Artikel
8 Kommentare

Die Chemie stimmt

Es war zwar nur kurz, aber ich war auf Reisen. In Süddeutschland. Oder besser in einem Teil Deutschlands, den ich als Süden bezeichne: Rheinland-Pfalz. In Ludwigshafen habe ich die Schwester besucht, und bei der Gelegenheit gleich mal die örtliche Presse inspiziert, die unter dem schönen Namen Die Rheinpfalz daherkommt.

Positiv überraschte mich dort zunächst das völlige Fehlen von Berichten über BASF – eine Lokalzeitung, die es schafft, auch mal einen Tag nicht über den größten Arbeitgeber am Ort zu sprechen und ihm so eine permanente Öffentlichkeit zu schaffen, ist schließlich nicht selbstverständlich. Dafür gab es Infos über die schönsten Picknickplätze der Pfalz und eine skandalöse Geschichte über das Ende einer Kaffeefahrt, für das die Polizei sorgen musste, da die Veranstalter auch nach zehn Stunden Verkaufsaktion ihrer Meinung nach noch nicht genug Heizdecken unter die Rentner gebracht hatten. Ein 84-jähriger Teilnehmer musste mit Verdacht auf Hirnblutungen ins Krankenhaus gebracht werden. Ich wünschte, jemand würde ihm die Rente aufstocken, sodass er richtige Ausflüge machen könnte und nicht länger auf Butterfahrten angewiesen wäre, um mal aus seiner Wandteppich-behangenen Wohnung mit Schrankwänden voller Kristall und Porzellanclowns herauszukommen.

Wie es meine Art ist, konnte ich beide Erkenntnisse nicht lange für mich behalten, und da die Schwester noch in der Berufsschule abhing, postete ich es auf Twitter. Woraufhin man mir einen Link zu dieser Website schickte.

Das Rhein-Neckar-Web ist eine Website, die bespielt wird von der Kommunikationsabteilung von BASF – und der Online-Redaktion der Rheinfalz. „Als Betreiber dieser Website will die BASF SE ihren Nachbarn am Standort Ludwigshafen und in der Metropolregion Rhein-Neckar Informationen über das Werk anbieten und den Dialog erleichtern“, erklärt man sich selbst. „Damit unsere Besucher auch über wichtige Ereignisse auf der Welt und in der Region auf dem Laufenden sind, veröffentlichen wir in Kooperation mit Rheinpfalz Online Gmbh & Co. KG entsprechende tagesaktuelle Nachrichten.“

In besten Turi2-Manier habe ich mal die Startseite so bearbeitet, dass man erkennt, was durch die Farbwahl hellgraue Schrift auf hellhellgrauem Untergrund sonst fast nicht zu sehen wäre: Die Trennung von Anzeigen zum redaktionellen Teil.

Dieses Konzept – auf der einen Seite die PR, auf der anderen Tickermeldungen aus dem Hause Rheinpfalz – wird so auf der kompletten Website fortgesetzt. Wenn man nun liest, was BASF alles für die Gesundheit und Sicherheit seiner Mitarbeiter tut, gewinnt es doch enorm an Bedeutung dadurch, dass daneben die neuesten Polizeimeldungen aus der Region ein nachrichtliches Umfeld schaffen.

Doch, die PR-Abteilungen von Chemie-Konzernen wissen schon, was sie tun. Was die Rheinpfalz allerdings geritten hat, bleibt mir unerklärlich. Leider ist der für die Website verantwortliche Redakteur gerade wohl essen, sonst hätte ich ihn am Telefon gerne mal gefragt, um wie viel Geld es denn so geht bei diesem Spektakel.

An wen sie ihre Seele verkauft haben, zeigt der „besondere Service“, für den auf der Website – unter anderem – geworben wird: „Wer dies wünscht, kann sich im Fall einer Betriebsstörung mit Auswirkungen auf die Nachbarschaft, bei der beispielsweise Fenster und Türen geschlossen werden müssen, eine SMS-Nachricht aufs Handy schicken lassen“, heißt es da.

Vielleicht kann man bei Gelegenheit der Rheinpfalz auch mal eine Gasmaske beilegen, wenn man sich schon so gut versteht.

8 Kommentare

  1. Unter das Motto „Aufrechte Journalisten verlieren ihre PH-Neutralität!“ würde ich das jetzt nicht stellen. Immerhin ist im Kopf ganz groß das BASF-Logo zu lesen. Das macht das für mich zum eindeutigen PR-Angebot. Dass sich eben Nachrichten einkauft. Ist das soviel anders als ein Nachrichtenticker auf einer x-beliebigen Firmenwebsite? Sind Leser zu doof um zu wissen, dass BASF keine Zeitung ist?
    Deutlich alarmierender finde ich sowas: http://advertising.gawker.com/copy/sponsoredposts/

    Das ist below the line. Da ist Werbung und redaktioneller Kram nicht mehr unterscheidbar, allerdings auf der redaktionellen website und nicht auf der des Werbepartners. Und das macht es fishy.

    Und bei allem Stirnzunzeln: Das alles ist Begleitung des nicht gelösten Erlösproblems des Journalismus im Netz. Ohne böse Werbeonkel keine unbequemen Mahner. Da führt kein Weg drumrum. Es sei denn, die deutsche Klassenlotterie fängt endlich an Zeitungen zu betreiben (everybody wins!).
    xoxo

  2. @ die eine
    Ich bin einfach der Meinung, dass man sich als Zeitung nicht so sehr mit der Industrie verbrüdern sollte, dass man zu ihrem Zulieferer verkommt. Ja, Journalismus muss finanziert werden, und ja, das läuft über Anzeigen. Aber hier ist es genau umgekehrt: Das Unternehmen bietet die Platform, die Zeitung steuert Content bei – mit der Unabhängigkeit der Presse ist es da nicht mehr so weit her.

  3. Ich glaube, journalistische Unabhängigkeit war schon immer eine Utopie und wird es bleiben solange Werbepreise im Netz sind wie sie sind. Ich glaube auch, dass es pragmatischer ist, seine Abhängigkeiten offen zu legen und ja, im Zweifel auch die über Zulieferungstätigkeiten, als so zu tun, als sei man noch in der Lage aus eigener Kraft die alten Geschäftsmodelle unter dem Motto „Wir sind der einzige Weg, auf dem du deine Botschaft rüberbringen kannst, also her mit deinem Werbebudget.“ zu fahren. Mit deinem Argument verdammst du ganze corporate publishing Sparten. Die mit ihrer Tätigkeit inzwischen mehr zur Wahrung der Existenzgrundlage ihrer aufrechten Kollegen aus den Stammblättern beitragen als diese selbst.

  4. Ich bin Journalstin, ich muss daran glauben, dass es möglich ist, sich über Anzeigen zu refinanzieren und dennoch kritisch gegenüber den werbenden Unternehmen zu sein. Dass es ist der Realität oft anders läuft, weiß ich, aber muss es ja dennoch nicht als „so läuft es halt“ akzeptieren. Denn das ist der Punkt, der mich hier so aufregt: Offensichtlich entsteigen den Werken da ganz gerne mal giftige Dämpfe. Da müsste mal jemand drüber schreiben! Wenn man sich nicht dummer Weise so gut verstände mit den Menschen der Werks-Kommunikation…

  5. Stimme dir zu. Nur 2 Dinge: Anzeigenkunden und Presse können nicht ohneeinander. Je kleiner die Zeitung u. je größer der Anzeigenkunde/ dessen lokale Bedeutung als Arbeitgeber, umso größer die Abhängigkeit. Das hat erstmal nichts mit Internet zu tun. Und weiter: Das Gute daran, dass es jetzt aber eine Schraubendrehung weiter geht in Richtung corporate publishing online ist eben genau, dass es öffentlich ist, transparent, kritisierbar, angreifbar, wasauchimmer. Das ist das einzig Gute am Sell-Out: Er passiert hier zumindest mal halb öffentlich und so, dass sich jeder selbst ein Bild machen kann.
    Und dennoch: Natürlich bleibts ein sell out. Ein unvermeidlicher, aber deswegen nicht toller, das ist schon klar.

  6. @die eine:

    >Anzeigenkunden und Presse können nicht ohneeinander. Je kleiner die Zeitung u. je größer der Anzeigenkunde/ dessen lokale Bedeutung als Arbeitgeber, umso größer die Abhängigkeit<

    Schönes Argument. Aber: Die Rheinpfalz hat eine für eine Regionalzeitung ungewöhnlich hohe Auflage (so um die 240.000). Ich bezweifle, dass sie so einen Seriositäts-Verkauf nötig hat.
    Es gibt jede Menge selbstständige Regionalzeitungen mit nur einem Viertel oder Fünftel dieser Auflage, und die geben trotzdem nicht einfach so ihre Glaubwürdigkeit auf.
    Solch eine Aktion weckt nur Zweifel an der Unabhängigkeit der Rheinpfalz. Kann sie wirklich noch unvoreingenommen und objektiv über einen Skandal oder Störfall bei der BASF berichten? Ich hätte da als Leser ein flaues Gefühl.

  7. Pingback: Linkdump vom Fr, 27. August 2010 bis Mo, 30. August 2010 Links synapsenschnappsen

Schreibe eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.