Artikel

Yalcindags Revier

(taz vom 4. September 2010)

Der schwere Geländewagen schwankt bedenklich, während er über das Feld rumpelt. Dazu kommt das laute Geratter, wenn der abgemähte Raps gegen den Unterboden knallt. Doch die beiden Adligen im Kofferraum bleiben gelassen – Graf von der Wartelshöhe und Utz von der Ebershöhe sind eben ausgesprochen gut erzogen. „Der Hund ist ein Spiegel des Jägers“, erklärt Erdem Yalcindag. Disziplinlosigkeit kann man Berlins erstem türkischen Jäger demnach nicht vorwerfen.

Wie an fast jedem Abend ist Yalcindag auf dem Weg zur Jagd. Seit Mai dieses Jahres hat er zwischen Waßmannsdorf und Großziethen, unweit des Flughafens Schönefeld, sein eigenes Revier. Tagsüber verkauft er an der Neuköllner Sonnenallee Döner in seinem Bistro, wie er es nennt. Abends fährt er mit den Hunden raus. „Meine Frau ist ein bisschen böse deswegen“, sagt der 56-Jährige. „Aber ich brauche meine Ruhe. Handy aus, allein mit den Hundis sein, das mag ich.“

Aufgewachsen ist Yalcindag im westtürkischen Emet. Schon als Elfjähriger begann er dort mit dem Jagen. „Man beantwortet ein paar Fragen, schon hat man den Jagdschein“, erklärt er. In Deutschland werde der jedoch nicht anerkannt.

Im Jahr 1982 kam er nach Berlin, eröffnete seinen Imbiss, bekam zwei Söhne. Ausgelastet fühlte Yalcindag sich nicht. So wurde er Amateurfunker, machte Kampfsport und einen Tauchschein, und vor sechs Jahren dann auch endlich den deutschen Jagdschein. Einen dreiwöchigen Intensivkurs hat er dafür besucht, als einziger Nicht-Deutscher. „Hunderassen, Baumsorten, Waidmannssprache – man muss alles lernen, und die Prüfung war hart“, sagt er.

Mit einem Begehungsschein war er seither in den Revieren befreundeter Jäger unterwegs, bis er im Frühjahr nach langem Warten sein eigenes bekam: 700 Hektar groß, mit Feldern, ein bisschen Wald und viel Gestrüpp. „Links bis zur Baumreihe ist alles meins. Rechts bis zur Straße am Horizont“, sagt er, und es klingt, als sei er nicht Jäger, sondern Besitzer des Gebietes.

„Hier leben Wildschweine, Enten, Rehe und Fasane“, erläutert Erdem Yalcindag. Da diesen Tieren ihre natürlichen Feinde abhanden gekommen seien, müssten sie regelmäßig gejagt werden. Es gelte, die jeweiligen Populationen im Gleichgewicht zu halten, um das Ökosystem Wald nicht zu gefährden. „Ich bin noch neu hier und muss mir erst einmal einen Überblick über den Bestand verschaffen. Aber im Moment ist hier alles in Ordnung, denke ich.“

Hinter dem Fahrersitz liegt das Gewehr bereit. Vor ihm schaukelt eine Stoffhenne auf dem Armaturenbrett, die laut zu gackern beginnt, wenn Yalcindag ihr auf den Bauch drückt. „Ein bisschen Spaß muss man machen“, meint er. Im Fußraum liegt ein Perserteppich, im Radio läuft Popmusik. Er summt, pfeift und singt mit und klopft dazu im Takt aufs Lenkrad.

Als hinter einem Busch ein umgekippter Hochsitz auftaucht, bremst Yalcindag und steigt aus. Zur grünen Uniform und der Hundepfeife, die um seinen Hals baumelt, setzt er sich jetzt noch einen dunkelgrünen Hut auf den Kopf, bevor es an den Tatort geht. „Die Kanzel habe ich mit ein paar Freunden ganz neu gebaut“, erzählt er. Vor drei Wochen hätten Unbekannte sie umgeworfen. „Immer wieder habe ich solchen Ärger. Wer macht denn so was?“

Regelmäßig müsse er umgetretene Hinweisschilder und zerstörte Zäune erneuern. Auch eine Leiter wurde ihm unlängst geklaut. „Mir haben auch schon mal zwei Jugendliche die Luft aus den Reifen gelassen, während ich auf dem Hochsitz war.“ Was steckt dahinter? Sinnfreie Aggression, Hass auf Jäger im Allgemeinen, vielleicht Fremdenfeindlichkeit? Er weiß es nicht. Fest steht für ihn nur: „Angst? Hab ich nicht.“

Es geht weiter. Durch das geöffnete Autofenster pflückt Yalcindag Mirabellen vom Baum. Noch sind sie sauer, aber gerade dann seien sie nützlich, erklärt er. „Du musst sie unter die Zunge legen, das hilft gegen Durst.“ Auch solche Dinge lernt man, wenn man viel in der Natur unterwegs ist.

Yalcindag spricht fließend Deutsch, wenn auch manchmal mit holpriger Grammatik. Völlig sicher ist er jedoch, sobald es um Niederwild, Raubwild oder Härtenachweisprüfungen geht. Ganz selbstverständlich bezeichnet er ein Tier als verletzt, wenn er angeschossen meint, und die vier markanten Eckzähne der Wildschweine heißen für ihn natürlich „Waffen“.

Gegen neun ist die Besichtigung des Reviers beendet. Nun kann es losgehen mit dem Ansitzen – so nennen Jäger das Jagen von einem Hochsitz aus. Versteckt unter dem Laub einer Eiche sitzt Yalcindag auf einer nach allen Seiten hin offenen Konstruktion, die wie ein überdimensionaler Kinderstuhl aussieht. Das Gewehr hat er quer über die Latten gelegt, die seinen Sitz begrenzen.

Es zirpt im Gras, eine Schnellstraße rauscht, hinter den Baumwipfeln geht kitschig die Sonne unter. Ein Rehbock nähert sich, für den ist gerade Jagdsaison. Doch Yalcindag macht keine Anstalten zu schießen. „Meine Gefriertruhe ist voll“, sagt er, halb im Scherz. Das Wild isst er selbst oder verkauft es – großartig Geld verdienen könne man damit aber nicht. Für ein Reh gebe es, je nach Marktlage, 200 bis 300 Euro. Aber er habe auch seit Mai neben ein paar Hasen und Rebhühnern erst zwei Rehe und sechs Wildschweine erlegt. „Man muss nicht immer schießen. Zum Jägersein gehört auch das Beobachten.“

Dann erzählt der Jäger flüsternd von seinen zwei Hunden, die normalerweise jetzt unter dem Hochsitz lägen, aber heute ausnahmsweise im Auto bleiben mussten. „Jäger, Fotografin, Reporterin und dann noch zwei Hunde – dann würden wir heute garantiert keinen Schwanz sehen“, sagt Yalcindag.

Graf von der Wartelshöhe ist ein graubrauner Weimaraner, Utz von der Ebershöhe ein englischer Pointer mit schwarzen Flecken auf dem weißen Fell. „Ich habe sie selbst ausgebildet und zur Meisterprüfung geführt“, erzählt er. Da er meist allein mit ihnen im Wald sei, müsse er sich auf sie verlassen können. Schließlich gehöre zu ihren Aufgaben, angeschossenes Wild aufzustöbern, das häufig angriffslustig sei. „Jagdhunde dürfen keinen Blödsinn machen.“

Ein Bussard kreist über dem Feld. Die Frage, ob er auch solche Tiere schieße, findet Yalcindag unpassend. „Natürlich nicht, die stehen unter Artenschutz. Dann heißt es noch, der Türke hat nen Bussard geschossen.“ Endlich ist da die Vorlage, sich zu erkundigen, ob seine Nationalität denn in der Welt der Jäger ein Thema sei. „Nein“, lautet seine spontane Reaktion, doch dann zögert er. „Wir Jäger verstehen uns, unsere Ansichten sind gleich – völlig egal ob Türke, Deutscher oder Amerikaner“, meint er schließlich. Natürlich sei er als einziger Türke unter seinen deutschen Kollegen zunächst aufgefallen, aber schnell habe sich herausgestellt, dass es mit dem Interesse an der Jagd und der Natur viel Gemeinsamkeiten gebe. „Jagen funktioniert überall auf der Welt ziemlich gleich, da ist es nicht so wichtig, woher jemand kommt.“

Es wird immer dunkler, aus dem Rosa der untergehenden Sonne ist ein graues Orange geworden. Im Dämmerlicht ist kaum noch etwas zu erkennen, doch Yalcindag sieht weiter unbeirrbar durch sein Fernglas. So wie manche aufs Meer blicken, um Ruhe zu finden, starrt er auf die Stoppelfelder. „Jagen ist mein Leben“, sagt er. Dabei könne er träumen. Schießen käme erst als zweites. „Aber natürlich gehört es dazu.“

Als man die Hand vor den Augen fast nicht mehr erkennt, hat auch Yalcindag genug gesehen für heute. Er verstaut die Flinte im Auto, legt den Hut aufs Armaturenbrett und dreht das Radio auf. Robbie Williams singt „Angels“, während der Geländewagen über die Felder zurück auf die Dorfstraße rumpelt. Heute hat Erdem Yalcindag nichts geschossen. Gestorben sind nur ein paar Mücken, die er mit der bloßen Hand an der Windschutzscheibe zerdrückt hat.