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Willkommen in der Blase

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 26. August 2018

Treffpunkt St. Oberholz, klar. Welchen Ort in Berlin sollte Frederik Fischer auch sonst für dieses Gespräch vorschlagen? Als das Café am Rosenthaler Platz 2005 eröffnete, war es der Vorbote einer Veränderung. Mit dem St. Oberholz kam Co-Working nach Deutschland: Laptop mitbringen, Kaffee bestellen und losarbeiten. „Digitale Bohème“ nannten sich die Freiberufler, die ihr Arbeitsleben auf diese Art gestalteten.

Mittlerweile finden sich Co-Working-Spaces im ostwestfälischen Verl und in Freiberg in Sachsen. Doch die Entwicklung geht weiter. Nach dem Arbeitsplatz haben die kreativen Vordenker aus Berlin-Mitte das Wohnen als ihre neue Spielwiese entdeckt. Durch die steigende Mieten in den großen Städten werden eigene Wohnungen immer teurer, während die Bereitschaft zu teilen stetig wächst. Die logische Konsequenz erinnert an die gute, alte Wohngemeinschaft, trägt aber einen hippen, internationalen Namen: Beim Co-Living mieten Berufstätige möblierte Zimmer und teilen sich durchgestylte Gemeinschaftsflächen wie Wohnzimmer, Küche, angeschlossenen Co-Working-Space sowie Pförtner und fest gebuchte Reinigungskraft. Kreative leben von Netzwerken. Leben sie unter Ihresgleichen, können sie diese nicht nur während der Arbeit, sondern auch über der Müsli-Schüssel am Morgen und abends beim Bier knüpfen.

Bangkok, Bangalore, Berlin – in den Metropolen überall auf der Welt warten derartige Häuser auf Mieter. Für Frederik Fischer ist das aber nicht genug. Er denkt genau anders herum an den ungenutzten Platz im ländlichen Raum und plant gleich ein ganzes Dorf nach dem Prinzip „Lebe und teile“. Ko-Dorf heißt das Projekt, das derzeit nur auf einer Website und in den Köpfen von Fischer und befreundeten Architekten besteht. Wenn alles gut geht, sollen 2020 die ersten Menschen einziehen.

Fischer ist Journalist. Vor ein paar Jahren hat er die Online-Zeitung Krautreporter mitgegründet, darauf folgte Piqd – ein Empfehlungsdienst, der eine Schneise durch die Artikelvielfalt des Internets schlagen möchte. Mit Unternehmertum, dem Internet und seinen Bewohnern kennt er sich also auch aus. Zudem beobachtet er als Berliner, wie der rasante Mietpreisanstieg den Druck auf Selbständige mit schwankendem Einkommen erhöht. „Von der Idee des Co-Living war ich von Anfang an begeistert“, sagt er. „Aber da zu wohnen, wäre mein Albtraum.“ Denn die bisherigen Anbieter setzen auf kleine Zimmerchen; wer Freunde einlädt, ist auf ausreichend Platz in der gemeinsam genutzten Küche angewiesen. „Die Community ist da fast Zwang. Das Recht auf Privatsphäre ist zehn Quadratmeter groß“, analysiert er. Die geforderten Preise findet er zudem zu happig. Je nach Anbieter und Lage werden schon mal 1000 Euro im Monat fällig. Im Ko-Dorf soll daher alles anders werden.

50 bis 150 Häuser sollen entstehen, jedes um die 50 Quadratmeter groß mit bis zu drei Zimmern, eigenem Bad, Küchenzeile und damit einem gewissen Maß an Autarkie. Ergänzt wird das kleine, aber eigene Reich um Gemeinschaftsflächen: um Küchen, die hier Community-Kitchen heißen, gemeinsame Büros, Veranstaltungsräume und einen großen Garten. Cafés, Restaurants und weitere Angebote sind möglich, je nachdem, was die sich gerade zusammenfindende Gemeinschaft wünscht und einzubringen bereit ist. Während die Fertighäuser voraussichtlich 100000 Euro kosten sollen, soll das geteilte Land von einer Genossenschaft verwaltet werden, an der man als Bewohner Anteile hält. Gärtner, Verwaltung und Hausmeister werden zentral organisiert und vom Hausgeld bezahlt. Inspiriert zu dieser Idee wurde Fischer beim Surfen im Netz, konkret auf den Seiten niederländischer Ferienhauskolonien.

„Es gibt viele Leute, die gerne auf dem Land leben würden. Doch Freunde, der Arbeitsplatz und die kulturelle Infrastruktur halten sie in der Stadt“, sagt er. Die Gemeinschaft in Ko-Dorf soll das kompensieren – zumindest zum Teil. Denn die kleinen Häuser sind nicht als Dauerwohnsitz, sondern vielmehr als Ergänzung zur Stadtwohnung gedacht. Wer ein Haus gekauft hat, soll es immer wieder untervermieten; so gibt es einen ständigen natürlichen Austausch.

Wo soll ein solches Dorf entstehen? Dort, wo es auch einen schnellen Internetanschluss gibt. Auch ein Supermarkt – oder, besser noch, ein Hofladen – wäre laut Fischer eine schöne Sache. Zudem eine nahe Bahnstation, denn ein Leben ohne Auto gehört für viele kreative Großstädter zum Lebenskonzept. Mehr brauche das neue Dorf von der Gemeinde, in der es sich ansiedelt, jedoch nicht. In ganz Deutschland schaue er sich um, sagt Fischer, und dass er mit etlichen Kommunen im Gespräch sei.

Eine Horde urbaner Freiberufler, Start-up-Unternehmer und Lebenskünstler, die ihren Laptop zur Abwechslung in schöner Landschaft aufklappen wollen: Hat die deutsche Provinz gerade darauf gewartet? Wie sehr Stadt- und Landbewohner mit ihren Lebensentwürfen zuweilen aufeinanderprallen, ist Stoff von Romanen. Fischer sind daher zwei Dinge wichtig: „Die Gemeinde muss das Projekt wollen.“ Und er sucht ein Grundstück in Alleinlage, idealerweise zwei Kilometer von einer bestehenden Siedlung entfernt.

Die zentrale Idee des Co-Livings ist zwar die Vernetzung, doch die beschränkt sich nur auf einen kleinen, exklusiven Kreis. Das Leben in Blasen zu fördern ist derzeit ein viel geäußerter Vorwurf gegenüber sozialen Netzwerken wie Facebook. Doch soziale Blasen werden im Co-Living ganz bewusst in Wohnstrukturen zementiert.

Eigentlich ist Segregation ein städtisches Phänomen. Junge Familien sortieren sich lieber nach Prenzlauer Berg, während Menschen mit türkischen Wurzeln Neukölln bevorzugen. Doch im Supermarkt, Park oder Schwimmbad laufen sich alle über den Weg. Wer aber in New York oder Arlington nahe Washington DC eins der modern gestylten Apartments von „We Live“ bezieht, dem bleibt sogar dieser Kontakt zur Außenwelt erspart. Das 2010 von einem Amerikaner und einem Israeli als „We Work“ gegründete Unternehmen betreibt inzwischen fast 100 Co-Working-Spaces, darunter auch in Berlin, Hamburg, Frankfurt und München. In den Vereinigten Staaten wird darüber hinaus seit zwei Jahren das Co-Living erprobt. Bei der Lektüre der Website von We Live stellt sich schnell die Frage, ob man hier Teil einer modernen Wohngemeinschaft werden soll – oder nicht vielleicht doch eines Kults. „Das Leben ist besser, wenn wir Teil von etwas sind, das größer ist als wir selbst“, heißt es dort. Für mehr als 3000 Dollar Monatsmiete in New York erhalten Mieter neben Möbeln und dem Zugang zu geteilten Küchen und Büros auch Yoga-Kurse, Netflix-Abende und Wein-Verkostungen.

Ähnlich ist es beim Londoner Co-Living-Anbieter „The Collective“. 2016 eröffnete er sein erstes Haus für 546 Bewohner im Stadtteil Old Oak. Derzeit wird ins Bankenviertel nach Canary Wharf sowie ans Olympia-Gelände nach Stratford expandiert; Standorte in Deutschland und den Vereinigten Staaten sollen folgen. Ob Supermarkt, Roof-Top-Bar, Bücherei, Beautysalon, Sportstudio, Massage oder Konzerte – alles inklusive. Es ist wie eine Stadt in der Stadt. Warum sollte man da das Haus noch verlassen?

Im Ko-Dorf soll es zwar durchaus Kontakte zwischen Alt- und Neubewohnern geben. Die Leute aus dem Ur-Dorf sollen die Veranstaltungsräume nutzen können, manch einer wird bei den Neuen auch einen Arbeitsplatz finden. Die Ko-Dörfler sollen derweil von bestehenden Landgasthöfen profitieren. „Ich kann nur versuchen, es für alle Beteiligten reibungsfrei zu gestalten“, sagt Fischer. Für ihn ist der gewünschte Abstand zur bestehenden Siedlung eher ein Zugeständnis, um den Eindruck einer feindlichen Übernahme zu vermeiden. „Es fehlt mir die Phantasie, wie wir unser Konzept innerhalb eines bestehenden Dorfes konfliktfrei umsetzen sollen“, gibt er zu.

Nun mag es für Manchen verlockend klingen, durch räumliche Trennung den Kontakt zu alleinerziehenden Müttern von fünf Kindern, uralten Katzen-Damen oder Gas-Wasser-Installateuren zu umgehen (um nur eine kleine Auswahl derer zu nennen, die eher nicht für Co-Living optieren). Dann muss man sich aber mit den vermeintlich Gleichgesinnten umso besser verstehen. Allerdings lässt es sich durchaus gemeinsam leben, ohne wirklich eine Gemeinschaft zu sein. Das wissen Ehepaare kurz vor der Scheidung ebenso wie jeder, der von seinen WG-Mitbewohnern nicht viel mehr als den Vornamen weiß.

Doch es sind genau solche Situationen, von denen Reportagen und Rezensionen von We Live und The Collective erzählen. Mitbewohner, die sich mit Kopfhörern hinter ihren aufgeklappten Laptops verschanzen, menschenleere Bars am Freitagabend und in Hotelge-schwindigkeit wechselnde Nachbarn: Auch das gehört zur Realität.

Mittlerweile beschäftigt We Live eigene Botschafter, die im Tausch gegen Einsätze an der Bar und generell kommunikatives Verhalten weniger Miete zahlen müssen. Auch im Ko-Dorf ist ein Community-Manager eingeplant, der Alltag sowie gemeinsame Veranstaltungen koordinieren soll. Eine Garantie, dass das Zusammenleben mit Gleichgesinnten ein schönes Netz ergibt, gibt es aber nicht. „Es kann auch sein, dass es nicht funktioniert“, sagt selbst Frederik Fischer.

Ein Grund, es nicht auszuprobieren und als weltverändernd zu bewerben, ist das aber natürlich nicht.