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Kleider machen heute

Wahrscheinlich liegt es am Tussi-Gen, mit dem jede Frau ausgestattet ist und dessen Existenz sicher auch unser allseits beliebter Gen-Experte Thilo S. bestätigen kann. Oder einfach an der Tatsache, dass ich unlängst einen Artikel über Altkleidercontainer schrieb. Welcher Grund es auch sei, ich muss es dringend loswerden – die Beschwerde über die modische Zumutung, der man sich beim Konsum öffentlich-rechtlicher Nachrichtensendungen aussetzt.

Beginnen wir mit den gestrigen Tagesthemen und dem Mao-Zedong-Gedächtnisanzug, in dem Susanne Holst uns unter anderem einen Bericht über den chinesischen Überwachungsstaat präsentierte:

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Direkt vom Langen Marsch ins Nachrichtenstudio zu kommen, ist sicher eine super Leistung, sorgt aber für Verstörung beim Zuschauer, der erstmal verunsichert parallel bei Spiegel Online nachsehen muss, ob während der letzten Stunden nicht doch ein Militärputsch Deutschland heimgesucht hat. „Meine sehr geehrten Damen und Herren, Guido Westerwelle hat das Land Richtung Liechtenstein verlassen, zurzeit bemüht sich Gregor Gysi um die Zusammensetzung der Soldatenräte. Und nun: Das Wetter.“

Wie anders dagegen der Eindruck, mit dem die Menschen gestern ins Bett gehen konnten, die sich bereits etwas früher informieren wollten und das heute-journal einschalteten. Wo Marietta Slomka offensichtlich gezwungen worden war, endlich mal das schöne jackenähnliche Oberteil von Tante Hilde aufzutragen, das die sich kurz von ihrem Tod 1986 noch eben bei Otto bestellt hatte.

„Meine Damen und Herren, Sie dürfen sich freuen: Die 80er sind zurück. Und mit ihnen die Rolle der Frau als graue, unscheinbare Maus. Seien sie froh, dass sie meine Füße nicht sehen können, sie stecken in Fesseln, deren anderes Ende mich am Herd festhält. Doch alles kein Grund zur Sorge: Wenn ich weiter jeden Monat etwas von dem Haushaltgeld abzwacke, das mein Mann mir zuteilt, kann ich mir schon in sieben Monaten eine Glitzerleggins zu dem grauen Fetzen hier kaufen.“

Doch zum Glück gibt es ja noch die jungen Kolleginnen, die zwar nicht die Hauptnachrichtensendungen moderieren, aber immerhin nachmittags zum Zuge kommen. Und dabei im Kampf um den ersten Platz im Angela-Merkel-Ähnlichkeitswettbewerb alle Pastellregister ziehen (Ina Bergmann heute um 14 Uhr):

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Oder einfach zurückgreifen auf das, was von der Hypo Real Estate übrig blieb (Susanne Stichler um 16 Uhr):

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Aber immerhin angelehnt ist an das Erfolgsrezept der Männer, die sich einfach einen halbwegs passenden Anzug kaufen und denen es so ein Leichtes war, diesen Post hier zu umgehen.

Ja, das ist alles sehr oberflächlich, und nein, die Kleidung der Moderatoren soll nicht von den eigentlichen Nachrichten ablenken. Aber einen eben auch nicht kurz überlegen lassen, ob man vielleicht nicht doch gerade die Tagesschau vor 20 Jahren eingeschaltet hat. Oder dem Zuschauer nahelegen, um eine Erhöhung der Gebühren zu betteln, damit die Sprecher sich nicht länger bei Oxfam einkleiden müssen. Irgendwann werden sie das nämlich leid und suchen getrieben von dem Wunsch nach modischer Kleidung ihr Karriereglück außerhalb des Fernsehers. Man denke nur an Eva Herman, Susan Stahnke und deren Darm, um zu wissen, dass das auch niemand wollen kann.

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Nachtrag (30 Minuten nach 6 vor 9):

Das hätte ich nun nicht erwartet, aber offensichtlich möchte man tatsächlich eine ernsthafte Diskussion zum Thema führen. Und verlangt nach Positiv-Beispielen. Die auf die Schnelle tatsächlich nur über Youtube bei der BBC aufzutreiben waren:

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Und ja, für mich als Frau ist es sehr wichtig, dass die Dame Pink trägt. Das ist immerhin schon eine Farbe der 90er.

32 Kommentare

  1. Sehr schöner Kommentar, augenscheinlich mit spitzer Feder geschrieben. 🙂

    Aber eine Gegenfrage muss erlaubt sein: wenn die abgebildete Kleidung eine modische Zumutung ist, andererseits aber die Kleidung der Moderatoren nicht von den eigentlichen Nachrichten ablenken soll, was bleibt denn dann?

    Zeigen Sie doch mal (vielleicht in einem Nachtrag am Ende des Artikels), wie’s Ihrer Ansicht nach besser geht. Oder gibt es weit und breit keine Gegenbeispiele?

  2. Besser so, als das Infotainement der Privaten mitsamt der Meldung beim Abspann „Unsere Moderatoren werden ausgestattet von….“. Schleichwerbung usw. noch nichtmal dazugezählt.
    Nein danke, wir brauchen keine modischen Moderatoren, wir brauchen Nachrichten, die sich auf den Nachrichtenwert beschränken, da wären mir die Nachrichten von vor 20 Jahren sehr viel lieber.
    Das Wegbewegen von den WIRKLICH wichtigen Dingen (von Nachrichten hin zum Schein der Liveberichterstattung, o.ä.) ist genau das Problem, wodurch selbst die Nachrichten der Öffentlich-Rechtlichen unseriös und „aufgemacht“ wirken.

  3. Ach, da hat sich Herr Seibert eventuell mit seinem Sprung nach Berlin vom ZDF-Dresscode befreit? Das sind ja ganz neue Erklärungsansätze.

    Die altgedienten Recken Ina Bergmann (44) und Susanne Stichler (41) werden sich jedenfalls freuen, hier als „junge Kolleginnen“ bezeichnet zu werden. Vielleicht lohnt mal ein modischer Blick auf die wirklich Jungen, die sich z. T. beim täglichen Einsplus-Nachrichtenmarathon auf den Sprung ins Erste vorbereiten.

  4. „Kurz vor ihrem Tod 1986 noch eben bei Otto bestellt“, sehr schön formuliert. 😉

  5. Das passiert, wenn man auf BILDblog gelistet wird: die Karawane kommt und diskutiert „ernsthaft“. 😉

    Danke für den Nachtrag! 🙂

  6. Pingback: Meine Füße stecken in Fesseln | tom berger

  7. Dieser Artikel ist so unnötig wie die Nachricht vom umgefallen Blumenkübel.
    Oh bei mir läuft ein Eichhörnchen den Baum hinauf …

  8. bei der Aufzählung fehlt noch Claudia Kleinert, deren outfits ja auch immer – ähem – interessant sind…

  9. Ich kann mich daryber nicht beschweren. Ein unaufgeregter, unaufdringlicher Kleidungsstil ist pflicht für eine ernstzunehmende Nachrichtensendung….

    Von mir aus, gehen Sie dann doch RTL-News schauen….

  10. Um ehrlich zu sein finde ich das genannte „Positiv“-Beispiel um einiges abscheulicher als die Negativbeispiele.. Grelle Farben haben in ernsthaften Nachrichtensendungen (erkennt man daran, dass auf Themen aus der A-E Promiwelt verzichtet wird) nichts verloren.

  11. Das Orange und der Hypo Anzug muss nicht sein, der Rest ist doch ok.
    Das pink ist imo eher als negativbeispiel anzusehen.

  12. Grau ist übrigens dieses Jahr schwer im Trend. Wenn einem Mode so wichtig ist, sollte man das wissen.

  13. Ich las das hier, weil es auf BildBlog verlinkt wurde, und ganz ehrlich, ich habe absolut keine Idee warum.

    Es interessiert mich herzlich wenig, wie die Nachrichtensprecher/Innen gekleidet sind (solange sie nicht in Reizwäsche moderieren), ich schaue mir Nachrichten an, um einen kurzen informativen Überblick über das Weltgeschehen zu erhalten.

    Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen dabei geht, aber haben Sie nicht mehr in Ihrem Leben, gerade als Journalistin, als dass Sie sich so intensiv mit Kleidung anderer Leute zu beschäftigen? Mit einem Gruppenzwang, einer Pseudo-Ausdrucksform von nicht selten nicht vorhandenem Charakter, die in ein paar Monaten schon wieder total „out“ und damit unter jener peer group absolut verächtlich ist?

    Dieser Kommentar ist nur ein weiterer guter Grund dafür, sich nicht mit Mode zu beschäftigen.

    Grüße von einer Frau.

  14. Meine Güte, der Artikel sollte doch nur witzig sein, was er durchaus ist. Diese bedeutungsschwangeren Kommentare von Leuten, die bitte die Nachrichten mit der gebotenen Ernsthaftigkeit und einer in Falten gelegten Stirn ansehen wollen widern mich an- darum geht es hier doch gar nicht. Muss man denn immer gleich alles so unfassbar bierenst nehmen???

  15. @cheeseball: Wenn man davon ausgeht, dass der Artikel nicht bierernst gemeint ist, also wirklich nur witzig sein soll, warum ist er es dann nicht? Oder bin ich dafür vielleicht nicht Fashion-Victim genug?

    Irgendeine Art von Zweck erfüllt doch ein Text fast immer. Vielleicht ist es das? Ist das hier ein Blog für Cyrus und Gaga und Co. und womöglich gar nicht für mich? Tut mir leid – ich versteh’s einfach nicht. *schulterzuck* Is aber nicht schlimm. Ich muss ja nicht alles verstehen.

  16. @cheeseball

    Das ist wohl Ihre Meinung. Ich persönlich finde den Artikel nicht besonders lustig und mir sagt man einen sarkastischen Humor nach. Aber Humor ist sowieso nicht messbar, sondern rein subjektiv.

    Dass „bedeutungsschwangere[n] Kommentare von Leuten, die bitte die Nachrichten mit der gebotenen Ernsthaftigkeit […] ansehen wollen“ Sie _anwidern_, zeugt von keinem besonders großen Geist. Was sie davon halten mögen, ist mir ja relativ egal und es ist Ihre Sache, aber anwidern ist eine einzige Respektlosigkeit und eine Beleidigung.

    Ihre Meinung widert mich nicht an und der Kommentar (bzw. „die Analyse“, wie es auf Bildblog heißt) von Frau Wiedemeier auch nicht, ich finde ihn nur nicht lustig, ich finde ihn sinnlos.
    Frau Wiedemeier wird das mit Sicherheit weniger „bierernst“ nehmen, wie Sie die Kommentare nun selbst nehmen (sonst würden Sie nicht derart dagegen polemisieren) und sich eigentlich nur selbst damit diskreditieren.

    Und von einem Link von Bildblog hätte ich deutlich mehr erwartet; es war weder die Bildblog-typische Sachlichkeit, noch deren medienkritischer Humor hier zu lesen; was nicht bedeutet, dass mich dieser Kommentar anwidert oder Frau Wiedemeier keine fähige Journalistin sei – das kann ich nicht beurteilen, denn mehr von ihr gelesen habe ich nicht, und an einem/einer einzigen Kommentar/Analyse mache ich sowas nicht fest -, ich finde ihn nur einfach enttäuschend.

  17. @alis: Lesen Sie ruhig mal andere Artikel hier quer. Ich hab’s getan und bin trotzdem nicht schlauer. 😉 Würde mich aber interessieren, was Sie davon sonst so halten. Ansonsten: full ack

  18. @Benzol

    Habe gerade ein paar Einträge aus August, Juni und Juli durch gelesen, nach dem Zufallsprinzip, und ich will sagen: Hm, ja, doch der erste Eindruck gibt sich auch auf den nächst folgenden (bzw. den zeitlich vorangegangenen) Seiten wider.

    Ich finde den Stil so um Witzigkeit bemüht, aber meines Erachtens nach kann man Humor nicht konstruieren.
    Ich weiß nicht, aber mir erschließt sich der Humor einfach nicht, wahrscheinlich weil einen erstmal so etwas interessieren müsste wie Mode, dass man darüber lachen könnte.
    Einen spitzen Sarkasmus kann ich da aber auch nicht unbedingt erkennen; da ziehe ich den alles in allem meist gut pointierten Humor von Herrn Holger Kreymeier (fernsehkritik.tv, falls Sie das noch nicht kennen sollten) diesem deutlich vor. Den finde ich lustig! 🙂

    Besonders eigen, charakteristisch oder originell finde ich das an sich jetzt hier alles auch nicht unbedingt, vielleicht hänge ich auch einfach nur die Maßstäbe zu hoch, aber wenn ich den Blog von Frau Wiedemeier mit dem Blog von Herrn Niggemeier vergleiche, dann tut sich da schon ein meines Erachtens himmelweiter Unterschied auf. Was Herr Niggemeier schreibt oder posted ist manchmal auch bewusst sinnlos (z.B. sein Flausch am Sonntag), aber trotzdem irgendwie witzig. Und die Supersymbolfotos von ihm finde ich auch interessanter als die von Frau Wiedemeier; vielleicht liegt es auch nur einfach an ihrer Art zu schreiben, die ich nicht besonders ansprechend finde (was ja bereits schon herausgekommen sein dürfte). Das ist natürlich rein subjektiv, aber ich erhebe auch keinen Anspruch auf die absolute Wahrheit.

    Wahrscheinlich liegt das aber auch alles daran, dass die Herren, mit denen ich Frau Wiedemeier verglichen habe, ein paar Ecken älter sind als sie und damit wahrscheinlich einfach mehr Erfahrung haben. Vielleicht ist das mit dem Blog hier ja wie mit gutem Wein, der am Anfang etwas lau schmeckt und über die Jahre dann an einer wunderbaren Qualität gewinnt – zu wünschen wäre es Frau Wiedemeier, missgönnen würde ich ihr das bestimmt nicht; warum auch? Tatsächlich ist es ja auch i.d.R. so, dass man erst über Jahre an starkem Profil gewinnt, je mehr Erfahrung man eben gemacht hat.

    Ist hier alles in allem aber nicht so ganz mein Fall, aber vielleicht hat Frau Wiedemeier auch mehr Potential, als dieser Blog mich jetzt momentan erahnen lässt. Vielleicht versucht sie sich auch nur in einer aufgesetzten Lustig-Rolle und ist eigentlich ein „Faktengenie“, das seinen verkopft-rationalistischen Ruf verlieren möchte. Das weiß ich ja nicht.
    Und daher: Wie gesagt – ist meine Meinung; nicht mehr und nicht weniger. 😉

  19. Was für ein Schwachsinn. Die gute Frau Autorin sollte sich vllt mal im Playboy ausziehen. Dort ist das Oberflächliche nämlich zumindest pragmatisch. Emanzipiert heißt geschlechtsunspezifisch tun und lassen zu können – im Rahmen des Gesetzes – was man möchte. Das hat die Frau Autorin wohl nicht ganz verstanden.

  20. @alis: Danke für die ausführliche Antwort und den Tipp. Sehe ich ähnlich. Trotzdem habe ich nahezu ein schlechtes Gewissen so zu empfinden.

    Ich glaube, es liegt am „Juliane Wiedermeier – Journalistin“. Das Rollen- und Berufsbild, dass da im Kopf bei dem Begriff „Journalistin“ sofort entsteht, hat meiner Meinung nach seitens der Leser einen anderen (höheren) Anspruch. Und „Juliane Wiedermeier“ impliziert, dass „Juliane Wiedermeier“ eine unverwechselbare Marke mit ausgeprägtem eigenen Profil ist, was (bis jetzt leider) noch nicht so ist (vgl. „Niggemeier“).

    Trotzdem: Dran bleiben!

  21. @BenZol
    Ich verkaufe ein R und verbessere: Der Name ist Wiedemeier. Wenn schon journalistische Maßstäbe an dieses Blog angelegt werden, dann doch auch hier. Aber das kann ja mal passieren.

  22. @Juliane: Oh, tut mir leid. Was bin ich schuldig? Hey, eigentlich sind doch nur Vokale käuflich! 😉

    Tja, Juliane, wat mach‘ wi‘ nu‘? Ich würd‘ sagen, ich komm einfach mal von Zeit zu Zeit hier vorbei und schaue mal, wie es sich so entwickelt. Im Gegenzug definierst Du Dich und Dein Schaffen etwas mehr. Deal?

  23. @BenZol
    Ich freue mich über alle, auch die kritischen Leser, die „mich und mein Schaffen“ so gerne in der Einheit Niggemeier messen -was für mich (Vorsicht, schlechter Wortwitz) als junge Journalistin und Bloggerin doch etwas vermessen ist, fürchte ich.

  24. Also den Mao-Zedong-Gedächtnisanzug und die HRE-Nadelstreifenweste gefallen mir persönlich sehr gut, bei den anderen Negativbeispielen muss ich dagegen zustimmen.

  25. so, nachdem die karawane nun also durchgezogen ist und sich hinreichend über sinn oder unsinn und über humor oder „unhumor“ dieses blogs ausgelassen hat, eine kleine unaufgeregte nachmeldung von mir.

    mir gefällt ihr blog, liebe juliane, ich wäre ohne den link im bildblog nicht darauf gestoßen. und wie sie sehen, schaue ich nun (nachdem sie gelesezeichnet wurden) auch später mal vorbei.

    um es mit einem fim-zitat zu sagen: sitzen machen! 😉

  26. Also ich habe gelacht. Ob nun jedes/r Blog ein journallistisches Enthüllungsmedium sein muss, wage ich mal zu bezweifeln. Die kleinen Dinge im Leben verdienen auch Aufmerksamkeit. Und in der Tat schoss mir der Gedanke „Kleidung der Sprechering“ unlängst auch durch den Kopf.

  27. unglaublich, aber wahr.
    zufällig bin ich gerade auf diese seite gestossen.
    und siehe da…..
    in der aktuellen ausgabe (9.1.13) des heute journals trägt marietta das gleiche outfit wie auf dem foto oben

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