Artikel

Too much information

Ich habe zurzeit keinen Fernseher. Viele können sich sowas gar nicht vorstellen, daher habe ich mal ein Foto davon gemacht:

Der Grund für diese Lücke in meinem Leben ist weder Kulturpessimismus noch Casting-Show-Überdruss, sondern, ganz im Gegenteil: Das Warten auf ein größeres Modell.

Unglücklicher Weise fiel in diesen Zeitraum das Entsorgen des kleinen Vorgängers an die Schwester. So kam es, dass ich gestern Nachmittag auf der Suche nach sinnloser Beschäftigung, wie sie es ein Sonntag Nachmittag nun mal erfordert, Fernseh-Asyl beantragen musste. Und auch bekam, jedoch bei jemandem, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, sämtliche Sondersendungen, die man zum Thema LML anzufertigen für nötig hielt, anzusehen.

Man könnte meinen, nun sei es Zeit, mir Mitleid zu spenden. Doch erstens war ich selbst schuld an der Situation, und zweitens hätte ich ohne diesen Sondersendungs-Marathon nie erfahren, wie enthusiastisch NDR-Intendant Lutz Marmor mit Schwenkobjekten umzugehen weiß, und dass Lena selbst offensichtlich mit nur einer Jeans nach Oslo gereist ist. Zumindest trug sie das gleiche Modell bei der An- und Abreise und an allen Tagen dazwischen, an denen sie exklusiv von tausenden Kameras begleitet wurde, die das festzuhalten so frei waren. Womit wir wissen, dass Diplomaten-Familien nicht zwangsläufig gut in der Auswahl der adäquaten Reisebekleidung sind – bei Reisen in den Norden sollte man doch besser zwei lange Hosen einpacken als immer nur Mini-Kleidchen.

Des weiteren verdanke ich ARD, Pro7, ZDF und NDR, die es im Wechselspiel zwischen 16.30 und 22.15 Uhr möglich machten, nichts anderes als das Satelliten-Lied in Dauerschleife zu hören, dass ich neue Argumente habe, um meinen blinden Hass auf Hannover als langweiligste Stadt der Welt zu begründen. Schließlich kann es nicht spannend sein an einem Ort, dessen größter Platz nach einem Verkehrsmittel benannt wurde, und dessen Bewohner sonntags nichts Besseres zu tun haben, als eben dort oder am Flughafen im Regen zu stehen und immer und immer wieder das gleiche Lied zu hören. Dafür kann man doch, siehe oben, einfach fernsehen.

Außerdem habe ich endlich mal eine Rechtfertigung dafür, dieses schöne Kulturgut zu verlinken. Womit ich nun endgültig nicht mehr nur konsumierendes Opfer, sondern Produzent geworden bin in dem großen Hype um das kleine Mädchen mit dem fragwürdigen Akzent. Damn it.

.

Epilog

Gestern Abend las ich nach dieser medialen Anstrengung noch etwas Leichtes zum Einschlafen: Das Interview mit Marcel Reich-Ranicki in der FAS. Der hatte offensichtlich nicht so viel Lust am Befragt-Werden und antwortete auf Fragen nach dem Rauchverhalten seiner Frau, seinem Tagesablauf und seiner Wohnsituation („Wohnen Sie zur Miete?“) wie es viel mehr Prominente tun sollten: Quasi gar nicht. Was sehr gut war, es interssiert mich schließlich nicht, ob MRRs Frau noch Klavier spielt, so lange sie nicht in die Nachbarwohnung zieht. Was übrigens dann eine Mietwohnung wäre. Auf jeden Fall fiel mir da eine Parallele zum Antwortverhalten der LML auf. Die wird schließlich auch eher ungerne auf Privates angesprochen, wählt nur statt des elitären MRR-Neins lieber ein „Nöööööt“. Und hat auch einen Doppelnamen. Und einen Sprachfehler. Und eine Art der Besessenheit. Womit endlich geklärt wäre, warum sie unbedingt noch einmal im nächsten Jahr an diesem verrückten Contest teilnehmen möchte, denn zur perfekten Immitation ihres offensichtlich großen Vorbilds fehlt ihr noch der Satz „Ich nehme diesen Preis nicht an.“ Wirklich individuell wäre aber auch das nicht.