der Bühne, schaute den anderen zu und redete verächtlich übers Tanzen, während seine Füße munter im Takt wippten.

So prallen die unterschiedlichsten Weltbilder in Grundschülern aufeinander.

Ist es okay, Schweinefleisch zu essen? Warum trage ich kein Kopftuch? Und warum müssen nicht die Mädchen die Taschen der Jungs tragen? So etwas erkläre ich immer wieder. Doch Integration ist Dazulernen auf beiden Seiten. An Weihnachten etwa. Wie jedes Jahr sollten alle Kinder der Schule das Fest gemeinsam in der Kirche feiern. Die Willkommensklasse hatte ein Lied vorbereitet; es ging um Tiere und Freundschaft. Doch dann schlugen einige muslimische Eltern Alarm. Ihre Kinder hätten in einer Kirche nichts zu suchen. Anderen war das egal, doch die Stimmung in der Klasse war eindeutig: Wir machen das nicht. Die ausgeschnittenen Tierfiguren für den dazugehörigen Tanz, geklebt an Besenstiele, stehen bis heute in der Klassenecke.

Mich machte das ziemlich sauer. „Wollt Ihr Euch das nicht mal anschauen? Weihnachten ist für uns ein wichtiges Fest.“ Ich habe ein bisschen gebraucht, um zu verstehen, dass es von gläubigen Muslimen zu viel verlangt ist, christliche Feste zu feiern.

Zu der Zeit war es auch, als die Lehrerin ein Foto der Klasse mailte. Darauf die Kinder – Saliha hält den Daumen nach oben, Milan streckt die Zunge heraus, Amisa zieht ihre Haare zurecht. Genau so habe ich sie in Erinnerung.

Heute, sechs Monate später, sind von den zehn Kindern auf dem Foto nur noch zwei übrig. Der Rest ist zurück oder verschwunden. Ich habe keine Ahnung, was aus ihnen wird, ob sie die zurückgelassenen Freunde und Haustiere wiedertreffen, ob ihre Fluchtgründe sie wieder einholen, oder sie es in anderen Ländern noch einmal versuchen. Mit Achtjährigen führt man keine Facebook-Freundschaft. Sie sind einfach weg.

Aber ich weiß noch genau, wie wir im Computerraum der Schule waren, um zu lernen, wie man Bilder kopiert und wieder einfügt. Es war der Tag, als das Google-Logo zum „Tag der Erde“ eine sich drehende Weltkugel zeigte, und da saßen nun Kindern aller Nationen und suchten im weltweiten Netz nach „Fuß“. Das schönste Fußbild durfte jeder ausdrucken. „Ein Fuß.“ „Mein Fuß“. „Zwei Füße“. Man kann so einfach so viel lernen.

Ich weiß noch, wie ich mit den drei größten Rabauken beim Sportfest war. Arjian warf zwei Meter weit, Milan joggte ohne Sprung in die Weitsprunggrube, und Luka begann seinen 50-Meter-Lauf auf der Bahn rechts außen und endete innen links. Dafür waren sie Meister im Sich-in-den-Pausen-gegenseitig-aufs-Gesicht-Setzen, und das war auch okay.

Ich weiß noch, wie wir uns beim gemeinsam Ausflug in die übervolle U-Bahn drängten und sich die Berliner einmal nicht beschwerten, sondern sich mit den Kindern unterhielten. In Serbisch, Arabisch und Farsi.

Ich weiß noch, wie während der Sommerferien Anschläge auf Flüchtlingsheime und Proteste gegen Asylbewerber in Heidenau die Nachrichten bestimmten. Während die Kinder beim Ferien-Schwimmkurs ihr Seepferdchen machten.

Wenn nicht alles schief gelaufen ist, erinnern sie sich an genau solche Situationen. An das Land mit der komplizierten Sprache, den fremden Ritualen und den Leuten, die ihnen pantomimisch einen Ofen darzustellen versuchten.

Das Land, in dem sie neue Freunde gefunden haben, die sie nicht behalten durften. In dem man ihnen Zeit ließ, Wurzeln zu schlagen, um ihnen dann Angst davor zu machen, wieder verpflanzt zu werden. Das sie in der Schwebe ließ. Das Land der weißen Zettel.


Die Namen der Kinder wurden geändert.

3 Kommentare

  1. Danke für den schönen Text! Die selben Erfahrungen habe ich bei meiner ehrenamtlichen Tätigkeit letztes Jahr und seitdem immer wieder bei meiner Festanstellung in einer Geflüchtetenunterkunft gemacht. Kaum lernt man die Menschen richtig kennen, ziehen sie weiter. Zumeist unfreiwillig..

  2. Wunderbar sensibel, weitsichtig und humorvoll geschrieben! Vermutlich wäre die Presselandschaft etwas anderes als Wüste, würde man mehr solcher Texte (offene Augen und offenes Herz!) in den grossen Zeitungen lesen dürfen. Dankeschön, liebe JW.

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