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Ein neues Elektropolis?

(zitty vom 9. September 2010)

Wenn Schulklassen die Stahlseilfabrik in Alt-Reinickendorf besuchen, machen die Kinder meistens enttäuschte Gesichter. Irgendwie haben sie sich so eine Fabrik, in der futuristische Klettergerüste für ihre Spielplätze hergestellt werden, wohl etwas spannender vorgestellt. Aber die Arbeiter tragen weder bunte Zipfelmützen noch lustige Clownsnasen, und die Maschinen sind auch nicht aus Schokolade und Mäusespeck. Die bunten Geräte, die auf Schulhöfen und Spielplätzen von New York bis Singapur stehen, werden von Männern in blauen Latzhosen in schlichten Fabrikhallen gefertigt. Wie langweilig.

Langweilig, aber erfolgreich. Die Fabrik in Alt-Reinickendorf gibt es schon seit 1865. Einst wurden dort dicke Stahlseile für Aufzüge hergestellt, dann stellte man die Produktion um. „Wir waren die ersten, die sich Anfang der 1970er Jahre an dem Bau dreidimensionaler Klettergerüste versucht haben“, sagt Jens Zumblick, der kaufmännische Leiter. „Mittlerweile sind wir Weltmarktführer.“

Eigentlich ist die Erfolgsstory dieser Stahlseilfabrik untypisch für Berlin: ein industrieller Betrieb, noch dazu international erfolgreich. Die Stadt gilt heute als kreative Dienstleistungsmetropole und als nahezu deindustrialisiert. Das will Wirtschaftssenator Harald Wolf nun ändern. Gemeinsam mit 14 weiteren Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften gründete er ein Netzwerk, das mit einem  „Masterplan Industriestadt Berlin 2010 – 2020“ weitere Industrieunternehmen an den Standort Berlin locken will. Schließlich verdankt die Stadt der Industrialisierung ihren Aufstieg zur Metropole. Hier baute August Borsing seine Lokomotiven, durch die Firmenansiedlungen von Siemens und AEG bekam Berlin einst den Beinamen „Elektropolis“ verpasst. Doch das ist lange her.

Die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs und die industrielle Demontage durch die Besatzungsmächte setzten dem florierenden Industrieboom ein drastisches Ende. Nur 25 Prozent der Maschinen für die industrielle Fertigung überstanden Krieg- und Nachkriegszeit. Mit dem Mauerbau schließlich setzten sich die Konzernzentralen der großen Firmen Richtung Westdeutschland ab. Ost-Berlin wurde derweil zu einer Verwaltungshochburg. Die Industrie verlagerte sich ins Umland, die zurückgebliebenen Betriebe verharrten mit veralteter Technik.

Um den Industrie-Standort nun wieder aufleben zu lassen, hat das Netzwerk vier Kernprobleme samt Lösungsvorschlägen herausgearbeitet. Erstens sind einheitliche Ansprechpartner für Unternehmen geplant, die sich in der Stadt ansiedeln und Wirtschaftsförderung nutzen wollen. Bislang musste man sich umständlich durch die Behörden von Land und Bezirk telefonieren. Zweitens sollen Unternehmen in Zukunft direkt von den vielen Forschungsergebnissen, die in Berlin erzielt werden, profitieren. Wer seine Forschungsergebnisse nicht einer anderen Firma verkaufen will, dem wird geholfen, eine eigne zu gründen.

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, soll drittens der Kontakt zwischen Unternehmern und Absolventen intensiviert werden. Bislang kommen junge Menschen zum Studieren nach Berlin und ziehen, gut ausgebildet, zum Arbeiten nach Westdeutschland. Viertens schließlich geht es darum, Berlins Image als arme Kreativhauptstadt aufzupolieren. Die dazugehörige Werbekampagne läuft gerade an.

Als Standortvorteile hat das Netzwerk neben zahlreichen wissenschaftlichen Einrichtungen außerdem die gute Infrastruktur sowie die viele Freiflächen erkannt. „Es ist unsere zentrale Aufgabe, die Standortbedingungen optimal zu gestalten und offensiv zu vermarkten“, so Wirtschafssenator Wolf. Beispielhaft dafür soll die Umwandlung des Flughafens Tegel zu einem Industriepark voraussichtlich ab 2012 sein.

Bereits heute gibt es Beispiele dafür, dass Berlin und Industrie durchaus zusammenpassen. So ist Siemens ist mit 12.500 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber der Stadt. Auch BMW lässt seit 40 Jahren in seinem Werk in Spandau von 2.000 Mitarbeitern alle seine Motorräder bauen. Zudem gibt es neben diesen großen Firmen fast 400 klein- und mittelständische Industriebetriebe, die wie die Seilfabrik in Alt-Reinickendorf nahezu unbekannt sind, aber erfolgreich arbeiten. Der Berliner Senat möchte daraus gerne ein Erfolgsrezept machen: Statt einiger großer Unternehmen wie im 19. Jahrhundert sollen viele kleine für Wirtschaftswachstum sorgen.

Dass dieses Konzept aufgehen könnte, kann man im Wissenschafts- und Technologiepark in Berlin-Adlershof sehen, der heute als Vorzeigeprojekt der Stadt gilt. Auf 4,2 Quadratkilometern finden sich dort über 800 Firmen, darunter 50 Weltmarktführer – meist in Bereichen, von deren Existenz man bislang nicht einmal etwas geahnt hat. Produziert werden etwa Zentrifugen, mit denen man die Haltbarkeit flüssigen Make-ups testen kann, oder akustische Kameras, die Lärm bildlich darstellen. Mit dreckigen Fabrikhallen, rauchenden Schloten und Massenproduktion am Fließband hat die Fertigung in Adlershof jedoch nichts mehr gemeinsam. Diese Art der Produktion ist längst nach China ausgelagert.

Zwanzig Jahre und 1,7 Milliarden Euro an Investitionen hat Adlershof gebraucht, um erfolgreich zu werden. Mittlerweile tragen die Firmen aus dem Park eine Milliarde Euro zum Berliner Bruttoinlandsprodukt bei, das im vergangenen Jahr bei 90 Milliarden Euro lag. „Wichtig war, dass man uns Zeit gegeben und uns aus dem Schussfeld der Legislaturperioden herausgehalten hat“, sagt Peter Strunk, Sprecher der Betreibergesellschaft des Parks, der Wista Management GmbH. Einen ähnlichen Durchhaltewillen wird auch das Netzwerk Industriepolitik für die Umwandlung des Flughafens Tegel brauchen.

Ob das Erfolgsrezept von Adlershof auch an anderen Standorten funktioniert, wird sich zeigen. Mehrere Studien bescheinigen Berlin grundsätzlich Wachstumspotential. Eine davon stammt von der Unternehmensberatung McKinsey, die die Stadt als Zentrum für Elektromobilität sieht. Eine weitere wurde vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erstellt, in der die Medizin- und Verkehrssystemtechnik als mögliche Wachstumspole genannt werden. „Wichtig ist, dass die Politik konkrete Kompetenzfelder fördert und nicht nach dem Gießkannenprinzip vorgeht“, warnt Kurt Geppert, einer der Autoren der DIW-Studie. „Ein Ballungsraum wie Berlin ist aber heutzutage längst kein Ort für mehr für Massenproduktion“, fügt er hinzu. „Dienstleistungen werden der wirtschaftliche Schwerpunkt bleiben.“