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Karl Marx, übernehmen Sie!

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Wir müssen noch mal über diesen Lokaljournalismus sprechen.

Das ist, wir erinnern uns, diese lustige Institution, über die immer alle lachen, weil sie es zu ihrer Aufgabe gemacht hat, die Verteilung größerer Fleischmengen an mehr oder weniger erfolgreiche Schützen zu dokumentieren, den Bürgermeister zu loben und die Fläche dazwischen mit freigestellten wie fragwürdigen Motiven zu füllen.

Na gut, habe ich immer gedacht. Mit gefällt das so nicht, versuche ich es halt anders zu machen. Aber, Knallermeldung: Ich bin mit dieser Einschätzung gar nicht alleine. Nicht mal die Leute, die diese Lokalzeitungen machen, finden diese Art Lokaljournalismus gut. Diesen Eindruck vermittelten sie mir zumindest in diversen Gesprächen, die ich in letzter Zeit mit Lokaljournalisten führen durfte.

Was den Machern an ihren eigenen Zeitungen am wenigsten gefällt? Die belanglosen Themen. Die unkritische Haltung. Die schlecht recherchierten Stücke, in denen oft die simpelsten Informationen fehlen. Und der unzeitgemäße Umgang mit manchen Themen.

(Hat hier jemand Entfremdung gesagt?)

Was man sich darunter konkret vorzustellen hat, dokumentiert seit einziger Zeit ja dankenswerter Weise dieser Tumblr. Alternativ möchte ich dieses Symbolbild zur Verfügung stellen, das den Aufmacher der Wochenendbeilage der Thüringer Allgemeinen aus dem vergangenen August zeigt.

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 Ich nehme an, das Problem wird so deutlich.

Doch warum erstellen nun Journalisten Produkte, die sie offenbar selbst schrecklich finden? Zwei einfache Gründe: Sie haben keine Zeit, aber Angst.

Denn in deutschen Lokalredaktionen ist es offenbar mittlerweile üblich, dass ein Redakteur eine ganze Seite verantwortet, und zwar allein. Und ja, diese Zeitungen erscheinen täglich und nein, eine Armada an freien Autoren steht in den seltensten Fällen zur Verfügung, um Texte zuzuliefern. Das übernehmen dafür Pressestellen und die Vereinsmitglieder, die in der Grundschule meist die passabelsten Reizwortgeschichten abgeliefert haben.

Wer wollte es den Kollegen da vorwerfen, dass die sechs Texte, die sie pro Tag auf ihre Seite über eine 3.000-Seelen-Gemeinde kloppen, nicht immer top-recherchiert, unabhängig und super-relevant sind?

Der Grund für dieses schlechte Seiten-Redakteurs-Verhältnis liegt natürlich im nimmermüden Sparwillen der Verlage. Die sich dann wundern, dass ihre Sparflammen-Blätter keine Leser mehr finden und die Schuld beim Internet suchen. Denn wenn der Bauer nicht schwimmen kann, ist die Badehose… aber lassen wir das. Die Sache mit der Angst ist ja noch offen.

Denn ja – und das finde ich fast noch beunruhigender: die Redakteure haben Angst vor ihrem Chef. (Ganz recht, das haben sie mir gegenüber so offen formuliert). Schließlich könnte der sie ja entlassen, wenn sie mal vorsichtig Kritik an seiner neuesten Aufmacheridee äußern, und wer einmal entlassen ist, der bekommt im Journalismus derzeit kein Bein mehr an den Boden. So die wohl nicht ganz unberechtigte Sorge der Kollegen.

Die Frage, was das für Chefs sind, die sich offenbar gerne mit einer Aura des Schreckens umgeben und nichts von einer offenen Diskussionskultur zur Verbesserung der eigenen Arbeit halten, lasse ich mal offen. Was soll ich dazu auch sagen? Ich habe als Freiberuflerin keine Ahnung von Chefs.

Geradezu schlimm finde ich aber, dass sie damit offenbar ihren Mitarbeitern das Rückgrat und den Mut zum Widerspruch brechen (und die das mal so hinnehmen). Dabei kann man beides ziemlich gut gebrauchen, so als Journalist im Interview mit dem lokalen Wirtschaftsboss, nur zum Beispiel.

Womit wir zusammenfassen können: Lokaljournalismus ist nur so schlimm, weil die Kollegen unterbezahlt, überarbeitet und rückenleidend sind. Zumindest erklären sie es sich selbst so. Und Stromberg hat uns tatsächlich ein realistisches Bild von Chefs vermittelt.

Das Lokale selbst kann – ich wiederhole mich –  nichts dafür.

(Noch mehr Lokaljournalismus-Meinungen gibt es dann übrigens Dienstag ab 12.30 Uhr auf der Re:publica. Nur falls sich jemand fragt, wie ich jetzt so plötzlich auf all das komme.)

6 Kommentare

  1. „Denn in deutschen Lokalredaktionen ist es offenbar mittlerweile üblich, dass ein Redakteur eine ganze Seite verantwortet, und zwar allein.“ Ich wundere mich manchmal, über was sich manche so wundern… Wieso „mittlerweile“? Ich arbeite seit Ende der 90er im Lokaljournalismus und es war noch nie anders. Im Gegenteil. Im Wochenenddienst bin ich alleine für VIER Seiten zuständig – das ist Alltag.

  2. Unterbezahlte Redakteure? Da würden sich aber Massen von Menschen in M-V wundern, die gerade ein Drittel und weniger dessen verdienen, was Redakteure an Tageszeitungen erhalten, ganz abgesehen von deren Urlaubs-, Weihnachtsgeld, 66-prozentigem Zuschuss des Verlages zur privaten Altersvorsorge (Journalistenversorgungswerk), von Sonntagszuschlägen, Journalistenrabatten und ähnlichem Luxus. Würden diese Massen von Leuten auch noch lesen, was da so gedruckt wird, kämen sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Doch können sie sich zum Glück keine Zeitung leisten. Es bleibt ihnen dadurch viel vergeudete Lebenszeit erspart.

    Wäre ich Lokalzeitungsabonnent, hätte ich kein Verständnis für Gejammer um zu wenig Zeit, hinauswerfende Chefs usw. Schließlich werden die Blätter verkauft und nicht verschenkt. Ich würde solch ein Wurst-/Käseblatt abbestellen, ein für alle Mal.

    Übrigens könnten sich auch Redakteure in Lokalredaktionen wehren. Können sie es nicht, gibt es den Ausweg, die Redaktionen zu verlassen. Ich habe nach zehn Jahren den Lokaljournalismus beendet. Aber da ist ja noch die Unterbezahlung, die andere Redakteure auf ihren Posten hält und zu Duckmäusern macht.

  3. Diese Thesen würde ich diskutieren wollen, das glaub ich alles irgendwie nicht so richtig. Wo heute um 12.30 Uhr?

  4. Als Gegenbeispiel für Bräsigkeit, Belanglosigkeit und unkritische Haltung ausgerechnet die kreuzbiederen Prenzlauerberg Nachrichten zu verlinken ist der Ironie fast schon zu viel. Aber als Gag funktioniert’s. 🙂

  5. Pingback: Lesehinweis: Lokaljournalisten “haben keine Zeit, aber Angst” | Flurfunk Dresden

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