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Atomare Zwischenfälle

In der Parallelstraße wurde radioaktive Strahlung gemessen. Ein Satz, den man im Grenzgebiet zwischen der Ukraine und Weißrussland sicher öfter hört, der einen hier im Prenzlauer Berg aber doch irritiert. Zwanzig Zentimeter unter dem Asphalt liegt etwas Strahlendes – hätte vor ein paar Jahren der Mitarbeiter des VEB Energiekombinats Berlin vielleicht doch seine Brotdose besser nicht in der Baugrube entsorgt. Auch wenn das angesichts der Stullenbelegung mit Wurstersatzstoff nur zu verständlich war.

Doch man sollte keine Witzchen machen, die Sache ist sicherlich ernst, wenn auch völlig ungefährlich, wie diverse Sprecher seit dem Fund gestern Nachmittag nicht müde werden zu versichern. Die gemessene Radioaktivität übertrifft den zulässigen Grenzwert schließlich nur um ein 100.000faches. Zumindest, wenn man diesem Artikel hier glaubt. Mir selbst war es völlig unmöglich, zu überprüfen, ob überhaupt der angegebene Grenzwert von 200 Nanosievert der Richtigkeit entspricht, da lediglich das niederländische Wikipedia diesen Begriff kennt. Auf der Seite des BMU spricht man dagegen von Millisievert, und während des Versuchs, 200 Nanosievert so lange umzurechnen, bis man auf die zulässige Strahlung laut BMU von 1 Millisievert kommt, bellte draußen ein Hund, woraufhin ich sofort das Interesse an der Rechnerei verlor.

Statt dessen begab ich mich auf die weitere Recherche, wie wir Jorunalisten das Nachlesen bei Wikipedia nennen, und lernte, dass man Radioaktivität auf die Wirkung ionisierender Strahlung bezogen nicht nur in Sievert, sondern auch in Gray und Coulomb pro Kilogramm messen kann, was mir eins wie das andere noch weniger sagte. Vermutlich ist zum Verständnis des ganzen Komplexes doch etwas mehr Vorwissen nötig als meine Kenntnisse, die gänzlich auf einer Kinderkassette über das Leben der Marie Curie basieren, die meine Mutti mir einst schenkte. Und von der ich eigentlich nur behalten habe, dass Marie einst einen polnischen Nachnamen hatte und ihr Mann Pierre in Paris verstarb, als ihm eine Pferdekutsche über den Kopf rollte.

Womit wir zurückkehren in die Stargarder Straße, wo man in den nächsten Tagen das strahlende Element heben möchte. Entdeckt hatte es dort übrigens das Deutsche Rote Kreuz, dass offensichtlich nicht nur Altkleider sammelt und Bernhardiner mit Schnapsfläschen über die Alpen treibt, sondern in seiner Freizeit auch Radioaktivität misst. Einer muss es ja machen, und da ist das DRK sicher ein verlässlicherer Messer als etwa der Schiedsrichter des deutschen WM-Spiels gegen England oder das Allensbacher Demoskopieinstitut.

Bleibt die Frage, ob es eigentlich eine gute Idee war, unlängst Kuchen aus der Bäckerei direkt neben der Fundstelle zu essen. Und wann mir endlich ein zweiter Kopf wächst. Der könnte sich schöne Themen und Texte ausdenken, während ich mir immer neue Gründe überlege, warum ich auf gar keinen Fall gerade arbeiten kann. Gemeinsam bekämen sie das mit der Umrechnung von Maßeinheiten vielleicht doch noch hin. Bis dahin verkleide ich die Wohnung vorsichtshalber mit Alufolie.

5 Kommentare

  1. Und jetzt kommt die radioaktive Wolke? Die russische Regierung hat bestätigt, dass es auch in verseuchten Gebieten gebrannt hat. Jetzt müssen wir uns wohl auf radioaktiven Niederschlag einstellen. Dann brauchen wir wenigstens keine Strassenbeleuchtung mehr, da wir alle genug strahlen.

  2. Hmm,

    Nano = Milliardstel
    Mikro = Millionstel
    Milli = Tausendstel

    http://de.wikipedia.org/wiki/Vors%C3%A4tze_f%C3%BCr_Ma%C3%9Feinheiten

    1.000.000 NanoDingsbums = 1 MilliDingsbums, das sollte man mit normalem Mathewissen eigentlich hinbekommen.. ;)

    ergo das Hunderttausendfache von 200 Nanosievert = 200 * 100.000 / 1.000.000 Millisivert = 20.000.000 / 1.000.000 = 20 Millisivert.

    Auch hier (http://frank.geekheim.de/?p=1069) wird von 20 Mikrosievert gesprochen, was ja dann hinkommt.

    PS: Für Cäsium 137 scheint Alufolie nicht das Mittel der Wahl zu sein: http://de.wikipedia.org/wiki/Betastrahlung#Strahlenschutz Gegen Brötchenstrahlung von innen, wirkt sie schon gar nicht. :)

  3. Argh. Sorry, aber das tut soooo weh, da kann ich grad nich anders…

    Genau so, wie 1 ml = 0,001 Liter sind, wären 200 Nanosievert = 0,2 Mikrosievert bzw. 0,002 Millisievert, d.h. also um den Faktor 500 vom BMU-Grenzwert (1 Millisievert) und ein paar Lichtjahre von dem kuriosen Gerechne einen Kommentar weiter oben entfernt.

    Die Anzeige auf dem verlinkten geekheim-Dings zeigt denn auch recht plausibel einen Wert von 20 Nano(!)sievert bzw. 0,02 Mikro-Sievert. Damit tatsächlich knapp unter der üblichen Hintergrundstrahlung (s.u.). Aber ich weiß, ist schon alles nicht so einfach mit Griechenland und so…

    Problem ist: Sievert ist eine Einheit, die letzlich mit Zeitbezug angegeben werden muss, um die tatsächliche Strahlenbelastung zu messen. Dummerweise steht in dem Zeitungsartikel nicht, ob der dortige Grenzwert pro Stunde oder pro Jahr zu lesen ist.

    Wahrscheinlich aber pro Stunde. Denn zum Vergleich: Die natürliche Hintergrundstrahlung beträgt auf Meereshöhe ca. 300 mSv (Millisievert) pro Jahr, d.h. umgerechnet ca. 0,0342 mSv/h (lies: ca. 35 MikroSievert pro Stunde). Ein Grenzwert pro Jahr würde also bedeuten, dass allein die natürliche Strahlung diesen um ein Vielfaches übersteigt.

    Ein Hunderttausendfaches des Grenzwertes wiederum wären ca. 200 Sievert pro Jahr = ca. 0,0022818 Sievert bzw. ca. 23 Millisievert pro Stunde. Ist das gefährlich? Naja, wenn man ein paar Jahre auf der entsprechenden Stelle liegen bleibt, vielleicht schon irgendwie. Allererste minimale Symptome von Strahlenkrankheit treten bei einer kurzdauernden Dosis von ca. 0,2 Sv (= 200 Millisievert) auf – da muss so ein Stück radioaktive Straße schon ganz schön lang für Stricken. Für den zweiten Kopf musst du also wohl doch einen Bruce-Willis-Gedächtnis-Ausflug nach Pripyat machen. ;)

    So, und damit hätte ich die Zeit bis zum Feierabend auch wieder erfolgreich rumgekriegt. Schönes Wochenende! :;)

  4. @ Markus
    Ich danke für die kleine atomare Nachhilfestunde, und da ich etwa drei Jahre post Atom-Fund in der Stargarder immer noch nur einen Kopf habe, scheint es tatsächlich alles nicht so wild gewesen zu sein.

  5. Alles wird gut. :)

    Sehe allerdings gerade, dass ich selber einen Fehler gemacht habe – die Hintergrundstrahlung bzw. sog. “natürliche Strahlenbelastung” ist in meiner Rechnung natürlich viel zu hoch – 300 mSv ist der Wert für interstellare Exposition, d.h. beim gemütlichen Schweben jenseits des Mondorbits oder so! Depp. Wenn man schon aus der Wikipedia abschreibt, dann wenigstens die richtigen Sachen… /facepalm

    Auf der Erde liegt sie je nach Standort zwischen 1-5 mSv/Jahr (Extremwerte allerdings bis zu 200 mSv in einigen Orten im Iran), d.h. zwischen 100 bis max. 500 Nanosievert pro Stunde, die 200 nSv/h im Artikel sind dann wohl der örtliche Alarmwert, was dann alles in allem wieder durchaus Sinn ergibt.

    End Of Nerd-Attack. Endgültig schönes Wochenende! :)

    (Und sorry fürs Ausgraben von 3 Jahren altem Kram – passiert, wenn man im Büro sitzt und Langeweile hat… *hüstel*)

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