Artikel

Freiwillig, hungrig, ohne Hose

(Spiegel Online vom 26. Juni 2010)

Wahrscheinlich ist es Goleos Schuld. Vor vier Jahren war der Löwe im Deutschlandtrikot das Maskottchen der Fußballweltmeisterschaft. Sein Markenzeichen damals: Das Tier trug keine Hose. So wurde er überall zum Gespött. Ähnlich ergeht es nun in Südafrika den 15.000 feiwilligen Helfern, den Volunteers, die mit Schuhen, Trikots und Jacken ausgestattet wurden, nur eben nicht mit Hosen.

Die somit unvollständigen Uniformen sehen wenig fesch aus, permanent werden die freiwilligen Helfer deswegen zurechtgewiesen. Doch die passenden Hosen sind einfach nie bei ihnen angekommen.

Dabei würde ohne die Freiwilligen bei der WM in Südafrika nur wenig laufen. Sie helfen bei der Sitzpatzsuche im Stadion, übernehmen Fahrdienste, versorgen Journalisten mit Pressematerial oder achten darauf, dass die Fans ihren Müll ordnungsgemäß trennen.

Dafür erhalten sie eine Aufwandsentschädigung von knapp elf Euro pro Einsatztag sowie „die einmalige Gelegenheit, mit Menschen unterschiedlichster Herkunft zu arbeiten und zusammenzutreffen“, wie es auf der Internetseite der Fifa heißt. Die spart dank dieser Helfer bei ihren Großveranstaltungen regelmäßig immense Lohnkosten ein.

Um als Volunteer engagiert zu werden, muss man über 18 Jahre alt sein und bestimmte Qualifikationen mitbringen. Für einen Einsatz etwa im Bereich Informationstechnologie und Telekommunikation benötigt man laut Internetseite fundierte Computer- und Englischkenntnisse. Zu den Aufgaben gehört dann unter anderem „das Auspacken von Computern und anderen Geräten“.

Wer lieber im Bereich Umweltschutz aktiv werden möchte, sollte „gute Kommunikationsfähigkeit und Geschick bei der Lösung von Problemen“ mitbringen, um dann Zuschauer anzuleiten, ihren Müll ordnungsgemäß zu trennen. Und im protokollarischen Dienst wird neben Fremdsprachenkenntnissen erwartet, „dass sie stolz darauf sind, Teil dieses historischen Ereignisses zu sein“.

Eine Sicherheitsprüfung und ein persönliches Gespräch mussten die jungen Helfer durchlaufen, bevor sie für Südafrika ausgewählt wurden. Dort sind sie nun konfrontiert mit einer chaotischen Organisation, für die eine Uniform ohne Hose noch das harmloseste Beispiel darstellt.

Schwieriger wird es, wenn junge Frauen nachts auf einem südafrikanischen Flughafen stranden und statt des versprochenen Bustransfers zur Unterkunft nur eine Übernachtung in der Ankunftshalle auf sie wartet. Das erzählt Ingrid, eine der Volunteers. Die Studentin aus Berlin, die ihren richtigen Namen lieber nicht nennen möchte, war bereits bei der WM 2006 sowie der EM 2008 als Helferin dabei. Schon damals arbeitete sie in ihren Semesterferien ohne Bezahlung für die Fifa, doch die vielen neuen und positiven Erfahrungen hätten das aufgewogen, meint sie. Daher hat sie sich auch in diesem Jahr als Volunteer beworben und ist dafür extra an ihren Einsatzort Kapstadt geflogen. Auf eigene Kosten natürlich.

„Gerade am Anfang erfuhr ich von allen wichtigen Terminen nur vom Hörensagen“, sagt Ingrid. Einen Einsatzplan gebe es nicht. „Momentan arbeite ich auf Abruf beziehungsweise wenn ich Lust dazu habe oder Not am Mann ist. Also oft.“

Mangelnde Kommunikation und das Fehlen von Regeln oder festen Abläufen sorgten für Verunsicherung unter den Kapstädter Volunteers. Darüber hinaus habe sich die Versorgung mit Lebensmitteln während der Einsatztage zu einem richtigen Problem entwickelt, sagt Ingrid.

Zunächst sollte es eine Pauschale geben, die jedoch erst nach der Weltmeisterschaft ausgezahlt werden sollte. Da das Mitbringen von Speisen und Getränken ins Stadion auch den Helfern verboten ist, hungerten daraufhin einige der Volunteers lieber, als das Geld für teure Snacks auszugeben.

Das bewog die Fifa zu einer Planänderung. Für je 60 Rand, also etwa sechs Euro, gibt es nun Gutscheine für McDonald’s sowie diverse Geschäfte im Hafenviertel. „Während der Arbeitszeit kann man dort aber nicht hinkommen, so dass einem nur die Fastfood-Alternative bleibt“, sagt Ingrid.

Zwar reichten die Gutscheine durchaus, um sich dort den Tag über zu versorgen. Aber wie arbeitet es sich eigentlich, wenn man den ganzen Tag nur Burger und Pommes zu essen bekommt?

„Richtig gefährlich“ sei dagegen die schlechte Organisation der Shuttle-Services, die man den Volunteers versprochen hatte, um nach den Abendspielen in die Unterkünfte zu kommen – die Unterbringung muss übrigens auch selbst bezahlt werden. Da die Stadien nur schwer mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sind, und es sich in Südafrika nach Sonnenuntergang nicht empfiehlt, alleine auf der Straße zu sein, sind die Freiwilligen eigentlich auf diesen Service angewiesen. Wer nicht die Nacht im Stadion verbringen will, muss zurzeit meist ein Taxi nehmen und wieder draufzahlen. Gerade für die Helfer aus Afrika ist das auf Dauer nicht zu finanzieren.

Um höhere Löhne durchzusetzen, streikte dann auch noch das Sicherheitspersonal im Kapstädter Stadion. Plötzlich fand sich Ingrid als Ordner wieder. „Ich wurde selbst nicht richtig auf den Job vorbereitet und musste dann sogar den ebenfalls als Ordnern eingesetzten Polizisten sagen, was sie zu tun haben“, erzählt sie. Bei den anderen Fußballgroßveranstaltungen habe man für die Freiwilligen ein Begleitprogramm mit Ausflügen organisiert. In Südafrika erwarteten sie nur „jeden Tag absurdere Aufgaben. Einige Volunteers sind bereits abgesprungen.“

Von der Fifa ist zu den Vorfällen keine Stellungnahme zu bekommen. Stattdessen verweist sie an das Organisationskomitee vor Ort, das zur E-Mail-Anfrage lediglich eine freundliche Eingangsbestätigung sendet und sich auf Nachfragen nicht mehr meldet. Es hat den Anschein, als habe sich die Fifa mit ihren Volunteers eine gut ausgebildete Praktikantenarmee zugelegt. Zwar wussten die Freiwilligen, dass sie nichts verdienen würden, aber eine funktionierende Organisation als Gegenleistung für ihre Arbeit hatten sie schon erwartet.

196 Millionen Dollar Gewinn hat die Fifa im vergangenen Jahr gemacht, das verkündete ihr Chef Joseph Blatter kurz vor der WM voller Stolz. Im WM-Jahr dürfte das Ergebnis noch üppiger ausfallen – auch dank der fehlenden Hosen.