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Bite the hand that feeds you

Ich habe mal wieder Post vom DJV bekommen – der Gewerkschaft, bei der wirklich jeder Mitglied werden sollte, weil es so lustig ist. Nehmen wir nur mal die Mail, die mich heute erreichte: Da laden DJV und JVBB gemeinsam ein zu einer Reise nach Brüssel. Was an sich schon einmal eine gute Sache ist, weil sich diese beiden Verbände ja sonst nur begrenzt grün sind. Und noch besser wird dadurch, dass man zwar die Anreise allein bezahlen muss, nicht aber das Essen, und auch nicht die Unterkunft. So gehört es sich schließlich bei guten Einladungen, außer natürlich für die Gäste, die Bettina Schausten heißen, aber das trifft auf die überwiegende Mehrheit der Journalisten ja nicht zu.

Zwei Nächte im Hotel, inklusive Frühstück, Transfers und ein lekker Mittagessen werden also bezahlt, und zwar, man ahnt es schon, nicht von einem der Verbände, die brauchen ihr Geld schließlich für wichtigere Dinge, sondern, das wird netter Weise immerhin dazugesagt: Von der EU-Kommission. Was sicherlich hervorragend mit dem Ziel der Reise einhergeht, „Sprechern oder Vertretern der Kommissare auf den Zahn (zu) fühlen“.

So hatte ich mir diesen unabhängigen Journalismus doch immer vorgestellt.

Nun ist es ja nicht so, als ob ich noch nie von diesen Journalistenreisen gehört hätte, und auch die Probleme, die den Auto- und Reisekollegen so anhängen, sind mir bekannt. Dennoch glimmt still irgendwo tief in mir die Hoffnung, dass die Menschen, die zum Beispiel über Bundespolitik schreiben, nicht auf Kosten des Steuerzahlers in der Bundesschlange residieren oder sich von FDP-Politikern Rabatte bei befreundeten Hoteliers zuschustern lassen müssen. Und bei Reisenden zur EU-Kommission sollte es doch nicht anders sein.

Womit wir zurückkommen zu dem Verband, der derartige Gedanken offensichtlich nicht kennt, sondern seine Reise unter dem schwärmerischen Titel „Brüssel unter drei: die EU-Kommission lädt ein“ anpreist. Was wirklich hervorragend zu seinen selbsternannten Aufgaben passt – ich schlage mal eben nach – sich einzusetzen für die „Sicherheit und Unabhängigkeit der Berufsausübung der Journalistinnen und Journalisten im Sinne ihrer öffentlichen Aufgabe und Verantwortung“. Und, noch besser, sich verpflichtet, „das Ansehen des Berufs zu wahren und zu fördern.“

Lieber DJV. Ich kann leider nicht mit Dir nach Brüssel fahren, weil ich zeitgleich auf Einladung von Wladimir Putin neue Gasvorkommen in Russland entdecke. Aber ich hoffe sehr, dass Du bald wieder solch kostengünstige Angebote für uns geplagtes Journalistenpack organisierst. Ich hätte da schon einige Vorschläge:

  • „Fahrvergnügen nonstop: VW lädt ein zu einer lebenslangen Probefahrt“
  • „Das verborgene Paradies – Kim Jong Un lädt in die schönsten Ecken Nord-Koreas“
  • „Strahlende Aussichten – RWE lädt zu einer Rundreise in Deutschlands schönste Atomkraftwerke. Übernahme der nächsten 200 Stomrechnungen inklusive“

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  1. Und was denken Sie, werte Kollegin, wie sonst Pressereisen so organisiert sind und aussehen bzw. die Reisen für den so genannten Reisejournalismus? Und wie diese ganzen Beilagen immer in das Printorgan des DJV, den „journalist“, kommen?
    Übrigens gab es von genanntem Stromkonzern wirklich mal so einen Vorstoß… Aber wenn ich das hier ausführe, ist das mit Sicherheit justiziabel und heißt dann „Diese Art von Einflussnahme haben wir nie versucht!“. Ganz zu schweigen von Lokalpolitikern. 😉

  2. Ich empfehle Ihnen einen Job als Redakteur bei einem Fachmagazin, Business to Business wie der Deutsch-Anglophile so schön sagt. Da besteht das Leben nur aus Einladungen, wenn Firma xy ein neues Produkt hat und die Fachkollegen ankarrt. Und meistens übernehmen die Firmen alle Kosten. Und dann die Hand beißen, die dich füttert? Sind doch alles wichtige Anzeigenkunden. Bei einer verkauften Auflage von 10 Prozent ist die Antwort eindeutig….

  3. Ich sehe die EU und bezahlte Pressereisen (v.a. Reise- und Autojournalismus) auch skeptisch – manchmal lohnt aber der Blick auf die Details, bevor man etwas pauschal aburteilt. Ich war selbst schon auf Einladung der EU-Kommission bei einer Pressereise in Brüssel und kann die Aufregung nicht ganz teilen. Was wurde mir gezeigt: Das Mediencenter, der Raum der Pressekonferenzen, das Balaymont-Gebäude (von außen). Es wurde Treffen mit EU-Befürwortern (Vertreter der einzelnen Ressorts, Hinterbänkler aus dem Parlament, Vertreter der deutschen Delegation) und mit eher EU-kritischen Journalisten (ARD Studio Brüssel) vereinbart. Natürlich gab es auch etwas Pathos und viel Jubel auf die Arbeit der Kommission. Es blieb aber immer Zeit für kritische Fragen. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass es der EU gar nicht darum ging besonders positiv darzustehen, sondern einfach nur ernstgenommen zu werden.

  4. Kleiner Nachtrag bevor die Trolle mit Steinen schmeißen: Ja, ich bin im DJV. Diese Reisereisen werden aber nicht nur dem DJV sondern auch direkt den Redaktionen angeboten.

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  6. In einer der letzten Ausgaben seines Mitgliedermagazins hatte der DJV bereits die Besichtigung eines Hähnchenmaststalls angeboten, organisiert von einem Geflügelzüchterverband. Da konnten sich die teilnehmenden „Journalisten“ sicher ein besonders authentisches Bild machen.

  7. Ich habe mal irgendwann mit elf oder zwölf Jahren meine Mama gefragt: „Mama, wenn Politiker bestochen werden, was hindert die eigentlich dran, das Geld zu nehmen und trotzdem zu machen was sie wollen?“
    Darauf meine Mutter, sehr schockiert: „Aber das geht doch nicht!“ Sprich: Wenn man sich in Korruption verwickeln lässt, zieht man das gefälligst durch.

    Diese verdammte Ehre…

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